Half-Life: Alyx im Test, Seite 2: Gunplay, nervige Rätsel, Komplexität, Meinung, Wertung und mehr
Test
Wir leben in einer Zeit, in der Menschen Videospiele zocken, denen Half-Life kein Begriff mehr ist - der Release Half-Life 2: Episode 2 und somit das letzte offizielle Spiel der Reihe ist schließlich schon satte 13 Jahre her. Mit Half-Life: Alyx wollen die Entwickler nun an alte Glanzzeiten anknüpfen, und zwar mit einem VR-exklusiven Shooter, der qualitativ mindestens gleichauf mit den anderen, hochgelobten Teilen der Reihe sein soll. Aber hat das funktioniert? Wir haben uns die VR-Brille übergezogen und uns für unseren Test zurück nach Cty 17 begeben!
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Nichts prägt das Moment-to-Moment-Gameplay aber so sehr wie die im Vorfeld vielbeworbenen Gravity Gloves, die dankenswerterweise genauso gut umgesetzt wurden, wie wir uns das gewünscht haben. Im Grunde funktionieren sie wie simplifizierte Versionen der Gravity Gun aus Half-Life 2, angepasst an VR. Wir zeigen einfach auf jeden beliebigen Gegenstand in der Welt, drücken einen Knopf und ziehen ihn auch aus großer Entfernung an uns heran. Noch einen Knopf gedrückt, und wir fangen ihn mitten aus der Luft. Als Waffe wie die Gravity Gun taugen die Gravity Gloves nicht, denn sie können Objekte nicht mit Wucht abstoßen. Sie sind aber extrem versatil und schnell gewöhnt man sich daran, sich kaum jemals für Munition und Co. zu bücken, sondern die Dinger einfach zu sich herzuziehen. Eine wilde Schießerei mit den Combine, bei der wir kaum noch Lebensenergie übrig haben, gewinnt noch einmal gewaltig an Style, wenn wir in der Ferne ein Heilspritze sehen, sie hektisch zu uns heranziehen und uns damit den entscheidenden Vorteil verschaffen. Keine Frage: Ohne Gravity Gloves wäre Half-Life: Alyx nicht einmal halb so gut!
Zum Schießen!
Quelle: PC Games
Sich nter Objekten zu verstecken, indem man sich einfach duckt und dann mit Granaten und unseren Wummen gegen die Feinde vorzugehen, macht viel Laune.
Apropos Schießereien: Obwohl wir nur selten gegen Massen an Feinden auf einmal antreten, sind die Gefechte extrem intensiv gestaltet. Wenn man von Deckung zu Deckung huscht, direkt über Kimme und Korn zielt, Granaten aufnimmt und physisch wirft und wie gesagt gekonnt mit den Gravity Gloves agiert, dann vergisst man irgendwann, dass man gerade ein Videospiel spielt. Das sind die besten Momente, die Half-Life: Alyx neben den Story-Momenten zu bieten hat und wenigen VR-Shootern gelang es bisher, das Gunplay so gut umzusetzen. Das, wie gesagt, trotz des auf Dauern ermüdenden Nachladeprozesses.
Jedoch, ist sind dies eben nicht alle Momente, die Alyx prägen und andere Aspekte sind deutlich weniger reizvoll. Ab und an erwarten uns völlig unerwartete, toll inszenierte Momente, die wir an dieser Stelle freilich nicht spoilern wollen; gerade gegen Ende hin zieht die Qualität noch einmal massiv an. Dazwischen liegt viel, viel Einheitsbrei. Wir können gar nicht zählen, wie viele Energiezellen mechanischer und biologischer Natur wir im Verlauf der Kampagne eingesammelt haben, um sie in bestimmte Apparaturen einzusetzen und dadurch Türen zu öffnen. Sogar Schlüsselkarten, das Sinnbild des unkreativen Spieldesigns, müssen an einer Stelle gefunden werden.
Multi-Tristesse
Quelle: PC Games
Atmosphärisch spielen die Entwickler gekonnt mit Action, Horror, Humor und Co. Dialoge, Settings und mehr gehen perfekt Hand in Hand.
