Enemy Front: Bisschen Open-World, bisschen Stealth, bisschen Spielspaß

Test Michael Sosinka
Enemy Front (7)
Quelle: City Interactive

So viele Weltkriegs-Shooter wie zu besten Call-of-Duty-Zeiten werden längst nicht mehr veröffentlicht, weswegen das neue Enemy Front durchaus interessant wirkt: Offene Areale, Stealth-Gameplay, die Story rund um einen Kriegsberichterstatter und die CryEngine. Was sich auf dem Papier gut anhört, ist in der Praxis aber eine eher mittelmäßige Mischung.

Wenn Warschau ruft

Enemy Front (8) Quelle: City Interactive Enemy Front (8) Nachdem Call of Duty das WWII-Szenario eingestellt hat, versuchen sich andere Spiele an dem Zweiten Weltkrieg. Der neueste Kandidat ist Enemy Front von CI Games, das auf dem Papier einige durchaus vielversprechende Features bietet. In dem Ego-Shooter übernimmt man die Rolle des amerikanischen Kriegsberichterstatters Robert Hawkings, der sich dem polnischen Widerstand in Warschau anschließt, um gegen die Deutschen zu kämpfen. Die Story wird jedoch zu einem großen Teil in Flashbacks erzählt, in denen ergründet wird, wie es dazu kam, dass sich der Amerikaner dem Widerstand angeschlossen hat. Zwischendurch wird immer wieder in Warschau gekämpft. Auch wenn es unter Spieleredakteuren eine ausgelutschte Floskel ist, hier wurde extrem viel erzählerisches Potential verschenkt: Ein amerikanischer Kriegsreporter, der zum Widerstandskämpfer in Polen wird, inklusive Flashbacks, das ist doch mal etwas anderes, als die übliche Heldengeschichte eines Soldaten. Leider wird aus dieser Grundlage so gut wie kein Vorteil gezogen. Zwar gibt es ein paar pixelige Cutscenes, die sehr schwach inszeniert auf den Charakter Robert Hawkings eingehen, aber im Prinzip ist man wieder nur ein ziemlich austauschbarer Kerl, der die Waffe hält. Es gibt durchaus ein paar emotionale Momente, die ganz kurz aufblitzen lassen, was die Entwickler eigentlich bewirken wollten, aber leider nicht genug davon, um wirklich als Gesamtwerk zu überzeugen.

Ballern, Stealth und auch Open-World

Enemy Front (6) Quelle: PC Games Enemy Front (6) Enemy Front ist größtenteils kein Schlauch-Shooter wie ein Call of Duty, auch wenn es diese Abschnitte immer noch gibt. CI Games schickt uns in kleinere Open-World-Areale, wie ländliche Gebiete in Frankreich oder kleine Städtchen. Dabei ist auf dem Radar zwar das Hauptziel verzeichnet, doch abseits des Pfades kann man kleine Nebenaufgaben erfüllen. Man kann zum Beispiel Widerstandskämpfern helfen, die sich in einem Haus verschanzt haben. Das meist offene Spielgebiet erlaubt es zudem, den Gegner auf verschiedene Arten zu überwältigen. Man kann natürlich ballernd durch den Haupteingang rennen, aber es gibt beispielsweise auch einen Keller oder ein Loch in der Mauer. Es ist möglich, sich viele Strategien zusammen zu legen.

Es gibt sogar Stealth-Gameplay, das aber höchstens mittelmäßig umgesetzt wurde. Klar, man kann sich die Wege der Gegner einprägen und von hinten mit dem Messer auf die Deutschen losgehen, aber da man für diese Spielweise leider nicht wirklich belohnt wird, ist es viel effizienter und einfacher, die Gegner auf klassische Rambo-Weise zu erledigen, und es macht sogar mehr Spaß. Fast schon übermächtig ist das Scharfschützengewehr, denn wenn man auf Knopfdruck die Luft anhält, wird ein Zeitlupeneffekt aktiviert. Da haben die Deutschen kaum eine Chance. Klug ist es ebenfalls, feindliche Stützpunkte mit dem Fernglas auszuspionieren. Dadurch wird die Position der Gegner und der Grad der Aufmerksamkeit auf der Minimap markiert. Auf diese Weise kann man zum Beispiel erkennen, ob man drauf und dran ist, beim Schleichen entdeckt zu werden.
Dümmer als die Deutschen erlauben

Enemy Front (9) Quelle: City Interactive Enemy Front (9) Die Gegner-KI ist immer so ein Thema, aber bei Enemy Front ist sie eine Katastrophe. Hier und da gehen die Deutschen in Deckung und gucken wie Hampelmänner heraus, um einen Headshot zu bekommen. Wenn man schleicht, starren sie erst 2-3 Sekunden auf die Spielfigur, bis sich die Alarmanzeige gefüllt hat, danach ist das ganze Lager von einer Sekunde auf die andere alarmiert. Natürlich wollen die Entwickler den Spielern dadurch etwas Zeit lassen, damit sie auf eine drohende Entdeckung reagieren können, aber bei Enemy Front wirkt die Situation unfreiwillig komisch. Am besten sucht man sich im Regelfall eine Deckung oder eine Position, aus der man nur von einer Richtung angegriffen wird. Anschließend kann man sich fast sicher sein, dass die Gegner nach und nach heranstürmen und direkt vor die Waffe laufen. Mit anderen Worten: Sie sind das reinste Kanonenfutter und das ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Auf der anderen Seite sind die Feinde extrem zielsicher und treffen stets durch das tiefste Gestrüpp. Munition gibt es übrigens im Überfluss in blinkenden Kisten und die Gesundheit regeneriert sich automatisch.

