Godzilla vs. Kong: Hollywood hat Godzilla schon immer missverstanden [Retrospektive]
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Godzilla, der König aller Filmmonster, ist neben legendärer Filmfigur eine klare Verkörperung der erschütternden japanischen Atomängste nach den Katastrophen Hiroshima und Nagasaki. Sein allererster Auftritt im 1954 veröffentlichten Kult-Klassiker "Gojira" gilt als Geburt der japanischen Ikone, aber auch als enorm sozialkritisches und überraschend melancholisches Drama. Wir werfen einen ausführlichen Blick auf das Meisterwerk und das anhaltende Missverständnis Hollywoods.
Die bestialische Filmkreatur Godzilla zählt neben dem Riesenaffen King Kong zu den bekanntesten und beliebtesten Monstern der Filmgeschichte und wurde seit dem allerersten Film aus dem Jahre 1954 mit insgesamt 36 Filmen zu einem der größten Franchises aller Zeiten ausgebaut. Die meisten dieser Filme beschränken sich dabei hauptsächlich auf den japanischen Markt und verstehen sich als sogenannte "Kaiju"-Filme, ein japanisches Film- und TV-Genre rund um gigantische Monster und deren Drang zur Verheerung. Fünf Filme wurden hingegen außerhalb Japans produziert und unternahmen den Versuch, die Faszination der Kreatur im imposanten Blockbuster-Stil der Traumfabrik Hollywood einzufangen.
Wir blicken, passend zur großen Kinoveröffentlichung des Blockbusters Godzilla vs. Kong (lest unsere ausführliche Filmkritik) in dieser Retrospektive auf die Anfänge der ikonischen Riesenechse zurück, die sich im weiteren Verlauf vom Zerstörer der Städte zum Beschützer der Menschheit mausert, klären zusätzlich was den allerersten Godzilla-Film zum zeitlosen Meisterwerk macht und warum Hollywood bis heute gravierende Probleme hat, die politisch-gesellschaftliche Essenz von Godzilla einzufangen.
Auf dieser Seite
- 1 Cinema of Japan: Lieferant für weltweite Popkultur
- 2 Die Legende Gojira: Allegorie, Aufarbeitung & Atomangst
- 3 Das belächelte Sci-Fi-Genre: Zum Scheitern verurteilt?
- 4 Die Geburt einer Legende: Eine Katastrophe, die aus den Tiefen steigt
- 5 Damals wie heute: Ein audiovisuelles Kunststück der Meisterklasse
- 6 Monster, Menschen & Missverständnisse: Die Traumfabrik Hollywood
Cinema of Japan: Lieferant für weltweite Popkultur
Denkt man an die Faszination von Filmtheatern, so kommt einem zuallererst natürlich die USA in den Sinn, die ihr erstes Kino im Jahr 1905 erhielten. Die Türen des allerersten Lichtspielhauses Japans wurde hingegen bereits 1903 - zwei Jahre früher also! - geöffnet. Seit diesem Tag entwickelte sich das japanische Kino zu einem der bedeutendsten Pfeiler der weltweiten Bewegtbildgeschichte und gilt als kraftvolles und eindrucksvolles Produktionsland unzähliger Klassiker.
Quelle: Warner Brothers
Von der furchterregenden Katastrophe zum Beschützer Japans: Godzilla fasziniert seit 1954 die gesamte Welt und gilt als eine der beliebtesten Filmfiguren aller Zeiten. Kein Wunder, dass es seitdem satte 36 Filme rund um das legendäre Monster gibt.
Ob es die vielen Meilensteine im Bereich der Animationsfilme (Studio Ghibli, Akira, Ghost in the Shell) oder die gefeierten Kultstreifen von Akira Kurosawa sind, wie beispielsweiße "Die verborgene Festung" (1958), welcher gravierende Inspiration für das von George Lucas entworfene Universum Star Wars war ... Japan ist ein essenzieller Bestandteil des Kinos und Herkunftsland unzähliger Popkultur-Geschichten, die selbst Jahrzehnte nach ihrer eigentlichen Veröffentlichung noch für Faszination und Begeisterung sorgen.
So viel japanisches Kultkino steckt im PS4-Blockbuster Ghost of Tsushima!
Fantasievolle Kreaturen, ein starker Hang zu Extremen, egal ob auf visueller oder narrativer Ebene, und ein eindrucksvolles Gespür for Originalität sind einige der Gründe, warum die Welt nicht genug bekommt von den kreativen Produktionen aus dem Land der aufgehenden Sonne.
Quelle: PC Games
Japans ganzer Stolz: Godzilla ist in seinem Heimatland so beliebt, er ragt sogar über den Dächern der Mega-Metropole und Hauptstadt Tokyo - ein eindrucksvolle und beliebte Touristenattraktion!
