Fable 2: Albion und Lionhead in Höchstform

Special Maci Naeem Cheema
Fable 2: Albion und Lionhead in Höchstform
Quelle: Lionhead Studios I Microsoft

Es ist mal wieder Zeit für einen Retro-Rückblick, liebe Freunde! Im zweiten Kapitel der Xbox-Historie, dem enorm erfolgreichen Zeitalter der Xbox 360, lief es nicht nur aus Konsolensicht hervorragend für die in Redmond ansässige Firma, es war ebenfalls der Höhepunkt vieler bedeutender Xbox-Marken. Der Sci-Fi-Epos Halo hatte mit Teil 3 und Halo Reach einen fulminanten Abschied des Ur-Entwicklers Bungie und auch die beliebte Fantasy-Reihe Fable erreichte ihren (bisherigen) Höhepunkt. Mit Fable 2 gelang es Lionhead Studios, eines der besten Action-RPGs für die Xbox 360 zu erschaffen.

Im Mai 2020 haben wir bereits ausführlich auf den Erstling der märchenhaften Fable-Reihe geblickt, diesmal möchten wir das fantastische Sequel Fable 2 in den Fokus stellen. Das 2008 veröffentlichte Action-RPG konnte nicht nur den BAFTA Games Award als bestes Action-und-Adventure des Jahres gewinnen, es heimste auch Traumwertungen der Presse ein und gilt als eines der meistverkauften Rollenspiele auf der Xbox 360. Hinter den Kulissen war die Produktion aber aus vielerlei Hinsicht ein Höllenritt für den 1996 gegründeten Entwickler Lionhead Games. Die zuvor noch unabhängige Spieleschmiede hatte nach dem immensen Erfolg von Fable gleich zwei attraktive Angebote auf dem Tisch. Die beiden Riesenkonzerne Microsoft und Ubisoft hatten großes Interesse am britischen Studio, letzten Endes gewann der in Redmond ansässige Xbox-Konzern aber die Oberhand. Der Hauptgrund für Microsoft, sich Lionhead Studios als Xbox-Studio zu sichern, war, sich die Rollenspielserie exklusiv für die Ära der Xbox 360 zu sichern. Fable 2 war für Microsoft ein eklatant wichtiger Titel im geplanten Portfolio der nächsten Konsolengeneration. Die Investition zahlte sich aus, denn Fable 2 überfügelte den Erstling in quasi jeder Hinsicht. Wir klären in diesem Retro-Rückblick, was Fable 2 zum besten Teil der Reihe macht.

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Ein halbes Jahrtausend zieht ins Land

Mit Fable 2 drehte das Team rund um Peter Molyneux die Zeiger satte 500 Jahre in die Zukunft und gab dem Fantasy-Land Albion so genügend Raum, sich von den schrecklichen Attacken des teuflischen Messer-Jack aus dem ersten Abenteuer zu erholen. Der Zeitsprung gab den Machern zudem die Möglichkeit, eine fortgeschrittene und dennoch vertraute Welt zu erschaffen. Der Held von Oakvale, Protagonist aus Fable und Fable: The Lost Chapter, ist in dieser neuen Gegenwart schon lange tot und als Bezwinger Messer-Jacks auf als Legende in die Geschichte Albions eingegangen.
<strong>Hier lässt sich's leben: </strong>Bereits die ersten Konzeptzeichnungen versprühen typische Fable-Magie und zeigen eine wunderschöne Spielwelt. Quelle: Lionhead Studios I Microsoft Hier lässt sich's leben: Bereits die ersten Konzeptzeichnungen versprühen typische Fable-Magie und zeigen eine wunderschöne Spielwelt. Während einer Blütezeit des Friedens expandierte die Heldengilde dereinst auf eine beeindruckende Größe. Durch Hochmut, Arroganz und den Glauben, über den Gesetzen des Landes zu stehen, wurde die Vereinigung jedoch irgendwann mit Heugabeln und Dreschflegeln vom Volke Albions zu Fall gebracht. Zu Beginn von Fable 2 existieren Helden nur noch in Form von Sagen und Geschichten. Die letzte Erinnerung an die Zeit der Heroen, die Überbleibsel und Ruinen der Heldengilde, versank in den Tiefen des Bowertümpels.

