FIFA 21: Mythos Momentum - was steckt dahinter?
Special
Seit Jahren gilt das "Momentum" zu den größten Reizthemen der FIFA-Szene: Gibt es tatsächlich eine Spielmechanik, die im Hintergrund Online-Partien beeinflusst und Ergebnisse verfälscht? Wir schauen uns die Sachlage im Special mal etwas näher an.
Als FIFA-Spieler kennt man die Situation: Man liegt mit seinem Team komfortabel 3:0 vorne, als plötzlich gar nichts mehr funktioniert. Pässe kommen nicht mehr an. Schüsse landen nicht mehr im Tor, sondern am Pfosten oder auf der Tribüne. Verteidiger grätschen sich lieber gegenseitig um, statt auch nur ansatzweise in die Nähe des Balls zu kommen. Wie auf Knopfdruck verliert man von einem Moment auf den anderen die Kontrolle über das Spiel, während beim Gegenüber wie aus dem Nichts auf einmal alles läuft. Aus 3:0 wird in Windeseile 3:3. Und in der 91. Minute landet, wie sollte es anders sein, auch noch ein eingeköpfter Eckball in den eigenen Maschen. Das Blut kocht, der Controller fliegt. Der Frust bricht sich so laut Bahn, dass selbst der Nachbar unter einem noch den Schrei "Verdammtes Momentum!" hört.
Momentum - seit Jahren ist es eines der größten Reizthemen der FIFA-Szene. Ein Unwort, das viel und hitzig diskutiert wird. Die einen glauben fest an seine Existenz, andere halten es nur für ein Hirngespinst, mit dem sich Spieler eine Ausrede für eine Niederlage schaffen wollen. Die Schuld kann ja unmöglich bei einem selbst liegen. Wir wollen uns in diesem Special einmal näher mit dem Phänomen beschäftigen, das die FIFA-Community so auf Trab hält, und klären: Welche Beweise gibt es? Und was sagt Entwickler EA Sports eigentlich zu der ganzen Sache?
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Was ist dieses Momentum?
Als Eingangsfrage gilt es für alle Uneingeweihten aber erst einmal zu klären: Was ist das überhaupt, dieses Momentum? Im Kern ist die Idee ganz simpel: Im Hintergrund eines jeden FIFA-Matches arbeitet angeblich ein Algorithmus, der dafür sorgt, dass der Spielverlauf möglichst spannend bleibt. Wenn ihr etwa bereits früh in Rückstand geratet, boostet die KI eure Akteure und reduziert die Fähigkeit der gegnerischen Kicker. Während ihr also aus jeder Position das Tor trefft, vereiteln Torwart und Latte alle Abschlussversuche eures Gegenübers. So können selbst Spiele gewonnen werden, bei denen der Qualitätsunterschied der beiden Kontrahenten eigentlich viel zu groß ist. Entwickler EA Sports manipuliert quasi den Ausgang eurer Partie.
Laut einer 2019 erfolgten Twitter-Umfrage des FUT Economist - einst FIFA-Youtuber, mittlerweile Live Content Producer bei EA - glauben etwa 73 Prozent aller Spieler daran, dass ein verdecktes Skript im Hintergrund die Strippen zieht und Spielergebnisse maßgeblich mit beeinflusst. Dieser Vote ist zwar nicht unbedingt repräsentativ für die gesamte Spielergemeinde. Mit insgesamt über 30.000 Teilnehmern gibt er aber ein zumindest grobes Bild über die Stimmungslage vieler FIFA-Zocker ab: Die fühlen sich mächtig verarscht! Ein absolut nachvollziehbares Gefühl, sollte tatsächlich nicht das Können eines Spielers über Sieg oder Niederlage entscheiden, sondern der Wille der KI.
