Reportage zu Superhelden in Videospielen: Von der ersten Lizenzvergabe bis heute
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Heutzutage ist es kein Glücksfall, wenn ein Superhelden-Lizenzspiel keine Gurke ist. Das war aber nicht immer so und der Weg bis dahin war lang, beschwerlich und dominiert von den zwei großen Comic-Imperien: DC und Marvel. Vom ersten Superman-Spiel 1979 bis zum Trailer von Suicide Suad und vom ersten Spider-Man-Spiel bis hin zur Angekündigung von Miles Morales beleuchten wir die Geschichte und Entwicklung der beiden Comic-Universen. Jetzt auch mit Video!
Mit der Erfindung des Comics ist die Welt ein bisschen bunter geworden. Was als schwarz-weiße Comicstrips in Zeitungen begann, entwickelte sich über die Zeit zu einem Massenphänomen. Und aus menschlichen und tierischen Protagonisten entstanden nach und nach die Superhelden. Die übermenschlichen Helden, die heute die Stars vieler beliebter Filme und Videospiele sind, entstammen einem Machtkampf, der seinesgleichen sucht. Durch die Gründung von DC Comics 1934 (als Detective Comics) und Marvel Comics 1939 (damals noch Timely Comics) entstanden zwei Verlagshäuser, die als Rivalen in die Pop-Kultur-Geschichte eingehen würden.
In diesem Artikel
Viele Superhelden und Schurken erblickten durch diesen Machtkampf das Licht der Welt. Zunächst in Comics, dann auf Sammelkarten und schließlich in Filmen und Videospielen erkämpften sie sich immer mehr Aufmerksamkeit und prägen bis heute ganze Generationen an Fans.
Grafikbomben und Triple-AAA-Titel waren für die Gaming-Industrie noch Zukunftsmusik, als Superhelden die Comic-Bildflächen betraten. Erst die zaghaften Versuche von Spieleumsetzungen zu Superman (1979) und Spider-Man (1982) legten den Grundstein für heute erfolgreiche Spiele zu den DC- und Marvel-Helden.
Die 80er-Jahre
Quelle: PC Games
Das erste Spiel zu Superman wird wohl auch immer das beste bleiben. An die positiven Kritiken, die der Titel erhielt, kam kein Nachfolger mehr heran.
Das erste Superman-Spiel und zeitgleich der erste Lizenztitel zum gleichnamigen Film von DC wurde von Atari für die hauseigene Konsole entwickelt. Mit über 20 verschiedenen Hintergründen und einem Röntgenblick, der den nächsten Bildschirm aufdecken konnte, war Superman damals ein sehr umfangreicher Titel. Trotz Faxgeräte-Sounds und einer hanebüchenen Mechanik, bei der man seine Superkräfte durch einen Kuss von Lois Lane regenerieren konnte, wurde das Spiel gefeiert. Doch ganze weitere sechs Jahre sollte es dauern, bis der nächste DC Titel erschien - wieder mit Superman-Lizenz. Doch alle Versuche, an den Erfolg des Helden-Debuts anzuknüpfen, scheiterten grandios. Heute ist man sich allgemein recht einig: Es gibt kein wirklich gutes Superman-Spiel und es wird vermutlich auch nie eines geben. Die göttlichen Fähigkeiten von Clark Kent bieten einfach keine gute Grundlage, auf der spannendes beziehungsweise herausforderndes Gameplay basieren könnte.
Quelle: PC Games
Das erste Spider-Man-Spiel wurde nicht nur von einer Einzelperson, sondern noch dazu von einer Frau entwickelt und überzeugte Marvel, weiter in die Gaming-Industrie zu investieren.
