Was haben WRC, MotoGP und MXGP gemeinsam? Alle Titel basieren auf offiziellen Lizenzen, alle Titel wurden von Milestone entwickelt und alle Titel haben zwar spielerisches Potential, kämpfen dann aber im Endeffekt doch vor allem mit einer total veralteten Technik und mit wenig Konsequent umgesetzten Inhalten. Spaß macht MXGP irgendwie trotzdem, übrigens eine weitere Gemeinsamkeit zu MotoGP & Co.
Statt Arcarde, nun Authentizität und mehr Realismus?
Kenner des Vorgängers MUD - FIM Motocross Championship werden sich beim ersten Probespiel vom aktuellen MXGP verwundert die Augen reiben. Wo ist das arcardelastige Gameplay geblieben? Die Turbo-Boost und die aberwitzigen Sprünge? Was ist nur mit der Fahrphysik passiert? Und warum muss ich mich plötzlich ernsthaft mit der Steuerung auseinandersetzen?
Quelle: Milestone
MXGP - The Official Motocross Videogame (5)
Mit MXGP wagen die italienischen Entwickler von Milestone doch tatsächlich etwas, was man ihnen so auf den ersten Blick gar nicht zugetraut hätte: Eine radikale Kehrtwende des bekannten Gameplays. Statt weiter auf Arcarde und Oberflächlichkeit zu setzen, macht Milestone im aktuellen Ableger genau das Gegenteil und rückt Realismus und Authentizität in den spielerischen Vordergrund. Damit sind aber auch die Zeiten vorbei, wo ihr die DVD mal schnell ins Laufwerk gelegt habt und ohne Einarbeitung sofort erfolgreich über die Matschpisten gebrettert seid. Zwar bietet die Steuerung durchaus den gewissen Zugang, trotzdem werdet ihr nicht umher kommen, euch mit den verschiedenen Bedienkniffen vor dem ersten richtigen Rennen intensiver auseinanderzusetzen. Zumindest dann nicht, wenn ihr einmal den süßen Geschmack des Erfolges kosten und nicht immer nur jenseits der Top-Ten ins Ziel kommen wollt. Wie immer im Leben, macht hier vor allem Übung den Meister. Und dies ist wirklich nötig, denn die neue Dual-Stick-Control will erlernt werden, um ihre ganze Stärke in den Rennen auch wirklich zu zeigen. Dual-Stick-Control? Kenner werden sofort ahnen, was wohl dahintersteckt. Mit linken bzw. rechten Stick werden Fahrer bzw. Motorrad getrennt von einander gesteuert. Während man also beispielsweise sein Motorrad mit dem einen Stick in die Kurve legt, kann man durch geschickte Gewichtsverlagerung des Fahrers mit dem anderen Stick das Durchfahren von besonders engen Radien realistisch unterstützen. Ähnliches bei den Sprüngen. Durch überlegtes Nach-Vorne- oder -Hinten-Lehnen – Nach-Vorne- oder -Hinten-Drücken des entsprechenden Stick – kann hier die Sprungweite optimale beeinflusst werden. Gerade wenn man sich im direkten Positionskampf mit der Konkurrenz befindet, kann man dadurch den einen oder anderen Meter gut machen. Hat man den Bogen mal heraus und sich entsprechend lange mit dieser neuen Steuerung beschäftigt, dann macht es wirklich Spaß sich mit seiner Maschine durch den virtuellen Dreck zu pflügen und mit geschickten Aktionen Plätze gut zu machen.
