Blizzards Niedergang: Wie sich eine Firma in wenigen Jahren selbst zerlegt
Special
Was ist nur mit Blizzard los? Die einst beliebte Spieleschmiede zerlegt sich seit Jahren gekonnt selbst. Wir fassen die Geschichte von Blizzards Niedergang für euch zusammen.
Der Spieler-Liebling Blizzard ist tief gefallen. Sein über die Jahre hinweg drohende Absturz scheint mit den zwei Klagen der letzten Wochen und den damit einhergehenden Erkenntnissen vollendet. Es gab zwar dramatische Umstrukturierungen und Heilsversprechen, doch der Ruf des Entwicklerstudios ist schwer angeschlagen; Spieler und Angestellte sind wütend und desillusioniert. Wir werfen einen Blick auf die Firmengeschichte und fassen für euch die wichtigsten Punkte in einem Zeitstrahl zusammen. Dabei konzentrieren wir uns vor allem auf die letzten drei Jahre, denn hier häuften sich die Vorfälle, die Blizzards Reputation letzten Endes zerstörten. Eine Chronologie des Abstiegs.
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Vorspiel: Die Jahre 2007 bis 2017
Im Jahr 2007 fusionieren Vivendi Games/Blizzard und Activision zu dem Konzern, der inzwischen als Activision/Blizzard bekannt ist. Während dieser Zeit hat Blizzard mit Activision lediglich die Fusion gemein, denn die typischen Blizzard-Spiele werden immer noch in Eigenregie entwickelt und über den Medienkonzern Vivendi veröffentlicht. Im Jahr 2013 ist es schließlich so weit: Activision Blizzard kauft sich von Vivendi frei. Bobby Kotick investierte dabei übrigens auch eigenes Vermögen. Er beginnt dann damit, das Unternehmen mit seinen eigens ausgesuchten Managern zu versehen. Im Jahr 2017 droht der erste Umbruch, als Blizzards einnahmen sinken und Activision daraufhin dem Entwicklerstudio das Budget kürzt und auf die Veröffentlichung von mehr Spielen in kürzerer Zeit besteht.
2018: Battle for Azeroth und Diablo Immortal
Als im Jahr 2018 Battle for Azeroth auf den Beta-Servern startete, machten die Spieler ihrem Unmut in den Foren Blizzards Luft: Die Systeme der Erweiterung, allen voran die Azerit-Rüstung, waren zu verwirrend, zu unbefriedigend und nicht das, was man sich von dem Feature erhofft hatte.
Quelle: Activision Blizzard
Bobby Kotick begann nach dem Freikauf von Vivendi rasch mit der Umstrukturierung von Activision/Blizzard.
Anstatt jedoch ihrer Spielerschaft Rede und Antwort zu stehen, schlossen sich bei Blizzard die Türen und das Spielerfeedback wurde schlichtweg ignoriert. Im August 2018 startete die Erweiterung samt aller bisher kritisierten Features. Im September betrat Game Director Ion Hazzikostas die Bühne und entschuldigte sich in aller Form bei der Spielerschaft. Die Kommunikation zwischen der Community und dem Development-Team sollte sich verbessern und die angesprochenen Probleme beseitigt werden. Einen Monat später verließ Blizzard-Mitgründer Mike Morhaime das Studio und J. Allen Brack übernahm den Posten des Präsidenten.
Im November des Jahres fand schließlich die berüchtigtste Blizzcon der Geschichte statt: Nach dem schwachen Vorjahr und dem Battle-for-Azeroth-Disaster benötigte das Studio dringend einen Hit. Spieler wetteten darauf, dass im Haupt-Panel der Blizzcon Diablo IV vorgestellt werden würde - und sie behielten immerhin zur Hälfte recht. Ausgerechnet das Mobile-Game "Diablo Immortal" stellt die Hauptattraktion der Veranstaltung dar. Sätze wie "Habt ihr keine Telefone" und "Ist das ein verspäteter Aprilscherz" wurden zum Meme. Auch wenn BfA einen schwachen Start hinlegte und die Stimmung eher Verhalten war, stellte Diablo Immortal in vielen Köpfen den Zeitpunkt dar, an dem der Ruf Blizzards zum ersten Mal dramatisch wankte. Der Titel sollte zudem für Mobile Geräte erscheinen. Im Dezember fügte Blizzard seinem Sarg einen weiteren Nagel hinzu, als sie praktisch über Nacht die Profi-Szene von Heroes of the Storm abservierten: Selbst Pro-Gamer, Teams und Manager erfuhren zum gleichen Zeitpunkt wie alle anderen Spieler, dass das Development-Team des Titels drastisch gekappt und die E-Sports-Szene nicht mehr unterstützt würde. Damit wurden Karrieren praktisch über Nacht beendet.