Bettelarm und unerwünscht

Die charmante Geschichte von Fable 2 (jetzt kaufen 34,00 € ) beginnt, ähnlich wie beim 2004 veröffentlichten Vorgänger, während der Kindertage unserer Spielfigur. Die wahlweise männliche oder weibliche Hauptfigur wächst jedoch nicht wohlgehütet in einem ländlichen Dorf mit fruchtbarem Boden auf, sondern als bettelarmes Waisenkind in den dreckigen Gassen der Hauptstadt Bowerstone. Durch den frühen Verlust der Eltern kann sie sich einzig auf seine große Schwester Rose verlassen, die gewaltig mit der riesigen Verantwortung und den täglichen Sorgen um Geld, Wärme und Nahrung zu kämpfen hat. Der größte Wunsch der beiden Geschwister ist es, irgendwann auch so luxuriös im wunderschönen Schloss Fairfax wohnen zu können wie die in der Stadt beliebte, wohlhabende Familie Fairfax. In den Straßen Bowerstones geht jedoch das Gerücht um, Lord Lucien hätte seine Ehefrau Helena und deren gemeinsame Tochter durch eine unbekannte Krankheit verloren, leide seitdem stark unter Depressionen und ziehe sich immer mehr von der Bevölkerung zurück. Außerdem soll Lord Lucien ein großes, gar fanatisches Interesse an Objekten und Schriftstücken aus dem alten Reich haben - eine uralte Zivilisation, deren wahre Geschichte nur den Belesensten Albions bekannt ist.

Nur einen Wunsch entfernt

<strong>Helfen, wo man kann:</strong> Einem alten Trunkenbold seine Flasche Wein zurückbringen? Ja, warum denn nicht?! Quelle: PC Games Helfen, wo man kann: Einem alten Trunkenbold seine Flasche Wein zurückbringen? Ja, warum denn nicht?! In all der Düsternis gibt es aber natürlich auch Hoffnung für die zwei Geschwister: Ein reisender Händler sorgt inmitten der Altstadt Bowerstones für Aufsehen. Der Fremde verkaufe angeblich allerlei Relikte aus dem alten Reich, unter anderem eine mysteriöse Spieluhr, mit der man sich einen Wunsch erfüllen kann. Rose stuft das schnell als Humbug ab, wird jedoch von einer geheimnisvollen Frau namens Theresa vom Nutzen des Artefakts überzeugt. Folglich machen es sich die Geschwister zur Mission, den Bewohnern Bowerstones unter die Arme zu greifen, um so das ein oder andere Goldstück für den Kauf der Spieluhr einzuheimsen. Fable-typisch ist es ganz unsere Entscheidung, ob wir dabei eher gute oder böse Taten vollbringen wollen. So können wir zum Beispiel den Trunkenbold Pete beim Kampf gegen seinen Alkoholismus unterstützen oder das Lagerhaus von Balthazar vor Parasiten befreien. So oder so gelingt es den Kindern im weiteren Verlauf des Intro-Tutorials, die Spieluhr zu ergattern. Diese verpufft aber nach Aussprechen des Wunsches im Nichts.

Nachdem die beiden Kinder traurig und niedergeschlagen zu Bett gegangen sind, werden sie in der Nacht überraschend von den Männern Luciens in die imposanten Hallen des Fairfax-Schlosses gebracht. Der scheint nämlich ebenfalls großes Interesse an der Spieluhr zu haben, noch viel mehr jedoch an den Kindern selbst. Wie sich herausstellt, tragen die beiden Geschwister nämlich Heldenblut in sich, sind somit direkte Nachfahren des Helden aus dem originalen Fable und laut einer Prophezeiung eine große Bedrohung für Luciens zu diesem Zeitpunkt noch unbekannte Pläne. Nun werden wir Zeuge, wie Lucien Rose ermordet und uns aus dem Schlossfenster seines Arbeitszimmers wirft - in dem Glauben, uns durch den Sturz ebenfalls für immer beseitigt zu haben. Schwer verletzt werden wir von Theresa gefunden, großgezogen, trainiert und vorbereitet, um der von Lucien erwähnten Bestimmung gerecht zu werden, Albion zu retten und unsere geliebte Schwester Rose zu rächen.
<strong>Problem gelöst?</strong> Lord Lucien ist überzeugt, uns beseitigt zu haben. Der Oberfiesling wird sein blaues Wunder noch erleben - versprochen! Quelle: PC Games Problem gelöst? Lord Lucien ist überzeugt, uns beseitigt zu haben. Der Oberfiesling wird sein blaues Wunder noch erleben - versprochen!

