Große Enttäuschung in der Fangemeinde, als vor einem Jahr klar wurde, dass die F1-Serie nicht den Sprung auf PS4 wagen würde. Codemasters wollte sich die Zeit geben und keinen Schnellschuss wagen. Mehr Zeit bedeutet mehr Möglichkeiten - muss dann F1 2015 nicht einfach der Rennspielhit des Jahres werden? Kurz: Er ist es nicht.
Sensible Steuerung, bekanntes Fahrgefühl, dynamisches Wetter
Am grundsätzlichen Fahrgefühlt hat sich trotz neuer Hardware nicht so viel getan, wie manch einer meinen könnte. Die Turbomotoren zeigen immer noch ihre Besonderheiten und fordern einen sehr sensiblen Gasfuß. Nach wie vor gibt es enorm viele Möglichkeiten seinen Boliden über die diversen Setup-Optionen nach den ganz eigenen Vorlieben einzustellen und so das spezielle Setting für die besonders schnelle Rundenzeit zu finden. Und auch das bereits aus den Vorgängern bekannte, sehr umfangreiche Hilfepaket, das euch, wohl mittlerweile Rennspieltypisch, praktisch alles zuschalten lässt, was das Rennfahrerleben leichter macht, ist wieder vorhanden. Von der Ideallinie, über ABS, Traktionskontrolle und Bremsassistent, bis hin zum Automatikgetriebe wird dem geneigten Spieler praktisch alles für seine Bedürfnisse geboten. Übrigens auch wieder an Bord: Die Rückspulfunktion. Jede Aktion kann mit einem Tastendruck rückgängig gemacht werden und zwar unendlich oft. Frust kommt da nur wenig auf. Und den nötigen, leichten Zugang bietet das Spiel damit natürlich auch.
Aber eben auch die immer gerne genommene Forderung. Etwa bei der Steuerung, die gerade auf dem Controller extrem sensibel ausgefallen ist und daher einerseits viel Gefühl einfordert, andererseits aber eben auch ein passendes Feedback bezüglich des Boliden-Handlings liefert. Oder bei der sehr gut umgesetzten Reifenabnutzung, die es euch, je nach Reifenhärte früher oder später, deutlich merken lässt, wenn sich der Gummi schön langsam auflöst.
Quelle: Codemasters
Von Anfang an hat uns die Engine bei Regen umgehauen!
Das absolute Highlight ist aber das dynamische Wetter, vor allem auch dessen Einfluss auf das Fahrverhalten des Wagens. Der direkte Wechsel von Trocken auf Nass oder umgekehrt wurde von keinem Rennspiel bisher so gut umgesetzt. Ein plötzlicher Regenschauer, auf falschen Reifen, mit falschem Setting und fehlender Zurückhaltung bei der Geschwindigkeit, kann schnell das Aus bedeuten. Andersherum führt aber auch eine abtrocknende Strecke zu enormen Zeitverlust - wenn man nicht entsprechend schnell reagiert, etwa mit einem spontanen Wechsel der Pneus. Eindeutig, die Stärke von F1 2015 ist die extrem realistische und deshalb auch enorm anspruchsvolle Fahrphysik.
Kommen wir zu der KI-Konkurrenz. Zwar gibt es schon so manchen Aussetzer der Computergesteuerten Fahrer, die einem manchmal die Zornesröte, manchmal aber auch nur ein Grinsen ins Gesicht zaubern, im Großen und Ganze aber macht die CPU diesbezüglich einen wirklich sehr guten Job. Die Positionskämpfe mit den KI-Piloten sind fordernd und vor allem richtig fesselnd präsentiert. Insgesamt hat man den Eindruck immer Herr der Lage zu sein, einer Situation chancenlos gegenüberzustehen, ist eigentlich die komplette Ausnahme.
Nicht wirklich begeistern kann hingegen das integrierten Schadensmodell. Selbiges ist zwar vorhanden, bildet auch vieles gut ab und Unfälle haben durchaus direkte Auswirkung auf das Fahrverhalten, realistisch ist das Alles aber trotzdem nicht. Wieder sieht man allzu deutlich den Kompromiss, den die Entwickler eingehen mussten. Um die Spieler nicht zu überfordern, durch ständige Ausfälle gar zu frustrieren, opfert man einfach ein gehöriges Stück an Wirklichkeit. Schade eigentlich, denn über eine Option hätte man hier Abhilfe schaffen und für uns Spieler zumindest die Möglichkeit auf ein Noch-Mehr von "wie auf der Rennstrecke" bieten können.
