Wie ich einmal fast Geld für ein Facebook-Spiel ausgegeben habe - Plants vs. Zombies goes Social
SpecialSeit 2005 ist Gamezone-Autor Sandro Odak auf Facebook unterwegs. Obwohl er nie irgendwelche Apps und Spiele verwendet, wird er bei PopCaps Plants vs. Zombies: Adventures weich. Wo endet für ihn der Facebook-Strudel: Beim Einladen von Freunden? Bei Ressourcentausch? Oder doch erst beim Echtgeldeinsatz?
Hallo, ich bin Sandro. Seit 2005 bin ich auf Facebook unterwegs. Eigentlich habe ich nie Facebook-Apps benutzt. Okay, einen kleinen Ausrutscher während der goldenen Mafia-Wars-Ära gab es schon. Aber das war zu einer Zeit, in der Facebook lange noch nicht in war und die Spiele noch keine 3D-Giganten waren, die einem echtes Geld aus den Taschen zogen. Auch in Bezug auf Apps war ich immer vorsichtig. Alle virtuellen Freunde, die mich zu ihrer "Geburtstagskalender-App" hinzufügen wollten, habe ich jahrelang in einer Freundes-Kategorie geparkt, die "Vollidioten" heißt. Sie durften mir keine Anfragen mehr schicken, sahen mein Profil nicht und viele habe ich mit der Zeit wieder von der Freundesliste entfernt. Wer nicht rafft, dass Facebook eine Geburtstagskalender-Funktion hat und diese Scheiß-Apps reine Datenkraken sind, ist in meinen Augen austauschbar.
Nun hat es mich aber eiskalt erwischt. PopCap startete vor wenigen Tagen Plants vs. Zombies: Adventures als kostenlose Beta-Version. Ein Klick - meine Einverständniserklärung, dass die App meine Daten auslesen, speichern und meinetwegen auch damit jonglieren darf – und schon war ich drin. PopCap, ihr Schweine! Hättet ihr nicht einfach ein anständiges Plants vs. Zombies 2 rausbringen können?
Quelle: PopCap
Alles was falsch ist an Facebook-Spielen: "Um ab Level 12 weiterzuspielen, musst du erst all deine Freunde mit Anfragen nerven. Oder bezahl einfach."
Nun hänge ich in diesem Spiel, löse Tower-Defense-Missionen und wundere mich. Denn das Gameplay unterscheidet sich maßgeblich vom so beliebten Hauptspiel. Die Untoten kriechen im Facebook-Adventure auf geschwungenen Wegen zu einem Wohnmobil, das es zu beschützen gilt. Im kompliziertesten Fall heißt das, dass man mehrere Wege gleichzeitig beschützen muss. Pflanzen hat man dafür nicht mehr in Mengen zur Verfügung, sondern nimmt maximal fünf mit ins Gefecht. Und die muss man sogar anpflanzen! Wer nicht Vorrat anbaut, steht plötzlich während der Runde nackt da. Dann hilft nur eins: Hoffen, dass die ausgesäten Pflanzen genug Schaden anrichten. Sollten sie an der Frontlinie vorbeikommen, steht ihnen Tür und Tor offen – die Zombie-Killer haben meist nur eine geringe Reichweite.
Aber nach 12 Missionen dann das: Eine Polizeistreife lässt mich mit meinem Wohnwagen nicht auf den Highway. Genau da muss ich aber hin, um mit dem Spiel fortzufahren. Nein, ich darf erst mit mindestens zwei Freunden an Bord ins nächste Missionsgebiet übersetzen. Peinlich! Muss ich jetzt wirklich meine Freunde mit dämlichen Anfragen nerven, damit ich weiterspielen muss? "Ja!" brüllt eine aggressive Stimme in meinem Kopf. Wenn ich keine Freunde habe oder sie nicht nerven will, kann ich aber auch 2.000 Zombucks bezahlen. Das ist zwar eine optional käufliche Spielwährung. Unverschämt finde ich es trotzdem. Also nerve ich meine Freunde. Nach all den Jahren, in denen ich geistige Tiefflieger wegen ihrer dämlichen Spielanfragen geblockt habe, steh ich nun selbst da und wundere mich… Warum mach ich den Scheiß überhaupt?
