Gothic: Warum uns das Remake noch Sorgen macht und keine leichte Aufgabe für die Entwickler ist
Kolumne 33,99 €
Das 2001er-Urgestein und Ruhrpott-Schnauzen-Game Gothic geriet auch 20 Jahre später noch lange nicht in Vergessenheit. Ganz im Gegenteil! Die Fan- und Modder-Community floriert, auf Steam gibts endlich den notwendigen Patch von Haus aus und THQ-Nordic lässt das frisch gegründete Entwicklerteam Alkimia Interactive aus Barcelona fleißig am Gothic-Remake basteln. Und doch droht ein Desaster.
Eigentlich höchst erfreuliche Nachrichten: Das technisch doch arg in die Jahre gekommene Gothic soll in moderner Pracht wiederbelebt werden. Trotzdem oder gerade deswegen machen wir uns Sorgen. Denn sollte das Remake floppen, könnte die Kult-Marke wieder in den Dornröschen-Schlaf versetzt werden. Deswegen ist das Gothic-Remake ein Drahtseilakt zwischen Phönix aus der Asche und Totalabsturz.
Auf dieser Seite
Gebeuteltes Meisterstück: Gothic
Man kann Gothic lieben oder hassen, Geschichte hat das kleine deutsche Piranha Bytes mit der Marke allemal geschrieben. Ein Open-World-RPG mit einer dichten, düsteren Atmosphäre und starker Sprachausgabe, mit Liebe und Schweiß entwickelt. Zwar Fantasy, aber im Ton nicht hochtrabend künstlich, sondern dreckig ehrlich - Ruhrpott-Schnauze statt "Euer Hochwohlgeboren", das ist der Kern von Gothic. Händeringend baten Fans Piranha Bytes um einen neuen Ableger der Serie nach desaströsem Release des dritten Teils und rechtlicher Chaosphase mit Publisher JoWood. Trotz allem: es folgte die Risen-Triologie und später Elex. Ein neues Gothic stand einfach nicht an. Eine vage Hoffnung blieb trotz allem dennoch.
Ein Hauch von Leben, die Wiederbelebung von Gothic
Dann jedoch schlug das Jahr 2019 in der Gothic-Szene hohe Wellen. Denn plötzlich keimte Hoffnung auf ein neues, frisches Gothic (jetzt kaufen 59,99 € / 33,99 € ) auf. Piranha Bytes wurde von THQ Nordic offiziell gekauft, samt Rechten an den Marken Gothic, Risen und Elex. Und völlig überraschend verkündete THQ Nordic Ende desselben Jahres: Es ist so weit, Gothic wird als Remake wiederbelebt, mit neuem Entwicklerteam. Ja, es kommt noch besser, die Fans werden explizit um Feedback zur angedachten Neuvision gebeten.
Quelle: PC Games
Altes Setting, neue Grafik. Das Feedback der Gothic-Community wurde im Rahmen des Playble Teasers explizit von THQ-Nordic gefordert.
Der Playable Teaser zum Gothic-Remake sorgte für Aufsehen. Wer will, kann gratis auf Steam den rund zwei Stunden langen Teaser anspielen, sofern ein beliebiges Piranha Bytes Spiel in der Steam-Bibliothek vorhanden ist. Der Gedanke ist einleuchtend - noch ehe die Entwicklung des Reboots von Gothic beginnt, sollte die Community das neu gezeichnete Bild des neueingesetzten spanischen Studios absegnen. Die Resonanz: Eine Neuauflage ja bitte, ein freies Anpassen mit neuer Vision samt Zorro-Diego, nein danke. Die größten Änderungen des Teasers widersprechen dem eigentlich brummigen Setting von Gothic: Statt der klassisch düsteren Minenkolonie erwarten uns satte, helle Farben, unsichtbare Wände, pompöse Bergketten, feine Kleidung und ein kampferprobter Monolog-Held, der mal eben so gegen Wölfe und ausgerüstete Gardisten ankommt. Mechaniken, wie das Stehlen wichtiger Key-Items oder das Niederschlagen von NPCs, fielen raus. Das frisch organisierte Barcelona-Studio hatte eine Vision. Nur weicht die für viele Fans zu weit vom Original ab.