Zauberwort "Engagement"
Bleibt noch die Frage nach dem Warum. Welchen Vorteil ziehen die Macher daraus, an der Spielerperformance und damit an Ergebnissen herumzuspielen? Das Zauberwort in dieser Angelegenheit ist "Engagement". Als Spielehersteller hat EA Sports natürlich enormes Interesse daran, dass Konsumenten möglichst viel Zeit mit ihrem Produkt verbringen. Dafür ist ein möglichst befriedigendes Spielerlebnis von Vorteil. Wer als Neuling mit FIFA beginnt, wird in den ersten Online-Partien allerdings erst einmal ordentlich auf die Mütze bekommen. Schließlich kennt man sich mit dem Titel und seinen Mechaniken ja nicht so gut aus. Bei zu vielen Niederlagen am Stück geht aber relativ flott die Lust am Spiel verloren. Irgendwann legen Spieler also FIFA beiseite und wenden sich doch lieber einem Titel zu, der mehr Spaß macht. Um das zu verhindern, streut EA lieber ein paar Erfolgsmomente ein, die am Ball halten und Frust vermeiden.
Das funktioniert umgekehrt genauso: Wer nur gewinnt, verliert auch daran irgendwann den Spaß. Da kann eine taktisch klug platzierte Niederlage genau der richtige Anstoß sein, um den Spieler nochmal anzustacheln. Oder ihn vielleicht sogar dazu zu veranlassen, nochmal über die Qualität seines Teams nachzudenken und, im Falle von FIFA Ultimate Team, ein paar Spieler-Packs zur Verstärkung zu kaufen.
EA Sports: It's NOT in the Game
Die Implementierung ergibt also, wenn moralisch auch fragwürdig, aus rein unternehmerischer Sicht absolut Sinn. Nichtsdestotrotz wird Entwickler EA Sports nicht müde, zu betonen, dass es so etwas wie Momentum in ihren Spielen nicht gibt. "Viele Spieler beschweren sich über das Momentum. Aber es gibt in Wahrheit kein Momentum im Spiel", erklärte etwa Lead Producer Sam Rivera 2018 in der Pro-Sieben-Sendung ran. "Es handelt sich nicht um Momentum, denn selbst Ronaldo trifft nicht immer. Wir kreieren lediglich realistische Situationen und die Spieler verwechseln das mit Momentum." Und auch der Twitter-Kanal FIFA Direct Communication sagt: "Es gibt im Spiel kein Scripting, kein Handicap, kein Momentum oder ähnliche Systeme." FIFA sei klar nach den Konzepten des realen Fußballs aufgebaut. Aus Gameplay-Perspektive gebe es daher keinerlei Grund dafür, ein System zu implementieren, dass auf künstliche Weise den Ausgang eines Spiels beeinflusst.
Dass jeglichen Spekulationen derart vehement widersprochen wird, überrascht nicht. Würde auch nur irgendwie angedeutet, dass in FIFA nicht der bessere, sondern der glücklichere Spieler gewinnt, wären virtuelle Wettkämpfe wohl kaum mehr ernst zu nehmen. Die gesamte professionelle eSport-Szene, die Electronic Arts in den letzten Jahren mühevoll aufgebaut hat, in der jährlich um Millionen an Preis-, Sponsoren- und Werbegeldern gespielt wird, würde jedwede Glaubwürdigkeit verlieren. Das wäre ja so, als ob man Spielern des FC Bayern München Gewichte auf den Rücken schnallt, um die Bundesliga möglichst spannend zu gestalten.
Die eSportler selbst sind von den Entwickleraussagen allerdings nur mäßig überzeugt: Selbst Mohammed Harkous alias "MoAuba", FIFA eWeltmeister von 2019, stellte im Interview mit Sport1 klar: "Ich war immer der Meinung, dass es so etwas nicht gibt, aber von Jahr zu Jahr wird es schwerer, daran nicht zu glauben." Konkrete Beweise haben aber weder er, noch andere Mitglieder der FIFA-Community.
Quelle: PC Games
Nicht nur auf dem Bildschirm geht es um Trophäen. FIFA hat sich mittlerweile zum eSport-Phänomen gemausert, da sind Spekulationen rund um unfaire Mechaniken natürlich ungern gesehen.
Das Patent zum Bescheißen?
Indizien für die Existenz des Momentums gibt es allerdings, und das bereits seit längerer Zeit. In FIFA 06 und 07 gab es sogar eine Momentum-Anzeige, integriert in der Spielstand-Grafik: Rechts beziehungsweise links neben den jeweiligen Team-Namen zeigten drei Punkte an, ob das Spiel gerade mehr in eure Richtung oder die eures Gegners kippt. Das hatte wiederum Auswirkungen auf Leistung und Moral eurer Spieler. Wie genau Momentum gewonnen wurde und wie dessen Auswirkungen konkret aussahen, das war schon damals ziemlich undurchsichtig - und wurde auch später nicht wirklich besser.
