WRC 4 im Test: Und jährlich grüßt das Lizenz-Update

Test Thomas Pfnür

Eine umfangreiche Lizenz, viele Strecken und schön anzusehende Fahrzeugmodelle - eigentlich die perfekte Basis um ein gutes Rallyespiel zu entwickeln. Doch Milestone bietet uns stattdessen einen schon fast dreisten Aufguss des Vorgängers, ohne wirkliche Neuerungen und ohne besonderen Spielspaß.

Arcarde-Simulation

Grundsätzlich kann sich WRC 4 nicht so richtig entscheiden, ob es jetzt eine Simulation oder doch eher ein Arcarderacer sein will. Zum einen gibt sich die Steuerung sehr direkt, gibt euch somit wirklich realistisch anmutendes Feedback, was der Wagen bzw. die Streckenführung von euch will, zum anderen fühlt man aber kaum Unterschiede, ob man nun auf Asphalt, Sand oder Schnee unterwegs ist. Einerseits gibt es ein optisch sehr ansehnliches Schadensmodell, welches praktisch jeden Bereich der Fahrzeuge abdeckt, andererseits hat selbiges kaum bzw. eher unrealistische Auswirkungen auf die Fahrphysik. In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, dass ihr im Servicebereich übrigens die Möglichkeit habt, euren Boliden innerhalb einer Zeitvorgabe zu reparieren. Überschreitet ihr dieses Limit dann hagelt es Strafen. Mag zwar aufgrund der mangelnden Auswirkungen etwas sinnlos erscheinen, uns gefällt dieser Simulationsansatz aber dann doch irgendwie.

WRC 4 im Test (3) Quelle: BigBen Interactive WRC 4 im Test (3) Auf jeden Fall zieht sich besagtes Wenn und Aber durch das gesamte Gameplay. Es werden unterschiedliche Tageszeiten, wie etwa die Abenddämmerung, angeboten, welche an euch auch entsprechend unterschiedliche Anforderungen stellen, im Gegenzug fehlt es aber dann komplett an der Möglichkeit etwa ein Fahrtlicht einzuschalten, was wegen dann teilweise zu dunkler Abschnitten wiederum zu spielerischen Unzulänglichkeiten führt. Gleiches Spiel bei den ab- bzw. zuschaltbare Fahrhilfen. Ein gerade für Neulinge interessanter Bremsassistent kann aus- oder abgewählt werden, die automatische Rücksetzung allerdings nicht. Gerade bei der Rücksetzung ist das aber besonders ärgerlich, weil selbige teilweise richtig sinnfrei und vor allem kaum nachvollziehbar ins Rennen eingreift. Mal wird man zurückgesetzt, weil man eine Kurve etwas zu stark geschnitten hat, mal interessiert das den Sourcecode überhaupt nicht. Mal findet man sich nach kurzer Abblende auf der Strecke wieder, weil man die Piste eine halbe Wagenbreite verlassen hat, mal kann man ohne CPU-Eingriff komplett abseits des Weges durchs Gehölz pflügen. Das Programm kann oder will sich einfach nicht entscheiden und das nervt gewaltig.

Und weil wir gerade beim Genervt sein sind. Manche Streckenbegrenzungen sind zerstörbar, manche nicht. Soweit noch kein Beinbruch. Verwundert wird sich der geneigte Spieler dann nur die Augen reiben, wenn er sein Fahrzeug an einem dünnen Weidezaun zu Schrott fährt, nur weil sich selbiger wie eine Betonmauer verhält. Unerwartet, unlogisch und schlicht nicht mehr zeitgemäß kann da nur das Fazit lauten.

WRC 4 im Test (2) Quelle: BigBen Interactive WRC 4 im Test (2) Kommen wir zur KI. Eine künstliche Intelligenz im herkömmlichen Sinn gibt es nicht, schon allein deshalb, weil man sich in WRC 4 keine direkten Duelle Fahrzeug gegen Fahrzeug liefert. Rallyetypisch geht es nur um den Zeitvergleich der Einzelfahrten. Je nach eingestelltem Schwierigkeitsgrad werden selbige dann für die CPU-gesteuerten Gegner berechnet, leider aber nicht wirklich simuliert werden. Richtig gelesen: Die Zeiten werden statisch berechnet und eben nicht dynamisch simuliert. Auch das hätte man 2013 irgendwie anders erwartet.

