Football Manager 2022 im Test + Video: Die sportlichste Excel-Tabelle der Welt!

Test David Benke
Fußballer im Spielertunnel
Quelle: Sports Interactive

Fußball-Fans schauten im Spielejahr 2021 so ein wenig in die Röhre: In FIFA 22 herrschte Stillstand, Konamis eFootball entpuppte sich als Totalausfall und auch We Are Football von Anstoß-Erfinder Gerald Köhler konnte nicht die hohen Erwartungen erfüllen. Kann jetzt wenigstens der Football Manager 2022 zum Release überzeugen? Wir klären's wir im Test!

Die schillernde Welt des Profifußballs hautnah erleben! Das ist das Versprechen des Football Managers 2022. Hier könnt ihr endlich eurem Lieblingsverein zu dem sportlichen Erfolg verhelfen, den er tatsächlich verdient hat. Champions League im Karlsruher Wildparkstadion? In der Theorie kein Problem!

In der Praxis könnte bei einigen allerdings recht schnell ein Gefühl der Ernüchterung aufkommen. Denn der FM 2022 ist kein FIFA-Karrieremodus. Hier klappt es nicht, einfach mal ein paar Millionen in neue Spieler zu buttern und dann die Konkurrenz aus dem Stadion zu schießen - nur, weil man auf dem auf dem Papier den besseren Kader hat. Stattdessen wird von euch als Vereinsmanager ein gutes Stück Arbeit verlangt: Taktiken wollen ausgetüftelt, Trainingspläne erstellt, Transfers eingetütet und Talente für den Nachwuchs gescoutet werden. Ganz schön viel zu tun also. Und dann sieht das Ganze noch nicht einmal so spektakulär aus, wie man es sich im Kopf ausgemalt hat.

Das schöne Spiel?

Sagen wir es einfach frei heraus: Nein, der Football Manager ist auch in seiner neuesten Ausgabe kein Augenschmaus. Das zeigt sich schon beim Spieleinstieg, wo ihr euch ein virtuelles Alter Ego zusammenbasteln könnt. Die Manager-Avatare stammen offenbar direkt aus dem Uncanny Valley. Mit ihren toten Augen, ihrer bleichen Haut und ihren unrunden Bewegungen eignen sich die Dinger eher fürs Gruselkabinett als für einen abendlichen Auftritt in der Sportschau. Dass die diversen Bärte so aussehen, als hätte man sie mit Microsoft Paint designt, hilft jetzt auch nicht wirklich weiter.

Die Manager-Avatare, die ihr mit Hilfe eines Editors erstellt, schauen ganz schön gruselig aus. Quelle: PC Games Die Manager-Avatare, die ihr mit Hilfe eines Editors erstellt, schauen ganz schön gruselig aus. Im weiteren Spielverlauf wird es nur bedingt besser. Habt ihr euch für einen Verein entscheiden und seid in der Zentrale (also quasi dem Main Hub des Spiels) angelangt, folgt erst einmal die kalte Dusche. Das ist also der Ort, in dem ihr die nächsten 1000 Stunden eures Manager-Daseins verbringen werdet: Menüs über Menüs, ein Sammelsurium aus Listen, Statistiken und Graphen. Ein Urwald aus Zahlen und Buchstaben. Kurzum: ein Fest für jeden Excel-Fetischisten. Der Rest könnte zunächst hingegen ein wenig abgeschreckt werden, besonders ob der Masse an Inhalten. Der FM 2022 wartet mit sage und schreibe 16 Vereinsbereichen auf, die ihr über eine Leiste am linken Bildschirmrand aufrufen könnt. Die sind dann nochmal in zig weitere Unterbereiche aufgeteilt. Da verliert man als Einsteiger gerne mal den Überblick.