Das ist jedoch nicht der größte Störfaktor, dem wir in Half-Life: Alyx begegnen. Der hört auf den Namen Multi-Tool und ist eine Art Sensor, dem wir im selben Kreismenü wie unsere leider nur drei Waffen auswählen. Mit ihm betätigen wir etwa Schalter, vollziehen Stromleitungen in Wänden nach und deaktivieren Bewegungsminen. All diese Aufgaben werden im Rahmen unterschiedlicher, kleiner Geschicklichkeitstests absolviert. In der Theorie ist das eine nette Idee. In der Praxis jedoch kommen diese Aufgaben viel zu häufig vor, bieten null Herausforderung und ziehen sich viel zu sehr in die Länge. Das nervt vor allem dann, wenn man aus Unachtsamkeit doch einmal einen Fehler macht und dann nicht sofort wieder ran darf, sondern zuerst das ganze Prozedere von Schalter betätigen, Startanimation des Minispiels angucken und es anschließend Absolvieren von vorne beginnen muss. Keine Frage, die Inszenierung der Geschicklichkeitstests mit im Raum schwebenden Hologrammen ist nett. Der Novumfaktor verabschiedet sich hier aber schon nach den ersten zehn, 20 Aktionen, die man mit dem Sensor absolvieren muss.
Die wohl spaßbefreiteste Aufgabe ist das Nachvollziehen der Stromkabel, bei dem wir an Schlüsselpunkten Weggabelungen für den störungsfreien Fluss neu ausrichten müssen. Diese Knobeleien ziehen sich manchmal über mehrere Räume, nehmen gerne mal ein paar Minuten in Anspruch und ändern sich im ganzen Spielverlauf kaum. In einem Spiel, welches auf seine Art sehr stark auf Realismus setzt, stechen die Multi-Tool-Momente unangenehm als sehr "gamey" heraus.
Zudem ersetzen sie die beliebten physikbasierten Rätsel aus Half-Life 2 und den beiden Episoden zum größten Teil. Ja, die gibt es schon noch, aber nur in sehr geringem Ausmaß und selten gehen sie über "Stelle eine Kiste vor das zu hohe Fenster und klettere drauf" hinaus. Klar, die Gravity Gloves sind hier ein guter Ersatz und erlauben sehr zufriedenstellende Physikspielereien abseits von Rätseln. Trotzdem hätten wir uns hier noch etwas mehr Varianz und dafür weniger der austauschbaren Multi-Tool-Aufgaben gewünscht.
Play like it's 2007
Quelle: PC Games
Neben neuen Figuren trifft man auch auf bekannte Gesichter wie die Vortigaunts, die uns wieder hilfreich zur Seite stehen.
Zudem ist Alyx im Kern eine sehr simple Spielerfahrung. So kompetent es den Machern auch gelungen ist, das Half-Life-Spielgefühl in die Virtuelle Realität zu verlagern, merkt man doch, dass dafür Kompromisse eingegangen werden mussten. Wir reden von der Fortbewegung, wir reden von der stimmigen, aber heutzutage trotzdem etwas seltsamen Segmentierung der Levels, wir reden von der insgesamt recht gleichförmigen Gestaltung. Half-Life braucht keine großen Upgrade-Systeme, aber abseits sehr simpler Waffenverbesserungen, die wir mittels physisch aufgesammelter Quasi-Erfahrungspunkte erhalten, gibt es auch hier keine Möglichkeit, unsere Fähigkeiten allzu sehr zu individualisieren. Auch hier gilt: Nicht jedes Spiel braucht große Anpassungsmöglichkeiten. Alyx fühlt sich aber ein wenig danach an, als sei hier zurückgeschraubt worden, um das Geschehen eher simpel und somit VR-tauglich zu halten.
Shitstorm incoming
All diese Kritikpunkte ändern freilich nichts an dem Umstand, dass der Titel verdammt viel richtigmacht. Er ist aber eben auch nicht das einzigartige Meisterwerk, die VR-Killer-App, die sich wohl viele erhofft und erwartet haben. Es ist toll, dass wir endlich wieder in die Half-Life-Welt zurückkehren können und zahlreiche Fans werden schon alleine deswegen bereit sein, hier entsprechend Geld für das benötigte Equipment auf den Tisch zu legen. Wer an Alyx aber nur interessiert ist, weil er sich davon eine einzigartige spielerische Erfahrung erwartet und wem die Marke an sich eher egal ist, der findet auch andere, bessere Nicht-VR-Alternativen, etwa weiterhin Half-Life 2.
