Assassin's Creed 3 Test: Drei Spiele in einem

Test Sandro Odak

Assassin's Creed 3 ist da - und es ist groß geworden. Connors Geschichte fängt da an, wo andere Spiele heutzutage schon aufhören. Gamezone hat sich trotzdem an das Mammutwerk gewagt und verrät euch, warum der dritte Teil der Serie perfekt ist für kalte Wintertage.

Frontkrieg und Stadtmissionen

Dieses traumhaft schöne Sommerszenario kann sich binnen Minuten in ein Winter-Wonderland verwandeln Quelle: Ubisoft Dieses traumhaft schöne Sommerszenario kann sich binnen Minuten in ein Winter-Wonderland verwandeln Assassin's Creed 3 ist grundsätzlich aufgeteilt in zwei unterschiedliche Gebietsarten. Städte kennt man aus den Vorgängern, jedoch verlieren sie einiges an ihrer optischen Brillanz. Boston als zeitgeschichtlich relativ junger Siedlungsort, ist bei weitem nicht so prachtvoll ausgebaut wie Rom oder gar Konstantinopel. Selbst New York City, heute Sinnbild jeder dichtbebauten Wolkenkratzermetropole, war Mitte der 1700er Jahre ein kleiner Fleck Land, von Hundert Meter hohen Kirchtürmen und ähnlichen Klettertürmen kann in Assassin's Creed 3 keine Rede sein. Zum Ausgleich wurde das wilde Land geschaffen. Während die Gebiete zwischen zwei Städten in den vorigen Assassin's-Creed-Games eher Lückenfüller waren, um beispielsweise Verfolgungsjagden zu inszenieren, werden sie nun zu vollwertigen Gebieten ausgebaut. Wir klettern auf natürliche Felsformationen, auf Bäume und hopsen so von Ast zu Ast. Diese neuen Fähigkeiten werden auch perfekt ins Spiel eingebunden. Mit dem neuen Ropedart (Pfeil an einem Seil) kann man Gegner unter sich in die Luft ziehen und an dicken Baumästen einfach aufknüpfen.

Damit die Abschnitte in der Wildnis nicht zu langweiligen Latschmissionen mutieren, wurde die Welt zwischen den Städten mit allerhand Leben aufgepäppelt. Man kann Tiere jagen, Nebenmissionen annehmen oder einfach die grandiose Grafik bewundern. Denn im Wald zeigt die AnvilNext-Engine erst, was sie wirklich drauf hat. Im Winter liegt das Land friedlich und bedeckt vor uns, Geräusche sind gedämpft und während wir tiefe Spuren hinter uns ziehen, wird Connor merklich langsamer. Dieselbe Szene ein halbes Jahr später: Der Wald sprüht vor Farben! Die Baumwipfel wieder grün, der Farn am Boden auch und alles wiegt langsam im Wind mit. Dazu gesellt sich die phantastische Ausleuchtung dieser Passagen - wundervoll!

Wer nur schnell fertig werden will mit der Geschichte, kann diese Passagen auch überspringen - wir raten euch aber davon ab, denn ihr verpasst definitiv die schönsten Ecken von Assassin's Creed 3. So gibt es nun eine Schnellreisefunktion direkt aus der Karte heraus zum nächsten Ziel. Postkutschen und Schiffüberfahrten, wie man sie aus den Vorgängern kennt, erübrigen sich dadurch.

Abwechslungsreiche Missionen aber zu schnelle Welt

Manchmal wünsche ich mir wirklich, ich könnte die Zeit in Assassin's Creed 3 anhalten und einfach noch ein wenig in dieser Welt weitertollen. Was ich in den letzten Teilen noch kritisiert habe, nämlich recht einfallslose und abwechslungsarme Missionen, ist Ubisoft dieses Mal fast perfekt gelungen. Selbst Botengänge erledigt man dank toller Umsetzung und Erzählung gerne, die Action wird durch ein komplexeres Kampfsystem aufgewertet. Im einen Moment warne ich noch Siedler vor, im nächsten bin ich plötzlich der Anführer, der mehreren Platoons Feuerbefehle in einer Gewehrschlacht erteilt. Später muss man Feuer ausweichen, Schiffe kapern und ganze Flotten als Kapitän zur See auf den Grund des Meeres versenken. Die Zeit, in der man auf Gebäude X klettert, um Person Y im Atrium kaltzumachen, ist vorbei.

Manche Zwischensequenzen sind filmreif inszeniert! Quelle: Ubisoft Manche Zwischensequenzen sind filmreif inszeniert! Dass nun deutlich mehr Geschichte erzählt wird, merkt man auch an den vielen Zwischensequenzen. Sie sehen zum Teil wirklich atemberaubend aus, leiden aber leider an verdammt vielen Clippingfehlern. Immer wieder verschwinden vor unseren Augen Gegenstände, flimmern oder verkeilen sich mit anderen Objekten. Das kann in einem Sandbox-Game sicherlich mal passieren, in den Zwischensequenzen aber nicht!

Außerdem leidet die Erzählung an der schieren Masse an Informationen. Dialoge werden oft stark gekürzt, wirken dadurch irgendwie unnatürlich. An manchen Stellen streiten wir uns eben noch mit dem Gesprächspartner, sind dann wieder beste Freunde. Oder anders herum. Auch festzustellen sind Änderungen des Szenarios. Als man noch spricht, ist es helllichter Tag, ist die Sequenz abgelaufen, ist es Nacht und es regnet. Solche Passagen verwirren und lassen einen immer mit dem mulmigen Gefühl, die wichtigsten Sekunden des Gesprächs verpasst zu haben, zurück. Manchmal überspringt das Spiel aber auch einfach in Sekunden mehrere Monate oder Jahre. Wer hier nicht genau aufpasst, verliert schnell den Anschluss - weil so viel passiert und alles in Bewegung ist.

