Missbrauch bei Activision Blizzard: Wir müssen mehr Solidarität entwickeln

Kolumne Christian Fussy
Missbrauch bei Activision Blizzard: Wir müssen mehr Solidarität entwickeln
Quelle: Activision Blizzard

Die Klage gegen Activision Blizzard hatte nicht nur einige personelle Änderungen beim Unternehmen zur Folge, sondern wirft auch zahlreiche Fragen auf. Wie kann so etwas bei einer der größten Firmen der Branche passieren? Wen trifft die Schuld? Wieso hat niemand etwas gesagt? Sind die Anschuldigungen überhaupt glaubwürdig? Als Außenstehender findet man darauf nur schwer Antworten. Dennoch möchte ich versuchen, mich mit Verständnis an die Situation und diese Fragen heranzuwagen.

Blizzard wird vorgeworfen, in ihren Abteilungen herrsche eine Kultur von Sexismus, Missbrauch und Mobbing, die die Verantwortlichen dort aktiv kultiviert haben. Aus einer Klage des Staats Kalifornien, genauer gesagt der dortigen Arbeitnehmerschutzbehörde, geht hervor, dass insbesondere Frauen im Unternehmen Diskriminierung, Belästigung und Missbrauch erfahren haben.

Die Vorgänge bei Blizzard und die verschiedenen Reaktionen auf die Enthüllungen waren dann typisch für die Spieleindustrie: Einige Blizzard-Mitarbeiter, darunter Chef J. Allen Brack , verließen das Unternehmen während Activisions CEO Robert Kotick seinen Einfluss vergrößerte. In öffentlichen Statements wurde von Konsequenzen gesprochen, gleichzeitig wurden jedoch Maßnahmen ergriffen, die darauf abzuzielen scheinen, weitere Anschuldigungen schnellstmöglich unter den Tisch zu kehren.

Dazu zählen interne E-Mails , die von Belästigung und Missbrauch betroffene Angestellte anhalten, sich genau an die Stellen im Unternehmen zu wenden, die auch in der Vergangenheit dafür sorgten, dass die Interessen der Geschäftsleitung und nicht der Beschäftigten an erster Stelle kommen. Außerdem wurde zur internen Prüfung der Arbeitsbedingungen mit WilmerHale eine Firma engagiert, die bereits in Kontakt mit Activision Blizzard stand und deren Partner enge Beziehungen zur ebenfalls scharf kritisierten Blizzard-Managerin Frances Townsend pflegen. Zudem hat die Kanzlei den Ruf, arbeitnehmerfeindlich und gewerkschaftsfeindlich zu sein.
Frances Townsend Quelle: CBS Viacom Frances Townsend
Auch vonseiten der Spielerschaft wurde den Betroffenen nicht nur Verständnis entgegengebracht. Obwohl sich viele Blizzard-Fans entsetzt zeigten, wurden im Internet auch Stimmen laut, die den vermeintlichen Opfern Übertreibung vorwarfen oder versuchten, die Vorfälle zu entschuldigen.

Auf den ersten Blick wirken die beschriebenen Zustände (im Detail nachzulesen hier ) auch tatsächlich wie aus einem dystopischen Roman, es ist allerdings nicht das erste Mal, dass Angestellte in der Videospielindustrie ein solches Bild von ihren Arbeitsbedingungen zeichnen. Bereits letztes Jahr wurden Riot Games und Ubisoft ähnliche Strukturen und Vorkommnisse vorgeworfen, mit ähnlichen Konsequenzen.

Und auch bei Blizzard selbst scheint, auch unabhängig von den Missbrauchsvorwürfen, bereits seit Längerem ein Klima zu herrschen, in dem die Bedürfnisse der Arbeiterschaft konsequent hintenangestellt werden. Vor allem die von Entlassungswellen geprägte Personalpolitik des Unternehmens führte schon häufiger zu Walkouts der gesamten Belegschaft.

Dass die Branche hinsichtlich Personalführung Probleme hat, ist also längst nichts Neues. Aber welche Schlüsse sollte man aus solchen Enthüllungen ziehen und wie gehen wir als Spieler*innen am besten damit um?