Doch die radioaktive Monsterechse Godzilla zählt ganz klar zu den Stars der japanischen Popkultur. Godzilla ist Beschützer und Symbolfigur Japans, die sogar über den Dächern der Hauptstadt Tokyo ragt und zur beliebten Touristen-Attraktion wurde. Doch was genau hat es mit dem Urzeitmonster auf sich?
Die Legende Gojira: Allegorie, Aufarbeitung & Atomangst
Die monströse Filmikone Godzilla wurde 1954 mit dem Film "Gojira" (Godzilla - Das Original) auf die Welt losgelassen. Die Idee für das Monster, zu Beginn als eine Kreuzung eines Gorillas und eines Wals angedacht, kam Produzent Tomoyuki Tanaka im Flugzeug und gilt als Allegorie für die japanische Atomangst, die ein Resultat der Katastrophen Hiroshima, Nagasaki und des "Dai-go Fukuryū-maru"-Vorfalls war.
Das japanische Fischerboot, übersetzt "Glücklicher Drache V" genannt, geriet am 1. März 1954 in den Einflussbereich eines amerikanischen Nuklearwaffentests, bei dem die Besatzung schwer verstrahlt wurde und teils verstarb - damals in Amerika kaum wahrgenommen, in Japan sorgte der Vorfall aber verständlicherweise für entsetzte Empörung seitens der Bevölkerung. Die Annäherungsversuche der beiden Länder, die sich im zweiten Weltkrieg gegenüberstanden, wurden dadurch massiv belastet. Darüber hinaus, ein weiteres wichtiges Herzstück des Monsterfilms, gilt Gojira als Verarbeitung des Pazifikkrieges, der durch den Angriff auf Pearl Harbor global eskalierte.
Quelle: © Toho Co. Ltd. ALL RIGHTS RESERVED
Überraschend melancholisch und tiefgründig: Das gottgleiche Monster Godzilla gilt als Allegorie für die japanische Atomangst in den 50er-Jahren und ist darüber hinaus eine Aufarbeitung der Historie des Landes.
Das belächelte Sci-Fi-Genre: Zum Scheitern verurteilt?
Produzent Tanaka musste an einigen Türen klopfen, bis er endlich einen passenden Regisseur für seine politisch-dramatische Monsteridee verpflichten konnte. Die meisten in Betracht gezogenen Filmemacher sagten schlicht aus dem Grund ab, da sie der Meinung waren, die Idee zum Film wäre "dumm" - kleine Randnotiz: dem Sci-Fi-Genre fehlte es in den 50er-Jahren ordentlich an Respekt seitens der Kritiker und Filmindustrie. Schlussendlich gelang es Tanaka, den jungen Regisseur Ishirō Honda zu verpflichten. Der hatte zwar als Regie-Assistent nur wenig Erfahrung für solch eine aufwendige Produktion, Honda konnte aber mit einem eindrucksvollen Gespür für das Werk sowie viel Elan und Ehrgeiz überzeugen.
Um den Vorurteilen gegenüber dem Sci-Fi-Genre entgegenzuwirken, entschied sich das Team angeführt von Honda dazu, die Ereignisse in Gojira so realistisch wie möglich darzustellen, zusätzlich wurde der Filmstil der Dokumentation massiv in Anspruch genommen - eine goldrichtige Entscheidung, wie sich herausstellte. Ohne den Katastrophen-Flair sowie die vielen realistischen Elemente und offensichtlichen Hintergründe, die unter der Fassade schlummern, wäre der Film vermutlich nie so durch die Decke gegangen, wie es letzten Endes der Fall war. Es geht hier schließlich um einen Monsterfilm, in dem Schauspieler in einem 90 Kilogramm schweren Monsteranzug für Zerstörung und Massenpanik sorgen - nicht unbedingt der Stoff, aus dem Oscar-Geschichten gestrickt sind.
Doch Gojira sorgte nicht nur in Japan für einen immensen Erfolg, auch in Amerika begann die Faszination rund um Godzilla um sich zu schlagen. Nicht einmal zwei Jahre später wurde die für den amerikanischen Markt angepasste US-Fassung "Godzilla - King of Monsters!" veröffentlicht. Dabei handelt es sich um eine stark gekürzte Version des Originals, die mit zusätzlichen Szenen mit dem kanadischen Schauspieler Raymond Blurr erweitert wurde. Rausgeschmissen wurden hingegen einige Szenen, die zu viel Einblick in die japanische Kultur gaben und als irrelevant eingestuft wurden. Die US-Version gilt zwar ebenfalls als Kultfilm, ist dem Original aber in jeder Hinsicht unterlegen.