In den 80er-Jahren hielt Marvel natürlich nicht die Füße still, sondern verfolgte einen ganz eigenen Ansatz: Quantität über Qualität. Unter dem Publisher Parker Brothers, der als Spielemanufaktur mit Videospielen eigentlich gar nichts zu tun hatte, entstand unter der Einzelregie von Laura Nikolich der erste Marvel-Lizenztitel mit überraschend großem Erfolg. Kurz darauf erschienen drei weitere Marvel-Titel von Adventure International. Die Questprobe-Textadventure-Reihe sollte sich ursprünglich über zwölf Teile erstrecken, das Studio ging allerdings vorher pleite und die Marvel-Lizenz verpuffte im Wind. Dem schnellen Geld auf den Fersen, verkaufte Marvel weitere Lizenzen an Studios, die vor allem auf Low-Budget-Titel spezialisiert waren. Howard the Duck aus dem Hause Alternative Software war ebenso anspruchslos und langweilig wie die Filmvorlage und bot kaum mehr als zehnminütigen "Spielspaß". Andere Titel wie Captain America in: The Doom Tube of Dr. Megalomann waren zwar keine kompletten Reinfälle, konnten aber nur eingefleischte Marvel-Fans begeistern, die sich wohl mehr für die neuen Geschichten ihrer Helden interessierten als die unausgereiften Spielmechaniken.
Quelle: PC Games
Marvels Questprobe Hulk war eine von drei Questprobe-Titeln, die prinzipiell spannend, aber unheimlich schwierig zu meistern waren.
Die 90er-Jahre
Lange Zeit konnte Marvel von Erfolgen wie jenem von DCs Batman-Reihe nur träumen. Die Rede ist aber nicht etwa von der ab 2009 erschienenen Arkham-Reihe, sondern der Iso-Rätsel-Serie von Publisher Ocean. Fast im Alleingang erdachte Entwicklerlegende Jon Ritman den ersten Teil einer Trilogie, die mit Kritiker-Wertungen jenseits der 90 Prozent einen wahren Hype um den maskierten Fledermausmann auslöste. Die Fortsetzungen entwickelte Ocean mit Erfolg selbst weiter, bevor das konkurrierende Studio Sunsoft sich einen Großteil der DC-Lizenzen unter den Nagel riss.
Quelle: PC Games
Batman aus den frühen 90er-Jahren war ein ebenso großer Erfolg wie die seit 2009 bestehende Arkham-Reihe. Den ersten Teil der Trilogie entwickelte ein Entwickler im Alleingang.
Nach einigen guten Sunsoft-Batman-Spielen und einem gescheiterten Superman-Versuch 1992, entwickelte sich ein Trend, der für eine wahre Flut an Superheldenspielen sorgte. Denn aus jeder vergebenen Lizenz entstand nicht nur ein Spiel, sondern gleich mehrere Titel unter dem gleichen Namen wurden entwickelt. Der Grund ist die Art und Weise, wie man in den 90ern Spiele portierte. Wo man heute das gleiche Spiel auf mehreren Geräten spielen kann, waren damals völlig verschiedene Spielerfahrungen je nach System nicht die Ausnahme, sondern die Regel. So wurden meist mehrere Studios angestellt, um das Gameplay nicht nur auf einen anderen Programmiercode zu übersetzen, sondern die Titel von Grund auf neu zu interpretieren, teils mit unterschiedlicher Handlung.
Quelle: PC Games
Batman Returns erschien in neun Versionen, die alle sehr unterschiedlich waren. Die SNES-Version blieb vielen Fans dank der hohen Qualität positiv in Erinnerung.
The Adventures of Batman and Robin (1994) war für die meisten Konsolen ein Beat 'm Up, aber nicht überall war der im Titel genannte Sidekick Robin überhaupt im Spiel enthalten. Auf dem Sega CD handelte es sich bei dem Abenteuer sogar nur um Rennspiel-Sequenzen, unterbrochen von Animationen, angelehnt an die namensgebende Serie. Kaum verwunderlich, dass die Erinnerungen an damalige Titel von Spieler zu Spieler sehr variieren. 1992 entstanden zu Batman Returns nicht weniger als neun Versionen, die eine ganze Palette an unterschiedlichen Wertungen erhielten. Mit dem Verschwinden vieler Konsolen und sich angleichender technischer Leistungen der maßgebenden Geräte nahm dieser Trend ab. Noch bis zum Aufkommen von Smartphones wurde bei Handheld-Umsetzungen oder Handy-Spielen aber ähnlich vorgegangen. Meist wurde hier versucht, mit abgespeckten Mechaniken die primären Varianten der Abenteuer von PC und Konsolen nachzuahmen.