Quelle: pcgames.de
Ist mein Team überhaupt gut genug? Laut US-Sammelklage täuscht EA Spieler, was die Qualität ihrer Mannschaften angeht. Das soll den Verkauf von Ultimate-Team-Packs ankurbeln.
2016 fanden etwa Dataminer im Code der PC-Version von FIFA 17 weitere Hinweise zum Thema Momentum. In der ini-Datei des Spiels ist die Rede von "adaptiver Schwierigkeit", zudem lassen sich diverse simple Wenn/Dann-Befehle finden. Das Spiel wird also schwerer oder einfacher, sobald bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden: Bei einer frühen Führung innerhalb der ersten fünf Minuten oder einer Ballbesitz-Statistik von über 70 Prozent wird die Schwierigkeit etwa erhöht. Wenn ihr zu einem beliebigen Zeitpunkt in Rückstand geratet oder keinen Torschuss innerhalb von 30 Minuten verzeichnet, wird die KI hingegen ein wenig nachlässiger. So die Theorie. Unklar war lediglich, ob das System nur offline oder auch online zum Tragen kommt.
Der aktuellste Fall betrifft schließlich zwei Patente, die Publisher Electronic Arts 2018 beziehungsweise 2019 beantragte. Hier taucht erstmals der Begriff "Dynamic Difficulty Adjustment" (kurz: DDA) auf - eine Mechanik, die dynamisch die Schwierigkeit verändert, um die Spielzeit zu maximieren. Die KI passt sich also den Fähigkeiten des Spielers an, um das Erlebnis langfristig herausfordernd und motivierend zu halten. Frust und Langeweile sollen dagegen vermieden werden, beispielsweise durch die kaum wahrnehmbare Erhöhung des Tempos, der Treffsicherheit oder der Sprungkraft eines Ingame-Charakters. Das klingt schon verdammt zwielichtig, oder? Entsprechend überrascht es wohl niemanden, dass im offiziellen FIFA-Forum alsbald verkündet wurde: Nein, DDA wird in keinem der aktuellen EA-Sports-Titel eingesetzt. Wesentlich mehr Transparenz gab es allerdings nicht - auch wenn Spieler diese unter dem Hashtag #ExplainFIFAMomentum vehement forderten.
Wir sehen uns vor Gericht!
Etwas mehr Klarheit könnte daher wohl erst ein US-Gerichtsverfahren bringen, das im vergangenen Jahr gegen Electronic Arts eingeleitet wurde. Vor einem Bezirksgericht in Kalifornien klagten drei Spieler den Software-Riesen an, in den Ultimate-Team-Modi seiner Sportspiele Technologien zu nutzen, die die Schwierigkeit adaptiv verändern und so Ergebnisse beeinflussen. Auf diese Weise werden Spieler im Glauben gelassen, dass ihre Teams weniger gut seien, als sie es tatsächlich sind - was wiederum zum Kauf zusätzlicher Spielerpacks motivieren soll. Die Kläger wollen daher klären, ob EA adaptive Schwierigkeit oder andere vergleichbare Mechanismen verwendet.
Quelle: EA
Kauf mich! Die wöchentlich neu erscheinenden TOTW-Items werden auch in FIFA 21 prominent beworben. Auch, weil die Spezialkarten mit Hilfe von kostenpflichtigen FIFA-Coins gezogen werden können.
Die Antwort seitens Electronic Arts ließ natürlich nicht lange auf sich warten: "Wir glauben, dass die Behauptungen unbegründet sind und unsere Spiele falsch darstellen, und wir werden uns verteidigen", ließ das Unternehmen gegenüber gamesindustry.biz verlauten. Ein finales Urteil steht bis dato noch aus. Wir bleiben aber auf jeden Fall gespannt dran und verfolgen weiter, wie die Geschichte sich entwickeln wird. Denn eine Firma, die Lootboxen als Überraschungsmechaniken bezeichnet, und diese dann auch noch aggressiv an Minderjährige vermarktet, die schreckt bestimmt auch nicht davor zurück, ihre Spielerschaft anderweitig hinters Licht zu führen...