Albion in Bestform

In der etwa 14-stündigen Kampagne ist es unsere Aufgabe, drei weitere Helden zu rekrutieren, die in der Prophezeiung genannt wurden, selbst zu einem mächtigen Kämpfer heranzuwachsen und Lucien das Handwerk zu legen. Die Story kann zwar überzeugen, wie auch im Vorgänger sollte aber keine meisterlich erzählte Geschichte erwartet werden. Die Fable-Serie lebt viel mehr von ihrer reichen Spielwelt, die auch in Fable 2 den größten Pluspunkt darstellt. Die verschiedenen Bezirke von Bowerstone, der neu etablierte Gegenpol Bloodstone und die wunderschönen Landschaften der kleinen Stadt Oakfield sind nur drei der vielen tollen Gebiete, die es zu erkunden gilt. Unsere Taten haben dabei großen Einfluss auf die Spielwelt. Unterstützen wir zum Beispiel zu Beginn den Kleinkriminellen Rufus, so verwandelt sich im späteren Spielverlauf die Altstadt Bowerstones in einen gesetzlosen Ort, in dem Kriminalität und Armut herrschen. Schwester Hannah, besser bekannt als Hammer, ist die erste Heldin der Prophezeiung. Mit ihrer Hilfe soll die Herrschaft Luciens enden.&nbsp; Quelle: PC Games Schwester Hannah, besser bekannt als Hammer, ist die erste Heldin der Prophezeiung. Mit ihrer Hilfe soll die Herrschaft Luciens enden. 

In Albion erwarten einen zudem RPG-typisch auch unzählige Nebenmissionen sowie diverse Aktivitäten wie die Fable-typischen Dämonentüren und die neu dazugekommenen Gargoyles. Die garstigen Steinbiester sind überall in der Spielwelt verteilt und ziehen über unsere Unfähigkeit her - zumindest so lange, bis wir ihre großen Mäuler mit Blei gefüllt haben. Eine der größten Neuerungen in Fable 2 ist, dass unser Abenteureralltag nicht mehr von Questgebern finanziert wird. Stattdessen müssen wir für immer wieder benötigte Finanzspritzen hart arbeiten und clever investieren. Holz hacken, Bier ausschenken, Schmiedearbeit verrichten - durch kleine Mini-Games wird uns das Gefühl vermittelt, tatsächlich ein Leben in Albion zu führen. Wer lieber moralisch fragwürdig sein Brot verdienen möchte, der kann bei Bürgerumsiedlungen oder in der Attentätergilde aushelfen. Das verdiente Geld kann dann entweder in neue Ausrüstung, Objekte oder Gebäude investiert werden.
<strong>Tanzen, Flirten, Rülpsen:</strong> Mit dem Volke Albions zu interagieren ist durch clevere Neuerungen um ein Vielfaches einfacher ... und spaßiger! Quelle: PC Games Tanzen, Flirten, Rülpsen: Mit dem Volke Albions zu interagieren ist durch clevere Neuerungen um ein Vielfaches einfacher ... und spaßiger! Des Weiteren wurde ordentlich am Interaktionssystem geschraubt, wodurch es um ein Vielfaches einfacher ist, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Jede Person, die wir auf unseren Reisen treffen, besitzt einen eigenen Steckbrief, der uns verrät, welche Ausdrucksmittel, Frisuren, Orte oder Geschenke die Person besonders mag. Außerdem finden sich einige Infos über die Sexualität und den Charakter des NPCs. Natürlich kann auch - wie im 2000er-Fable - eine Familie gegründet werden.

Lionhead gelang es gut, die im Vorgänger etablierten Fäden sinnvoll weiterzuführen und an den richtigen Stellen für mehr Spieltiefe zu sorgen. Abseits davon war die vermutlich größte Neuerung der treue Begleiter und beste Freund unserer Spielfigur: ein Hund! Der hilft uns beim Kämpfen und Erkunden der Spielwelt und wird maßgeblich von unserer Moral und unserem Handeln beeinflusst. Anders als im Erstling gibt es aber nicht nur "Gut" und "Böse": "Verdorben" und "Rein" sind neue Möglichkeiten, die Gesinnung der eigenen Spielfigur (und die des Hundes) noch genauer an die eigenen Vorstellungen anzupassen.

