Fallout 76: Nach 20 Stunden ausgestiegen – darum hat die Fallout-Serie ein ernstes Problem

Kolumne Lukas Schmid 35,99 €
Fallout 76: Nach 20 Stunden ausgestiegen – darum hat die Fallout-Serie ein ernstes Problem
Quelle: buffed

Fallout 76 hätte etwas richtig Großes werden können: Eines der am meisten respektierten Entwicklerstudios der Welt bringt eine der gewichtigsten Singleplayer-Rollenspiel-Reihen überhaupt in MMO-Gefilde - auf dem Papier eine grandiose Idee! In der Praxis ging das aber leider ordentlich in die Hose, findet Redakteur Lukas Schmid und sieht in seiner Kolumne ein grundsätzliches Problem für die Fallout-Reihe. Inklusive Video-Kolumne!

Vorweg: ich liebe Fallout, zumindest seit dem Eintritt der Reihe in die dritte Dimension. In Fallout 3, Fallout: New Vegas und Fallout 4 - auch, wenn das bereits deutlich schwächer war als die beiden Vorgänger - habe ich jeweils unzählige Stunden verbracht.

Insofern habe ich mich nach der Ankündigung schon ziemlich auf Fallout 76 (jetzt kaufen / 35,99 € ) gefreut - obwohl es mir als Einzelspieler-Liebhaber doch etwas sauer aufstieß, dass die Serie hier in ein MMO-artiges Abenteuer umgemünzt wurde. Aber sei's drum, dachte ich mir, anders als etwa Activision Blizzard es mit Diablo Immortal gemacht hat, weiß man bei Bethesda stets, dass die etwas experimentierfreudigeren Ableger nicht bedeuten, dass die Hauptserie fortan ignoriert wird. Außerdem - und das war für mich der springende Punkt - stellen die Macher noch während der E3-Präsentation klar, dass Solisten nicht gezwungen sind, den Mehrspieleraspekt abseits verstreut in derselben Welt herumlaufender Spieler wirklich wahrzunehmen.

Abgebrochene Endzeit

Skelette in Fallout 76. Quelle: buffed Fallout 76: Nach 20 Stunden ausgestiegen – darum hat die Fallout-Serie ein ernstes Problem Alles super also, sollte man meinen. In Wahrheit aber bin ich mehr als froh, dass nicht ich, sondern Kollege Matthias Dammes die Schirmherrschaft über unseren PC-Games-Test zu Fallout 76 übernommen und sich mühsam durch die gesamte Story des Spiels gearbeitet hat. Nicht nur zahlreiche Tester auf der ganzen Welt brachen ihren Ausflug in das postapokalyptische West Virginia frühzeitig ab, weil sie sich einfach nicht mehr dazu motivieren konnten. Auch ich legte nach etwas über 20 Stunden das Gamepad zur Seite und sagte mir: "Genug ist genug." Da kann die Liebe für die Serie noch so groß sein, was die Entwickler hier abgeliefert haben, taugt leider schlicht und ergreifend nix; und erlaubt, obwohl es sich eben nur um ein Spin-off handelt, leider keinen allzu optimistischen Blick auf die Zukunft der Reihe.

Ich will jetzt gar nicht groß auf die mannigfaltigen Probleme des Spiels wie die tote Spielwelt, die unzähligen und unverzeihlichen Bugs und das lahme Missionsdesign eingehen. Das tut Kollege Matthias in seinem Test, in dem er ebenfalls zu einem sehr ernüchternden Ergebnis kommt, schon zur Genüge. Stattdessen behaupte ich: Da steckt ein symptomatisches Problem dahinter. Bethesda weiß nicht mehr, was Fallout ist, beziehungsweise haben sie keine Ahnung, wohin genau sie damit wollen.

Wie alles begann

Brandbestie und zwei Kämpfer in Powerrüstung aus Fallout 76. Quelle: Bethesda Fallout 76: Nach 20 Stunden ausgestiegen – darum hat die Fallout-Serie ein ernstes Problem Für die Anfänge dieser Entwicklung müssen wir uns zu Fallout 3 zurückbegeben, dem ersten Teil der Reihe, der von Bethesda und nicht mehr vom Black Isle Studios entwickelt wurde. Keine Frage, es war und ist ein brillantes Abenteuer und wird zu Recht bis heute von vielen Fans (mich eingeschlossen) verehrt. Mit dem zerstörten Washington D.C. und Umgebung lieferte man eine Spielwelt ab, welche das Open-World-Genre wenn schon nicht revolutionierte, dann doch sehr positiv prägte. Hier erzählte die Welt selbst ebenso eine Geschichte wie ihre Bewohner!

