Call of Duty: Das muss sich in Vanguard ändern, sonst stirbt die Reihe

Kolumne Michael Grünwald
Call of Duty: Das muss sich in Vanguard ändern, sonst stirbt die Reihe
Quelle: Activision

Mit Call of Duty: Vanguard veröffentlichen Sledgehammer Games und Activision am 05. November den nächsten Teil der First-Person-Shooter-Serie. Die Kampagne verspricht einmal mehr kurzweilige Unterhaltung. Doch wie sieht es mit dem Gesamtpaket aus? Laut Redakteur Michael Grünwald muss Vanguard abliefern, um die Reihe nicht komplett zu versenken.

Jetzt ist es also auch offiziell: Mit Vanguard geht es für Call of Duty zurück in den Zweiten Weltkrieg. Während einer Präsentation von Sledgehammer Games durfte ich mir bereits einen ersten Eindruck machen, welche Geschichte die Kampagne in diesem Jahr erzählen wird. Als großer Fan der CoD-Reihe bin ich natürlich gespannt, wie es nach Black Ops Cold War weitergeht. Zunächst einmal muss allerdings die Frage erlaubt sein, ob ich mich überhaupt noch als Fan bezeichnen kann. Schließlich liegt das letzte Call of Duty, das mich vollends überzeugen konnte, ganze sechs Jahre zurück.

Black Ops 3 kam 2015 auf den Markt und hatte sowohl eine starke Story, als auch einen fairen und spaßigen Mehrspielermodus zu bieten. In den drei nachfolgenden Jahren schwächelte die Reihe mit den Titeln Infinite Warfare, WW2 und Black Ops 4 in allen Bereichen. Erst das Serien-Reboot Modern Warfare machte in meinen Augen wieder einen Schritt nach vorne. Doch auch der Versuch, zu den Wurzeln zurückzukehren, ließ meine Leidenschaft für den Shooter nicht komplett neu entflammen. Die Kampagne von Modern Warfare überzeugte mich zwar absolut, doch die Schwächen im Multiplayer waren nicht zu übersehen und verhinderten durchgehenden Spielspaß.Mit Vanguard geht es für Call of Duty nun ein weiteres Mal zurück zu den Anfängen. Vielen mag das Zweite-Weltkriegs-Setting nach wie vor ausgelutscht vorkommen, doch damit habe ich weniger ein Problem. Ganz im Gegenteil, die unterschiedlichen Szenarien der drei Entwicklerstudios bringen eine von mir gern gesehene Abwechslung in das Franchise. Infinity Ward steht für die Moderne, während Treyarch die Zukunft und Sledgehammer Games die Vergangenheit der Kriegsführung abdecken. Die Probleme liegen bei CoD in den letzten Jahren eindeutig im Multiplayer-Bereich, dem früheren Aushängeschild der Reihe. Schließlich spielen wohl die wenigsten Fans ein neues Call of Duty ausschließlich für die fünf- bis sechsstündige Kampagne.

Der Spaßkiller: Skillbased Matchmaking

Call of Duty: Das muss sich in Vanguard ändern, sonst stirbt die Reihe (2) Quelle: Activision Call of Duty: Das muss sich in Vanguard ändern, sonst stirbt die Reihe (2) Die skillbasierte Spielersuche ist bereits seit Jahren im Mehrspielermodus integriert, doch so genervt wie in Modern Warfare und Black Ops: Cold War hat mich das Feature in noch keinem anderen Serienteil. Mit meiner Meinung stehe ich auch nicht alleine da. Viele Fans fordern seit langem zumindest eine Abschwächung dieser Art von Matchmaking. In den beiden genannten Titeln ist jede Runde Anstrengung pur, da die Skilllevel der Spieler in einem komplexen System miteinander verglichen werden, um eine möglichst faire Lobby zu erstellen. Was auf den ersten Blick nach einem gelungenen Feature klingt, kostet mir in kürzester Zeit sämtlichen Spaß am Spielen. Natürlich braucht ein Multiplayer-Shooter wie Call of Duty eine Funktion wie Skillbased Matchmaking, um beispielsweise Einsteigern den Weg zu vereinfachen. Mit Anfänger-Lobbys, die nur bis zu einem bestimmten Rang verfügbar sind, könnten die Entwickler dies jedoch auch regeln.