Genug kritisiert? Nein, leider nicht, denn die schlimmste Kritik kommt noch: Das Gameplay unterscheidet sich praktisch kaum vom Vorgänger. Die gerade geschilderten Unzulänglichkeiten sind so teilweise bereits in WRC 3 aufgetreten, haben dort schon genervt und hätten in den letzten 12 Monaten zumindest ansatzweise verbessert werden können. Wurden sie aber nicht, stattdessen bietet uns Publisher Bigben und Entwickler Milestone einfach das Altbekannte unter neuem Namen an.

WRC-Lizenz ohne Originalstrecken

WRC 4 im Test (5) Quelle: BigBen Interactive WRC 4 im Test (5) Dafür schöpft WRC 4 zumindest bezüglich der Lizenz aus dem Vollen. Alle Teams, alle Fahrer und alle Eventnamen aus den Klassen WRC Junior, WRC 3, WRC 2 und WRC sind komplett und originalgetreu enthalten. In Zahlen heißt das: 65 Fahrer, 55 Teams, 16 Fahrzeuge, 13 Rallyeorte und 78 Rennetappen wurden auf die finale DVD gepresst. Durchaus beeindruckend. Ein Wehrmutstropfen bleibt aber: Die integrierten Strecken sind nicht Original, sondern entstammen mit ein paar Anleihen gewisser realistischer Gegebenheiten der Fantasy der Entwickler. Kein Wehrmutstropfen, sondern eine glatte Frechheit ist, dass sämtliche Pisten bereits aus dem Vorgänger bekannt sind. Ein paar kleiner Umstellungen und ein paar wenige optische Details mehr, der Rest ist einfach aus WRC 3 kopiert. Ganz toll. Die Frage sei erlaubt, was denn die Entwickler das letzte Jahr, außer "copy and paste", überhaupt gemacht haben.

Ok, sie haben den Karrieremodus etwas entstaubt. Nach Auswahl eines mehr oder weniger vorgegeben Charakters müsst ihr euch nun die ersten Sporen bei Jokerrennen innerhalb der WRC Junior verdienen. Abhängig von der abgelieferten Leistung gibt es dann wieder die bekannten Rufpunkte, welche wiederum darüber bestimmen, ob ihr einen festen Fahrerplatz innerhalb eines Teams bekommt. Ein Titel in den unteren Klassen kann euch dann in die WRC bringen, um schlussendlich irgendwann um den Weltmeistertitel mitzufahren. Es ist schon richtig, dass die Karriere sich auch im Menü nun etwas frischer gibt und auch die Ladepausen durch diverse Interviews der direkten Konkurrenten mehr "Leben" ins Rennfahrerdasein bringen, grundsätzlich bleibt es aber auch dabei, dass euch kaum mehr als der typische 08/15 Baukastenmodus geboten wird. Besonderes sucht man darin weiterhin vergebens und Spielspaß findet man auch kaum.

Und sonst? Der Rallye-Modus mit Einzelrennen oder Meisterschaft und der praktisch unveränderte Off- und Online-Multiplayer sind so bereits aus den diversen Vorgängern bekannt und dürften wohl selbst bei absoluten Neulingen kaum mehr die große Begeisterung auslösen. Da es keine direkten Rennen gegeneinander mehr gibt, müsst ihr euch auch im lokalen Modus damit begnügen, hintereinander Zeiten zwecks späteren Vergleichs abzuliefern. Warum hier allerdings auf vier Spieler begrenzt wurde, dürfte wohl nur den Entwicklern wirklich klar sein. Zumindest über Xbox Live könnt ihr euch aber mit bis zu 15 weiteren Usern unter anderem innerhalb einer zeitintensiven virtuellen Weltmeisterschaft oder eines kurzweiligen Einzelevents messen.