Im Zuge etlicher Lizenztitel-Umsetzungen erblickte bei weitem nicht nur gute Spielesoftware das Licht der Welt. Und einige Lizenzgurken entstanden unter heutzutage namhaften Studios, die sich für ihre dilettantischen Anfänge inzwischen wohl schämen. Blizzard versuchte sich gleich zweimal an einer DC-Lizenz, konnte mit The Death and Return of Superman (1994) und Justice League Task Force (1995) aber keine Lorbeeren ernten. Immerhin trafen während dieser Intermezzi das beinahe-insolvente Studio Condor und Blizzard aufeinander. Kurzerhand von Blizzard aufgekauft, brachte Condor unter dem Namen Blizzard North 1997 den Erfolgstitel Diablo raus. Auch Rare versuchte sich 1990 an einem Lizenztitel und entwickelte die GameBoy-Version von The Amazing Spider-Man unter dem berühmt-berüchtigten Publisher LJN, der als einer der schlechtesten Publisher in die Spielegeschichte eingehen sollte.
Quelle: PC Games
The Death and Return of Superman war der erste von zwei Versuchen von Blizzard, einen Lizenztitel umzusetzen. Nach mäßigem Erfolg brach das Studio dieses Vorhaben glücklicherweise ab.
Die schlechtesten Spiele aller Zeiten?
Quelle: LJN Ltd.
Mit Spielen wie Uncanny X-Man baute sich Publisher LJN über die Jahre ein derart schlechtes Renomé auf, dass er bis heute für Lizenzgurken berüchtigt ist - über 20 Jahre nach seiner Schließung.
LJN: Jeder NES-Spieler oder Retro-Fan wird schon einmal von diesem Studio gehört haben. Obwohl es seine Spiele nicht inhouse entwickelte, wurde sein Regenbogenlogo bald zum Kennzeichen für miserable Spiele. Realistisch betrachtet waren natürlich nicht alle LJN-Titel schlecht, trotzdem erarbeitete sich das Studio einen schlechten Ruf, der bis heute nachhallt. Vom grauenhaften The Uncanny X-Men (1989) über das halbgare Spider-Man: Return of The Sinister Six (1992) bis hin zu Venom/Spider-Man: Seperation Anxiety (1995) schienen die wenigsten Spiele unter dieser Marke qualitative Erfolge zu verbuchen. Trotz dieser schlechten Vorzeichen wurde das Studio 1990 von Acclaim gekauft.
Quelle: PC Games
Bereits vor dem umstrittenen Fantastic-Four-Film gab es ein Videospiel zu den vier Helden – ein unfassbar mieses Ding.
Nintendo hatte zu dieser Zeit beschlossen, dass pro Publisher und Jahr nur fünf Spiele für die NES erscheinen dürften, um die Qualität der Spiele zu wahren. Acclaim sah die Chance, dieses Maximum mit einem weiteren Studio elegant zu umgehen und nutzte sie. Acclaim nahm offenbar in Kauf, sich selbst einen schlechten Ruf zu erarbeiten. Zumindest vorerst ließ DC den Publisher aber trotz eines Qualität-Reinfalls nach dem anderen gewähren. Von 1995 bis 1998 erscheinen so drei Spiele unter der Batman-Lizenz. Diese waren nicht nur alle von Acclaim und dem hauseigenen Studio Probe Entertainment, das Acclaim 1995 aufgekauft hatte, sondern bestachen auch durch unterirdische Qualität. Da benötigte man LJN gar nicht mehr - Acclaim löste das Studio 1996 auf. Nach dem miesen Batman und Robin (1998) und einem spielerischen Fantastic-Four-Debakel (1997) war man sich bei DC und Marvel anscheinend einig, dass Superhelden und Acclaim eine schlechte Kombination war und die Studios des Publishers verloren die Rechte, an den verschiedenen Lizenzen zu arbeiten.