Die Hürden der neuen Entwickler - Ein Umriss
Das neu gegründete Studio Alkimia Interactive hat wirklich keine leichte Aufgabe bekommen. Denn gerade für die spanischen Entwickler stellt sich die Frage der Nahbarkeit von Gothic. Warum? Weil viele der Stärken von Gothic in den Finessen der Texte, der Vertonung der Dialoge und der nicht ganz so freundlichen Atmosphäre stecken. Während die polnische Übersetzung in der Hinsicht sehr gut liefern kann, hinkt vor allem die englische Version an manchen Stellen hinterher. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, darf gerne das Original und die Übersetzung vergleichen. Ob jetzt der ikonische Provokations-Dialog bei Kharim oder die erste Unterhaltung mit Gardist Bloodwyn im alten Lager, Ton und Stimmungsbild weichen im Englischen nun mal ab, auch wenn wortgetreu korrekt übersetzt wurde. Den Ruhrpott-Charme für den internationalen Markt auf Englisch neu zu verpacken war und wird nicht leicht.
Quelle: PC Games
Die einzigartige Atmosphäre einzufangen ist nicht leicht. Weder im Aussehen noch in der Detail-Umsetzung der Charaktere.
Dennoch: Gothic lebt wieder und soll nach dem Feedback der Fans entsprechend tatsächlich originalgetreu werden, meint zumindest THQ-Nordic Produzent Reinhard Pollice. Teils soll die Sprachausgabe des 2001-Klassikers sogar übernommen werden. In der deutschen und polnischen Version ist das sogar stellenweise denkbar, allerdings weniger in der englischen, aus vorher genanntem Atmosphäre- und Qualitätsunterschied. Eine Neuvertonung und -übersetzung ins Englische scheint deswegen unvermeidbar. Tiefere Eingriffe sind da nicht nur denkbar, sondern auch notwendig.
Während die Technik ein Aspekt des modernen Gesamtbildes ist, würde eine zeitgenössische Detail-Anpassung, beispielsweise in Sachen politischer Korrektheit, eine ganz andere Schwierigkeit mit sich bringen. Gerade in einem Setting wie der berühmt-berüchtigten Minenkolonie. Frauen als reine Sklavinnen im Jahr 2022 könnte den ein oder anderen Online-Aufruhr herbei beschwören, andererseits sind diese Umstände nun mal die logische Konsequenz in einer von Gewaltverbrechern geführten Strafkolonie. Arschlöcher bleiben Arschlöcher und wir werden in diese mürrische Welt geworfen. Um dem leicht vorzukommen, könnte man statt einer kompletten Abkehr vom dreckigen, aber ehrlichen Original-Feeling einige Nuancen ergänzen. Vielleicht diesmal eine wunderschön ausgeschriebene Quest mit der Gefangenen Velaya im alten Lager? Oder anderen ergänzenden Dialogen, die mehr hergeben als ein trockenes "Psst, geh schon. Du darfst nicht mit mir reden!"
Quelle: PC Games
Größer, gigantischer und mehr Bloom. So ganz zum Original hat der Teaser nicht gepasst.
Den richtigen Grad zwischen Nostalgie und Modernität zu erwischen, ist schwer. Am sichersten würde Alkimia Interactive allerdings wohl mit einer erdrückenden Nähe zum Original und leichten Anpassungen in Sachen Gameplay und Quality-of-Life-Features fahren. Sozusagen eine Mischung zwischen der Übernahme von altem Cut-Content und einer modernen Inhalts-Erweiterung, ja vielleicht sogar mit einer Wahlmöglichkeit im Bereich der Sprachausgabe und dem Soundtrack. Was allerdings passieren kann, wenn sich ein fremdes Studio mit einer neuen Vision an alte Marken versucht, konnten wir bereits an früheren THQ-Nordic-Projekten beobachten.
THQ-Nordic, Nekromant der Lizenzen?
AquaNox, Darksiders, SpongeBob - THQ Nordic wärmt gerne alte Klassiker wieder auf. Mit unterschiedlicher Erfolgsrate. Das originalgetreue SpongeBob Schwammkopf: Battle for Bikini Bottom - Rehydrated kam zwar in der Presse weniger euphorisch an, dafür aber umso mehr bei den Fans. Die Verkaufszahlen waren blendend, Spieler waren zufrieden und der gute alte Schwamm bekam eine hübsche WC-Wellness-Kur. Man nehme ein neues Studio, verschönert das Originalspiel und der Hase läuft. Weniger blendend hingegen lief das Projekt AquaNox Deep Descent. Statt technischem Uplift gab es eine neue künstlerisch freiere Vision und Umsetzung der alten Marke, die dann umso kolossaler scheiterte. Zu fade Story, zu viel verschenktes Potenzial und ein trister Nachgeschmack blieben als Resultat des Experiments.
