Brütal Legend: Dieses Spiel war Metal pur - und hätte mehr Aufmerksamkeit verdient!

Special Felix Schütz
Brütal Legend: Dieses Spiel war Metal pur - und hätte mehr Aufmerksamkeit verdient!
Quelle: EA

Nach Psychonauts verwirklichte Tim Schafer seinen Traum von einem epischen Heavy-Metal-Abenteuer- und lieferte mit Brütal Legend ein mutiges Werk ab, das an kreativen Ideen kaum zu überbieten war. Misslungenes Marketing und ein paar Schnitzer im Gameplay versauten jedoch die Verkaufszahlen. Bühne frei für einen der tragischsten Flops der jüngeren Spielgeschichte.

Selbst eingeschworene Fans werden zugeben müssen, dass Brütal Legend nicht perfekt war. Es hatte seine Probleme, bei der offenen Welt, den Fahrsequenzen, den Bossen, dem berüchtigten Strategiepart. Und doch: Ich halte das Spiel für ein verkanntes Juwel. Eines, das vielleicht keine absoluten Top-Wertungen, aber zumindest viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Warum Brütal Legend bis heute keine Neuauflage spendiert bekam, werde ich deshalb nie verstehen: Wie schon beim ersten Psychonauts, das bald seine verdiente Fortsetzung erhält, wäre auch ein Brütal Legend Remastered lange überfällig!

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Flop mit Kult-Charakter

12 Jahre ist her, dass Double Fine sein zweites und bislang größtes Werk abgeliefert hat. Brütal Legend war ambitioniert, leidenschaftlich, herrlich kreativ - und es hatte einen ohrenbetäubenden Soundtrack, der Seinesgleichen sucht. Die Verkaufszahlen enttäuschten trotzdem. Das lag vielleicht auch an seiner bewegten Geschichte: Brütal Legend wurde während der Entwicklung von Publisher Activision fallen gelassen, später von EA aufgegriffen und musste sich dazwischen noch durch einen hässlichen Rechtsstreit kämpfen. Das sorgte für negative Schlagzeilen, die man dem Spiel nicht vorwerfen konnte, seinem Image aber kaum hilfreich waren. Vor allem aber hat das Marketing versagt: Trotz wohlwollender Previews, gigantischem Soundtrack und jeder Menge Starpower gelang es den Verantwortlichen nicht, der Zielgruppe zu verklickern, warum Brütal Legend mehr war als "nur" ein weiteres buntes Action-Adventure.

Liebeserklärung an die Rock-Musik: Das Hauptmenü von Brütal Legend Quelle: PC Games Liebeserklärung an die Rock-Musik: Das Hauptmenü von Brütal Legend Dabei reichten eigentlich schon ein paar Minuten im Hauptmenü, um zu wissen, dass Brütal Legend anders war. Nach einem kurzen Intro-Video mit Schauspieler Jack Black (der auch im Spiel die Hauptfigur vertont) lande ich in einem gefilmten Menü, das nur aus einer Schallplatte besteht, die auf einem Tisch liegt. Hände öffnen andächtig die herrlich gestaltete Papierhülle, drehen sie auf Knopfdruck um, ziehen die LP heraus, untermalt von aufpeitschender Rockmusik. So baut man Stimmung auf! Und es schafft Erinnerungen, die sich einbrennen: Für mich hat Brütal Legend eines der schönsten Hauptmenüs aller Zeiten.

Mehr Metal geht nicht!

Brütal Legend (jetzt kaufen 34,95 € ) geht auf ein Konzept zurück, das Tim Schafer viele Jahre mit sich herumschleppte. Die Geschichte handelt von dem Roadie Eddie Riggs, der durch einen Unfall in eine abgefahrene Fantasywelt transportiert wird. Double Fine hat das Setting wie ein spielgewordenes Plattencover inszeniert: Gigantische Statuen in Gitarrenform säumen die Landschaft, Chrom und Flammen dekorieren nahezu jede Szene. In dieser Welt ist Rockmusik pure Kraft und Magie, wer hier die Saite einer Gitarre zupft, setzt Gegner in Brand oder lässt Blitze vom Himmel zucken. Der lässige Eddie fühlt sich wie zu Hause: Mit Charme, Witz und einer mächtigen Axt prügelt sich der stämmige Roadie fröhlich durch dämonische Gegnerhorden, gabelt unterwegs Verbündete auf und nimmt es schließlich mit einem dämonischen Oberschurken auf, der die Menschen unterdrückt.
Kreatives Design, coole Ideen und ein irrer Soundtrack machen Brütal Legend auch heute noch spielenswert. Quelle: PC Games Kreatives Design, coole Ideen und ein irrer Soundtrack machen Brütal Legend auch heute noch spielenswert.