Eine persönliche Bitte

Für die meisten Menschen ist die tägliche Arbeit ein riesiger Teil des Lebens. Sie ist eine Notwendigkeit, für viele sicher kein Vergnügen, Lebensgrundlage und der Ort an dem wir neben unserem Schlafzimmer wahrscheinlich die meiste Zeit verbringen. Einen Job zu haben, der erfüllend ist und einem Spaß macht, ist ein Privileg. Einer, der einem den Lebenswillen raubt, im Gegenzug oft ein schier unüberwindbares Problem. Das liegt häufig nicht an der Tätigkeit selbst, sondern vor allem am Arbeitsumfeld. Wer schon einmal selbst in einem Beruf mit hohem Druck, niedrigem Lohn und unprofessionellen Vorgesetzten gearbeitet hat, wird wohl keine Schwierigkeiten damit haben, sich in die Lage der schikanierten Blizzard-Beschäftigten versetzen zu können. Doch auch wer bisher das Glück hatte, für Arbeit gut kompensiert und wertgeschätzt zu werden, sollte auf die Vorwürfe zumindest mit Empathie reagieren können.

Ich weiß aus erster Hand, wie schlechtes Betriebsklima Menschen zur Verzweiflung treiben kann. Es selbst zu erleben oder hilflos dabei zusehen zu müssen, wie jemand, der einem nahesteht, nach der Arbeit zusammenbricht und weint, sei es durch Mobbing, hohen Leistungsdruck oder sonstige Schikane, wünsche ich wirklich niemandem. Und trotzdem bin ich mir mittlerweile sicher, dass fast jeder Leute kennt, denen es schon einmal so gegangen ist.

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Es ist beunruhigend zu sehen, dass bei jeder dieser Enthüllungen zahlreiche Fans und Kommentatoren sofort die Position des Unternehmens einnehmen und versuchen, die Anschuldigungen der Belegschaft zu diskreditieren. "Im Zweifel für den Angeklagten" ist in vielerlei Hinsicht eine sinnvolle Faustregel, doch auch Zweifel sollten begründet sein.

Natürlich können wir nicht genau wissen, was tatsächlich in den Büroräumen bei Ubisoft , Riot , Blizzard und Co. vor sich gegangen ist. Aber sofort zu behaupten, die Vorwürfe seien wahrscheinlich übertrieben oder die Angestellten schlicht zu sensibel, ist nicht nur taktlos, sondern auch realitätsfremd. Auch die Argumente, man hätte ja damals schon den Mund aufmachen oder die Arbeitsstelle wechseln können, wenn es wirklich so schlimm gewesen sei, ziehen nicht. Dass in der Klage natürlich bewusst auch extreme Situationen beschrieben werden und es sicherlich nicht immer und in jeder Abteilung bei Blizzard so zuging, kann angenommen werden. Dennoch hält es einem klar und deutlich vor Augen, welche Ausmaße Mobbing und Diskriminierung annehmen können, wenn Verantwortliche wegschauen oder ihre Macht missbrauchen.

Leidenschaft, die Leiden schafft

Wir wissen ja, dass es tatsächlich genug Personen bei Blizzard gab, die "etwas gesagt haben". Das Problem dabei ist, dass die Human-Ressources-Abteilung dort nichts von den Anschuldigungen hören wollte. Außerdem wissen wir, dass im Unternehmen eine sogenannte Frat-Boy-Culture an den Tag gelegt wurde. Und ich kann mir ziemlich gut vorstellen, was damit gemeint ist. Ebendiese Aussagen, wer das Arbeitsklima nicht abkönne, sei einfach nicht für die Branche gemacht, nicht hart genug oder zu sensibel, verklemmt und weinerlich, haben sich die Betroffenen sicher auch von ihren Vorgesetzten und Kollegen anhören dürfen.

Das gepaart mit der konstanten geschlechtsspezifischen Diskriminierung, den offensichtlich geringen Chancen auf eine Beförderung und dem hohen Leistungsdruck, wirft schon die Frage auf, weshalb man, insbesondere als Frau, überhaupt in einem solchen Unternehmen arbeiten will.

Die Antwort darauf ist logisch: Bei Blizzard zu arbeiten ist für viele Menschen ein Traumjob (Unabhängig von Berichten, die vor dem Gegenteil warnen ). Obwohl das einst hervorragende Image der legendären Spieleschmiede seit Jahren bröckelt, wird der Name trotzdem mit positiven Erinnerungen verbunden.

J. Allen Brack (Präsident und CEO von Blizzard Entertainment) Quelle: Blizzard Ex-Blizzard-Chef J. Allen Brack Die Vorstellung an einem neuen Warcraft- oder Diablo-Titel zu arbeiten und Teil des Unternehmens zu sein, dessen Spiele man früher über alles geliebt hat, zieht stetig neue motivierte Arbeitskräfte an. Dass die Wenigsten wissen, wer genau für die Entstehung von Spielen wie Diablo 2 oder Warcraft 3 verantwortlich ist, hat ja auch einen Grund. Kein Game Director hat diese Spiele entwickelt, sondern Blizzard. Bei Filmen kommt höchstens die Disney-Corporation an dieses starke Branding ran, das in der Videospielindustrie komplett normal ist. Die meisten Leute würden bei einem Spielfilm wohl nicht wissen, welche Produktionsfirma dahintersteht, aber sich womöglich daran erinnern können, wer Regie geführt hat.

