20 Jahre Crytek: Vom Zero zum Hero - und zurück? Was wurde eigentlich aus Crytek?

Special Andreas Szedlak
20 Jahre Crytek: Vom Zero zum Hero - und zurück? Was wurde eigentlich aus Crytek?
Quelle: Ubisoft

1999 wurde Crytek in Coburg von Avni, Faruk und Cevat Yerli gegründet und seither hat das Unternehmen der Yerli-Brüder einen famosen Aufstieg, aber auch einen rapiden Abstieg erlebt. Wir blicken auf 20 bewegte Jahre. Zudem haben wir mit Geschäftsführer Avni Yerli gesprochen.

40.000 Einwohner, historische Veste, Fachhochschule für angewandte Wissenschaften - international noch so unbekannt wie das oberfränkische Coburg sind auch die Brüder Cevat, Avni und Faruk Yerli, als sie im Jahre 1999 in dem Städtchen offiziell das Games-Studio Crytek gründen, nachdem sie bereits 1997 mit der gemeinsamen Spieleentwicklung begonnen hatten.

Vom C64 zu Crytek

Cevat Yerli ist der jüngste Sprössling der türkischstämmigen Familie und als einziger der fünf Geschwister in Deutschland geboren. Mit 10 Jahren bekommt Cevat seinen ersten Computer, einen Commodore 64, einige Jahre später folgt ein Amiga. Die Leidenschaft für Spiele verbindet Cevat mit seinen Brüdern Faruk und Avni. Die drei sammeln früh Erfahrung in der Entwicklung eigener Spiele und entscheiden schließlich ein Studio zu gründen: Crytek.

Noch während des Studiums (Cevat und Faruk studieren BWL, Avni Bauingenieurwesen) präsentieren die Yerlis im Jahre 2000 auf der European Mit der Demo X-Isle sorgte Crytek zum ersten Mal für Aufmerksamkeit. Quelle: Crytek  Mit der Demo X-Isle sorgte Crytek zum ersten Mal für Aufmerksamkeit. Computer Trade Show (ECTS) in London eine erste Technik-Demo am Stand von Nvidia. Diese sorgt durch eine beeindruckende Grafikqualität für Aufsehen. In den folgenden Jahren stellt Crytek weitere Demos vor, die unter dem Arbeitstitel "X-Isle" veröffentlicht werden. Dadurch macht sich das Coburger Unternehmen mehr und mehr einen Namen in der Branche. 2002 gibt Crytek bekannt, an der Entwicklung einer Game-Engine zu arbeiten: CryEngine.

Weltruhm durch Far Cry

Im Jahre 2004 steigt der Bekanntheitsgrad von Crytek sprunghaft an, nachdem mit Far Cry das erste Spiel des jungen Unternehmens für PC-Systeme veröffentlicht wird. Der Ego-Shooter beeindruckt mit einer brillanten Grafik. Besonders die realistische Wasserdarstellung, sowie die enorme Weitsicht und eine wunderschöne Vegetation setzen Maßstäbe. Auch die überragende Gegner-KI kann die Spielerschaft überzeugen, die 2,6 Millionen Exemplare von Far Cry erwirbt, was als großer Erfolg gewertet wird. Fortan gilt die CryEngine in der Branche als einer der fortschrittlichsten Spielemotoren.

Passend dazu: Der Test von Far Cry bei PC Games

Far Cry erschien 2004 in einer leicht zensierten deutschen Fassung für den PC. Der Ego-Shooter überzeugte unter anderem durch eine fortschrittliche Gegner-KI. Quelle: Crytek  Far Cry erschien 2004 in einer leicht zensierten deutschen Fassung für den PC. Der Ego-Shooter überzeugte unter anderem durch eine fortschrittliche Gegner-KI.

Crytek setzt von Beginn an auf ein sehr internationales Team, nicht zuletzt da es in den Anfangsjahren der 2000er in Deutschland nicht die benötigte Anzahl an herausragenden Entwickler-Talenten gibt, die das Coburger Unternehmen benötigt. So stammen zahlreiche Crytek-Mitarbeiter aus anderen europäischen Ländern, etwa aus Russland, aber auch aus den USA werden Experten rekrutiert.