Quelle: PC Games
Capcoms X-Men: Children of Atom war der Auftakt für die Marvel-vs.-Capcom-Spiele. Mit einem freischaltbaren Street-Fighter-Charakter durchbrach man mit diesem Titel die Mauern zwischen den Universen.
Die 90er hielten aber auch sehr Positives bereit: Capcoms X-Men: Children of Atom war ein Kracher an den Arcade-Automaten und legte mit dem freischaltbaren Street-Fighter-Charakter Akum (japanisch "Gouki") den Grundstein für sämtliche Marvel-vs.-Street-Fighter-Spiele, die da noch kommen sollten. Während sich Marvel mit dieser vielversprechenden Kooperation aus dem Jahrzehnt verabschiedete, brachte Titus Interactive die 90er-DC-Gurken-Parade zu einem krönenden Abschluss. 1999 erschien Superman 64, das bis heute als eines der schlechtesten Spiele der Gaming-Geschichte gilt. Als Superman fliegt man durch Metropolis, was sich durch die unfassbar diffuse Steuerung als echtes Problem entpuppte. Da hilft es auch nicht, dass man ständig durch Ringparcours manövrieren muss. Wer beim Scheitern die schöne Aussicht genießen will, wird ebenso enttäuscht: Ein dichter Kryptonit-Nebel verschleiert die Tatsache, dass auf dem N64 keine ordentliche Weitsicht dargestellt werden konnte und sämtliche Grafiken aus einem Kinderbaukasten zu kommen schienen.
Quelle: PC Games
Superman, das für den Nintendo 64 erschien, enttäuschte nicht nur durch die furchtbare Steuerung und miese Spielmechaniken, auch optisch war der Titel grässlich.
Die 2000er-Jahre
Zeitgleich mit dem neuen Millennium entschied DC, die diversen Lizenzen weitestgehend an große, renommierte Hersteller zu vergeben. Ubisoft und Infogrames (inzwischen umbenannt in Atari) waren in diesem Jahrzehnt die häufigsten Publisher für Lizenztitel unter DC, und auch EA, THQ und SCI Games (später aufgekauft von Square Enix) durften hier mitmischen. Das änderte sich 2006 aber schlagartig: Mit der Gründung von Warner Bros. Interactive Entertainment zwei Jahre zuvor baute sich DCs Mutterkonzern Warner Bros. Home Entertainment seinen eigenen Spielepublisher auf und machte sich durch den Kauf vielversprechender Entwicklerstudios unabhängig.
Quelle: PC Games
Mit Batman: Arkham Asylum enstand bei Rocksteady ein derart gutes Spiel, dass Warner Bros. nicht lange fackelte und das Studio aufkaufte.
Bereits 2007 übernahm Warner Bros. das Studio Traveller's Tales, das seit 2005 bekannt für seine Lizenztitel im Lego-Gewand ist. Ein Jahr später erblickte Lego Batman: The Videogame das Licht der Welt und heimste ganze Massen an positiven Bewertungen ein. Als das Studio Midway Games ein Jahr nach Release von Mortal Kombat vs. DC Universe Insolvenz anmeldete, kaufte Warner Bros. große Teile des Unternehmens auf - inklusive der Mortal-Kombat-Lizenz. Der große Erfolg von Batman: Arkham Asylum des noch jungen Entwicklerstudios Rocksteady bescherte diesem ebenfalls eine Übernahme durch den inzwischen riesigen Gamespublisher, der Spiele seither nur noch inhouse entwickeln lässt.
Ähnlich wie DC verfolgte man bei Marvel ab den 2000ern die Strategie, die hauseigenen Superheldenlizenzen ausschließlich an große Publisher zu vergeben. Anders als DC setzte Marvel aber auf einen einzelnen Hersteller und schloss einen Vertrag mit Activision über Exklusivrechte an allen Spider-Man- und X-Men-Spielen. Einzige Ausnahme sollte Marvel vs. Capcom sein - diese Rechte verblieben weiterhin bei Capcom.