Volle Star-Power

Im Intro des Spiels begrüßt uns Jack Black, der uns eine magische Schallplatte präsentiert. Quelle: PC Games Im Intro des Spiels begrüßt uns Jack Black, der uns eine magische Schallplatte präsentiert. Nicht nur die Geschichte selbst ist herrlich abgefahren, auch die Figuren überzeugen auf ganzer Linie: Eddie wird von Jack Black gesprochen, die perfekte Rolle für den Schauspieler (King Kong, School of Rock) und Musiker (Tenacious D), der hier eine Glanzleistung abliefert. Unterwegs trifft Eddie außerdem wunderbar verschrobene Charaktere, für die Double Fine namhafte Sprecher an Land ziehen konnte: Der lässige Kill Master wird von Motörhead-Legende Lemmy Kilmister gesprochen, Rob Halford (Judas Priest) verkörpert den irrsinnig haarigen Glam-Metal-Schurken Lionwhyte und Ozzy Osbourne legt eine astreine Performance als schriller Guardian of Metal hin. Jack Blacks Band-Kumpel Kyle Gass (Tenacious D) hat einen Gastauftritt, Tim Curry (Rocky Horror Picture Show) mimt den diabolischen Dämon Doviculus und die beliebte Jennifer hale (Mass Effect) spricht Ophelia, in die sich Eddie Hals über Kopf verliebt. Double Fine verlässt sich aber nicht nur auf große Namen: Die Dialoge sind erstklassig geschrieben und sprühen vor Charme und Witz. Die Cutscenes stehen dem in nichts nach, sie sind flott geschnitten und sauber inszeniert, das macht auch heute noch eine Menge Spaß.

Der Comic-Look des Spiels ist außerdem prima gealtert, da sich Double Fine schon damals weniger auf moderne Grafikfeatures, sondern auf ein stimmiges Design verlassen hat. So machen die Charaktere immer noch was her, denn für die Gesichter konnte Double Fine damals eine echte Expertin anheuern: Tasha Sounart hatte zuvor bei Pixar gearbeitet und war dort für die Animationen in Filmen wie Toy Story 2, Monsters, Inc. oder Findet Nemo zuständig. Für Brütal Legend verpasste sie den Charakteren eine ausdrucksstarke Mimik, die trotz der veralteten Technik immer noch sehr gut zur Geltung kommt.
Die Mimik der Charaktere kann sich auch noch absolut sehen lassen. Quelle: PC Games Die Mimik der Charaktere kann sich auch noch absolut sehen lassen.

Spiel mir den Facemelter

So fantastisch die Atmosphäre auch war, konnte das Gameplay ein paar Defizite nicht verbergen. Die Bosskämpfe sahen zum Beispiel klasse aus, spielten sich aber etwas hakelig und ungenau. Auch Eddies Waffen - eine Axt und eine Blitze spuckende Gitarre - waren zwar cool, aber auf Dauer auch etwas wenig. Zwar konnte man per Minigame im Guitar-Hero-Stil noch ein paar Zauber rauspfeffern, die Gegnern im Umkreis kurzerhand das Gesicht wegschmolzen, doch auch das nutzte sich nach einer Weile spürbar ab. Im Gegensatz zu Psychonauts war Brütal Legend auch kein Plattformer, es gab also keine Geschicklichkeitseinlagen, die das Geschehen aufgelockert hätten.
Mehrmals muss Eddies Crew mit dem Tourbus durch die Landschaft brettern, während wir Angreifer abwehren. Quelle: PC Games Mehrmals muss Eddies Crew mit dem Tourbus durch die Landschaft brettern, während wir Angreifer abwehren. Stattdessen gab's ein Auto. Und was für eins! Eddie schraubt sich seine Karre selbst zusammen, blitzblanker Chrom, Totenschädel, riesige Auspuffrohre, aus denen Flammen herausschießen - der TÜV hätte da nein gesagt. Die Karre hat ihre großen Auftritte immer dann, wenn Eddies Crew mit dem Tourbus von einem Ort zum nächsten düsen muss und unterwegs von dämonischen Motorradfahrern angegriffen wird. Es gibt außerdem mehrere toll inszenierte Fluchtsequenzen, in denen man wie von Sinnen durch eine festgelegte Strecke brettert. Diese Abschnitte sind zwar überaus atmosphärisch, verzeihen aber kaum Fehler. Wer mal irgendwo hängen bleibt, muss die Sequenz wiederholen.

