Judgment: Spannend, düster, verdammt gut - Der Detektiv-Thriller der Yakuza-Macher im Test (Update mit Testvideo)
Test
In Japan erschien Judgment schon ende letzten Jahres, doch nun hat der Detektiv-Thriller der Yakuza-Macher auch endlich seinen Weg nach Europa gefunden. Sogar mit englischer Sprachausgabe und deutschen Untertiteln! Wir haben das Action-Adventure von Sega und Ryu Ga Gotoku Studio gespielt und verraten euch in unserem Test, warum uns Judgment begeisterte.
Wie üblich kommen die Spiele von Ryu Ga Gotoku, den Entwicklern der Yakuza-Reihe, hierzulande etwas später. Diesmal fiel die Wartezeit jedoch nicht ganz so lang aus. Judgment (jetzt kaufen 22,06 € ) erschien im Dezember in Japan und kommt nun mit nur einem halben Jahr Verspätung endlich auch auf europäische PS4-Konsolen. In Nippon kam der Titel auch richtig gut an, das meiste, was man hierzulande von Judgment mitkriegte, war der Kokain-Skandal um den Schauspieler Pierre Taki, der einem Charakter im Spiel Aussehen sowie Stimme lieh. In Japan wurden Versionen des Spiels aus dem Handel genommen und auch für den Europa-Release wurden Aussehen und Stimme des Charakters geändert.
Es wäre durchaus schade, wenn Judgment nur auf diese Geschichte reduziert würde, und man kann eigentlich nur hoffen, dass der alte Spruch "Es gibt keine schlechte PR!", tatsächlich stimmt. Ansonsten dürfte vielen Spielern eines der besten Action-Adventures des Jahres entgehen. Judgment entpuppt sich nämlich als spannender, top inszenierter Detektiv-Thriller, der spielerisch eine gelungene Mischung aus Yakuza und L.A. Noire mit einem Hauch Ace Attorney ist.
Judgment im Test
Keine Einstiegshürde
Quelle: PC Games
Die Story ist klasse und bleibt stets spannend, düster und erwachsen. Nach und nach erfahrt ihr zudem pikante Details aus Yagamis Vergangenheit.
Das Grundgerüst von Judgment ist das der Yakuza-Reihe, doch bevor viele Leser den Titel jetzt schon in die gleiche Nische schieben, sei gesagt, dass Judgment weitaus weniger sperrig ist als die mehrteilige Saga um Kazuma Kiryu. Die Geschichte von Judgment ist vollkommen eigenständig, etwas geradliniger und man wird nicht bereits zu Beginn mit allerhand japanischen Namen zugeschmissen. Besonders erfreulich ist zudem, dass der Titel nicht nur japanische Sprachausgabe mit englischen Untertiteln bietet, wie es jahrelang bei der Yakuza-Reihe üblich war.
Neben dem japanischen O-Ton bietet Judgment eine englische Tonspur und sogar deutsche Untertitel sowie deutsche Menüs. Die englische Sprache klingt für uns Europäer nicht nur vertrauter, die engagierten Sprecher sind auch noch absolut hervorragend und passend für die jeweiligen Figuren gewählt. Die englische Sprachausgabe in Judgment ist nicht einfach nur gut und professionell, sondern so stark, dass sich sogar einige Triple-A-Blockbuster an dem Titel ein Beispiel nehmen können.
Die deutschen Untertitel hingegen geben nicht alle Wortwitze gekonnt wieder, verfälschen aber inhaltlich nichts, sodass auch Spieler ohne Fremdsprachenkenntnisse voll in Judgment abtauchen können. Etwas schade ist allerdings, dass nur die Hauptgeschichte komplett vertont ist. In Nebenaufgaben erwarten euch nur sich wiederholende Worthülsen und Textboxen. Das ist dann doch ein wenig altbacken.
Die Tiefen der Unterwelt
Quelle: PC Games
Privatdetektiv Yagami und sein Partner Kaito geraten mit ihren Ermittlungen zwischen die Fronten eines Krieges verfeindeter Yakuza-Gruppierungen.