Die Geburt einer Legende: Eine Katastrophe, die aus den Tiefen steigt
Die Handlung des in Schwarzweiß gedrehten Meisterwerks Gojira beginnt mit seltsamen Vorfällen an der Küste der fiktiven südjapanischen Insel Odo: Mehrere Fischkutter erleiden auf mysteriöse Weise Schiffbruch (eine direkte Anspielung auf den angesprochenen Dai-go Fukuryū-maru-Vorfall) und brennen bis auf den letzten Holzbalken ab. Die wenigen Überlenden sind jedoch nicht in der Lage, den Ursprung der Tragödie zu erklären. Die älteren "Odo-Insulaner" sind sich aber sicher, den Grund für die Vorkommnisse zu kennen. Laut einer uralten Legende schlummert ein gottgleiches Seeungeheuer in den Gewässern. Sobald jene Kreatur ihren Hunger im Meer nicht mehr stillen kann, so sucht sie ihren Weg aufs bewohnte Land. Laut der Legende ist die einzige Möglichkeit, den Schrecken zu bändigen, das Opfern von Jungfrauen - ein sehr drastisches Vorgehen, das natürlich nicht in Betracht gezogen wird. Doch eines Nachts steigt ein riesiges Monster aus dem Meer und es kommt zu ersten Sichtungen, die für Panik sorgen. Die Marine beginnt, ohne jegliches Zögern, den gesamten Meeresabschnitt zu bombardieren - man muss wohl kaum erwähnen, dass das ein Fehler war.
Quelle: © Toho Co. Ltd. ALL RIGHTS RESERVED
Godzilla in der Retrospektive: Die Geburt einer japanischen Filmlegende und das Missverständnis Hollywoods [Special] (7)
Professor Yamane (Takashi Shimura), ein angesehener Mann der Wissenschaft, untersucht hingegen die riesigen radioaktiven Fußabdrücke des Monsters und findet dabei heraus, dass die Kreatur seit Jahrmillionen in den Tiefen lauert. Laut seinen Ergebnissen wurde es aufgeschreckt durch Atombombenversuche und trägt eine unfassbare Menge Radioaktivität in sich. Die Marine interessiert sich jedoch kaum für die Erkenntnisse seitens Yamane und möchte lediglich wissen, wie man die Kreatur töten kann. Yamane hingegen sieht eine große Chance in der auf den Namen Gojira getauften Kreatur: Wie kann der furchterregende Titan beispielsweise so viel Radioaktivität standhalten? Und wie kann ein Lebewesen so lange Zeit überleben?! Der Wissenschaftler plädiert darauf, das unbekannte Lebewesen genauer zu untersuchen, wird jedoch von der Regierung und vom Militär ignoriert. Durch die Angriffe der Marine gewinnt Gojira an Macht, kehrt ein weiteres Mal an Land zurück und beginnt seinen Pfad der Zerstörung, mit dem Ziel die japanische Hauptstadt Tokyo zu erreichen und zu verwüsten. Um die Katastrophe zu verhindern, zieht Japan alle Register - mit schwerwiegenden Folgen.
Damals wie heute: Ein audiovisuelles Kunststück der Meisterklasse
Gojira überzeugt mit fantastischen Bildern, einer großartigen und packenden Geschichte und eindrucksvollen Spezialeffekten, die damals als Durchbruch in der Filmindustrie wahrgenommen wurden. Hinter Gojira verstecken sich nämlich unzählige Details, die zeigen, mit wie viel Liebe und Können die tiefgründige Katastrophe auf die Leinwand gezaubert wurde.
Quelle: © Toho Co. Ltd. ALL RIGHTS RESERVED
Hochmoderne und zeitlose Tricktechnik: Godzilla gilt, abseits der Bedeutung und Geschichte, als cineastisches Meisterwerk und eines der wichtigsten Filmwerke aller Zeiten. Besonders aufgrund der ausgefallenen Kamera und den kreativen Techniktricks.
Wie bereits erwähnt, wurde Godzilla durch insgesamt zwei kostümierte Schauspieler dargestellt, die sich aufgrund der Hitze und Anstrengung alle paar Minuten abwechseln mussten. Tricktechniker Eiji Tsuburaya setzte bei den riesigen Zerstörungen auf das sogenannte "Suitmation-Verfahren", in dem in mühevoller Handarbeit Modellbauten entworfen wurden, durch die Godzilla wütet. Darüber hinaus wurden mit enorm cleveren Kameraeffekten eindrucksvolle und bestialische Größenverhältnisse erzeugt, die selbst heute noch für viel Spektakel und Filmmagie sorgen. Auch eine schöne Hintergrundinfo und ein Paradebeispiel für die Kreativität des Teams: Der ikonische Schrei von Godzilla wurde mit Lederhandschuhen erzeugt, die über einen Kontrabass geschliffen werden. Des Weiteren gilt die packende Musik von Komponist Akira Ifukube als einer der besten Filmsoundtracks aller Zeiten - zurecht!