Besonders, da es die ganzen Bildschirme ja nicht allein zum Spaß gibt. Der Football Manager überlässt euch die volle Kontrolle über euren Verein. Entsprechend gibt es überall etwas zu tun. So viel, dass alle Aufgaben hier aufzuzählen, maßlos den Rahmen sprengen würde. Daher beschränken wir uns mal nur auf ein paar ausgewählte, die Mannschaftsübersicht zum Beispiel. Hier könnt ihr euch euren Kader im Detail anschauen. Per Mausklick gelangt ihr dann blitzschnell auf das Profil eines Kickers inklusive umfangreicher Leistungsdaten, setzt ihn auf die Transferliste, erarbeitet Entwicklungspläne, handelt neue Verträge aus oder verabredet euch einfach für ein kurzes Gespräch. Im Trainingsbereich stellt ihr derweil individuelle Drills zusammen, formt Mentoring-Gruppen, lobt und kritisiert vergangene Trainingsleistungen oder schaut, wie sich die Intensität eurer Einheiten auf das Verletzungsrisiko auswirkt. An jeder Stellschraube lassen sich Feinjustierungen vornehmen und Arbeitsabläufe optimieren.

The Trend is your Friend

Ganz neu mit dabei ist das Datencenter. Hier könnt ihr euch umfangreiche, hübsch aufbereitete Analysen eurer Mannschaft zu Gemüte führen. Wie schlagt ihr euch im Vergleich zum Rest der Liga? Schießt ihr weniger Tore als der Durchschnitt? Habt ihr vielleicht ein Problem bei Distanzschüssen? Die Diagramme von Scisports, einem renommierten internationalen Sportanalyseunternehmen, haben die Antwort parat!

Die Grafiken und Statistiken des Datencenters wurden in Zusammenarbeit mit dem Sportanalyseunternehmen Scisports entwickelt. Quelle: PC Games Die Grafiken und Statistiken des Datencenters wurden in Zusammenarbeit mit dem Sportanalyseunternehmen Scisports entwickelt. Naja, zumindest sofern ihr versteht, wie ihr sie lesen müsst. Euch das irgendwie beizubringen, dabei gibt sich der Football Manager aber immerhin redlich Mühe. Die Entwickler von Sports Interactive waren sich natürlich bewusst, dass ihr Spiel für Neueinsteiger ein ziemlicher Overkill sein kann und versucht daher, Anfänger möglichst langsam an die wichtigsten Mechaniken heranzuführen.

Das passiert aber zumeist nur mittels Erklärtexten. Wenn ihr etwa zum ersten Mal einen Vertrag aushandelt, bekommt ihr beigebracht, was die einzelnen Schaltflächen für Funktionen haben. Welche Anstellungsarten gibt es? Was sind Zusatzklauseln? Wie wirkt sich das Gehalt des Mitarbeiters auf euer Budget aus und so weiter. Danach werdet ihr allerdings euch selbst überlassen. Es gibt kein tatsächliches Tutorial, das euch an der Hand nimmt und Schritt für Schritt durch den Verhandlungsprozess führt. Ein "Learning by Doing"-Effekt wie in We Are Football stellt sich so nicht ein. Wer nach der Einführung noch Fragen hat, dem bleibt also leider keine andere Wahl, als das 20 Kapitel umfassende Handbuch zu resultieren. Das ist eben der Preis, den man für vollen Realismus bezahlt.

Mailand oder Madrid - Hauptsache mit Lizenz

Denn der wird im Football Manager großgeschrieben: Neben fast 200 Ländern, die ihr als Nationaltrainer übernehmen könnt, stehen euch nochmal über 100 Ligen zur Auswahl - darunter auch exotische Vertreter aus Lettland oder Singapur. Aus Deutschland sind die ersten drei Spielklassen und der DFB-Pokal vertreten, allesamt voll lizenziert. Darüber kann man beim besten Willen nicht meckern. Auch wenn We Are Football im Vergleich sogar noch einen Schritt weitergeht. Da gibt's ja selbst die fünf Regionalligen und die Bundesliga der Frauen!

Ebenfalls etwas schade: Einige Ligen wie die englische Premier League kommen komplett ohne authentische Teamnamen und Logos daher. Hier bietet aber der externe Editor Abhilfe. Mit dem könnt ihr euch Manchester United und Juventus Turin einfach selbst zusammenbasteln. Oder ihr ladet euch über den Steam Workshop eine angepasste Datenbank der Community herunter.

