Ihr schaltet bei weichgespülten Triple-A-Games sofort auf Durchzug und meidet moderne Open Worlds wie der Teufel das Weihwasser? Dann ist Dragon's Dogma 2 euer Spiel. Warum, erfahrt ihr im Test!
In Multimillionen-Dollar-Produktionen wie modernen Triple-A-Games ist es oft gar nicht so leicht, herauszufinden, welche Art von Erlebnis die Entwickler eigentlich erschaffen wollten. Wir alle kennen sie mittlerweile zur Genüge: Riesige digitale Welten voller Features, Fortschrittsmechaniken und Aufgaben, die sich aber oft nur wie Beschäftigungstherapie anfühlen, denen der rote Faden fehlt, eine zielgerichtete Vision, die alles zusammenhält.
Auch Dragon's Dogma 2 (jetzt kaufen 26,00 € / 58,49 € ) ist auf den ersten Blick ein Projekt voller Superlative und Möglichkeiten. Es gibt eine gewaltige Fantasy-Welt zu erforschen, etliche Monster zu erschlagen und ebenso viele Quests zu erfüllen.
Aber in einem winzig kleinen Detail, das den meisten Spielern vielleicht gar nicht auffällt, zeigt sich für uns, dass die Entwickler hier ein klares Ziel vor Augen hatten. Wenn wir nach einer beschwerlichen Reise endlich an einem Rastplatz ankommen und unser Zelt aufschlagen, versammeln wir uns mit unseren Begleitern ums Lagerfeuer.
Hier könnten wir nun mit dem Fleisch in unserem Inventar eine deftige Mahlzeit kochen, um einen Buff zu erhalten, oder uns schlafen legen, um unsere Gesundheit wieder aufzufüllen. Wir können uns aber auch neben das Feuer knien und Brennholz nachlegen, Scheit für Scheit, uns einfach nur die züngelnden Flammen ansehen und dem Knistern zuhören.
Auch interessant: Die besten Deals und kompetente Beratung in Sachen Games, Filme, Entertainment und mehr findet ihr ab sofort im brandneuen PCG Ratgeber!
Einen spielerischen Nutzen hat das nicht. Wir können es trotzdem tun, weil es verstärkt, was Dragon's Dogma 2 ganz besonders auszeichnet: Das Gefühl, mit unserem Team ins Unbekannte aufzubrechen und ein echtes Abenteuer zu erleben. Für diese Stimmung opfert Dragon's Dogma 2 so einige moderne Komfortfunktionen und kommt auch gerne mal bewusst sperrig und altmodisch daher. Aber: Die Vision geht auf. Und wie!
Take another litte piece of my heart now, baby
Wer den zwölf Jahre alten Vorgänger gespielt hat, dem wird vieles in Dragon's Dogma 2 sofort vertraut vorkommen. Wir bauen uns in einem verschwenderisch detaillierten Charaktereditor unseren Erweckten zusammen und dürfen uns diesmal auch zwischen zwei Rassen entscheiden, die die beiden erforschbaren Königreiche der neuen Spielwelt bevölkern.
Die Prämisse ist simpel: Ein roter Drache, der Vorbote der Apokalypse, ist erschienen. Weil wir ihm völlig chancenlos, aber tapfer entgegentreten, reißt er uns das Herz aus der Brust und macht uns so zum Erweckten, einem prophetischen Helden, der losziehen und ihn erschlagen soll.
Quelle: PC Games
Als Erweckter sind wir auch in der Lage, mit der Vasallenlegion zusammenzuarbeiten, also mit Begleitern, die aus einer anderen Dimension geholt werden und uns aufs Wort gehorchen. Unseren Hauptvasall erstellen wir selbst, die anderen beiden werden vom Spiel oder von anderen Spielern zusammengebaut und nur zeitweise ausgeliehen.