Enemy Front (3) Quelle: PC Games Enemy Front (3) Zwar ist man in den Straßen von Warschau, im malerischen Frankreich, in Norwegen oder Deutschland unterwegs, aber besonders viele Höhepunkte gibt es nicht. Die Abwechslung geht dennoch in Ordnung: Als Scharfschütze im Kirchturm, nachts an den Deutschen vorbei schleichen oder ein stationäres MG sprechen lassen. Die Spielzeit liegt bei bis 8-10 Stunden. Zwar kann man die Gegend nach Sammelgegenständen absuchen, aber das ist so unfassbar langweilig, wer will das schon machen? Ansonsten darf man sich am Online-Modus für bis zu 12 Spielern versuchen. Dieser kann es mit der Genre-Spitze natürlich nicht einmal im Ansatz mithalten und es gibt eigentlich keinen Grund, den Mehrspieler all zu lange zu nutzen, abgesehen davon, dass man ewig auf Mitspieler warten muss. Die Alternativen sind einfach deutlich besser. Insgesamt kann das Waffenverhalten ohnehin nicht wirklich überzeugen. Viele Knarren, egal ob Singleplayer oder Multiplayer, wirken irgendwie lasch, unpräzise und wenig durchschlagskräftig. Mag sein, dass sich die Waffen damals so schwammig angefühlt haben, dem Spielspaß kommt das dennoch nicht zu gute. Im Prinzip ist Enemy Front beim Gameplay gar nicht so schlecht, es fühlt sich dennoch alles zu wackelig und abgehackt an.

Wenn die CryEngine keine Wunder vollbringen kann

Enemy Front (2) Quelle: PC Games Enemy Front (2) In Enemy Front arbeitet unter der Haube tatsächlich die CryEngine von Crytek, die in Crysis 3 für fantastische Grafik gesorgt hat, selbst auf der Xbox 360 und der PlayStation 3. Enemy Front ist jedoch der ultimative Beweis dafür, dass man mit dem Grafikmotor auch richtig umgehen muss, um High-End-Grafik zu erzeugen. Enemy Front wirkt an vielen Stellen ohnehin unfertig und das trifft auch auf die Grafik zu. Karge Innenräume, verwaschene Texturen oder steife Animationen, die Optik wirkt bestenfalls unspektakulär. Manchmal hat das Spiel sein Momente, wenn man zum Beispiel durch die offene und malerische Landschaft Frankreichs läuft, vor allem wegen der großen Sichtweite, doch schaut man genauer hin, fällt man erschrocken vom Stuhl.

Man bekommt teilweise derart matschige und flache Baumtapeten zu sehen, die fast schon wie Platzhalten in einer frühen Alpha-Version wirken. Das zerstört die Immersion und den Entwicklern muss das doch aufgefallen sein. Scheinbar war schlicht zu wenig Zeit übrig, um sich um solche Details zu kümmern, wobei man in diesem Fall schon gar nicht mehr von Details sprechen kann. Viel mehr Feinschliff, dass hätte Enemy Front dringend benötigt, denn die ständige Pop-Ups sind ebenfalls allgegenwärtig und nerven massiv. Die tollen Screenshots, die im Vorfeld von Entwicklern und Publisher veröffentlicht wurde, haben mit dem Endresultat nur wenig zu tun, zumindest wenn es um die Xbox 360 und die PlayStation 3 geht. Der Soundtrack versucht etwas Dramatik in die Spielszenen zu bringen. Das klappt eigentlich ganz gut. Die deutsche Synchro ist hingegen qualitativ sehr schwankend. Mal ist sie ordentlich, dann wieder sehr emotionslos vorgetragen. Insgesamt kann man sich mit ihr jedoch anfreunden. In der deutschen Version wurden übrigens alle verbotenen Symbole entfernt. Am Gewaltgrad wurde jedoch nicht geschraubt.

Meinung

Wertung zu Enemy Front (X360)

Wertung:

6.0 /10

Wertung zu Enemy Front (PS3)

Wertung:

6.0 /10
Pro & Contra
offene Spielarealeinteressante GrundthematikStealth-Gameplay möglichsolider Umfangdurchaus Abwechslung im Gameplaydie Action geht in Ordnung
wirkt an allen Ecken und Enden unfertigtechnisch trotz CryEngine eine halbe KatastropheStealth-Gameplay meistens überflüssig, weil Rambo-Spielweise am spaßigstenunterirdisch schlechte KIkeine Höhepunkteunschönes Waffenverhaltenlahmer Multiplayerdeutsche Sprachausgabe qualitativ schwankend
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