It's in the Game!

Apropos Datenbank: Bereits der Original-Umfang des Football Managers 2022 ist absolut beeindruckend. Dank eines riesigen Scouting-Netzwerks enthält das Spiel über 500.000 Athleten, deren Eigenschaften, Fähigkeiten und Entwicklungspotenzial haarklein aufgedröselt werden. Nicht umsonst nutzen einige Vereine den FM, um auch im echten Leben auf Talentjagd zu gehen. Sogar für alle Vereinsangestellten vom Präsidenten bis zum Physiotherapeuten wurden authentische Profile erstellt. Eine wahnsinnige Detailverliebtheit!

Bock auf einen Last-Minute-Transfer? Am Deadline Day versuchen Spieleberater, euch eine Verpflichtung ihrer Klienten schmackhaft zu machen. Quelle: PC Games Bock auf einen Last-Minute-Transfer? Am Deadline Day versuchen Spieleberater, euch eine Verpflichtung ihrer Klienten schmackhaft zu machen. Dazu ist der Titel auch in Sachen Regelkunde up-to-date: In der Bundesliga dürft ihr tatsächlich fünfmal wechseln, nicht nur dreimal wie es beispielsweise FIFA erlaubt. Auch auf Torlinientechnik und den Videoassistenten braucht ihr nicht verzichten. Vor dem Spiel stellt ihr euch in Pressekonferenzen den kritischen Fragen von Kicker und Sportbuzzer. Nach dem Spiel geben Fans auf Twitter ihren Senf dazu. So baut der Football Manager ein authentisches virtuelles Fußball-Universum auf, in dem ihr euch komplett verlieren könnt. Wenn es erst einmal Klick gemacht hat, wenn alle Rädchen ineinandergreifen und man die Früchte seiner harten Arbeit ernten kann, dann entwickelt der Titel eine unfassbare Sogwirkung, aus der man sich so schnell nicht mehr befreit.

Man kann den FM 2022 aber auch in ausgewählten Häppchen genießen. Zum Beispiel, indem man einen Großteil der Aufgaben einfach auf seine Mitarbeiter abwälzt. Die treten dann in einem neuen, wöchentlichen Meeting mit Vorschlägen an euch heran, die ihr dann schnell und problemlos mit einem Mausklick umsetzen könnt. Sogar Aufstellung und Taktik lassen sich an den Co-Trainer delegieren. Dann müsst ihr euch eigentlich nur noch um die Transfers kümmern. Die wurden mit dem frisch eingeführten "Deadline Day Drama"-Feature nochmal etwas spannender gestaltet. 24 Stunden vor Schluss der Transferperiode bekommt das Nutzerinterface einen komplett neuen Anstich und wird durch einen Liveticker zu aktuellen Wechseln und Gerüchten ergänzt. In eurem Posteingang flattern Mails von Spielerberatern herein, die ihre Klienten noch flott bei einem anderen Arbeitgeber unterbringen wollen. Das sorgt alles für bedeutend mehr Dynamik. Die Transfersummen, die hin und her fließen, wirken ebenfalls etwas realistischer als in der Vergangenheit. Auch wenn wir nicht glauben konnten, dass wir für KSC-Toptorschütze Philipp Hofmann keinen Abnehmer finden konnten, der gewillt war 900.000 Euro Ablöse zu zahlen.

Hätte, hätte, Dreierkette

Ebenfalls neu: die überarbeitete Match-Engine. Die bietet flüssigere Animationen und eine klügere KI. Die voll simulierten Partien, die das Menü-Geklicke immer wieder auflockern, bieten so ein wenig mehr fürs Auge als noch vergangenes Jahr. Die Grafik eines FIFA dürft ihr natürlich noch immer nicht erwarten, der Fokus liegt beim FM 2022 aber auch ganz woanders: beim Managen und Herumtaktieren. Das könnt ihr während eines laufenden Spiels machen, indem ihr auswechselt, dynamisch eure Strategie ändert oder per Zuruf individuelle Anweisungen gebt. Auch eine gepfefferte Kabinenansprache kann mal zum Erfolg führen.

