Wenn es um deutsche Wirtschaftssimulationen geht, dann muss man die Gilde erwähnen. Wir schauen zurück auf die Anfänge der Serie und was die Wi-Sim so gut gemacht hat.
Ach ja, die Renaissance - das Zeitalter der Entdeckung. Christoph Kolumbus geht auf Erkundungsfahrt, Leonardo da Vinci läuft zu Höchstformen auf und überall in Europa florieren die Städte und Familiendynastien steigen auf. Die bekanntesten sind da vermutlich die Medici oder die deutsche Kaufmannsfamilie der Fugger.
Genau das ist doch perfekt für ein Videospiel, in dem man sich während dieser Zeit einen Namen macht. In "Die Gilde" konnte man sich vom Lehrling bis zum Handwerksmeister, Edelmann und Lord hocharbeiten und eine eigene Familiendynastie gründen. Dabei fährt das Kopfkino zur Höchstform auf, wenn man die gegnerischen Familien mit Intrigen, Tricks und Finten ausbootet.
In diesem Artikel
Wir haben uns die Geschichte der fast vergessenen deutschen Wirtschaftssimulation angeschaut und klären, wo der Reiz der Familiendynastie lag, wieso es eine der letzten Wi-Sims nach alter Schule war und warum die Familie Fugger ein großes Problem mit dem Spiel hatte.
Es Fuggert!
Die Geschichte von Die Gilde fängt tatsächlich schon lange vor dessen Veröffentlichung an und dann auch nicht mal mit Die Gilde selbst. In den 80ern und Anfang der 90er blüht in Deutschland eine kleine, aber feine Videospielszene auf. Meistens bestehen die Teams nur aus ein paar Leuten. Die toben sich aus und machen alle möglichen Spiele.
Doch schon recht bald kommt ein Trend in good old Germany auf, für den uns der Rest der Welt bis heute ein bisschen belächelt. Denn natürlich entwickelt das als pünktlich und fleißig geltende deutsche Völkchen ein Faible für Wirtschaftssimulationen. Was gibt es schließlich Schöneres, als sich auch noch in der Freizeit in Tabellen, Finanzen und BWL zu stürzen.
Quelle: PC Games
Das C64-Spiel Hanse
Wirtschaftssimulationen üben bis heute einen ganz speziellen Reiz aus. Das Gefühl, wenn man sich von der Gosse in den reichen Adel hochgearbeitet hat, ist etwas ganz Besonderes. Das dachten sich auch die zwei Hobbyentwickler Lars Martensen und Matthias Kriesell. Die haben vorher die beliebten Wi-Sims Kaiser und Hanse auf dem C64 gespielt und wollten auch sowas machen.
Also schaffen sich die beiden Programmierkenntnisse drauf und fangen an zu werkeln. 1988 hat man ein vorzeigbares Ergebnis namens Die Fugger fertiggestellt, benannt nach der berühmten augsburgischen Kaufmannsfamilie der Renaissance.
Anstatt auf Boote, wie noch bei Hanse, setzt Die Fugger deswegen auch auf Fuhrwerke, die man in verschiedene deutsche Städte schickt, um günstig Waren einzukaufen. Die werden dann in Augsburg, der Heimatstadt der Fugger, für ordentlich Schotter verkauft.
Die Karren müssen gewartet und abgesichert werden. Außerdem kann man eigene Betriebe aufbauen, die dann Waren produzieren. Nebenbei kann man in der Politik aufsteigen und auch eine Ehepartnerin finden, denn erst wer Nachkommen hat, darf nach dem Tod seines Charakters weiterspielen.
Überhaupt sollte Die Fugger nicht allein gespielt werden, sondern mit anderen, echten Spielern an einem C64. Dafür findet das Spiel rundenweise statt, fast wie bei einem Brettspiel.
Quelle: PC Games
Das C64-Spiel Fugger
Ein erster Erfolg
Zu dieser Zeit ist die ASM das einzige deutsche Magazin, das sich um Videospiele dreht. Die haben unter anderem eine Rubrik in ihrem Heft, bei der engagierte Hobbyprogrammierer selbst programmierte Spiele einschicken können, die dann von den Testern bewertet werden. Falls jemand, etwa ein Publisher, an einem Spiel interessiert ist, kann der sich gleich bei den Entwicklern melden, denn zusätzlich wird die Privatadresse der Entwickler mit abgedruckt. Da bekommen Datenschützer heute vermutlich Schnappatmung.
Genau da reicht das Entwicklerduo das Spiel ein. Trotz schon damals recht kruder Grafik bekommt Die Fugger von der ASM eine sehr gute Wertung und kann damit tatsächlich das Interesse eines Publishers wecken, der das Ding professionell rausbringen will.
Gesagt, getan, und tatsächlich wird Die Fugger ein erfolgreiches Spiel. Lars Martensen und Matthias Kriesell streichen so frisch nach dem Abi einen guten Batzen Geld ein. Allerdings wird damit nicht sofort eine Karriere als Spieleentwickler begonnen. Im Gegenteil, die beiden wollen erst mal "was Ordentliches" machen und gehen studieren. Mit erfolgreichen Abschlüssen in der Tasche kommen sie Mitte der 90er aber wieder zusammen und entschließen sich: Ein Spiel soll es noch werden. Es wird ein Nachfolger zu ihrem Debütspiel.