CEO Cevat Yerli repräsentiert Crytek auf vielen Bühnen dieser Welt, tritt als Redner auf und promotet die CryEngine, während Avni und Faruk weitere Geschäftsbereiche wie Personal und Finanzen verantworten. Für Foto-Shootings stehen die Brüder häufiger mal gemeinsam vor der Kamera, ansonsten halten sich Faruk und Avni in der Außendarstellung zumeist im Hintergrund.

Von Ubisoft zu EA

Publisher für Far Cry ist das französische Unternehmen Ubisoft. Obwohl Crytek als auch Ubisoft gut an Far Cry verdienen, hält die Partnerschaft nicht lange und man trennt sich. Die Markenrechte an Far Cry besitzt Ubisoft. Crytek arbeitet fortan gemeinsam mit Neupartner Electronic Arts an einer neuen Ego-Shooter-Marke: Crysis.

Crysis basiert auf der CryEngine 2. Um die Personalkapazitäten erhöhen zu können, zieht Crytek im Jahre 2006 von Coburg nach Frankfurt und eröffnet im selben Jahr ein Studio in Kiew. 2007 setzt Crytek seinen Wachstumskurs fort und beschließt die Eröffnung eines weiteren Studios in Budapest.

Dank des Kontraktes mit Electronic Arts, der die Veröffentlichung von insgesamt drei Crysis-Teilen vorsieht, kann Crytek die Kosten von 15 Millionen Euro decken, welche die Entwicklung der CryEngine 2 verschlingt.

Crysis ist das bislang teuerste Computerspiel, das in Deutschland produziert wurde. Mit einem Metascore von 91 % ist es auch einer der am höchstbewerteten Titel. Zur Zeit des Crysis-Releases beschäftigt Crytek 130 Mitarbeiter aus 27 Ländern. Das Magazin Neon reiht die Yerli-Brüder in die Riege der 100 wichtigsten jungen Deutschen ein.

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Der Nanosuit machte den Spieler in Crysis zu einer Art Superheld. Quelle: Crytek  Der Nanosuit machte den Spieler in Crysis zu einer Art Superheld.

Ungebrochener Wachstumskurs

Crytek expandiert auch in den Folgejahren, übernimmt 2008 den in Sofia ansässigen Entwickler Black Sea Studios (Knights of Honor). Außerdem eröffnet das Unternehmen ein Studio in Seoul und kauft den insolventen britischen Entwickler Free Radical Design (Haze, Timesplitters).

Im September 2008 veröffentlicht das Frankfurter Unternehmen den von Crytek Budapest entwickelten Serienableger Crysis: Warhead. Ursprünglich sollte das Spiel ein Add-on für Crysis werden. Crytek und EA entscheiden jedoch den Shooter, dessen Handlung parallel zu der des Hauptspiels verläuft, als eigenständiges Spiel zu vertreiben.

Anfang 2011 - gut drei Jahre nach dem ersten Crysis - erscheint Crysis 2, das von der CryEngine 3 angetrieben wird. Als Cryteks erste Multiplattform- Crysis 2 erschien auch für Xbox 360 und PS3. Quelle: Crytek Crysis 2 erschien auch für Xbox 360 und PS3. Entwicklung kommt der Shooter auch für PS3 und Xbox 360. Mit einem Metascore von 86 % erhält Crysis 2 etwas schlechtere Kritiken als der Serienerstling. Inzwischen beschäftigt Crytek über 600 Mitarbeiter, rund die Hälfte davon arbeitet im Frankfurter Headquarter.

Passend dazu: Der Test von Crysis 2 bei PC Games

Schwere Vorwürfe

Im Herbst 2011 beginnt das Bild des Vorzeigeunternehmens etwas zu bröckeln, nachdem sich Crytek heftiger Kritik in den Medien ausgesetzt sieht. In einem anonymen Blogeintrag werden schwere Vorwürfe gegen die Arbeitsbedingungen bei dem Frankfurter Unternehmen erhoben, es herrsche schlechte Stimmung und Mitarbeiter müssten jederzeit damit rechnen, am nächsten Tag entlassen zu werden, heißt es.

