Another Code Recollection im Test: So bizarr, dass man es einfach mögen muss

Test Lukas Schmid
Another Code Recollection im Test: So bizarr, dass man es einfach mögen muss
Quelle: Nintendo

Another Code Recollection für Nintendo Switch entpuppt sich im Test als ein extrem aufwendiges Remake mit Designentscheidungen, die einfach nur bizarr sind.

Ich habe Kaubonbons gegessen und weiß nicht warum.

Mag sein, dass es ein Geheimnis gibt, das ich übersehen habe und das meine Tat in einen sinnvollen Kontext setzen würde; iss dieses Zitronenbonbon und alles wird gut. Da ich Another Code: Recollection (jetzt kaufen 34,99 € ) aber weit vor dem Release gespielt habe und ergo noch keinen Zugriff auf Guides oder Übersichten über Easter Eggs hatte, bleibe ich baff zurück. Baff, aber immerhin mit Kaubonbon. Korrigiere: mit mehreren Kaubonbons!

Smells like teen spirit

Okay, Kontext und so, ich fange vielleicht lieber mal von vorn an. Was ist Another Code: Recollection? Dabei handelt es sich um das Nintendo-Switch-exklusive Remake gleich zweier Spiele, die dereinst, nämlich 2005 und 2009, für den Nintendo DS respektive die Nintendo Wii erschienen sind - Another Code: Doppelte Erinnerung und Another Code R: Die Suche nach der verborgenen Erinnerung.

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Beides sind Adventures und sie erzählen eine zusammenhängende Geschichte, so zusammenhängend sogar, dass sie in der neuen Version als ein großes Spiel mit direktem Übergang von einem Abenteuer ins nächste umgesetzt wurden.

Im Mittelpunkt steht die Teenagerin Ashley Mizuki Robins, im ersten Teil der Handlung nicht ganz 14, im zweiten 16 Jahre alt. In Teil eins kommt sie nach dem Erhalt eines mysteriösen Briefes ihres tot geglaubten Vaters auf die sogenannte Blood-Edward-Insel, um seinem wahren Schicksal und ihrer eigenen Vergangenheit auf den Grund zu gehen.

Außerdem trifft sie auf den jugendlichen Geist D, der sein Gedächtnis verloren hat und um ihre Hilfe bittet, damit er herausfinden kann, was ihn auf der Erde hält.

Ashley, älter

Teil zwei schickt die gealterte Ashley ins Feriencamp Lake Juliet, wo sie auf deutlich mehr Figuren trifft als noch auf Blood Edward, schlussendlich aber eine ähnlich in der mysteriösen Vergangenheit ihrer Familie verhaftete Geschichte aufdecken muss.

Ashley unter einer Brücke vor dem Haus der Edward-Familie Quelle: Nintendo Die Erzählung ist ... seltsam. Der erste Abschnitt auf der Insel ist relativ gut durchstrukturiert, ohne viel Spielzeitstreckung, also ohne Passagen, in denen kaum etwas von Bedeutung passiert - was in einer recht kurzen Spielzeit von etwa fünf Stunden resultiert. Teil zwei hingegen, gute Güte!

Mindestens die ersten zwei Drittel der knapp zwölf Stunden, die man benötigt, bestehen aus fast nichts anderem als belanglosem Gebrabbel mäßig sympathischer Teenager, die sich über Band-Proben, unerwiderte Verliebtheit, Lachs-Burger und andere Banalitäten unterhalten.

Das ist per se nicht schlimm, Coming-of-Age-Storys sind nicht ohne Grund ein wichtiger Pfeiler der Popkultur und auch oberflächliche Erzählungen können gut unterhalten. Aber die Qualität der Dialoge, noch ausgeprägter in Teil eins, aber nur geringfügig besser in Teil zwei, ist wirklich beeindruckend schlecht, trotz anständiger Sprecher (wahlweise englisch oder japanisch mit deutschen Untertiteln).

Dialoge aus der Schreiberhölle

Es sei mir deswegen verziehen, dass ich die meisten Gespräche schnell gelesen und dann die Sprachausgabe geskippt und somit nicht der Arbeit der Sprecher gelauscht habe. Hätte ich mehr Zeit mit den Dialogen verbracht, hätte das unwiederbringlichen Schaden an meinem Geisteszustand angerichtet.

Gestelzt, unglaubwürdig, ohne jeden Fokus und verbissen, jedes auch noch so unwichtige Detail groß auszuwälzen - wer denkt, dass schon Twilight schlecht geschriebene Teenager-Fiction ist, findet hier das wahre Magnum Opus.

Hinzu kommt eine einfach ... seltsame Präsentation. Lange Redepausen, komische Szenenabfolgen, völlig überzeichnete Reaktionen in den unpassendsten Momenten - die Aufmachung des Spiels ist so, um es mal positiv zu konnotieren, ungewöhnlich, dass sie eigentlich ein Gesamtkunstwerk darstellt.

Ashley im Gespräch mit ihrer Tante Quelle: Nintendo Immerhin, die Geschichte respektive die Geschichten sind eigentlich nicht schlecht. Zwar ist die ganze Chose in ihrer Machart etwas übertrieben kinderfreundlich und zum Beispiel frei jeder Komponente des sexuellen Erwachens.

Wer sich nach der liebevollen Käsigkeit zum Beispiel eines Life is Strange nach mehr Futter sehnt, findet hier zwar ein Spiel, das klar auf eine sehr ähnliche Gruppe von Spieler*innen abzielt, wird aber wohl trotzdem nicht satt.

Ende gut, alles gut

Allerdings begeben sich beide Teile der Handlung gegen Ende in ungewöhnliche, fast schon Science-Fiction-artige Sphären und finden jeweils zu einem spannenden, emotional befriedigenden Abschluss, bei dem ich mir auch mal ein Tränchen wegwischen musste. They stick the landing, wie es so schön heißt.

Viele Worte zur Story, aber die ist nun einmal der wichtigste Aspekt des Pakets. Spielerisch geht der Rest völlig in Ordnung, ist aber sehr seicht und hat auch mit bizarrer Gestaltung zu kämpfen. Keine Sorge, ich komme bald zu den Kaubonbons!

Über weite Strecken ist Another Code: Recollection ein Adventure moderner Machart. Soll heißen: viel Herumgerenne in den kleinen, semi-offenen Gebieten, noch viel mehr Gerede, dazwischen eingestreut eine Handvoll Rätsel.

Betonung auf Handvoll, denn die Menge ist wirklich sehr übersichtlich und die "Kopfnüsse" sind komplett simpel. Beides trifft vor allem auf Teil zwei zu. Teil eins ist von der Gestaltung her insofern interessant, als dass es im Grunde Resident Evil 1 für Kinder ist.

Bildergalerie

Klavierstunde

Da läuft Ashley abseits eines kurzen Prologs ausschließlich durch ein verlassenes Herrenhaus voller versperrter Türen, findet Schlüssel mit Emblemen drauf, löst Wegrätsel, die so unpraktikabel sind, dass sich die Frage stellt, wie die Bewohner hier jemals einem normalen Alltag nachgehen konnten und liest Unmengen an Dokumenten, die Einblicke in die Geschichte geben.

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