Für erfahrenere Spieler wäre es dagegen eine Möglichkeit, die skillbasierte Spielersuche zumindest nur optional anzubieten. Denn zwischendurch spiele ich auch gerne einmal kompetitive Runden gegen andere Spieler. Schließlich gehören solche Herausforderungen zu einem Onlinemodus einfach dazu. Aber nicht in dem Ausmaß, in dem sie mich in den letzten beiden Titeln beinahe zur Verzweiflung brachten. Auf der Suche nach Neueinsteigern und dem ständigen Vorantreiben der Reihe in Richtung E-Sports wurde der größte Anteil der Spielerschaft schlichtweg vergessen. Und zwar die Spieler, die einfach nur aus Lust und Laune mit Freunden ein paar Runden Call of Duty zocken wollen.

Der Authentizitätskiller: Kunterbunte Anpassungen

Call of Duty: Das muss sich in Vanguard ändern, sonst stirbt die Reihe (3) Quelle: Activision Call of Duty: Das muss sich in Vanguard ändern, sonst stirbt die Reihe (3) Sledgehammer Games möchte mit Vanguard einen großen Schritt in Richtung authentischeres Spielgefühl gehen. Die Ausschnitte, die mir während der Präsentation vorgeführt wurde, spiegelten das auch gut wider. Die Entscheidung, eine persönliche und düstere Story in der brutalen Zeit des Zweiten Weltkrieges erzählen zu wollen, passt wunderbar in genau dieses Szenario. Schon die kurzen Szenen aus der Kampagne zeigten einige beklemmende Abschnitte. Natürlich bleibt abzuwarten, ob sich dieses Missionsdesign durch die komplette Story ziehen kann, oder ob die Immersion nach kurzer Zeit nachlässt. Diese Authentizität sollte sich im Übrigen auch in den Multiplayer übertragen, ansonsten macht sich Sledgehammer hier recht schnell unglaubwürdig.

Seit einigen Titeln ist es gang und gäbe, dass im Ingame-Shop des jeweiligen Spiels bestimmte Pakete mit Skins, Tarnungen, Visitenkarten und Anhängern angeboten werden. Wobei das Wort "angeboten" dabei komplett fehl am Platz ist. Nicht selten, dass diese Bundles für stolze 24 Euro erworben werden können. Aber darüber soll es in dieser Kolumne gar nicht gehen. Viel mehr stört mich die Tatsache, dass sich diese Skins und Waffentarnungen in letzter Zeit immer mehr hin zu absolutem Kitsch verändert haben. Plötzlich laufen Operator mit Katzenohren und kunterbunten Gewehren mit Blitzmunition über die virtuellen Schlachtfelder. Es scheint, als wäre der Erfolg von Fortnite an Activision und dessen Entwicklerstudios nicht spurlos vorbeigegangen. Für mich und sicherlich auch viele andere Fans haben solche Dinge aber absolut nichts in einem politischen Military-Shooter zu suchen. Ich bin wirklich gespannt, wie Sledgehammer Games den Ingame-Shop im düsteren Szenario von Vanguard handhabt. Denn kunterbunte Outfits haben im Zweiten Weltkrieg absolut nichts verloren.

Der Gameplay-Killer: Das Punktesystem

Call of Duty: Das muss sich in Vanguard ändern, sonst stirbt die Reihe (4) Quelle: Activision Call of Duty: Das muss sich in Vanguard ändern, sonst stirbt die Reihe (4) Ein weiterer Punkt, der immens den Spielspaß bremst, ist die Punktevergabe. Schon in Modern Warfare ließ das System, mit dem Spieler an ihre Abschussserien kommen, zu wünschen übrig. Im aktuellen Titel Black Ops Cold War ging sogar alles komplett den Bach hinunter. Mittlerweile haben Scorestreaks die Killstreaks abgelöst. Das bedeutet, ich bekomme meine Abschussserien nicht mehr nur über das Besiegen meiner Feinde, sondern auch über das Erobern von Punkten oder das Unterstützen meiner Teammitglieder. Was auf den ersten Blick sehr fair klingt, ist leider absolut katastrophal gebalanced.