Tolle Ideen in leerer Open-World

Nach ein paar Stunden wird Eddie dann in die offene Spielwelt entlassen, die sich nur mit dem Auto vernünftig erkunden lässt. An ihr scheiden sich die Geister: Manche lieben das Gefühl, durch diese wunderbar stilisierten Landschaften zu brettern, die vollgestopft sind mit Metal-Symbolik und Sammelkram, mit dem man Eddies Ausrüstung verbessern und neue Musikstücke freischalten kann. Andere finden die Welt einfach zu leer und leblos, da es kaum Nebencharaktere und Zusatzgeschichten zu entdecken gibt. Auch das Fahrgefühl lässt immer wieder mal zu wünschen übrig; obwohl man natürlich kein vollwertiges Rennspiel erwarten konnte, nutzt sich das Open-World-Konzept nach einer Weile einfach ab.

Die Hauptquestreihe glänzt dafür mit fantastischen Momenten, die auch die Open-World-Erkundung locker wieder ausgleichen: Da muss man beispielsweise eine riesige Metallspinne verkloppen, um ihre Chromseide zu ernten, mit der Lemmy seinen heilenden Bass bespannen kann. Oder man stürmt eine Mine, in der liebenswert-doofe Headbanger als Sklavenarbeiter gehalten werden, die mit ihren gigantischen Schädeln das Gestein zertrümmern.
Die treudoofen Headbanger vereint Eddie zu einer schlagkräftigen Truppe. Quelle: PC Games Die treudoofen Headbanger vereint Eddie zu einer schlagkräftigen Truppe.

Echtzeitstrategie: Die Stage Battles

Und dann gibt es da noch die besonderen Momente, die Brütal Legend weit vom Einheitsbrei abheben: Die Stage Battles. Das sind spezielle Schlachten gegen eine größere Dämonenarmee, die nach dem Prinzip eines Echtzeitstrategiespiels aufgebaut sind. Fachmann Eddie kann hier sein ganzes Können anwenden: Seine Crew leitet er an, eine Bühne zu errichten, sie dient als Einsatzzentrale und muss um jeden Preis verteidigt werden. An Seelenquellen werden anschließend Fanartikel-Shops aufgebaut, um die Energien der Metal-Jünger anzuzapfen - auf diese Weise gelangt Währung aufs Spielerkonto. Die investiert man dann in Truppen, die nach dem Schere-Stein-Papier-Prinzip aufstellt sind: Motorradkämpfer, Headbanger, Scharfschützen oder Roadies, die gigantische Lautsprecher auf ihren Rücken schleppen, mit denen sie Feinde aus der Ferne mit tödlichen Rückkopplungswellen umnieten.