Da diese Hire-and-Fire-Mentaliät gegen deutsches Arbeitsrecht verstoße, müssten viele Mitarbeiter vor das Arbeitsgericht ziehen, um zu ihrem Recht zu kommen. Als Beleg hierfür nannte der anonyme Blogger 16 Positionen innerhalb Cryteks, deren Inhaber unrechtmäßig vor die Tür gesetzt wurden oder auf Grund des Drucks von sich aus gegangen wären.

Avni Yerli reagiert auf die Hire-and-Fire-Vorwürfe und bezeichnet sie als "irreführend". Crytek schätze und würdige seine Mitarbeiter sehr und das werde sich niemals ändern, fuhr der Geschäftsführer fort und ergänzt: "Das gilt für alle, vom Praktikant bis zum Direktor, jeder ist wichtig!" Es sei das erste Mal, dass ein Mitarbeiter dem Unternehmen schaden wolle. Natürlich habe es auch bei Crytek Entlassungen und Kündigungen gegeben, doch die seien alle im Rahmen des Arbeitsrechts abgewickelt worden, fügte Yerli hinzu. Von den 16 genannten Fällen habe es nur zwei gegeben, in denen man sich tatsächlich mit Ex-Mitarbeitern vor dem Arbeitsgericht getroffen habe. In beiden Fällen seien die Urteile zugunsten Cryteks ausgefallen.

Crysis 3 war qualitativ merklich schwächer als die Vorgänger und verkaufte sich letztlich auch enttäuschend. Quelle: Crytek  Crysis 3 war qualitativ merklich schwächer als die Vorgänger und verkaufte sich letztlich auch enttäuschend.

Abschluss der Crysis-Trilogie

Im April 2012 heimst Crytek für Crysis 2 den Deutschen Computerspielpreis für das beste deutsche Spiel ein. Die Fachjury begründet die Wahl damit, dass "erstmalig Entwickler aus Deutschland technologisch, qualitativ und ökonomisch weltweit Publikum sowie Fachwelt überzeugt und begeistert" haben.

Crysis 3 erscheint Anfang 2013, ebenfalls für PC, PS3 und Xbox 360. Währender die Einzelspieler-Kampagne in Frankfurt entwickelt wurde, stammt der Mehrspieler-Part von Crytek UK. Audiovisuell kann auch dieser Crytek-Titel überzeugen. Die vorhersehbare und relativ kurze Handlung kommt allerdings nicht so gut an, unter anderem deshalb liegt der Metascore mit 76 % nicht auf der Höhe der Vorgänger.

Warface wird in Kiew weiterentwickelt, das Studio hat sich inzwischen jedoch von Crytek gelöst. Quelle: my.com Warface wird in Kiew weiterentwickelt, das Studio hat sich inzwischen jedoch von Crytek gelöst. Mit Warface kommt im Oktober 2013 das erste Free2Play-Spiel von Crytek. Entwickelt wurde der Ego-Shooter von Crytek Kiew in Zusammenarbeit mit Crytek Seoul. Auch Warface enttäuscht mit einem Metascore von 62 %. Bemängelt wurde vor allem die geringe Eigenständigkeit des Titels und der Mangel an Innovationen.

Passend dazu: Der Test von Crysis 3 bei PC Games

2013 betritt Crytek neues Terrain und veröffentlicht zum Launch der Xbox One den Exklusivtitel Ryse: Son of Rome, dessen Handlung in der Zeit von Kaiser Nero angesiedelt ist. Der top inszenierte Titel ist grafisch herausragend, spielerisch aber sehr limitiert. Auch die kurze Spielzeit wird bemängelt. Mit einem Metascore von 60 % setzt Ryse: Son of Rome den Wertungs-Abwärtstrend fort, was sich folglich auch negativ auf die Verkaufszahlen auswirkt.

Ryse: Son of Rome war brillant inszeniert, das Gameplay schwächelte jedoch. Quelle: PC Games Ryse: Son of Rome war brillant inszeniert, das Gameplay schwächelte jedoch.

Finanzielle Schieflage

Mitte 2014 wird Crytek erstmals in der Presse mit Meldungen zu finanziellen Problemen konfrontiert. Gehälter sollen nicht rechtzeitig ausbezahlt worden sein, Mitarbeiter würden sich bei anderen Unternehmen bewerben, um der drohenden Insolvenz von Crytek zuvorzukommen. Neben den sinkenden Verkaufszahlen der letzten Spiele-Releases wurde auch das schwächelnde Lizenzgeschäft mit der CryEngine dafür verantwortlich gemacht.