Doch worum geht es eigentlich? Ihr übernehmt die Rolle des ehemaligen Anwalts und jetzigen Privatdetektivs Takayuki Yagami, der drei Jahre vor den Geschehnissen von Judgment seinen alten Job an den Nagel hängte, nachdem er vor Gericht einen Freispruch für einen Klienten erwirkte, der sich im Nachhinein doch als Mörder herausstellte. Seitdem ist er also als privater Ermittler unterwegs und übernimmt zusammen mit seinem Partner Kaito, einem Ex-Yakuza, auch noch kleinere Fälle für die Kanzlei, in der Yagami früher angestellt war.
Dadurch geraten Kaito und Yagami-san auch bald an einen besonders pikanten Fall: Sie sollen Beweise für die Unschuld eines Yakuza-Captains Hamura sammeln, der beschuldigt wird, der Serienmörder von Kamurocho zu sein. Dieser Mörder hat es vor allem auf Yakuza abgesehen und sticht seinen Opfern mit einem Eispickel die Augen aus. Hamura scheint zwar unschuldig zu sein, aber doch etwas über den wahren Mörder zu verschweigen. Im Laufe ihrer Ermittlungen geraten Yagami und Kaito nicht nur ins Kreuzfeuer eines Krieges zwischen verfeindeten Yakuza-Clans, sondern entdecken, dass verschiedene Parteien ihnen bei der Suche nach dem Mörder Steine in den Weg legen. Es liegt also an Yagami, die Wahrheit ans Licht zu bringen und für Gerechtigkeit zu sorgen.
Die Geschichte ist nicht nur lang - wer nur der Story folgt und nebenbei einige Nebenmissionen erledigt, sollte auf jeden Fall 30 Stunden einplanen -, sondern auch sehr wendungsreich und bleibt über die gesamte Zeit spannend. Wie schon in der Yakuza-Reihe wird diese in sehr cineastischen Zwischensequenzen und jeder Menge sehr gut geschriebener Dialoge vorgetragen. Die Cutscenes dauern auch durchaus schon mal mehrere Minuten. In dieser Zeit ist man zum Zuschauen verdammt. Ungeduldige Spieler können die meisten Sequenzen zwar wegklicken, doch dann würde man eben auch wichtige Teile der geradlinigen, aber dennoch komplexen Story verpassen.
Judgment biedert sich weder einer jüngeren Zielgruppe noch der Zielgruppe von modernen, oftmals hektischeren Genre-Vertretern an. Der Grundton ist ruhig, kühl und - genau wie die Thematik der Geschichte - sehr erwachsen. Geduld wird eben vorausgesetzt. Durch die realistische, unaufgeregte Erzählweise fallen die teils sehr überraschenden und tiefgreifenden Erkenntnisse während Yagamis Ermittlungen jedoch auch viel wuchtiger aus.
Das liegt allerdings auch an den zahlreichen absolut toll geschriebenen Charakteren, welche die Geschichte tragen. Sämtliche relevanten Figuren sind vielschichtig, verfolgen ihre eigenen Motive und sind sehr nachvollziehbar. Verschiedene Charaktereigenschaften werden auch nie übertrieben dargestellt oder definieren gar den ganzen Charakter. Yagami gibt sich zwar bewusst cool, wird aber von seiner Vergangenheit einfach nicht losgelassen. Kaito hingegen sorgt zwar mit seiner direkten und teilweise etwas simplen Art für einige Lacher, ist aber trotzdem nicht einfach nur ein grober Klotz mit Haudrauf-Attitüde, sondern hat mehr auf dem Kasten als man anfangs denken könnte.
Quelle: PC Games
Einige Spezialattacken stammen zwar direkt aus den letzten Yakuza-Teilen, doch da Yagami beweglicher ist als Kiryu, wurden ihm auch neue spektakuläre EX-Attacken spendiert.