2019: Blitzchung und Massenentlassungen
Das Jahr 2019 begann für Blizzard mit einem langen Twitter Post des Angestellten Julian Murillo-Cuellar, in dem er sich über Belästigungen und rassistische Äußerungen im Hearthstone eSports-Team beschwerte. Der im Jahr 2016 geschehene Zwischenfall wurde von Julian zum HR-Team des Konzerns getragen, wo man ihm mitteilte, dass er "Kein Teamplayer" sei und es "schwierig sei, mit ihm zu arbeiten."
Quelle: Activision Blizzard
Während des Blitzchung-Skandals wurden die Worte „Denke global“ und „Jede Stimme zählt“ auf der Blizzard-Statue vor dem Konzern-Hauptquartier von Blizzard-Angestellten verdeckt.
Wenig später trat Bobby Kotick ans Rednerpult und teilte seinen Angestellten in einem Atemzug mit, dass Activision/Blizzard im Jahr 2018 zwar Rekordgewinne einfuhr, trotzdem aber 800 Mitarbeiter in allen Bereichen entlassen würden. Entwicklerteams wurden zwar nicht angetastet, doch die IT- Esports- und Community-Bereiche von Blizzard besaßen mit einem Mal kaum noch Mitarbeiter. In der Jahresmitte nahm daraufhin ein weiteres Gründungsmitglied seinen Hut: Frank Pearce verließ die Firma nach fast 30 Jahren. Frank zeichnete sich durch seine Rolle als Executive-Producer für Warcraft 3 und alle WoW-Erweiterungen bis einschließlich Mists of Pandaria aus.
Als vor dem Hintergrund der Unruhen in Hongkong der Hearthstone-Pro-Spieler Chung "Blitzchung" Ng Wai für ein Jahr gesperrt wurde, begann der öffentliche Druck auf Blizzard zu wachsen. Blitzchung sprach sich während eines Interviews für die Unabhängigkeit Hongkongs aus - woraufhin selbst die Taiwanesischen Kommentatoren gefeuert wurden, die während dieses Moments anwesend waren. Wichtig: Blitzchung brach explizit eine der Regeln des Turniers. Das Timing und der politische Hintergrund waren jedoch so unglücklich das der Schluss nahe Lag, dass Blizzard seine fernöstlichen Interessen schützen wollte, denn China nimmt einen großen Teil des Gaming-Marktes ein. Das Ergebnis waren Proteste vor der Blizzcon, die Einschaltung von Menschenrechtsorganisationen und sogar ein parteiübergreifender Brief der amerikanischen Regierung, die Sperre Blitzchungs rückgängig zu machen.
Quelle: Activision Blizzard
Die groß angekündigten Änderungen und neu aufgenommenen mit dramatischen Kamerawinkeln versehenen Videosequenzen blieben in Reforged aus. Gerade Warcraft 3 war eines der Symbole für Blizzard-Qualität – für viele Spieler ein unverzeihlicher Fehler.
2020: Warcraft 3 Reforged
Die Features von Warcraft 3: Reforged klangen zunächst hervorragend: Neu eingesprochene Dialoge, HD-Grafik samt neuer Modelle und ein verbessertes Interface. Der Trailer auf der Blizzcon 2018 machte Lust auf mehr. Was allerdings im Jahr 2020 auf den Markt kam, hatte damit nicht mehr viel gemein: Die neuen Sprecher wurden gestrichen und die Umgebungsgrafik konnte mit den Trailern nicht mithalten. Am härtesten traf es jedoch Langzeitfans, die mit einem Mal keine Clans mehr nutzen oder offline spielen durften - Features, die im alten Warcraft 3 noch enthalten waren. In der Endnutzervereinbarung sicherte sich Blizzard außerdem die Rechte an allen Mods für WC3:R. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, nahm Reforged in den Spielebibliotheken automatisch den Platz des Originals ein. Wer das alte Warcraft 3 spielen wollte, musste wohl oder übel eine Original-CD erstehen.
Die Situation wurde so dramatisch, dass der damalige Präsident J. Allen Brack sich sogar förmlich bei der Spielerschaft entschuldigte. In einem Bloomberg-Bericht aus dem Jahr 2021 bestätigten sich schließlich die Sorgen der Spieler: Der katastrophale Zustand von Reforged entstand (erneut) durch die Handlungen Activisions, die innerhalb des Projektes nicht nur Misswirtschaft betrieben, sondern auch das Budget des Titels drastisch kürzten.
Quelle: Activision Blizzard
Diablo stellte einen der ersten großen Umbrüche in der öffentlichen Meinung gegenüber Blizzard dar. „Habt ihr keine Telefone“ wurde zu einem Meme, das sich bis heute bei den Spielern hält.
