Fractured Minds: Der Grund, warum ich Videospiele so sehr liebe! Eine Kolumne
Special
Zuallererst: Dies hier ist kein Test, da es bei dem folgenden Spiel weniger um Qualität geht, sondern viel mehr um die Umsetzung eines wichtigen Themas. Fractured Minds porträtiert den schwierigen Alltag mit psychischen Krankheiten, erzählt von der 17-jährigen Emily Mitchell. Eine Berichterstattung, auf die wir keinesfalls verzichten wollten!
Vielleicht kommt euch das ebenfalls bekannt vor: Immer mal wieder findet man sich in Gesprächen wieder, in denen man Leuten erklärt, wie vielseitig Videospiele sein können. Neben den bekannten Größen wie FIFA, Call of Duty und Fortnite gibt es noch so viel mehr. Manche von den Leuten, mit denen man redet, haben wenig mit Games am Hut. Andere haben viel Zeit mit Pixeln und Highscores verbracht, doch oft sind am Ende alle überrascht. "Ja, das können Videospiele!" Sie können helfen, mehr Solidarität für schwierige Themen zu schaffen, beruhen oft auf Recherche und Arbeit mit Experten oder sind ab und an auch Hilfe oder Heilung für Entwickler und Entwicklerinnen selbst. So auch das atmosphärische Kurzabenteuer Fractured Minds.
Hilfe für mich, Hilfe für dich
Quelle: PC Games
Fractured Minds: Mehr Verständnis für psychische Gesundheit
Das eindringliche Kurzabenteuer Fractured Minds begann eigentlich als Ablenkung für die 17-jährige Emily Mitchell, die unter Angststörungen leidet. Zügig jedoch wurde daraus ein Spiel, mit dem Ziel, mehr Solidarität und Verständnis für psychische Krankheiten zu schaffen. 2017 wurde die aus Watford stammende Teenagerin mit dem BAFTA Young Game Designer Award (Altersgruppe 15 bis 18) ausgezeichnet. Nun, zwei Jahre später, veröffentlicht sie Fractured Minds in Kooperation mit Wired Productions, Publisher von Spielen wie Deliver Us The Moon und Close to the Sun. Wired Productions ist bekannt dafür, Indie-Entwickler aus aller Welt zu unterstützen und Spiele zu veröffentlichen, die eher im Nischen-Bereich vorzufinden sind. Insgesamt 80 Prozent des 1,99 Euro Spiels gehen in gleichen Teilen in einen Zukunftsfond für Mitchell selbst und an die neu gegründete Wohltätigkeitsorganisation Safe In Our World, die sich ganz der Sensibilisierung für psychische Gesundheit verschrieben haben.
"Ich habe Fractured Minds entwickelt, um denen zu helfen, die unter Angst und anderen psychischen Problemen leiden," so Mitchell. "Die Auswirkungen von Krankheiten können von außen unsichtbar sein, für die Betroffenen aber schwächend, deshalb ist es wichtig, das Bewusstsein weiter zu schärfen und Unterstützung anzubieten. Ich bin dankbar für die Unterstützung, die ich erhalten habe und möchte anderen helfen, wo immer ich kann." Jedes Detail in Fractured Minds, egal ob es 3D-Modelle, Texte oder Game-Design-Entscheidungen sind, wurde von Emily selbst entworfen, geschrieben oder programmiert. Die Entwicklungszeit betrug nach eigener Aussage zehn Monate. Beeindruckend!