Quelle: THQ Nordic
Das Remake SpongeBob Schwammkopf: Battle for Bikini Bottom - Rehydrated blieb haargenau am Original. Vielen Spielern hat dieser Flashback gefallen.
Wenig überraschend: Wirtschaftlicher Erfolg und Erwartungen entscheiden über Leben und Tod einer Spielereihe, auch wenn es weiterhin Fans alter Games gibt. Das Damokles-Schwert des Remakes ist das trichterartige Zusammenfallen aller bereits genannten Punkte, die zur Kettenreaktion des Gothic-Experiments führen kann. Eine deutsche Ruhrpott-Schnauzen-Sprachausgabe, ins Englische übersetzt, von spanischen Entwicklern anders interpretiert (man siehe Zorro-Diego), unter dem Druck des Zeitgeistes geformt und mit mehr Freiheiten entstanden, die zu einem potenziellen AquaNox Deep Descent führen könnte. Das Resultat wäre ein Testballon, der geplatzt ist. Mit anschließender Einschläferung der Marke wie bereits vorher einige Male beobachtet.
Ein hoffnungsvoller Blick Richtung Zukunft?
Dass originalgetreue Umsetzungen á la Spyro, Crash Bandicoot und Demon Souls neues Leben in die Marke hauchen können, ist klar und sollte Fans einer Franchise-Serie freuen. Eine finanziell erfolgreiche, moderne Neuauflage von Gothic vermag deshalb auch zum Träumen einladen, schließlich hängen an diesem Projekt weitere potenzielle Nachfolger. Mit dem Reboot und dem neuen Team hat THQ-Nordic die Möglichkeit, alte Stärken der Gothic-Serie den neuen Spielergenerationen zu zeigen und später auch frische Ableger zu kreieren. So wäre eine völlig andere Umsetzung des dritten Teils denkbar.
Voraussetzung für diese blühende Zukunft ist allerdings auch das Durchdringen und Verstehen der Gothic-Essenz seitens Alkimia Interactive. Andernfalls würden Spieler das Fehlen der Ruhrpott-Seele spätestens zu Release merken. Dass die Entwicklung eines Rollenspiels, das zwar den Namen Gothic trägt, aber kein Gothic beinhaltet, floppt, konnten bereits die JoWood-Titel Gothic 3 Götterdämmerung und Arcania eindrucksvoll zeigen. Das sollte zumindest auch THQ-Nordic wissen. Versprochen wurden den Gothic-Fans schon oft das Blaue vom Himmel, den heißesten Scheiß seit geschnitten Brot. Und mindestens genauso oft wurden die meisten Fans enttäuscht.
Quelle: PC Games
Statt der klassischen Taufe von Bullit und seinen Jungs erwarteten uns direkt drei ausgewachsene Snapper. Wie schon vor 20 Jahren rettet uns Diego, wenn auch pompöser inszeniert.
Insofern könnte man von berechtigt vorsichtigem Optimismus sprechen. Was zumindest für immer unberührt bleibt, sind die Originale. Kein Reboot und Ableger, und mag er noch so schlecht sein, wird die Klassiker und die zugehörige Community kleinkriegen können. Was auch kommen mag, es ändert nichts an der starken internationalen Fangemeinschaft der alten Spiele in deutschen, polnischen, russischen und den kleineren englischen Foren. Gothic lebt in den Herzen der Fans weiter. Ein maximaler Flop würde vielleicht den neuen Spielern die Welt des Gothic-Universums verwehren und auch würde die Marke wohl erneut in den Schneewittchen-Sarg gelegt werden. Doch wie heißt es so schön am Ende? Schneewittchen war quicklebendig, die Stiefmutter ward vertrieben und am Ende wartet der namenlose Held auf uns alle mit einem: Alles wird gut! Auch, wenn der Drahtseilakt noch vor uns liegt.