Wie bei Meth sagt der Verstand: "Lass es!" Aber der Mausfinger ist schneller als der Verstand
Nach einer halben Stunde weiß ich es: Weil es dann weitergeht. Nach nur zwei Spieltagen, in denen ich unregelmäßig mal einen Blick in Plants vs. Zombies geworfen habe, stecke ich schon mitten drin in meinem Suchtschema. Richtige Arbeit (ich sollte jetzt eine Vorschau zum Borderlands-DLC Tiny Tina's Assault on Dragon Keep schreiben…) verdränge ich, stattdessen "nur noch eine Runde" und "nur noch schnell neue Pflanzen säen, damit ich nachher wieder Missionen bestreiten kann". Bei einer Runde bleibt es dann nicht. Und gleichzeitig sagt mir PopCap, ich könne jetzt auch damit angeben, gerade einen Freund im Ranking überholt zu haben. Von außen betrachtet Nerv-Faktor OVER NINETHOUSAND! Aber mein Kopf sagt in diesem Moment: "Hm, vielleicht sollte ich der Welt schon mitteilen, dass ich wenigstens in Plants vs. Zombies besser bin als PC-Games-Chefredakteurin Petra Fröhlich." Wie bei Crystal Meth sagt der Verstand: "Nein. Lass die Finger davon." Aber der Kopf sagt: "ZOMBIEEEEES!" und bevor ich mehr darüber nachdenken kann, klickt mein Mausfinger wie fremddirigiert rum und spielt weiter.
Quelle: PopCap
Freunden kann man Zombies in den Garten schicken und die Verteidigung austesten. Falls man durchkommt, sackt man deren Geld ein.
Kann es schlimmer kommen? Nein? Denkste! Der Tiefpunkt auf meiner Facebook-Junkie-Karriere folgt geradewegs beim nächsten Start der App. PopCap verspricht satte 75% Rabatt! Zeugs im Wert von über 15€ jetzt zum Schnäppchen für nur drei Euro irgendwas! Schnell zuschlagen, ein Timer tickt schon. Als ich mich dabei ertappe über den Kauf nachzudenken, weil ich ja gerade wirklich wenig Münzen hab, ist der Spuk glücklicherweise vorbei. Wie eine Barriere setzte der Verstand wieder ein. Ich denke "Moment, 3€ für digitalen Kram der absolut nichts wert ist, sind drei zu viel." Fast hätte es PopCap geschafft, mir auch den letzten Rest Spieler-Ehre durch Ingame-Käufe zu nehmen. Aber ich bleibe standhaft.
Trotziges Gesicht. Verschränkte Arme. Der Wille ist unantastbar, hier setze ich mich ein für alle Mal durch, damit basta! Ja? Bleibt das so? Gibt es ein Happy End? Wer weiß. Während eben diese Zeilen aus mir heraussprudeln, schiele ich bereits immer wieder zum Laptop rüber. Die aufgebaute Barriere beginnt zu bröckeln. Wie ein Zigaretten-Suchti denke ich "Ach Komm schon, ein einziges Spiel kann schon nicht schaden." Ich weiß, dass ich mich selbst anlüge. Das hat auch zu meiner WoW-Zeit nicht gestimmt und das ist auch heute mit den Pflänzchen und den Hirnfressen keineswegs anders. Im Moment ist noch alles okay. Aber was, wenn ich nach diesem Artikel plötzlich nichts anderes mehr zu tun habe…
Wie sieht es bei euch aus: Spielt ihr Browsergames oder Handyspiele? Habt ihr euch schon mal dabei erwischt, wie ihr alle Prinzipien als Gamer über Bord geworfen habt und Spaß an etwas hattet, was ihr davor nie verstanden habt? Sind Facebook-Spiele Fluch oder Segen? Sagt uns eure Meinung dazu in den Kommentaren und seid ruhig ehrlich – wenn Sandro den Mut gefunden hat, über seine Verfehlungen zu schreiben, dann muss euch das nicht peinlich sein!