Kämpfen wie (e)in Yakuza
Während der Titel in seiner Geschichte auf Figuren und Elemente aus der Yakuza-Reihe verzichtet, die man selbst als Fan getrost als cheesy bezeichnen kann, stellt die bekannte Serie von Ryu Ga Gotoku die spielerische Basis von Judgment dar. Ihr seid also erneut in der kleinen, aber feinen offenen Spielwelt von Kamurocho, einem Stadtteil Tokios, der an das real existierende Kabukicho angelehnt ist, unterwegs. Kamurocho mag zwar im Vergleich zu den Spielwelten anderer Genre-Vertreter recht klein ausfallen, doch das Städtchen ist wunderbar detailliert gestaltet und mit seinen verschiedenen kleinen Bezirken dennoch abwechslungsreich. Wer schon mal selbst in Tokio war oder einen teil der Yakuza-Reihe gespielt hat, wird sich sofort heimisch fühlen. Zudem trägt die etwas enger gesteckte Spielwelt auch zur Atmosphäre bei, da dies wunderbar zur sehr persönlichen Geschichte rund um den Protagonisten passt.
Quelle: PC Games
Wer seine Fäuste schönen möchte, darf auch mit allerhand Objekten auf Fieslinge einprügeln. Ohnehin geht bei den Schlägereien einiges zu Bruch.
Genau wie in Yakuza lauern allerdings auch diesmal wieder allerhand Gangster auf den Straßen, die euch zur Prügelei auffordern. Auch in den Missionen selbst werden Action-Passagen mit Fäusten und Tritten gemeistert. Im Gegensatz zu anderen Action-Spielen verzichtet Judgment auf Schusswaffen. Stattdessen nutzt ihr zwei verschiedene Kampfstile, um euren Gegnern die Zähne einzudreschen.
Der Kranich-Stil eignet sich am besten dazu, gegen Gegnergruppen anzutreten, da Yagamis Attacken hier schneller sind und er weiter um sich schlägt. Im-Tiger-Stil hingegen sind Yagamis Angriffe fokussierter sowie stärker und damit perfekt für einzelne stärkere Gegner oder Bosse. Per Druck auf die untere Taste des Digi-Kreuzes wechselt ihr zwischen den beiden Kampf-Varianten. Auf die anderen Tasten vom Digi-Kreuz dürft ihr euch Heiltränke, Essen oder Extrakte legen, die eure Gesundheit wieder herstellen oder Attacken kurzzeitig verstärken.
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Ihr dürft jederzeit zwischen dem Kranich- und dem Tiger-Kampfstil wechseln. Kranich ist bei Gruppen, Tiger bei einzelnen Gegnern am wirkungsvollsten.
Apropos stark: Wie auch bei Yakuza ladet ihr eure EX-Leiste mit gelungenen Angriffen auf und könnt somit besonders kräftige Spezialattacken auslösen. Zudem dürft ihr auch allerhand Objekte wie Baseballschläger, Stahlrohre, Verkehrshütchen oder gar Fahrräder nutzen, um euren Gegnern damit die Kauleiste umzudekorieren. Mit diesen Waffen lassen sich natürlich auch EX-Attacken ausführen. Besonders spaßig sind zudem die Wandsprünge. Rennt ihr in einem Kampf auf eine Wand zu, stößt sich Yagami automatisch davon ab und fliegt den Gegnern in Kombination mit einer der beiden Angriffstasten oder der Griff-Taste mit einem spektakulär aussehenden Sprungangriff entgegen.
Doch egal, auf welche Art ihr die Kriminellen verprügelt, für jeden gewonnenen Kampf und jede abgehakte Quest bekommt ihr Skill-Punkte. Diese gebt ihr - wie der Name schon sagt - für neue Skills aus. Per Druck auf Start zückt Yagami sein Smartphone und ihr könnt das Skill-Menü auswählen, wo ihr mit verdienten SP neue Angriffe, Kombos, eine Erweiterung des Lebensbalkens oder Detektiv-Instinkte kauft.