Darüber hinaus sind die vielen angesprochenen Thematiken ein gravierender Grund, warum Gojira sich selbst heute noch absetzt von den meisten Sci-Fi- und Kaiju -Streifen. Die Verkörperung der Ängste einer gesamten Generation und die handwerklich meisterliche Interpretation der Zerstörung der Natur, die Amok läuft und die Schäden der Menschheit an der Welt nicht mehr hinnehmen möchte, heben Gojira auf ein Level, von dem viele Hollywood-Produktionen nur träumen können. Die Traumfabrik hat viele Versuche unternommen, an den Erfolg des Kultfilms anzuknüpfen, und selbst wenn das an den Kinokassen funktioniert, in Hinsicht auf Relevanz, Umsetzung und Schlagkraft bleiben die vielen US-Filme meilenweit entfernt vom Original - woran liegt das?
Monster, Menschen & Missverständnisse: Die Traumfabrik Hollywood
Die 1956 veröffentlichte US-Fassung des Original-Godzilla-Films, auf die wir bereits zu sprechen kamen, war nur einer der vielen kläglichen Versuche, an den Glanz der Vorlage anzuknüpfen. Ob es die 1998er-Verfilmung von Roland Emmerich ist, die mit einem idiotischen Skript, schlechten Charakteren und dem Fehlen jeglicher frischen Ideen als Totalausfall einzustufen ist, oder die insgesamt drei "Monster-Verse"-Filme (Godzilla, Godzilla: King of Monsters, Godzilla vs. Kong) ... Hollywood fokussiert sich schlicht auf langweilige Blockbuster-Inszenierungen rund um uninteressante Charaktere, ideenlose Geschichten und belangloser Monster-Action, der es an jeglicher Bedeutung fehlt.
Quelle: Warner Bros / Legendary Pictures
Godzilla vs. Kong: Ein überdimensional großer Affe schlägt auf eine Monsterechse ein - und das 113 Minuten. Das hat durchaus seine Berechtigung und kann Spaß machen, doch der eigentlichen Bedeutung von Godzilla wird das keinesfalls gerecht. Der Film läuft ab dem 1. Juli im Kino.
Doch, wie dieser Artikel klarstellen soll, Godzilla und die Faszination dahinter beruht auf jeder Menge gesellschaftlicher und politischer Elemente, die Ängste ihrer Zeit verkörpern. Ein gutes Beispiel dafür, wie man das nunmehr über sechzig Jahre alte Original in die Neuzeit hieven kann, ist der ebenfalls in Japan produzierte "Shin Godzilla" (2016). Statt sich auf dem Erfolg der Vergangenheit auszuruhen oder sich gar auf die Monster-Action zu reduzieren, nutzt Regisseur Hideaki Anno die Filmfigur Godzilla als Sinnbild für die japanische Hilflosigkeit für die Tsunami- und Reaktorkatastrophe von Fukushima. Shin Godzilla ist ein selbstkritisches Eingeständnis seitens der selbstüberzeugten Nation Japans und somit - wieder einmal - ein äußerst gesellschaftskritisches und zeitrelevantes Werk, welches Godzilla nicht als Action-Spektakel inszeniert, sondern als tragisches Ergebnis vieler Fehlentscheidungen aus unserer echten Welt. Man versucht nicht durch die menschlichen Figuren und Familien, die sich inmitten der Katastrophe befinden, einen emotionalen Wert zu schaffen. Godzilla ist nicht die Hauptfigur oder der Grusel, sondern die unabdingbare Konsequenz des menschlichen Handelns.
Da können noch so viele Metropolen von zig CGI-Monstern zertrampelt werden, wenn sich Hollywood nicht traut, tiefer zu buddeln, dann wird das nie eine ähnliche zeitliche und gesellschaftliche Relevanz erzeugen, wie das bei Gojira und Shin Godzilla der Fall ist. Wenn das einzige Resultat eine blutige Nase seitens King Kong und tausende Menschenopfer ist, die nicht mal die Figuren im Film wirklich interessieren, dann kann man beim besten Willen nicht erwarten, etwas zu erschaffen, das über den Zeitraum von vier Wochen Interesse erzeugt. Statt sich alle paar Jahre auf dem Epos der Filmfigur auszuruhen, könnte man die eigene amerikanische Geschichte aufarbeiten und die Thematik ebenso tiefgründig auf die Leinwand zaubern, wie das in Japan bereits mehrmals der Fall war - daran scheint Hollywood jedoch nur wenig Interesse zu haben. So bleibt uns einzig actionlastiges 0815-Popcorn-Kino, nicht mehr und nicht weniger. Und das ist doch wirklich schade. Oder nicht?
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