Die Marke Blizzard steht auch dann noch für Qualität, wenn alle Leute schon die Firma verlassen haben, die diese mit- und eingebracht haben. Das kann zusätzlich als Hebel genutzt werden, um Druck auf die Belegschaft auszuüben. In großen (Medien-)Unternehmen, insbesondere im Bereich Entertainment und ganz besonders in Unternehmen der Spieleindustrie wie Activision Blizzard, wo weit über 5000 Beschäftigte angestellt sind, sind niedrige Gehälter und das Gefühl, jederzeit ersetzbar zu sein, ganz bestimmt keine Seltenheit. Man muss sich nur die zahlreichen Berichte über die weitverbreitete Crunch-Kultur anschauen, um zu wissen, wie manche Firmen ihre Angestellten verbrennen.

Die Leidenschaft, die in den Beruf mitgebracht wird, wird gern als Ausrede für unbezahlte Mehrarbeit und Leistungsdruck bis zur Belastungsgrenze benutzt. Bei der Entwicklung von The Witcher 3 arbeiteten Angestellte teilweise Vollzeitjobs für unter 500 Euro im Monat. Activision setzt bei der Entwicklung der Call-of-Duty-Reihe auf Arbeitnehmer mit streng befristeten Verträgen und Leiharbeiter, die mit ihrer Bezahlung nur knapp über der Armutsgrenze liegen. Bereits 2018 wurde publik, dass beim Studio Treyarch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft herrscht, bei der den befristeten Angestellten sämtliche Benefits (Zugang zu Firmenfeiern, anständige Büroausstattung etc.) verwehrt werden. Gelockt werden sie mit dem Versprechen einer Festanstellung, sollten sie sich durch harte Arbeit beweisen. Der Realität entspreche dies jedoch nicht.

"Keiner macht das hier, um reich zu werden, sondern aus Leidenschaft" hat mancher, der in einem kreativen Beruf arbeitet, bestimmt schon gehört. Und das mag stimmen. Deswegen sollte man sich aber trotzdem nicht alles gefallen lassen. Für Vorgesetzte und Geschäftsleitung gilt dieses Mantra immerhin auch nicht. Leidenschaft kann eine Fessel sein.

David gegen Goliath

Neben der Begeisterung für den Lieblingsentwickler, gibt es aber natürlich auch noch ganz praktische Gründe, weshalb für viele Arbeitnehmer ein Jobwechsel nicht so einfach infrage kommt (Wohnort, Familie etc.). Außerdem sollte ja die Entscheidung auch nicht lauten: Missbrauch gefallen lassen oder kündigen. Dadurch, dass Blizzard kein Einzelfall ist, ist ja leider noch nicht einmal gesagt, dass die Verhältnisse in einem anderen Unternehmen besser wären.

In so einer Umgebung den Mut zu fassen und an die Öffentlichkeit zu gehen, insbesondere, wenn die Anstellung bereits beendet ist und man nichts lieber möchte, als die Erfahrungen hinter sich zu lassen, ist bewundernswert. Oft werden diejenigen, die ihre Stimme erheben aber dann als Querulanten und Aufwiegler hingestellt und attackiert. Gegen eine Firma mit Activision Blizzards Macht anzugehen, ist kein Zuckerschlecken. Es geht vor Gericht ja nicht darum, was wahr, sondern was beweisbar ist. Und ein Apparat, der darauf geeicht ist, die Fakten zu verdrehen und sämtliche Spuren verschwinden zu lassen, erscheint mir als so ziemlich der schlimmste Gegner in einer juristischen Auseinandersetzung. Wer etwas sagt, macht sich angreifbar und ist gezwungen, all die Dinge erneut im Detail zu besprechen, die man wahrscheinlich am liebsten endlich vergessen würde.

Und wofür? Im besten Fall müssen die eindeutig Schuldigen ihre Posten räumen und es werden tatsächlich Maßnahmen ergriffen, solche Vorkommnisse in Zukunft zu vermeiden. Meist jedoch schafft man sich nur selbst einen schlechten Ruf und das Thema wird von Unternehmensseite mit ein paar Bauernopfern und einer fadenscheinigen Entschuldigung aus dem Weg geschafft.