Es ist aber auch eine Tatsache, dass die Entwickler sich schon hier ein ganzes Stück weit von dem wegbewegten, wofür Fallout bis zu diesem Zeitpunkt bekannt war - eine richtige, offene Spielwelt etwa gehörte da ursprünglich nicht dazu. Ja, Fallout 3 ist wie die Vorgänger ein Rollenspiel, aber eines, dessen Fokus klar auf der Action liegt. Entscheidungen, Individualisierungsmöglichkeiten und mehr spielten hier eine deutlich kleinere Rolle als bisher.

Die anderen Fallout-Macher

Fallout 76: Nach 20 Stunden ausgestiegen – darum hat die Fallout-Serie ein ernstes Problem Quelle: PC Games Fallout 76: Nach 20 Stunden ausgestiegen – darum hat die Fallout-Serie ein ernstes Problem Dann kam Fallout: New Vegas und orientierte sich trotz der von Fallout 3 übernommenen Optik und Kameraperspektive wieder stärker an den Ursprüngen der Reihe. Allerdings, es wurde eben nicht direkt von Bethesda entwickelt, sondern von Obsidian Entertainment, die inzwischen als eine Art Bewahrer klassischer RPGs gelten und aufgrund ihrer guten Arbeit sogar von Microsoft aufgekauft wurden.

Bethesda selbst wollte aber nicht in diese Richtung gehen, das war spätestens mit dem Release von Fallout 4 offensichtlich. Hier gab es weniger Entscheidungsmöglichkeiten als jemals zuvor, stattdessen wird fast jeder Konflikt gezwungenermaßen mit der Waffe gelöst. Ex-Kollege Peter Bathge ärgerte sich zum Release in einer Kolumne darüber, wie potenziell tolle Missionen im Spiel durch diese Vorgehensweise völlig belanglos daherkommen. Auch alle anderen RPG-typischen Elemente wurden gehörig zurückgefahren.

Nix dazugelernt, trotzdem gut

Stattdessen gab es ein Crafting-System, nach dem niemand gefragt und mit dem sich ein stattlicher Teil der Spieler kaum jemals auseinandergesetzt hatte und die Erkenntnis, dass die ehemaligen Vorzeige-Open-World-Entwickler nicht wirklich mit der Zeit gegangen sind. Während die Genre-Konkurrenz es nämlich schaffte, Spielwelten zu kreieren, die trotz teils stattlicher Größe technisch ziemlich sauber daherkamen, war Fallout 4 Bethesda-typisch gespickt mit Bugs. Auch grafisch lebte man in der Vergangenheit und lieferte einen Titel ab, der auf den ersten Blick trotz satten sieben Jahren Zeitabstand zwischen den Releases nicht drastisch besser aussah als Fallout 3.Auch, wenn Kritiker und Fans das Spiel mochten, war es offensichtlich, was für das nächste Spiel unbedingt überarbeitet gehörte: Eine neue Engine musste her, Bugfixing durfte nicht mehr bloß ein Lippenbekenntnis sein und anstatt die (nur moderat befriedigend spielbare) Action in den Mittelpunkt zu stellen, mussten wieder anspruchsvolle Rollenspiel-Elemente und Entscheidungen mit Konsequenzen her. Dass die Leute weiterhin Lust auf ein spannend gestaltetes Singleplayer-Fallout hatten, war angesichts der Verkaufszahlen offensichtlich. In Sachen Atmosphäre und Worldbuilding konnte der Titel zudem immer noch was!

Die Kumulation allen Übels

Fallout 76: Nach 20 Stunden ausgestiegen – darum hat die Fallout-Serie ein ernstes Problem Quelle: PC Games Fallout 76: Nach 20 Stunden ausgestiegen – darum hat die Fallout-Serie ein ernstes Problem Und damit sind wir wieder in der Gegenwart angekommen, denn was machte Bethesda angesichts dieser Kritik? Man ließ, zumindest vorerst, reine Singleplayer-Liebhaber außen vor und lieferte ein Spiel ab, das grafisch de facto noch hässlicher ist als Fallout 4 und vollgestopft mit einer Menge an Bugs, die sogar für Bethesda-Verhältnisse beeindruckend ist. Zudem gibt es noch einmal weniger Rollenspiel-Elemente, überhaupt keine Entscheidungen mehr und Missionen, die an Beliebigkeit und Tristesse kaum noch zu überbieten sind. Durch den Verzicht auf NPCs und wurde sogar die dereinst einmalige Fallout-Atmosphäre stark verändert und weicht einer einsamen, fast schon bedrückenden Grundstimmung. Wer nicht gewillt ist, unzählige viel zu lange Logbucheinträge zu lesen respektive anzuhören, der bekommt von der Handlung zudem rein gar nichts mit. Aber hey, das ungeliebte Crafting ist dafür präsenter als jemals zuvor. Klasse!