Finanzchef Avni Yerli nimmt zu den Berichten Stellung und verkündet, dass man die Situation des Unternehmens durch mehrere Finanzierungen kurzfristig verbessern konnte. Wenige Wochen später wird bekannt, dass Crytek die Markenrechte am Ego-Shooter Homefront samt des in Nottingham ansässigen Entwicklerstudios an Koch Media verkauft habe. Crytek UK werde Homefront: The Revolution künftig unter dem Dach von Koch Media weiterentwickeln, heißt es weiter. Außerdem habe man das Studio in Austin verkleinert und zu einem Vertriebsbüro umfunktioniert. Die Entwicklung des Online-Shooters Hunt wurde in die Firmenzentrale nach Frankfurt verlagert. Crytek-CEO stand PC Games Rede und Antwort (1) Quelle: Crytek  Crytek-CEO stand PC Games Rede und Antwort (1)

Die finanziellen Probleme sind dadurch jedoch nicht gelöst, weshalb Cytek Anfang 2015 einen millionenschweren Lizenz-Deal mit Amazon schließt. Der Handelsriese erwirbt dadurch das Recht die CryEngine weiterzuentwickeln und unter eigenem Namen zu lizenzieren. Nachem Star Citizen-Entwickler Cloud Imperium Games von der CryEngine zu Amazons Lumberyard wechselt, verklagt Crytek CI Games. Die Aussichten auf Erfolg der Klage sind nach zwei gescheiterten Anläufen vor Gericht jedoch gering.

Cryteks eingeleiteter Konsolidierungsprozess mündet Ende Dezember 2016 in die Schließung der Crytek-Studios in Sofia, Budapest, Seoul und Shanghai. Aus dem Studio in Istanbul wird ein kleines Vertriebsbüro.

Crytek versucht nun auf dem Virtual-Reality-Markt Fuß zu fassen und veröffentlicht im April 2016 das Kletterspiel The Climb für Oculus VR sowie im November 2016 das Dinosaurier-Abenteuer Robinson: The Journey für PS4. Beiden Spielen ist jedoch kein größerer Erfolg beschieden, weshalb es bislang auch bei diesen beiden VR-Entwicklungen seitens Crytek geblieben ist.

CEO verlässt das Schiff

Im Februar 2018 tritt Cevat Yerli nach rund 19 Jahren als Geschäftsführer von Crytek zurück. Als Hauptanteilseigner steht Yerli dem Unternehmen jedoch weiterhin beratend zur Seite. Crytek wird seither von Avni und Faruk Yerli geleitet, sie sind gleichberechtigte CEOs.

Neben dem Istanbuler Büro und dem Crytek-Hauptquartier in Frankfurt bleibt schließlich nur noch das Entwicklerstudio in Kiew übrig, das sich jedoch im Februar 2019 von Crytek trennt und selbstständig macht, um das Spiel Warface alleine weiterzuentwickeln. Derzeit arbeitet Crytek an Hunt: Showdown, das sich aktuell noch im Early-Access-Stadium befindet.

Gesundgeschrumpft?

Im Interview mit PC Games blickt Geschäftsführer Avni Yerli trotz der schwierigen Phase sehr optimistisch in die nächsten Jahre und spricht von einem inzwischen wieder gesunden Unternehmen, das "eine gute Basis für die Zukunft" aufgebaut habe. Man besitze neben Hunt: Showdown mit Crysis und Ryse starke Marken: "Ich kann mir gut vorstellen, dass wir hier in der Zukunft noch einiges machen und einiges an Spielspaß vermitteln werden."

Das vollständige Interview mit Avni Yerli lest ihr hier. Darin geht der Crytek-CEO auch auf den Wandel der Spieleindustrie ein, spricht über Spiele-Streaming, Games as a Service, Battle Royale, Free to Play und Virtual Reality.

Welche Crytek-Spiele habt ihr am längsten gezockt? Würdet ihr euch über eine Fortsetzung der Serien Crysis oder Ryse: Son of Rome freuen? Schreibt es in die Kommentare?

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