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Nachhaltige Veränderung ist von oben nicht zu erwarten

Die Berichte über Niedriglöhne , Zwei-Klassen-Gesellschaften, Crunch, Missbrauch, Sexismus, Diskriminierung und Schikane sämtlicher Art wären als isolierte Einzelfälle betrachtet schon unheimlich. In Kombination zeichnen sie ein Bild einer Industrie, deren Köpfe komplett der Respekt vor ihren Beschäftigten fehlt. Die Frage, ob Chefs und CEOs wie J. Allen Brack, Yves Guillemot und Robert Kotick etwas von den Vorfällen gewusst oder aktiv daran beteiligt waren, ist selbstverständlich zu klären. Um festzustellen, ob sie dafür die Verantwortung tragen sollen, ist sie allerdings irrelevant. Als Führungskraft sollte man auch an der Zufriedenheit (und körperlichen Unversehrtheit) der Angestellten gemessen werden. Und wenn es im Betrieb zugeht wie in einem Mad-Max-Film, nur mit langweiligerer Garderobe, kann von einer erfolgreichen Geschäftsführung keine Rede sein. Egal, ob die Zustände auf Tyrannei oder Inkompetenz zurückzuführen sind. Bobby Kotick.  Quelle: Bobby Kotick in NYC photographed by Jordan Matter - CC BY-SA 2.0  Bobby Kotick. 

Dass von ebendieser Geschäftsführung keine Hilfe zu erwarten ist, wird an den direkten Reaktionen und den langfristigen Veränderungen, bzw. deren Ausbleiben , deutlich . Ein tatsächlicher Umbruch müsste wohl notgedrungen vorerst von anderer Seite kommen. Gewerkschaften könnte dabei eine starke Rolle zukommen, auch wenn niemand die Illusion hat, damit könnten alle Probleme aus der Welt geschafft werden. Organisationen wie Game Workers Unite setzen sich bereits für ein Umdenken in der Branche und Arbeitnehmerschutz ein. Viel zu oft werden Beschäftigte aber noch in ihrem Elend allein gelassen während CEOs wie Kotick alles dafür tun, die Bildung von Betriebsräten und Gewerkschaften zu verhindern.

Da sämtliche Firmen nur auf Außenwirkung setzen, sind Journalisten wie Bloomberg-Autor Jason Schreier, der maßgeblich an der Berichterstattung über Ubisoft, Activision etc. beteiligt war, derzeit eine der wenigen Anlaufstellen, die die Probleme der Arbeitnehmerschaft ernst nehmen und die Stimmen der Betroffenen hörbar machen. Doch auch der Einfluss der "Gaming-Community" ist in dieser Hinsicht nicht zu verachten.

Wie gehen wir jetzt mit der Situation um?

Natürlich lässt sich behaupten, die Gaming-Branche ändere sich erst, wenn Kotick und Co. die Konsequenzen ihrer Nachlässigkeit am eigenen Geldbeutel spüren . Das dürfte bei der dortigenGehaltsverteilung allerdings schwierig werden. Ob man nun die Spiele einer bestimmten Firma boykottiert oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Es gibt genügend Argumente für beide Seiten dieser Auseinandersetzung.

Ungemein wichtig finde ich in diesem Zusammenhang eine gesunde Gesprächskultur. Dass es immer scheußliche Aussagen im Internet geben wird, ist gesetzt. Je mehr Spieler*innen sich aber tatsächlich damit auseinandersetzen und ihren Unmut darüber äußern, was hinter den Kulissen dieser Firmen passiert, desto leichter wird es für Betroffene, ihre Geschichten zu teilen und Druck auf die Verantwortlichen auszuüben.

Ich will an dieser Stelle keinen Aktionismus betreiben. Allerdings habe ich die Möglichkeit, als Redakteur auf dieser Plattform meine Meinung zu äußern und möchte dies auch nutzen. Und inständig darum bitten, dass sich jeder einmal selbst in die Lage derjenigen versetzen sollte, die unsere liebsten Videospiele überhaupt erst möglich gemacht haben. Zu Mitgefühl aufzurufen mag einigen von euch sicher polemisch, übermäßig emotional oder als rein performatives "virtue-signaling" vorkommen. Die Wahrheit ist aber, dass ich keine Patentlösung bereit habe, wie ich oder irgendjemand anders mit der Realität umgehen soll, dass viele Menschen, die mein Hobby ermöglichen, systematisch ausgebeutet und verletzt werden. Und ich bin emotional. Die Emotion ist Wut, um genau zu sein. Wut auf CEOs wie Robert Kotick, Wut auf die Übeltäter, die weiterhin von ihren Institutionen geschützt werden und Wut auf diejenigen, die sich grundsätzlich jeder Empathie verweigern und dazu beitragen, den Status quo zu erhalten. Der Fisch stinkt vom Kopf her . Aber der Rest stinkt auch.

Quellen: Bloomberg , Wired , Kotaku , Gamezone

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