Fast jede Einheit hat außerdem eine Kombo-Aktion, denn Eddie mischt natürlich auch selbst in den Bühnenschlachten mit: Auf Knopfdruck mischt er sich beispielsweise unter eine Gruppe Headbanger und mäht dann als alles niederknüppelnder Moshpit eine Schneise in die feindlichen Reihen. Dank seiner dämonischen Flügel kann Eddie außerdem blitzschnell über das Schlachtfeld hinwegfliegen, dadurch betrachtet er das Geschehen meistens von oben und man behält den Überblick.
Die Strategiekämpfe funktionieren zwar, werden aber schnell eintönig. Quelle: PC Games Die Strategiekämpfe funktionieren zwar, werden aber schnell eintönig. Die RTS-Schlachten spielen sich chaotisch, haben kaum taktischen Tiefgang - aber sie funktionieren. Den Nerv vieler Spieler trafen sie damals allerdings nicht, was auch damit zusammenhing, dass viele anfangs gar nichts von ihnen wussten: Double Fine hatte das Feature zwar vor Release enthüllt, doch das bekamen viele schlichtweg nicht mit. Auch die spielbare Demo zeigte nichts davon. Ein Fehler, wie die Entwickler später selbst zugaben. Die Stage Battles stellten nämlich den kompletten Mehrspielermodus dar, in dem die Spieler aus mehreren Fraktionen wählen und gegeneinander antreten konnten. Da ist also viel Entwicklungszeit hineingeflossen, die sich letztendlich nicht ausgezahlt hat: Brütal Legends Multiplayer konnte keine dauerhafte Community aufbauen und verpuffte so schnell, wie er gekommen war. Das ist auch deshalb tragisch, weil das gesamte Spiel ursprünglich als Echtzeitstrategie-Titel mit hohem Actionanteil konzipiert war. Den Wandel zum Open-World-Action-Adventure vollzog man erst im Laufe der Entwicklung.
Dank Flügeln behält man im Strategie-Part den Überblick Quelle: PC Games Dank Flügeln behält man im Strategie-Part den Überblick Damit ist Brütal Legend ein Spiel, das vielleicht zu viel auf einmal versuchte: Epische Story, Action-Kämpfe, Open-World-Erkundung, Rennspiel, Echtzeitstrategie und Multiplayer - das hätte so manches Team überfordert. Double Fine dagegen hat es tatsächlich geschafft, alles irgendwie unter einen Hut zu bekommen und noch dazu eine gute Geschichte mit tollen Charakteren zu erzählen. Vom irren Design und dem Hammer-Soundtrack mal ganz zu schweigen. Ich finde: Das ist eine Wahnsinnsleistung, die nicht genug gewürdigt wurde.

Double Fine: Das (vorläufige) Ende von AAA-Produktion

Ozzy Osbourne liefert als Guardian of Metal eine hinreißende Performance ab. Quelle: PC Games Ozzy Osbourne liefert als Guardian of Metal eine hinreißende Performance ab. Für Double Fine war danach aber erst mal Schluss mit den großen Titeln: Brütal Legend bekam zwar gute Kritiken, schlug aber längst nicht so ein, wie man es gehofft hatte. Die später veröffentlichte PC-Fassung machte das Spiel zwar einer breiteren Masse zugänglich und es ist heute auch im Xbox Game Pass enthalten, doch zu einem Kult-Hit wurde es trotzdem nie. Ein geplanter Nachfolger wurde gecancelt. Double Fine konzentrierte sich stattdessen auf kleinere Spiele, die parallel von mehreren Teams entwickelt wurden: Es entstanden schräge Titel wie Stacking, Iron Brigade oder Costume Quest, man versuchte sich an anderen Genres, erschuf drei tolle Remaster-Versionen von Lucas-Arts-Klassikern, definierte Kickstarter über Nacht buchstäblich neu. Egal ob mit Rundentaktik (Massive Chalice), Adventure (The Cave), Rogue-like (Rad), Kinect-Titeln (Once Upon A Monster), Mobile-Strategie (Middle Manager of Justice) oder VR-Abenteur (Psychonauts in the Rhombus of Ruin) - Double Fine ließ kaum eine Chance ungenutzt, um neue Erfahrungen zu sammeln und finanziell wieder auf die Beine zu kommen. Von Spielen im Format eines Brütal Legend ließ Tim Schafers Team dagegen die Finger.

Bis heute. Psychonauts 2 ist das erste Großprojekt des Studios, seit ich mit Eddie Riggs durch seine fantastische Metal-Welt gebrettert bin. Und es sieht fantastisch aus - hier bekommt ihr frische Eindrücke von dem kreativen Action-Abenteuer. Ich hoffe wirklich, dass es diesmal seine Kundschaft findet. Dass Double Fine, die heute zu Microsoft gehören, ihre alten Stärken wiederentdecken. Dass ihr Herz für Metal immer noch so brennt wie vor 12 Jahren.

Kurz gesagt: Ich hoffe immer noch auf Brütal Legend 2. Es wäre verdammt nochmal an der Zeit.

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