Fast scheint es so, als hätte Bethesda sich all die Punkte aufgeschrieben, die es am Vorgänger zu kritisieren gab und versucht, diese Baustellen so effektiv wie möglich noch weiter zu verschlimmern; wenn man es wenigstens versucht hätte und gescheitert wäre, aber im Falle von Fallout 76 wurde das Spielerfeedback nicht nur ignoriert, sondern anscheinend zum Anlass genommen, noch einen draufzusetzen.

Mehr Glück beim nächsten Mal?

Fallout 76: Nach 20 Stunden ausgestiegen – darum hat die Fallout-Serie ein ernstes Problem Quelle: PC Games Fallout 76: Nach 20 Stunden ausgestiegen – darum hat die Fallout-Serie ein ernstes Problem Das Problem: Da Fallout 76 nur ein Spin-off ist, könnte man es theoretisch als gescheiterten Versuch abschreiben und sagen "beim nächsten Hauptteil wird alles besser". So einfach ist das in diesem Fall aber nicht, denn rückblickend betrachtet ist Fallout 76 tatsächlich die logische Konsequenz all dessen, was man mit der Reihe in den letzten Jahren falsch gemacht beziehungsweise nicht an ihr verbessert hat. Fallout 5 wird bestimmt wieder ein Singleplayer-Spiel werden, aber abseits der toten Welt werden all die genannten Kritikpunkte sich dort fortsetzen, so der Abwärtstrend der Fallout-Serie anhält.

Nicht umsonst stecken hinter Fallout 76 die Entwickler der Hauptreihe, während Bethesda beim nach wie vor sehr beliebten The Elder Scrolls Online auf die Expertise von Zenimax Online Studios zurückgriff. Vielleicht wäre ein ähnlicher Schritt hier auch die bessere Wahl gewesen? Einerseits hätte man das Spiel im Falle eines Misserfolgs deutlich besser als fehlgeschlagenes Spin-off abschreiben können, andererseits wäre es durch einen frischen Blick und zusätzliche Expertise, was Onlinespiele angeht, möglicherweise gar nicht erst so weit gekommen.

Ich mach mir die Welt, widde-widde-wie sie mir gefällt

Charaktererstellung in Fallout 76 Quelle: buffed Fallout 76: Nach 20 Stunden ausgestiegen – darum hat die Fallout-Serie ein ernstes Problem Mit gutem Willen kann man die Situation so interpretieren, dass sich die Macher eben in ihrem kreativen Schaffensprozess nicht einschränken lassen und lieber das Spiel machen, welches sie sich vorstellen, anstatt etwas zu entwickeln, was man von ihnen erwartet. Das kann gut gehen und Studios wie etwa Nintendo schaffen es, mit Titeln wie The Legend of Zelda: Breath of the Wild völlig neue Wege zu beschreiten und trotzdem sowohl alte als auch neue Fans mitzunehmen. Bethesda geht aber eben kein unkalkulierbares Risiko ein, sondern hält an bereits als untauglich bewiesenen Elementen fest und baut sie weiter aus. Eine völlig neue Richtung für Fallout? Gerne! Ein Worst-of? Danke, ich verzichte.

Und darum meine These: Bethesda hat keine Ahnung, wo man mit der Serie hin will. Offenbar will das Studio kein Rollenspiel mehr entwickeln. Das mit dem Action-Spiel haut aber auch nicht so hin. Anstatt die Essenz der Serie herauszuarbeiten, verlässt man sich auf die wenigen verbliebenen Stärken wie das Storytelling durch die Spielwelt und die Atmosphäre und schaufelt immer neues, unnötiges Zeug darauf, in der Hoffnung, dass dadurch wie durch ein Wunder ein besseres, kohärenteres Spiel herauskommt. Und dass man keinerlei Ambitionen hat, technisch zu Open-World-Abenteuern wie Red Dead Redemption 2 oder Assassin's Creed: Odyssey aufzuschließen, ist offensichtlich.

Aufgebrauchte Vorschusslorbeeren

Woran liegt's? Ich weiß es wirklich nicht, aber es ärgert mich, dass die Situation so ist, wie sie ist. Bethesda hat hier eine unglaublich starke, unglaublich beliebte Marke an der Hand und schafft und schafft es nicht, etwas Lohnenswertes damit zu machen. Videospieler sind geduldig, aber irgendwann ist auch hier der Zenit überschritten. Wenn man beim hypothetischen Fallout 5 nicht endlich die Buhrufe ernst nimmt, dann werde ich zumindest bestimmt nicht noch einmal in die Postapokalypse zurückkehren; und für das bereits angekündigte The Elder Scrolls 6 sehe ich in diesem Fall auch keine allzu rosige Zukunft.

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