Grafik und Technik

In speziellen Seekampf-Missionen übernimmt man das Ruder das Aquila. Quelle: Ubisoft In speziellen Seekampf-Missionen übernimmt man das Ruder das Aquila. Technisch ist Assassin's Creed 3 ein zweischneidiges Schwert. Es hat Momente und Passagen, die absolut atemberaubend aussehen. Und dann streunt man wieder durch manche Innenstadtgebiete von Boston, an denen jede Ecke gleich aussieht. So richtig schlecht sieht das Spiel zwar an fast keiner Ecke aus, aber so Stellen fallen nun mal auf, nachdem man einen unfassbaren Sonnenaufgang über den verschneiten Baumwipfeln in der Wildnis gesehen hat. Gerade hier zeigt die AnvilNext-Engine was sie kann. Äste und Gräser wiegen leicht im Wind mit. Wenn man sich gebückt durch hohes Gras oder Maisplantagen bewegt, schiebt man das Gestrüpp um sich herum. Gepaart mit fantastischen Lichtspielen wirkt die Wildnis wirklich magisch.

Als Spiel im Spiel erweist sich der Seefahrer-Modus. An Bord der Aquila übernehmen wir das Ruder und kämpfen gegen Engländer, Piraten und sonstiges Pack. Das sieht hervorragend aus und bringt erneut Abwechslung ins Spiel.

Am meisten stören die häufigen Clippingfehler. Immer wieder schweben Dinge in der Welt von Assassin's Creed, verkanten sich oder fallen unter die Map. In Zwischensequenzen flackert und pumpt das Bild manchmal und bei der Steuerung, gerade auf dem Rücken eines Pferds, tut man sich schwer. Es bleibt an allen Ecken und Enden hängen, wer in der Wildnis nicht auf der Straße reitet, ist manchmal wirklich aufgeschmissen. Und ich spreche nicht von Bäumen, die einem den Weg versperren, sondern von Hügeln und Felsecken, die man großflächig umreiten oder auch zu Fuß umgehen muss, obwohl sie nur wenige Zentimeter aus dem Boden ragen. Selbiges gilt auch für die Klettersteuerung. Wie in allen Assassin's-Creed-Spielen macht die Kamera einem das ein oder andere Mal einen Strich durch die Rechnung. Sie schwenkt im unmöglichen Moment in die falsche Richtung oder zeigt unübersichtliche Kämpfe mit vielen Gegnern aus der denkbar ungünstigsten Position. So etwas nervt zunehmend, vor allem weil die Kämpfe komplexer sind und Klettern in der Wildnis freie Sicht auf kleine Details an den Felswänden erfordert. Wenn man sich irrt, und die Wand eine zu glatte Oberfläche hat, rutscht man einfach hinab und stürzt in den Tod.

Auch beim Sound findet man alte Fehlerchen erneut: Dank Sandbox-Prinzip kann der Spieler machen, was er will. Die Macher reagieren darauf, indem Gespräche an bestimmte Umgebungsvariablen gebunden sind, etwa Script-Trigger. Manche Dialoge ziehen sich so unheimlich in die Länge, weil Satz auf Satz immer erst nach einer Pause gesagt wird. Allgemein ist die Vertonung aber erneut sehr gut gelungen. An der Abmischung hätte man feilen können: An vielen Stellen sind die Soundeffekte am Ende einer Mission so laut, dass man dem darauffolgenden Dialog nicht mehr folgen kann.

In Relation zur Gesamtspielzeit sind solche Fehler aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn insgesamt brilliert Assassin's Creed 3 durch seine riesige und unglaublich stimmig umgesetzte Welt. Wer auf Details achtet, findet beispielsweise heraus, dass der Wald im Winter von Wölfen bewohnt wird, während im Sommer auch Hasen, Füchse und Pumas durchs Gehege laufen.

Meinung

Wertung zu Assassin's Creed 3 (X360)

Wertung:

9.2 /10
Pro & Contra
grandioses Spielgefühl: man entdeckt eine vollkommen neue Weltso umfangreich wie kein anderes Assassin’s Creedneue Waffen, neuer Charakter, neue Zeitepocheviel größere WeltGeschichte, die eine große Zeitspanne abdecktso viele handelnde Charaktere, Orte und Ereignisse kennt man aus dem Geschichtsunterricht oder Hollywoodtolle Einteilung in Stadt, Wildnis und SeefahrtTiere zum Jagen, viele Nebenmissionen und Minigamesgelungene Vertonung (auch wenn sie manchmal stockt)traumhafte Grafik, vor allem in den „wilden“ Waldgebietenauch Desmonds Story wird gut integriertkomplexeres Kampfsystem
Boston und New York winzig und unscheinbar im Vergleich zu Rom und Konstantinopeldie Geschichte wird wegen des riesigen Umfangs so schnell erzählt, dass man schnell etwas verpasstviele Dialoge wirken gekürzt oder abgehackt (vermutlich zugunsten einer Zeitersparnis)Clippingfehler in der Welt und in CutscenesKI reagiert manchmal gar nicht und oft falschSteuerung leidet an selben Problemen wie alle anderen Sandbox-Action-AdventuresTonabmischung an manchen Stellen daneben

Bildergalerie

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