Zehn Jahre nach der Kontroverse - Seite 2

Special Olaf Bleich Benedikt Plass-Fleßenkämper Maria Beyer-Fistrich
Zehn Jahre nach der Kontroverse - Seite 2
Quelle: Bioware

Ein enttäuschendes Finale und die Folgen: Mass Effect 3 zeigte das Eskalationspotenzial von Computer- und Videospielen. Wir klären in unserem Report, warum das Problem auch zehn Jahre später noch besteht.

Die darauffolgenden Wochen und Monate ...

Die zunächst kleine Kontroverse nahm immer merkwürdigere, aber auch organsiertere Formen an. Es bildeten sich Facebook-Gruppen, mit heute über 48.000 Followern, die nicht nur ein neues Spiel-Ende forderten, sondern auch Protestaktionen planten. Beispielsweise ermutigte man die Community dazu, freundliche Briefe an Bioware zu schicken und ihre Sorgen und Nöte entsprechend vorzutragen. In anderen Foren taten sich Mitglieder gar zusammen, um auf der Spielemesse PAX East zu demonstrieren. Fans reichten sogar Klagen gegen Bioware ein, mit der Begründung, dass das Spiel nicht den zuvor getätigten Ankündigungen entsprach. Es gab Petitionen und Charity-Aktionen unter dem Titel "Retake Mass Effect", die Geld sammelten und an Hilfsorganisationen spendeten.

Bioware reagierte. Nach dem offenen Brief kurz nach Release des Spiels kündigte man bereits am 5. April 2012 den Extended Cut an. Diese kostenlose Erweiterung sollte vor allem die Endsequenz um zusätzliche Inhalte und eine weitere Wahlmöglichkeit ergänzen. Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus: Game Informer etwa befürchtete in diesem Präzedenzfall den Sturz der künstlerischen Freiheit. Forbes befürwortete indes diesen Schritt und sprach sich für eine Verbesserung des Endes aus.

Wegweisend?

Wieso also spürt man das Nachbeben der Mass-Effect-Kontroverse bis heute? Die Diskussionen und auch die Eskalation der Situation zeigt das Problem, in der bis heute viele Entwickler stecken. Denn obwohl besonders die großen Spieleserien inzwischen in enger Zusammenarbeit mit der Community entstehen, so wachsen die Erwartungen teils ins Unermessliche. Jeder Fan wünscht sich das "perfekte" Ende und den "idealen" Abschluss.

In der jüngeren Vergangenheit zeigten sich ähnliche Reaktionen etwa bei der finalen Staffel zu Game of Thrones oder auch den Geschehnissen rund um The Last of Us 2. Als klar wurde, dass eine der Hauptfiguren des Actionspiels den "Serientod" sterben würde, entbrannte eine Woge der Entrüstung. Via Social Media machten viele Spieler ihrem Unmut Luft und zeigten beispielsweise demonstrativ, wie sie ihre Vorbestellung stornierten. Sie hatten sich das Spiel und seine Story schlicht anders vorgestellt. Wo aber beginnt nun Fanservice und Nähe zur Community? Und wo hört eigentlich das Recht auf die Kontrolle am eigenen, kreativen Werk auf?
Momente der Entscheidung: Durch die vielfältigen Eingriffsfunktionen suggeriert Mass Effect, dass Spieler die Kontrolle über die Geschichte der Reihe haben. Quelle: Moby Games Momente der Entscheidung: Durch die vielfältigen Eingriffsfunktionen suggeriert Mass Effect, dass Spieler die Kontrolle über die Geschichte der Reihe haben.

Bioware überarbeitete das Ende von Mass Effect 3 mit dem Extended Cut und ließ so die emotionalen Wogen spürbar abebben. Die neuen Endsequenzen waren nicht grundlegend anders, erklärten aber mehr und holten so die Fans wieder vermehrt mit ins Boot. Trotzdem: Der anfängliche Shitstorm bis hin zu Anfeindungen in Richtung des Bioware-Teams dienen bis heute als mahnendes Beispiel dafür, wie das Fan-Sein unter keinen Umständen aussehen darf. Die Hoffnung, dass die Lehre aus Mass Effect 3 ein besseres Miteinander zwischen Entwicklern und Community zur Folge haben könnte, scheint sich jedoch nicht bewahrheitet zu haben. Sosehr sich auch viele Studios um die enge Zusammenarbeit mit der Community bemühen, so wenig sind derartige Eskalationsstufen auszuschließen.

Bioware opferte in diesem Fall einen Teil seiner künstlerischen Freiheit und ging einen Schritt auf die laute Masse zu. Mass Effect wurde um die Entscheidungsmöglichkeiten und um das Prägen des eigenen Schicksals herum aufgebaut. Die enge Interaktion mit den Crew-Mitgliedern und die vielen Optionen machten es für viele zu mehr als nur einem weiteren Videospiel. Dieses Abenteuer schlussendlich zu einem Ende zu bringen, scheint in der Retrospektive zu einer unlösbaren Aufgabe geworden zu sein.

Denn so schön die Beziehung der Spieler zu Mass Effect auch über viele Jahre war, so dreckig und persönlich war schlussendlich auch die Trennung. Scheiden tut weh, und am Ende waren es die Verantwortlichen bei Bioware, die zumindest für einen halbwegs versöhnlichen Abschied gesorgt haben. Im Rückblick aber zeigt die Mass-Effekt-Kontroverse vor allem die Ausmaße, die eine derartige Eskalation annehmen kann. Drohungen, Anfeindungen und andere Übergriffigkeiten sind nie eine Lösung. Das ist nicht erst seit 2012 so und ist auch im Jahr 2022 nicht der Fall.

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