Quelle: Milestone
MXGP - The Official Motocross Videogame (6)
Zwar haben die Entwickler von Milestone bezüglich des Gameplays kaum etwas aus dem direkten Vorgänger MUD übernommen, umfangreiches Source-Recycling haben sie trotzdem gemacht. Es ist schon sehr auffällig, wie sehr sich die spielerischen Inhalte und die spielerische Ausrichtung der Serie MotoGP und eben des neuen Titel MXGP ähneln, wenn nicht sogar absolut gleichen. Gesehen hat man nicht nur die Sticksteuerung in ähnlicher Art, nein auch die ab- bzw. zuschaltbaren Hilfen, wie etwa welche Art von Schaltung man verwendet oder wie stark die Gewichtsverlagerung des Fahrers berücksichtigt werden soll, und auch das System der getrennt ausführbaren Vorder-, sowie Hinterradbremsen kennt man so, und zwar ohne Abstriche, bereits aus der aktuellen Umsetzung zur MotoGP. Auch das Verhalten der KI, oder sollte man lieber sagen, das Nichtverhalten der KI löst die eine oder andere, meist weniger erfreuliche Erinnerung aus. MXGP fühlt sich in vielen Bereichen schlicht und ergreifend so an, als wäre das Gameplay-Gerüst eines MotoGP nur in ein anderes grafisches Gewand gepresst worden – der Untergrund hat sich geändert, kein flimmernder Asphalt mehr, sondern spritzender Matsch, der Rest aber eben kaum oder nur sehr wenig. Da ist es dann auch richtig schade, dass die Crossmaschinen zwar in Echtzeit berechnete Fahrspuren auf der Strecke hinterlassen, der Einfluss dieser Rillen auf die Steuerung des Bikes aber eher rudimentär, sehr überschaubar oder praktisch kaum spürbar ist. Ob ihr eure Maschine nun in der ersten Runde auf nahezu jungfräulichen Erdreich oder kurz vor Ende des Rennens auf einer Piste, die von vielen Rädern durchpflügt wurde, bewegt – egal, das Fahrgefühl bleibt immer das Gleiche. Ob das jetzt wirklich Realistisch ist, sei mal dahingestellt.
Eine Karriere durch alle offiziellen MX-Klassen
Realistisch oder besser original sind zumindest die integrierten Klassen, Teams, Bikes, Fahrer und natürlich Strecken. 60 Fahrer tummeln sich mit ihren 60 komplett lizenzierten Motorrädern auf insgesamt 14 realen Strecken in den offiziellen Klassen MX1 und MX2 (Juniorklasse). Mehr geht in punkto Motocross schlicht nicht. Wer etwa schon immer den siebenfachen Weltmeister Tony Cairoli herausfordern wollte, um ihn seine virtuellen Grenzen aufzuzeigen, der kann dies mit MXGP ohne Abstriche tun.
Lizenztechnisch kann man Milestone also eigentlich wenig bis nichts vorwerfen, inhaltlich bezüglich der Spielmodi allerdings leider schon. Auch hier ist Source-Recycling wieder das ledige Thema, und wieder ist der kopierte Code nicht vom Vorgänger, sondern vom Parallelprodukt MotoGP. Dass man Punkte, wie Sofortrennen, Grand Prix, Meisterschaft, Karriere, Zeitrennen und Onlinespiele via Xbox Live, im Menü findet, kann man ja noch verstehen, dass sich hinter diesen Bezeichnungen, dann neben dem gleichen Name auch noch praktisch die selben Inhalte mit nahezu identischem Aufbau und einer nur dem Motocross-Thema angepassten Präsentation finden lassen, ist dann aber des Guten doch etwas zu viel. Besonders extrem fällt hierbei die Karriere auf. Die Erstellung des Fahrers mit vorgegebenen Gesicht und nicht vorhandenen Möglichkeiten ins Detail zu gehen – kennt man schon. Die Schaltzentrale in einer Art Büro-Garagen-Kombi mit Kalender, Computer etc. – kommt einem mehr als bekannt vor. Und der Ablauf, der mit ersten Mailangeboten von kleineren Rennteams beginnt und bei entsprechenden Erfolgen mit Abwerbeversuchen höherklassiger Teams endet – MotoGP lässt grüßen. Diese Liste könnte man ewig fortführen, da praktisch in jeden Bestandteil des MXGP-Modus das Karriere-Gegenstück der anderen Spielereihe wiederzuerkennen ist. Besonders dreist wird das Copy-And-Paste allerdings bei der Vorstellung der Strecke. Ein kurzer Film der Stadt bzw. der Umgebung und ein Pistenüberflug samt diverser Dateneinspielungen – man erwischt sich dabei, schnell mal den Auswurfknopf der Xbox360 zu drücken, weil man denkt, man hätte gar nicht MXGP eingelegt, sondern eben MotoGP. Schade, dass Milestone hier nicht den Mut zu mehr Eigenständigkeit hatte und stattdessen einfach die bekannte 08/15-Kost aus dem hauseigenen Standard-Baukasten anbietet. Wieder eine Chance vertan, wieder wird vorhandenes Potential nicht besser auszuschöpfen.
