Clair Obscur im Test: Ich werd' meinen Kindern sagen, dass das Final Fantasy 16 war!

Test Stefan Wilhelm
Clair Obscur im Test: Ich werd' meinen Kindern sagen, dass das Final Fantasy 16 war!
Quelle: Sandfall Interactive

Kaum zu glauben, aber wahr: Das beste JRPG des Jahres kommt aus Frankreich!

Was braucht der unentschlossene Spieletester, der sich noch nicht 100-prozentig sicher ist, ob er nun die höhere von zwei möglichen Wertungen vergeben soll? Nun, am besten einen Bosskampf, in dem er allein von der Musik solche Gänsehaut bekommt, dass er erst einmal zehn Minuten regungslos stehenbleibt und einfach nur zuhört.

Es war weder der erste noch der letzte dieser Momente, in denen Clair Obscur: Expedition 33 (jetzt kaufen 49,95 € / 46,49 € ) aus allen Rohren feuert, aber in meinem Kopf hat er das französische JRPG endgültig zu einem Überraschungshit gemacht.

Etwas Besonderes ist das Spiel aber nicht nur wegen seiner künstlerischen Werte. Ganz nebenbei schaffen es die Entwickler auch, das etwas angestaubte Prinzip der rundenbasierten Party-Kämpfe mit so viel Action und Tiefgang anzureichern, dass man sich dutzende Stunden lang wie in Trance ins Gefecht wirft. Wem Final Fantasy 16 zu wenig Rollenspiel-Substanz bot, der muss sich Clair Obscur ansehen!

Aber fangen wir erstmal ganz von vorne an - wer ist die Expedition 33? Und was für obskure Dinge, die nicht unbedingt clair sind, passieren hier genau?

Ein berauschender Bildersturm

Clair Obscur schafft es schon in den ersten Spielminuten, ein Interesse für seine geheimnisvolle Welt zu wecken. Es erklärt zunächst nicht viel, aber gerade genug, um die Eckdaten verstehen zu können, und beweist nebenbei schon im Prolog, dass hier ein Team mit einer starken künstlerischen Vision an den Zeichenpulten saß.

Der verbogene Eiffelturm. Quelle: Sandfall Interactive Ich kann die frisch gebackenen Croissants beinahe riechen, während ich durch die surreale Stadt Lumière streife, die vielen Details bewundere und mir nach und nach zusammenpuzzle, was hier eigentlich los ist.

Der verdrehte Eiffelturm, die zerbrochenen Triumphbögen, die wirbelnden Blütenblätter, die vom drohenden Ende künden - Clair Obscur zeichnet seine Apokalypse mit meisterhaften Pinselstrichen. Und ausgesprochen Französisch.

Die Malerin, die große, mysteriöse Antagonistin dieses Universums, schreibt jedes Jahr eine kleinere Zahl auf ihren Monolithen, der sich unheilvoll am Horizont erhebt. Zum Zeitpunkt des Spiels ist das, wenig überraschend, die 33.

Jeder Bewohner Lumières, der so alt ist wie die Zahl, muss sterben. Die Menschen haben aber irgendwie gelernt, sich mit dem grausamen Schicksal zu arrangieren, immerhin läuft der Prozess bereits seit 67 Jahren.

Sie stellen Möbel und Habseligkeiten, die sie im Jenseits nicht mehr brauchen, auf die Straße, sie planen Hochzeiten und Geburten um das Massensterben herum und richten eine große Feier für alle aus, die sie verlassen werden. Und obwohl ich schon weiß, was passieren wird, trifft mich die Szene, die den Prolog beendet.

Gustave und Sophie in Lumière. Quelle: Sandfall Interactive Weil sie bildgewaltig inszeniert ist, und von einem Soundtrack untermalt, den wir hoffentlich noch auf der einen oder anderen Preisverleihung hören werden. Die Musik ist sorgfältig platziert, mal episch, mal gefühlvoll, und mal total abgedreht, aber immer gelungen.

Viele der Songs wurden mit Lyrics in verschiedenen Sprachen veredelt, und obwohl meine Französischkenntnisse schon lange nicht mehr reichen, um alle Texte zu verstehen, so höre ich doch immer wieder Begriffe und Namen heraus, die ich aus der Spielwelt kenne. Und dadurch wird die Musik von etwas, das in vielen anderen Spielen nur nebenbei laufen würde, zu einem Kernpfeiler des Erlebnisses.

Kunst mit Substanz

Nun ist man es normalerweise gewohnt, dass solche künstlerisch wertvollen Spiele ihren Fokus ganz auf die audiovisuelle Präsentation legen und spielerisch simpel gehalten sind - man denke etwa an Indie-Klassiker wie Journey, Gris oder Neva. Bei Clair Obscur ist das allerdings nicht der Fall.

Es ist ein klassisches JRPG, das eigentlich alles hat, was man von dem Genre erwartet: Es gibt Dungeons mit Abzweigungen und versteckten Schätzen, eine Weltkarte, die sich nach und nach durch neue Reisemöglichkeiten öffnet, es gibt Nebenquests, Charakterentwicklung, Party-Management und hier und da auch Minispiele. Einen klaren Fokus haben die Entwickler aber trotzdem, und zwar das rundenbasierte Kampfsystem mit Echtzeit-Elementen.

Unsere Protagonisten sind nämlich nicht bereit, sich ihrem Schicksal einfach so zu ergeben. Die Bewohner der Inselstadt Lumière bilden regelmäßig Expeditionstrupps aus ihren fähigsten Kämpfern, die auf den gefährlichen Hauptkontinent reisen, um der Malerin entgegenzutreten.

Allerdings ist keiner der bisherigen Spähtrupps je von dieser Reise zurückgekehrt und wir, die Expedition 33, merken auch schnell, warum: Direkt nach der Landung am Strand werden wir von unbekannten Kräften aufgerieben und der 30 bis 60 Stunden lange Pfad zur Malerin ist mit den Leichen unserer Vorgänger gepflastert.

Der Kontinent wird von bizarren Wesen namens Nevronen bevölkert, die in jedem Gebiet andere Formen annehmen und denen wir am laufenden Band gegenübertreten müssen.

Auf den ersten Blick wirken die Kämpfe dabei noch genretypisch: Wir stellen aus den insgesamt fünf verschiedenen Figuren ein Dreierteam zusammen und wählen in rundenbasierten Kämpfen aus einer großen Bandbreite an Fähigkeiten, sobald unsere Kämpfer an der Reihe und mit genügend Aktionspunkten ausgestattet sind. Die können wir mit einer Vielzahl an Mitteln auffüllen, oder schlicht, indem wir in einer Runde nur den Standardangriff nutzen. Clair Obscur weist dabei aber zwei große Besonderheiten auf.

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