Kolumne: Die Telekom baut das Netz aus, um es drosseln zu können

Kolumne Peter Grubmair
Kolumne: Die Telekom baut das Netz aus, um es drosseln zu können
Quelle: darkroastedblend.com

Stell dir vor ein Gastwirt bietet dir ein günstiges "All you can eat"-Menü an, beschränkt dies aber auf zwei volle Teller, weil die Zutaten in letzter Zeit so teuer wurden. Um das Limit zu überwachen, stellt er jedem Gast einen Ober zur Seite, der natürlich extra eingestellt werden muss und weitere Kosten verursacht. Nur wenn du für das dritte und jedes weitere Teller extra bezahlst, lässt er dich in Ruhe essen. Genau das ist es, was die Telekom augenblicklich mit ihren DSL-Kunden vorhat.

Gestern verkündete die Deutsche Telekom, dass man bis zum Jahre 2016 das Netz so weit "ausgebaut" haben wird, dass man die Leitung eines jeden einzelnen Telekom DSL-Kunden mit "Flatrate"-Vertrag nach dem Erreichen des vorgeschriebenen Datenvolumens drosseln wird können. Eigener Aussage nach nimmt das benötigte Datenvolumen der Kunden permanent zu, und die Antwort der Telekom darauf ist die Drosselung des Netzes. Bis zum Jahre 2016 wird man brauchen, um die entsprechende Technik installiert zu haben. Man wendet also Geld und Technik auf, um das Netz zu bremsen, statt es den steigenden Bedürfnissen der Kunden anzupassen. Grund seien die geringen Preise, so die Telekom, denn man könne nicht immer höhere Geschwindigkeiten bei immer weiter sinkenden Preisen anbieten. Da Power-User die Drosselung mit einer Extrazahlung umgehen können, geht es in Wirklichkeit also gar nicht darum das Netz langsamer zu machen, sondern die Preise zu erhöhen, so erscheint die Taktik der Telekom zumindest auf den ersten Blick. Man möchte nach wie vor Werbung mit billigen Anschlüssen machen, die in der Praxis aber schnell recht teuer werden können, wenn man das Netz wirklich nutzt.

Bedenkt man aber, dass die Telekom ebenfalls schon bestätigte, dass der hauseigene Entertainment-Service von der Drosselung nicht betroffen sein wird, so wie auch alle weiteren von der Telekom selbst angebotenen Dienste, offenbart sich ein anderes Bild. Wer also zukünftig eine Leitung bei der Telekom gemietet hat aber andere Unterhaltungsangebote nutzt, von denen es inzwischen schon eine ganze Reihe gibt, der wird an diesen keine besondere Freude mehr haben, denn wenn man auch nur einen einzigen Film pro Tag in HD mit einer durchschnittlichen Größe von 5GB streamt, erreicht man in den durchschnittlich 30 Tagen eines Monats 150GB Datenvolumen, nur für die abendliche Unterhaltung. Bei 75GB aber setzt schon die Drosselung auf 384kBit/s ein, wenn man eine 16Mbit-Leitung gemietet hat. Man könnte also nur jeden zweiten Tag einen Film in HD sehen, um nicht an die von der Telekom gesetzte Grenze zu stoßen. Es sei denn, man benutzt die Angebote der Telekom, also Entertain.

Das ist es also worum es geht, die Bindung der Telekom-Kunden an die Telekom-Entertainment-Angebote, denn die Videos stellen die größte Belastung im Netz dar. Doch wenn man für die Nutzung anderer Angebote auch noch zusätzliche Gebühren für die benötigte schnelle Anbindung aufbringen muss, werden diese schnell uninteressant, weil schlicht zu teuer. Aus diesem Blickwinkel wirkt die Aussage der Telekom, dass es sich bei Entertain um ein Fernsehangebot handelt und man nicht möchte, dass die Kunden plötzlich vor einem schwarzen Schirm sitzen, wie blanker Hohn. Der schwarze Schirm kommt zwangsläufig, wenn es ein beschränktes Datenvolumen gibt, nur eben nicht für Kunden des eigenen Angebots.

In Zeiten, in denen Konsumenten selbstverständlich mehrere Unterhaltungsangebote im Internet nutzen, ist das was die Telekom da plant nicht gerade als zukunftsträchtig zu bezeichnen. Es handelt sich bei der angekündigten Drosselung nämlich schlicht und einfach um die Abschaffung der Flatrate und das Aushebeln der Netzneutralität. Die Telekom möchte ihre eigenen Daten beschleunigen und andere Daten ausbremsen, bis hin zur Unmöglichkeit bestimmte Konkurrenzangebote nutzen zu können. Man stelle sich ein Internet vor, in dem jeder Anbieter nach Belieben irgendwelche Daten bremst und andere beschleunigt, es wäre der Anfang vom Ende des freien Netzes. Genau weil sich kluge Köpfe dessen bewusst sind, gibt es die Netzneutralität, die besagt, dass alle Daten gleich behandelt werden müssen. In Großbritannien haben sich die größten Telekommunikationsanbieter zur Netzneutralität bekannt, in Holland ist sie sogar im Gesetz verankert, doch in Deutschland will man den Weg des Ungleichgewichts gehen. Die Gefahr besteht, dass es anfangs nur Entertain ist, welches von der Telekom bevorzugt behandelt wird. Doch wie weit ist der Schritt dann noch, dass die Telekom entscheidet, je nach Finanzlage, welche Daten in welcher Geschwindigkeit durchs Netz geleitet werden?

Liebe Telekom, ihr habt schon versucht Youtube zu bremsen, bis ihr gemerkt habt, dass eure Kunden das gar nicht mögen. Warum also glaubt ihr nun erneut, ihnen vorschreiben zu können welche Angebote sie nutzen dürfen und welche nicht? Sorgt doch einfach dafür, dass das Netz funktioniert, dann werden eure Nutzer auch den dafür nötigen Preis entrichten. Erziehungsmaßnahmen aber stehen euch nicht zu, sonst verliert ihr eure Kunden schneller, als ihr eure Bremsen einbauen könnt. Oder ist genau das euer Ziel, die Power-User zu vergrätzen, um dann auf die Datenbremse verzichten zu können?

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