Mitte des Jahres meldete sich ein Hearthstone-Spieler mit dem Nickname Savjz zu Wort, dessen Frau im Rahmen der Entlassung von 800 Blizzard-Angestellten im Vorjahr auf Jobsuche war. Als herauskam, das seine Frau auf Twitter das Unternehmen kritisierte, wurde Savjz nicht mehr zu Hearthstone-Turnieren eingeladen. Nach einigen gegenseitigen Anschuldigungen, wurde der Spieler von der "Schwarzen Liste" entfernt und darf nun wieder an den offiziellen Turnieren teilnehmen. Besonders bitter: Zur gleichen Zeit schrieb Blizzard 2.000 neue Jobs aus. Die Entlassungen aus dem Vorjahr schienen nun besonders willkürlich und ungerechtfertigt. Gegen Ende des Jahres begannen Blizzard-Mitarbeiter, in anonymen Gruppen ihr Gehalt zu vergleichen und stellen dabei enorme Unterschiede fest.
Ebenfalls im Jahr 2020 verließ Creative Director Alex Afrasiabi plötzlich das Unternehmen. Spieler bemerkten seinen Arbeitswechsel erst, als sie sein Linked-In-Profil besuchten und dort die Veränderungen wahrnahmen.
2021: Klagen wegen sexueller Diskriminierung
Das Jahr begann nicht gut für Blizzard: Mit Frances Townsend heuerte das Unternehmen eine berüchtigte Bush-Ära-Politikerin an, die zu ihrer Zeit de facto als das Gesicht im Kampf gegen den Terror fungierte und Handlungen wie Waterboarding und Schlafentzug als unbedingt nötig verteidigte. In ihrer Rolle als Chief Compliance Officer soll sie nun bei dem Konzern dafür sorgen, dass die Spiele Blizzards die Regularien verschiedener Länder einhalten. Townsend machte zuletzt von sich reden, als sie im Zuge der Anklagen Artikel veröffentlichte, die Whistleblower als "Gefahr für ein Unternehmen" bezeichneten. Mit Brian Bulatao heuerte Blizzard zudem einen bekannten Trump-Verwalter als Chief Administration Officer an. Im April des Jahres 2021 nahm Jeff Kaplan seinen Hut, der für fast 20 Jahre bei Blizzard arbeitete und vor allem für seinen Einsatz im Bereich des Overwatch-Franchise berühmt wurde. Fast alle alten Gesichter wurden inzwischen durch neue Manager ersetzt.
Juli dieses Jahres war es schließlich so weit: Das "California Department of fair Employment and Housing" gab bekannt, dass es im Zuge einer zwei Jahre andauernden Ermittlung Klage gegen Activision Blizzard erhebt. Die Anschuldigungen: Sexuelle Belästigung und Diskriminierung. Die Klage enthält anonyme Berichte, denen zufolge Mitarbeiter sich bei Blizzard "ständigen sexuellen Belästigungen, körperlichen Zudringlichkeiten und unfairen Beförderungspraktiken" ausgeliefert sehen. Der ehemalige Creative Director Alex Afrasiabi und Präsident J. Allen Brack werden in dem Dokument explizit genannt. Brack, weil er die Belästigungskultur geduldet und ihr keinen Einhalt geboten hatte und Afrasiabi, weil er mehrere Frauen sexuell belästigt haben soll. Im Zuge der Ermittlungen kommt auch ans Licht, dass der Weggang Afrasiabis aus dem Jahr 2020 wegen "seines Verhaltens gegenüber Mitarbeitern" erfolgte.
Die aggressive Antwort des Konzerns, der die Anschuldigungen als "widerlich und haltlos" bezeichnete, schockierte viele Mitarbeiter, die daraufhin zu Streiks und Protestaktionen aufriefen. In einem offenen Brief an die Führungsriege wurden mehr als 2.500 Unterschriften gesammelt. Bobby Kotick versprach daraufhin, dass die "Verantwortlichen zu Rechenschaft gezogen werden würden." Die Aktienkurse Blizzards begannen seit der Einreichung der Klage zu sinken. Das wiederum führte dazu, dass Investoren eine Sammelklage einreichten, in der sie darauf hinwiesen, dass sie nicht in das Unternehmen investiert hätten, wenn sie von seinen internen Problemen gewusst hätten.
Wie sich die Zukunft des Konzerns gestaltet ist ungewiss. Eines ist jedoch klar: Das Blizzard von vor 2007 existiert nicht mehr und das Unternehmen hat inzwischen seinen gesamten Vorrat an Vertrauen aufgebraucht. In einem Artikel und Video haben wir für euch minutiös den Skandal aufgearbeitet.