Dies bietet dafür dann der erstmals wirklich gut funktionierende Boxenfunk. Über die Sprachsteuerung könnt ihr mit euren Renningenieur kommunizieren und so Taktikänderungen, spontane Boxenstopps oder einfach nur den Zustand des Fahrzeugs direkt besprechen. Gut umgesetzt bringt das Ganze den Realismus, welchen man an anderer Stelle so arg vermisst.
Keine Karriere, kein Spaß?
Quelle: PC Games
Die Ego-Perspektive ist nur was für echte Profis.
Es liegt sicher nicht nur an der fehlenden Karriere, dass ihr bei F1 2015 den Spielspaß im Modi-Menü lange suchen müsst. Auch ist dieses Fehlen nicht der alleinige Grund dafür, weshalb man kaum die Motivation hat, sich länger mit dem Titel zu beschäftigen. Aber mitverantwortlich ist es auf jeden Fall.
Kein Erstellen eines eigenen Fahrers, kein Entwickeln desselben zu einem Star der Szene, kein Hocharbeiten durch die diversen kleinen Teams zu einem Spitzen-Rennstall, kein Verhandeln um neue Sponsorenverträge, kein Verhandeln um überhaupt irgendwelche Verträge - und damit wohl auch keine große Lust wochenlang vor dem Bildschirm mit F1 2015 zu verbringen.
Codemasters beschränkt sich bei den integrierten Spielvarianten wirklich nur auf den nötigsten Standard. Einzelrennen, Zeitfahren und Saison, mehr werdet ihr als Solospieler auch schon nicht finden. Tiefgängigster Modus ist hierbei natürlich die Saison, die euch nach bekanntem Schema die Gelegenheit gibt, als einer der vorgegebenen, realen Fahrer in einem schwach inszenierten Rennzirkus nicht nur um die Ehre zu fahren. Inklusive natürlich auch dem Spaß, in den Trainings das perfekte Setting zu sucht, in den Qualifying-Runs mit der Konkurrenz um die Pole zu streitet und am Sonntag über, falls gewünscht, die volle Renndistanz um einen Podest-Platz zu kämpfen. Rennspielfans wird diese Freude auch der sonstige Sparumfang kaum nehmen können.
Trotzdem bleibt dieser fade Beigeschmack, dass neben der Karriere noch diverse andere Spielvarianten einfach dem Rotstift zum Opfer gefallen sind. Etwa die Koop-Weltmeisterschaft oder die Split-Screen-Rennen. Und auch den Szenario-Modus, der reale Rennsituation für euch in einer Art Herausforderung spielbar machte, gibt es nicht mehr.
Quelle: Codemasters
F1 2015 im Test.
Dem allgemeinen Trend des Minimalismus folgend gibt sich auch der Mehrspielerspaß von F1 2015 und beschränkt sich komplett auf das Onlinespiel über PSN. Hier sind dann aber wenigsten weiterhin die simplen schnellen Rennen oder eben ganze Meisterschaften möglich - inklusive bekannter Optionen, wie private Lobbies und diverser persönlicher Einstellungsmöglichkeiten. Schade allerdings, dass auch im Onlinespiel die Koop-Meisterschaft komplett gestrichen wurde. Trotzdem gibt es beim Onlinemodus bezüglich des Umfangs noch am wenigsten zu meckern, dafür hapert es leider aktuell noch an der Technik, im speziellen am Netz-Code. Während unserer Testsession hatten wir mit ständigen Verbindungsabbrüche und Lags zu kämpfen, wirklich flüssige und durchgängige Rennsessions waren kaum möglich. Wir könnten uns aber vorstellen, dass hier noch etwas gemacht wird und Codemasters dieses Problem schnell in den Griff bekommt.
Bezüglich der Lizenz zeigt der Titel allerdings wieder seine gute Seite. Alle Strecken, alle Teams und alle Fahrer der Saison 2014 und 2015 sind komplett enthalten - ersteres auf Blu-Ray, letzteres per kostenlosen DLC. Mit Vettel in seinem neuen Ferrari über die Rennpiste von Silverstone zu brettern ist also genauso möglich, wie in seinem Red Bull aus dem letzten Jahr.