In Cold War erhalten Spieler einen deutlichen Punktebonus für Abschussketten - und zwar in allen Modi. Aus diesem Grund verkommt derzeit jeder Spielmodus in Call of Duty zu einem simplen Deathmatch. In einer Runde, in der es nur um das Bezwingen von Feinden geht, ergibt diese Funktion für mich noch Sinn. Doch wenn ich Herrschaft, Stellung oder Suchen und Zerstören spiele, sollte es stärker belohnt werden, ein bestimmtes Ziel zu erobern, zu verteidigen oder zu zerstören.

Auch die allgemeine Verteilung der Erfahrungspunkte sollte komplett überarbeitet werden. Wenn beispielsweise das Verlierer-Team nur die Hälfte der XP erhält, würde sich das wiederum positiv auf den Spielstil auswirken. Es wäre schließlich für alle um einiges angenehmer, wenn zielbasierte Modi auch so genutzt werden und nicht nur als Lückenfüller zur Auswahl stehen. Sledgehammer Games muss im Multiplayer von Vanguard an gar nicht so vielen Stellschrauben drehen, um an die Qualität älterer, erfolgreicher Titel heranzukommen. Es sollten allerdings die richtigen sein. Mit 20 Maps zum Release und einer zerstörbareren Umgebung legt das Entwicklerteam schon einmal den Grundstein für eine verbesserte Online-Erfahrung im Vergleich zum Vorgänger.

Der Call-of-Duty-Killer: Battlefield 2042

Call of Duty: Das muss sich in Vanguard ändern, sonst stirbt die Reihe (5) Quelle: Electronic Arts Call of Duty: Das muss sich in Vanguard ändern, sonst stirbt die Reihe (5)

Die Konkurrenz schläft nicht: Nach drei Jahren Abstinenz meldet sich in diesem Jahr Battlefield zurück auf dem Schlachtfeld. Und obwohl Battlefield 2042 ein Jahrhundert nach Vanguard spielt und sich die Waffen-Mechaniken eindeutig voneinander unterscheiden sollten, müssen sich die beiden First-Person-Shooter einen Vergleich gefallen lassen. Einerseits finde ich es äußerst schade, dass der Titel von DICE und Electronic Arts keinen Einzelspielermodus spendiert bekam. Andererseits wirken die Gameplay-Ausschnitte aus dem Multiplayer frisch und spektakulär. Die Auszeit hat Battlefield sichtlich gutgetan.

Einen weiteren, nicht ganz unwichtigen Vorteil sehe ich im Releasetermin des Shooters von DICE. Denn schon zwei Wochen vor der Veröffentlichung von Vanguard kommt Battlefield 2042 auf den Markt. Sollte der Titel von Anfang an abliefern, könnte dies dafür sorgen, dass sich viele Spieler auf den Zukunfts-Shooter festlegen. Zweimal 70 bis 80 Euro innerhalb weniger Wochen für ein Videospiel auszugeben, ist nicht für jeden Menschen so einfach erschwinglich.

Vielleicht kommt aber auch alles ganz anders: Battlefield floppt und Call of Duty kann zur Abwechslung einmal wieder komplett überzeugen. Zumindest bis Sledgehammer Games weitere Informationen zum Multiplayer bereitstellt, kann ich nur darüber spekulieren, wer am Ende die Nase vorne haben wird. Die PlayStation-Alpha am vergangenen Wochenende war zwar spaßig, aber wenig aussagekräftig. Für mich steht deshalb fest, sollte das Gesamtpaket von Vanguard ähnlich schwach aufgestellt sein wie das der Vorgänger, muss Activision die Marke Call of Duty neu denken, um sie relevant zu halten.

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