Ermittler, Anwalt, Laufbursche
Yagami läuft schließlich nicht nur durch die Gegend und haut bösen Buben die Zähne in den Hals, er ermittelt auch tatsächlich in seinen Fällen mit klassischer Detektiv-Arbeit, welche das gewohnte Yakuza-Gameplay wunderbar bereichert. So müsst ihr beispielsweise Personen beschatten, um zu geheimen Örtlichkeiten zu gelangen oder mehr über die jeweilige Zielperson zu erfahren. Hierfür müsst ihr das Ziel im Auge behalten, aber auch hinter Objekten in Deckung gehen, damit ihr nicht ertappt werdet, wenn sich die Person misstrauisch umdreht. Bei den bereits angesprochenen Detektiv-Instinkten könnt ihr dafür beispielsweise Skills erwerben, welche die Zielperson hell umranden oder die Zeitspanne verlängern, in der ihr sie aus den Augen verlieren dürft.
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Als Detektiv muss man natürlich auch Personen beschatten. Hier muss man sich immer wieder verstecken und darf das Ziel nicht aus den Augen verlieren.
Neben dem klassischen Beschatten dürft ihr manchmal auch eure Drohne auspacken, um Zielpersonen in einem Gebäude ausfindig zu machen. Doch ein Privatdetektiv ist natürlich nicht nur ein professioneller Spanner. Manchmal geht es in dem Job auch durchaus actionreich zur Sache. Bestimmte Verdächtige haben nämlich so viel Dreck am Stecken, dass sie sofort Reißaus nehmen, wenn sie Yagami sehen. Ihr müsst also hinterherrennen und dabei zahlreichen Hindernissen auf dem Weg (teils durch Quicktime-Events) ausweichen. Das ist spielerisch nicht sonderlich anspruchsvoll, macht aber Spaß und die Verfolgungsjagden sind obendrein noch schön inszeniert.
Zudem untersucht ihr Tatorte, Videoaufnahmen oder Fotos der Opfer nach Hinweisen und erhaltet so Beweise, mit denen ihr Kriminelle ihrer Tat oder Zeugen einer Falschaussage überführen könnt. Hier müsst ihr dann im Gespräch den logischen Beweis präsentieren, genauso wie ihr bei Nachforschungen die richtigen Fragen stellen solltet. Judgment ist hier allerdings nicht so unbarmherzig wie ein L.A. Noire. Sprich: Solltet ihr den falschen Beweis präsentieren oder eine Frage stellen, die nicht zielführend ist, könnt ihr trotzdem noch die Frage stellen oder eben den richtigen Beweis präsentieren. Hier redet sich Yagami dann raus. Ihr müsst lediglich auf einen kleinen SP-Bonus verzichten, wenn ihr danebenliegt.
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Wer bei Ermittlungen die richtigen Fragen stellt, erhält einen Bonus.
Der Fall scheitert auch nicht, wenn ihr was Falsches fragt.
Überhaupt ist der Hauptfall sehr linear. Ihr dürft eure Fehler in den Ermittlungen ausbügeln und könnt eine Untersuchung nicht abschließen, wenn ihr nicht zuvor alle Hinweise gefunden habt. So landet auch kein Unschuldiger hinter Gittern. Allerdings erkennt man auch so, dass die meisten Entscheidungen, die man im Spielverlauf treffen soll, ziemlich aufgesetzt sind. Entscheidet man sich für eine Option, die das Spiel für den Verlauf der Geschichte nicht vorgesehen hat, widerspricht entweder einer von Yagamis Mitstreitern diesem Plan oder Yagami selbst stellt diese Entscheidung in Frage. So oder so landet ihr erneut im Auswahlmenü und müsst nun die andere Option wählen.
Dass Judgment eine lineare Geschichte erzählt, ist sicherlich kein Kritikpunkt. Die Story ist schließlich klasse und würde auch als HBO-Serie super funktionieren. Doch die Entscheidungen hätte man einfach weglassen können. Sie haben schließlich keinerlei Konsequenzen und machen daher ein wenig die Immersion kaputt. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau.