Geschwindigkeitsgefühl passt, Präsentation eher nicht
Quelle: Codemasters
Champagnerdusche auf dem Siegertreppchen.
Was soll ein Rennspiel vor allem bieten? Ein packendes und realistisches Geschwindigkeitsgefühl. Und genau hier hat F1 2015 auch eine seiner ganz großen Stärken. Wenn der Titel eines wirklich gut macht, dann ist es dieses besondere Renngefühl zu vermitteln, das man hat, wenn man in einem Boliden auf einer der diversen Hochgeschwindigkeitsstrecken dieser Welt wenige Zentimeter über dem Asphalt entlang düst. Besonders in der Cockpit-Sicht, kann man schon fast den Fahrtwind durchs leicht geöffnete Visier spüren. Butterweich und ohne größere Ruckler wird hier Frame für Frame auf den Bildschirm gezeichnet und lässt somit selbst Höchsttempo auf uns absolut realistisch wirken. Ja, genau so stellen wir uns ein Rennspiel vor.
Schön auch, dass die Wettereffekte, das dynamische Wetter hatten wir ja schon angesprochen, passend integriert wurden und man sich auch beim Fahrzeugdesign keine großen Schwächen erlaubt. Gerade in den gut funktionierenden Wiederholungen ist es einfach eine Augenweide, die Boliden bei wechselnden Lichtverhältnissen, nochmals genauestens aus jedem Winkel zu betrachten. Und es passt auch, dass optische Details, wie der Reifenabrieb ebenso berücksichtigt wurden, wie eine realistisch agierende Boxencrew. Und man glaubt es kaum, aber es gibt endlich eine Siegerehrung, Champagnerdusche und jubelnden Teammitglieder. Lange, sehr lange hat es gedauert, aber endlich kann man auch als virtueller Fahrer einen Podest-Platz gebührlich feiern.
Quelle: PC Games
Der beliebte Splitscreen-Modus fehlt in F1 2015.
Es ist also kaum verwunderlich, dass man gerade anfangs von der gebotenen Optik richtig begeistert ist. Allerdings relativiert sich das dann aber doch wieder ziemlich schnell. Etwa, wenn man merkt, dass die Präsentation insgesamt immer noch viel zu trocken wirkt und einem einfach die gewissen besonderen grafischen Highlights fehlen. Oder wenn man sich den Hintergrund der Strecken genauer ansieht und feststellen muss, dass es immer noch, trotz PS4 und größerer Hardware-Muckis, keine wirklichen Details abseits des Asphaltbelages gibt. Richtig trostlos sieht das manchmal aus. Schade ist auch, dass das Safty-Car den Weg ins finale Spiel nicht geschafft hat. Auch in der aktuellen F1-Umsetzung müssen wir mal wieder auf Bernd Mayländer und seinen AMG GT S verzichten. Aber weil das irgendwie alles noch nicht genügt, nervt uns F1 2015 auch noch mit leichtem Kantenflimmern und einem vereinzelnd auftretenden Tearing. Von den etwas zu lang geratenen Ladezeiten wollen wir gar nicht mehr reden. Und so schnell wird dann auch aus Begeisterung, ein "Irgendwie hätte wir uns dann doch etwas mehr erwartet".
Nicht mehr, aber auch nicht weniger hat man sich wohl beim Sound erwartet. Die Motoren klingen nach wie vor satt und genau so, wie man es von den diversen Live-Übertragungen her gewohnt ist. Der Boxenfunk hat im Vergleich zu den letzten Jahren einen richtigen Entwicklungssprung gemacht und ist vom kaum inspirierten Anhängsel zu einer realistisch integrierten Komponente der aktuellen Rennspielumsetzung gereift. Nur der Kommentar kann hier irgendwie überhaupt nicht mithalten. Und dass, obwohl mit Heiko Wasser eine F1-Ikone des letzten Fernsehjahrzehnts von Codemasters verpflichtet wurde. Leider bewahrheitet sich halt dann doch mal wieder, dass ein bekannter Name nicht alles ist. So langweilig und so unpassend wie hier das Ganze "kommentiert" wird, hätte man sich das gesamte Einspielen der neuen Sprachsamples auch sparen können. Mehrwehrt für F1 2015 bringt der RTL-Heiko auf jeden Fall nicht.