Die Match Engine des FM 2022 wurde nochmal etwas überarbeitet. Ein absoluter Augenschmaus ist das Spiel aber noch immer nicht. Quelle: PC Games Die Match Engine des FM 2022 wurde nochmal etwas überarbeitet. Ein absoluter Augenschmaus ist das Spiel aber noch immer nicht. Viel wichtiger ist aber natürlich die Vorbereitung vor einem Spiel: Ihr könnt versuchen, Liverpools Gegenpressing oder das Tikitaka des FC Barcelona zu kopieren. Alternativ kreiert ihr an der Taktiktafel euren ganz eigenen Spielstil in der einzigartigen 1-1-8-Formation, stellt die Grundausrichtung auf volle Offensive, in der Verteidigung auf Abseitsfalle und in der Offensive auf Flanken bis zum Umfallen. Mehr Kontrolle geht quasi nicht!

Allerdings bringt euch das alles auch nichts, wenn ihr trotz des perfekten Matchplans hilflos von der Seitenlinie aus zuschauen müsst, wie euer Team kläglich gegen den Tabellenletzten untergeht. Ohne so wirklich zu wissen warum. Auch nach 30 Stunden hatten wir oft noch das Gefühl, den Football Manager 2022 (jetzt kaufen ) nicht vollends verstanden zu haben.

Vom Feeling her ein gutes Gefühl

Spielzeit ist ohnehin ein gutes Thema: Der FM 2022 ist nämlich ein echter Zeitfresser. Mehrmals pro Tag wird die Simulation unterbrochen, weil ihr auf eine nichtige Email antworten müsst. Bei den Partien könnt ihr zwar auf eine beschleunigte Textdarstellung umschalten, aber nicht direkt zum Ergebnis springen. So haben wir es im Verlauf unseres Tests (also wie gesagt fast 30 Stunden) nicht mal geschafft, auch nur eine komplette Saison fertig zu spielen. Und da hatten wir die anderen Modi wie den Fantasy Draft oder den Online-Multiplayer noch gar nicht ausprobiert!

Man kann also getrost sagen: Sports Interactive bietet hier wirklich viel Spiel fürs Geld. Die Frage bleibt nur: Wie viel davon ist auch neu? Wie bei jedem jährlichen Release kann man auch beim FM 2022 darüber diskutieren, ob es sich angesichts der doch eher spärlichen Veränderungen lohnt, hier schon wieder Geld auszugeben. Oder ob der Preis von immerhin knapp 55 Euro nicht doch ein wenig dreist ist. Besonders, wenn man bedenkt, dass einem dann noch Ingame-Käufe aufgedrängt werden und man zu Spielbeginn seine Nutzerdaten und seine Seele an Publisher Sega verkauft, damit der einem passende Bandenwerbung anzeigen kann.

Unser Fazit lautet daher: Wer neu in die Serie einsteigen möchte, der macht mit dem Football Manager 2022 absolut nichts falsch. Wer bereits eine der Vorgänger-Versionen besitzt, der kann aber auch getrost bei der bleiben und sich einfach ein Kader-Update der Community herunterladen.

Der Football Manager 2022 ist am 8. November 2021 für Xbox-Konsolen sowie via Steam und Epic Games Store für den PC erscheinen. Außerdem ist der Titel ab Release im Xbox Game Pass enthalten.

Meinung

Wertung zu Football Manager 2022 (PC)

Wertung:

8.0 /10
Pro & Contra
Umfangreiches LizenzpaketVolle Kontrolle über den VereinTutorials, Tipps und HilfenUnglaublicher DetailgradRiesige Datenbank mit Ligen, Vereinen und SpielernVAR und TorlinientechnikNeues Deadline Day DramaÜberarbeitete Match EngineDiverse Online-ModiEinbindung des Steam Workshop
Spieleinstieg unfassbar komplexLangsames SpieltempoGrafik teils immer noch altbackenIngame-Käufe und Werbung
Fazit

Dieser Zeitfresser ist nichts für die breite Masse, sondern nur für Hardcore-Fans.

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