Verstaubte Grafikengine

WRC 4 im Test (6) Quelle: BigBen Interactive WRC 4 im Test (6) Ein technisches Meisterwerk ist WRC 4 ganz sicher nicht. Ständige Ruckler, extrem lange Ladezeiten, aufpoppende Gegenstände und teilweise matschige Texturen sprechen nicht gerade für eine hohe Qualität. Optisch werden einem zwar viele authentische Details auch abseits der Piste geboten, wie etwa Windräder auf den deutschen Etappen oder eine imposante Steilküste beim spanischen WRC-Abstecher, aber andererseits wiederholt sich vieles ständig und bei einigen Objekten kann man die Herkunft aus dem Standard-Grafikbaukasten kaum übersehen. Highlights sind ganz eindeutig die teilweise wirklich absolut stimmigen Lichteffekte und die durchwegs schön gezeichneten Fahrzeugmodelle. Ein dynamisches Wettersystem gibt es leider nicht, trotzdem ist es durchaus ansehnlich, wenn eine Strecke sich im dichten Nebel, bei Regen oder mit Schneetreiben präsentiert. Auch die unterschiedlichen Beläge, vom lockeren Sand bis hin zur rissigen Teerdecke, sind im Rennbetrieb optisch passend integriert, verschwimmen leider in den Replays bei stärkerem Zoom aber immer noch zu einem unansehnlichen Texturbrei. Schade auch, dass uns mit WRC 4 mal wieder keine mitreißende Präsentation geboten wird. Ein Filmchen über den Austragungsort vor jeder Rallye, eine extrem kurze Startsequenz und die kaum erwähnenswerte Siegerehrung, mehr gibt es auch schon nicht. Nur gar nichts wäre noch langweiliger.

WRC 4 im Test (8) Quelle: BigBen Interactive WRC 4 im Test (8) Zumindest kann der Titel in punkto Sound den ein oder anderen Pluspunkt einheimsen. Die Hintergrundmusik ist genau das was sie sein soll, nämlich nicht störende Hintergrundmusik. Der Motorensound klingt satt und auch die sonstigen Geräuscheffekte entsprechen genau dem was man bei einem realen Rennen erwarten würde. Rallyetypisch ist natürlich auch ein plappernder Beifahrer mit an Bord. Einziger Kritikpunkt daran, selbst wenn man einen weiblichen Begleiter auswählt, bekommt man das Roadbook von einem Mann vorgebetet. Abgesehen davon macht er / sie / es aber gute Arbeit.

Vieles an der Technik kann man kritisieren, Vieles kann man auch loben und das Meiste würde man sogar einfach hinnehmen, was allerdings fast unverzeihlich ist, dass die Unterschiede zum Vorgänger - ihr werdet ahnen, was jetzt kommt - praktisch nicht vorhanden sind. Ein paar optische Anpassungen an die aktuelle Saison bezüglich der Grafik und ein paar neue Songs beim Sound, das war es dann aber auch schon, der Rest kommt aus der mittlerweile so beliebten und so bekannten Recyclingtonne.

Meinung

Wertung zu WRC 4 (X360)

Wertung:

5.6 /10
Pro & Contra
zugängliches Gameplayzuschaltbare Fahrhilfenoptisch stimmiges SchadensmodellWRC-Lizenz……mit den Rennklassen WRC, WRC 2, WRC 3 und WRC Junior…und allen Fahrern bzw. Teams der aktuellen SaisonOnline-Multiplayer mit u. a. einer virtuellen WMschön gezeichnet Fahrzeugmodellepassende Licht- und Wettereffekte
Gameplay identisch zum Vorgänger……mit weiterhin vielen UnstimmigkeitenSchadensmodell hat kaum Auswirkung aufs Fahrverhaltenkaum nachvollziehbare RücksetzpunkteZeiten der CPU-Gegner werden berechnet, nicht simuliertUmfang nahezu unverändert zum Vorgänger……mit den identischen, nicht originalen StreckenKarriere immer noch kaum mitreißendkeine Rennen gegeneinander mehr möglichOffline-Multiplayer nur mit max. 4 Spielernauch bei der Technik grüßt der Vorgängerviele Ruckler und aufpoppende Gegenständeteilweise matschige Texturenkein dynamisches Wettersystemlangweilige, kaum zeitgemäße Präsentation

Disclaimer: In einer früheren Version dieses Artikels gaben wir auch eine Wertung für die PS3-Version von WRC 4. Wir haben die Wertung wieder entfernt, weil wir die entsprechende Spielversion nicht testen konnten.

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