Paranoia, Angststörungen & emotionale Isolation
Quelle: PC Games
Fractured Minds: Mehr Verständnis für psychische Gesundheit
Das ca. 15- bis 20-minütige Kurzspiel konzentriert sich auf Emilys persönliche Erfahrungen mit psychischen Krankheiten und gilt zeitgleich als Liebeserklärung an die Kraft des Mediums Videospiel. Die insgesamt sechs zum Nachdenken anregenden Kapitel legen ihren Fokus jeweils auf unterschiedliche Aspekte und Probleme im Bereich Mental Health. Mal stehen Angststörungen im Zentrum, an anderer Stelle die emotionale Leere und Hilflosigkeit, die Betroffene fühlen. In Kapitel Zwei befinden wir uns zum Beispiel auf einer Geburtstagsfeier im Esszimmer des Elternhauses. Überall sind bunte Luftballons, der Esstisch ist hübsch geschmückt mit Geschenken und einer Torte mitsamt Kerzen, und trotz alledem liegt eine erdrückende Schwere in den vier Wänden. Via Text kommentiert unser Inneres dabei Dinge, die wir tun. "Guck nicht so traurig, das hier ist eine Party!", heißt es an einer Stelle. Dabei sind wir im Abenteuer die gesamte Zeit alleine. Kritiker könnten sagen, das liege natürlich auch am Entwicklungsaufwand, jedoch unterstützt es enorm die Intention des Spiels. Warum sind wir alleine? Und gilt das alleine sein mehr als Metapher für die häufige Hilflosigkeit von Menschen, die mit der eigenen psychischen Gesundheit zu kämpfen haben?
Quelle: PC Games
Fractured Minds: Mehr Verständnis für psychische Gesundheit
Beinahe jede Situation im Abenteuer Fractured Minds bleibt am Ende Interpretationssache. Ein Gesprächsraum einer Psychiaterin mit einem Riss in der Wand, der die Kommunikation und das Erklären der eigenen Erschöpfung bildlich erschwert? Ein Wohnzimmer, welches bis zur Wand mit Wasser gefüllt ist, als Sinnbild für das "überfluten" des Inneren - des Heimischen? Ein Monster, dass uns immer wieder im Spielverlauf aufsucht und beobachtet? Selbst dann, wenn der nächste Gameplay-Schritt in Fractured Minds das einzig richtige ist, werden wir stets dafür kritisiert. Wir sind "dumm", "Stellen uns total an" oder "Sollten nicht nach Außen gehen, da es uns dort 'eh nicht gefallen wird". Seit vielen Jahren ist nun schon allgemein bekannt, dass ein nicht zu ignorierender Anteil der Bevölkerung akut unter psychischen Erkrankungen leidet. Laut Zeit hat sich die Anzahl von Krankschreibungen wegen psychischer Probleme seit 1997 verdreifacht. Trotz alledem bleibt das Thema in Unterhaltungsmedien meist ein Werkzeug für Horror- und Thrillerwerke. Da helfen Spiele oder Filme, die sich verantwortungsvoll mit dem Thema auseinandersetzen. Nicht nur auf der großen Bühne, wie es Hellblade: Senua's Sacrifice tut, sondern auch auf der kleinen.
Quelle: PC Games
Fractured Minds: Mehr Verständnis für psychische Gesundheit
Spielerisch bleibt Fractured Minds sehr rudimentär. Kein Rätsel dient dazu, uns als Spieler zu fordern und kein einziger Zeitpunkt erfordert ausgeprägte Fingerfertigkeiten. Die kurze Geschichte hat keinen narrativen Faden oder überraschende Wendungen, doch trotz alledem - oder gerade deswegen - hat Fractured Minds einen hohen Wiederspielwert. Sich mehrfach absichtlich von einem Auto überfahren lassen, um zu sehen, wie das Spiel darauf reagiert, oder in einem Raum zu verweilen, um abzuwarten ob sich etwas verändert, übt einen starken Reiz aus. Zusätzlich regt ein weiterer Spieldurchlauf nochmal mehr zum Nachdenken an. Man reflektiert eigene Erfahrungen im Bekanntenkreis und hinterfragt Handlungen oder Sichtweisen in der Vergangenheit. Jedoch natürlich nur, soweit man dafür bereit ist. Das Potenzial von Fractured Minds existiert weniger auf dem Bildschirm und viel mehr in unserem Kopf.
Fractured Minds ist für 1,99 Euro digital für PC, Nintendo Switch, PS4 und Xbox One erhältlich . Wir sind gespannt, ob und wenn ja, was wir von Emily in der Zukunft noch so hören werden. "Ich habe gerade mein Abitur abgeschlossen und sondiere derzeit meine Möglichkeiten," so Mitchell im BAFTA-Interview. "Der Gewinn des YGD hat meine Chancen, in die Spieleindustrie einzudringen, enorm erhöht." Das können wir so unterschreiben und wünschen viel Glück.