Spiel um den Thron
Weite Teile der Hauptstory befassen sich im Gegensatz zum wirr erzählten Vorgänger zumindest mit einem klaren Problem: In Vernworth, der Hauptstadt des Menschenreichs, sitzt bereits ein anderer Erweckter auf dem Thron, eigentlich darf es aber nur einen geben.
Damit uns das intrigante Königshaus nicht sofort einen Kopf kürzer macht, sind wir also gezwungen, verdeckt zu operieren. Wir brechen mehrmals ins Schloss ein und sammeln überall Indizien gegen den falschen Erweckten.
Quelle: PC Games
Das klingt spannend und ist wegen der grundsoliden englischen Vertonung und Inszenierung auch stets unterhaltsam anzusehen, eine echte Bindung zur Geschichte und ihren Figuren haben wir aber nicht aufgebaut. Charaktere und Erzählstränge werden eingeführt und gleich wieder fallengelassen, ein Mitspracherecht oder eine formbare Persönlichkeit hat unser stummer Erweckter auch nicht.
Sobald wir in der Mitte des Spiels nach Battahl, das Reich der Katzenmenschen, wechseln und vor vor allem, wenn es plötzlich aufs scheinbare Finale zugeht, ist es kaum noch nachvollziehbar, warum wir dieses und jenes gerade eigentlich tun müssen. Wegen der Qualität der Story spielt man Dragon's Dogma 2 also nicht.
Die Quests: Wir machen's zu deinem Projekt
Viel überzeugender ist da das Questdesign, sowohl bei den Hauptaufträgen als auch bei den Sidequests, denn das beweist Mut zur Lücke: Wir bekommen oft nur grobe Indikatoren, was als nächstes zu tun ist und müssen uns Lösungen und Routen aus dem Kontext erschließen, um voranzukommen.
Manche Ereignisse passieren nur zu bestimmten Tageszeiten oder wurden gleich mit einem Zeitlimit versehen, wir verlieren Charaktere aus den Augen und treffen sie zufällig irgendwo anders wieder oder schaffen Aufträge nur, weil einer unserer Vasallen sie bereits mit seinem Schöpfer in dessen Spiel absolviert hat.
Quelle: PC Games
Auch beim Finden versteckter Schatztruhen und Gegenstände ist die Kompetenz der KI-Begleiter essenziell: Während wir durch die zerklüfteten Ländereien streifen, weisen sie uns permanent auf interessante Dinge hin, die sie entdecken oder schon aus "ihrem" Spiel kennen. Und nur dann werden sie temporär auf unserer Karte markiert. Aussichtstürme, die massenhaft Fragezeichen aufdecken, gibt es bei Dragon's Dogma 2 nicht.
Symbole über den Köpfen von Questgebern? Ebenfalls Fehlanzeige! Neue Aufträge erhalten wir, indem wir aktiv NPCs anquatschen oder beim Bummeln durch die Städte zufällig angequatscht werden.
Dass das Spiel einen eigenen Kodex für all seine NPCs mit Bildern und Wohnorten mitbringt, ist kein Zufall. An einer Stelle mussten wir nachschlagen, weil wir nicht mehr wussten, wie der Kerl, bei dem wir unsere Quest abgeben sollten, überhaupt aussieht.
Was für Komplettisten nach einem wahrgewordenen Albtraum klingt, versetzt Old-School-Gamer in selige Zeiten zurück, in denen Spiele noch geheimnisvoll sein durften und nicht jeder Spieler sämtliche Inhalte auf dem Silbertablett serviert bekam.
Bildergalerie
Das muss man natürlich mögen. Wir können euch zwar versichern, dass wir es trotz des Test-Zeitdrucks und ohne Hilfe von außen problemlos durch die Hauptquest geschafft haben, wir waren allerdings doch ganz schön baff, als wir merkten, wie viel Capcom bereit ist, noch dahinter zu verstecken - und vor allem verpassbar zu machen!