Kein Anspruch, kein Problem?

Zwar ist Fable 2 nach wie vor ein fantastisches Spiel, doch es gibt auch einige Aspekte, die den Spielfluss gehörig stören und dadurch sauer aufstoßen. Besonders auffällig ist, wie intensiv Lionhead die Simplifizierung der Reihe mit dem zweiten Teil vorangetrieben hatte. Der liebenswürdige Hund hilft uns viel zu effektiv dabei, Schatzkisten zu finden, das schadet leider ziemlich dem Entdeckerdrang. Zusätzlich gibt es eine goldene Linie, die uns stets zum aktuellen Ziel führt. Die Lust auf Abenteuer, Geheimnisse und Überraschungen wird dadurch ordentlich geschmälert. Auch mit Blick auf das Equipment ging Lionhead unbefriedigende Wege. Statt eines Rüstungswerts und viel Item-Abwechslung gibt es typische Alltagskleidung, die zwar zur Fable-Welt passt, der Individualisierung aber schadet. Die einzigen bedeutenden Einflüsse durch die Kleidung sind Steigerungen der Attraktivität, der Eleganz und der gruseligen Erscheinung. Im Bereich der Waffen, zu denen sich nun aufgrund des Zeitsprungs auch Feuerwaffen gesellen, wurde die Umsetzung zwar besser gelöst, doch auch hier verlor Fable 2 im Bergleich zu den komplexeren Genrekollegen den Anschluss.
<strong>Da geht mehr:</strong> Das Kampfsystem ist zwar übersichtlicher, doch auch um einiges simpler als noch im originalen Fable. Quelle: PC Games Da geht mehr: Das Kampfsystem ist zwar übersichtlicher, doch auch um einiges simpler als noch im originalen Fable. Das Skillsystem und die verfügbaren Fertigkeiten erinnern zwar stark an den Erstling, doch auch in diesem Bereich wurde der Anspruch zurückgefahren. Die drei Bereiche Stärke, Können und Willenskraft sind zwar wieder vorhanden, doch besonders hinsichtlich der Zauber wurden einige Fanlieblinge aus dem Vorgänger gestrichen. Fortan gibt es nur noch acht Zauber, die zwar mehrfach verbessert werden können, sich jedoch auch in geupgradeter Form bezüglich des Effekts kaum verändern.

Ein Fest für Fable-Fans

Die Bewohner Albions und ihr schrullig komisches Auftreten gehören zu den beliebtesten Aspekten der Fable-Serie. Quelle: Lionhead Studios I Microsoft Die Bewohner Albions und ihr schrullig komisches Auftreten gehören zu den beliebtesten Aspekten der Fable-Serie. Die erwähnten Problemchen sind zwar ab und an störend, die positiven Aspekte des zweiten Fable überwiegen aber bei weitem. Albion hat sich (bisher) nie von einer schöneren Seite gezeigt und besonders der starke Fable-Flair sowie die sinnvollen Erweiterungen der Lore machen Fable 2 zum besten Teil der Reihe. Wandert man zum ersten Mal durch die geisterhaften Ruinen Oakvales, des Startgebiets aus Fable und Fable: The Lost Chapters, oder genießt man die herrlich schöne Szenerie der Bowertümpel, so versprüht die von Lionhead entworfene Spielwelt auch heute noch ihren einmaligen Zauber. Zwar ist die Handlung des Abenteuers nicht sonderlich lang, wer aber wirklich jeden Gargoyle finden, jede Dämonentür öffnen und jedes Geheimnis entdecken möchte, der verbringt schnell mal 50 Stunden und mehr in Albion. Und glaubt uns, wenn wir euch sagen: Die lohnen sich richtig.

Was ist eure Meinung zum zweiten Teil der charmanten Fable-Serie? Habt ihr das Action-Rollenspiel damals auf der Xbox 360 gespielt? Und wie sehr freut ihr euch auf das lange überfällige Comeback der Serie, welches aktuell von Playground Games entwickelt wird? Schreibt uns eure Meinung in die Kommentare.

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