Quelle: Milestone
MXGP - The Official Motocross Videogame (11)
Singleplayer werden aber trotz allem sicher ihren Spaß haben, denn kopierte Karriere hin oder her, einen gewissen Tiefgang bietet selbige dann doch. Auch die Kurzweile, die durch ein schnelles Rennen oder die Einzelevents aus dem Grand Prix, geboten wird, kann man kaum kritisieren. Leider gibt es praktisch nichts abseits der realistischen Spielvarianten, wer also witzige Mini- oder Partygames sucht, der sucht in MXGP vergebens. Schade auch, dass sich der Mehrspielermodus tatsächlich nur auf Xbox Live beschränkt, d. h. ein Splittscreen- oder anderweitiges Multiplayerspiel vor einer Konsole und einem Bildschirm ist nicht möglich. Über das World Wide Web werden dann aber wenigstens die bereits allseits bekannten Inhalte geboten: Einzelrennen, eine Online-Meisterschaften und diverse Ranglisten. Ausgetragen werden die Online-Rennen übrigens gegen bis zu 11 Kontrahenten. Sehr überschaubar, wird der eine oder andere jetzt einwerfen. Richtig, aber glaubt uns, mit diesem mageren Umfang hätte ihr wahrscheinlich leben können, wenn, ja wenn ein flüssiges Online-Spiel überhaupt möglich wäre. Ist es aber nicht. Ständige Verbindungsabbrüche und Lags ohne Ende machen ein Rennen über das WWW zur reinsten Tortur. Bluthochdruck ist hier garantiert. Daher unser Tipp: Wer seine Nerven schonen will, der meidet Ausflüge in den Online-Modus am besten komplett.
Die Technik in einem Wort: Veraltet
Quelle: Milestone
MXGP - The Official Motocross Videogame (12)
Die reinste Tortur könnte MXGP auch für jene werden, die auf reibungslose, fehlerfreie und eventuell sogar aktuelle Technik Wert legen, denn selbige bietet der aktuelle Titel von Milestone nicht und zwar überhaupt nicht. Die italienischen Entwickler werden auch mit der aktuellen Umsetzung des Motocrossrennsports ihren Ruf mal wieder absolut gerecht: Viel Altes, wenig Neues und noch weniger Aktuelles. Sicher, auch bei der Grafik gibt es durchaus das eine oder andere Highlight, was heraussticht. Wie etwa die in Echtzeit berechneten Fahrspuren auf den Strecken oder das durchaus schmucke Design der Crossmaschinen. Auch das sich die Kleidung der Fahrer im Wind bewegt und selbst das Schutzblech vibriert, zeugt von einer gewissen Detailliebe der Entwickler. Leider stehen dem matschige Texturen, teilweise kaum realistische Fahreranimationen, ein absolut tristes Streckendesign ohne wirkliche Details und Wettereffekt, die man so eigentlich gar nicht bezeichnen darf, gegenüber. Hinzu kommt, dass einem die ganze Menüstruktur, die Schaltzentrale Büro bzw. Garage und die gesamte Präsentation irgendwie mehr als bekannt vorkommt. Das mittlerweile bereits mehrfach angesprochene (MotoGP-) Déjà-vu begegnet einem optisch und akustisch praktisch überall. Ja, auch dieser ständig dahin quasselnde "Moderator" ist in MXGP zu finden und verfolgt euch durch das gesamte Spiel. Zumindest was den Motorensound angeht, scheint der Titel nicht ganz verkehrt zu liegen. Was die Bikes so über die Lautsprecher abgeben, klingt, soweit wir das beurteilen können, alles ziemlich realistisch.
Wirklich enttäuschend ist aber, dass trotz der kaum aktuellen Grafikengine und der allgemein sehr angestaubten Technik, der Titel Fehler über Fehler zeigt. Beginnend bei sichtbar nachladenden Bodentexturen, über unschöne Clippingfehler und verschwindende Fahrer, bis hin zu einer kaum stabile Framerate bietet MXGP praktisch alles was ein heute entwickeltes und produziertes Spiel eigentlich nicht mehr bieten sollte. Und weil dies noch nicht genügt, wird man dann noch zu allem Überfluss mit teilweise grenzwertig langen Ladezeiten gequält. Was zum Henker wird hier von der Festplatte oder DVD geladen? Grafik kann es ja irgendwie nicht sein?
