Kolumne: Kosmetische Items sind auch Gameplay

Special Christian Fussy
Kolumne: Kosmetische Items sind auch Gameplay
Quelle: PC Games

Redakteur Chris Fußy möchte eine Lanze brechen für hübsche Ausrüstung, schräge Frisuren, bunte Waffenskins und umfangreiche Charakter-Editoren, kurz: Für die Features, von denen behauptet wird, sie seien für die Spielerfahrung nicht relevant - weil sich mit dieser Lüge ein Haufen Geld verdienen lässt.

Immer, wenn über Mikrotransaktionen, Lootboxen oder andere in Videospielen implementierte Monetarisierungsmethoden - besonders in Mehrspieler-Titeln - gesprochen wird, fällt früher oder später immer dasselbe Argument:

"Solange es nur um kosmetische Items geht, die das Gameplay nicht beeinflussen, ist das vollkommen legitim. Für das Feature, seine Spielfigur zu schmücken kann man ruhig einen Aufpreis bezahlen, irgendjemand muss die zusätzlichen Assets ja auch erstellen und das kostet nun einmal Geld. Es ist ja komplett optional und verschafft niemandem einen unfairen Vorteil."

Ich habe nicht nur mit dieser Argumentation ein Problem, sondern vor allem auch mit der allgemeinen Annahme, dass kosmetische Items das Gameplay nicht beeinflussen würden, bzw. in sich selbst nicht ein wesentlicher Teil des Gameplays seien, die in diesem Statement mitschwingt.

Kosmetik bzw. die kosmetische Veränderung der Spielwelt und die Individualisierung von Spielfiguren ist absolut Gameplay.

In manchen Spielen ist Design ja sogar eine der zentralen Mechaniken. Möglicherweise nicht in Call Of Duty oder Counter Strike, das bedeutet aber nicht, dass nicht trotzdem ein gewaltiger Teil der Spielerschaft den Drang verspürt, auch diese Spiele zu individualisieren. Nicht umsonst ist der Handel mit Skins und Co. ein so lukratives Geschäft für Valve und Konkurrenten.

Free-to-play: Die Tüte ist umsonst, aber die Pommes kosten

Publisher verkünden gerne großspurig, ihr neuestes Spiel setze nicht auf Pay-to-Win und habe keine Loot-Boxen, um auf Fan-Conventions und in Internetforen billigen Applaus abzustauben. Als sei dieser Umstand genug, um Begeisterung zu rechtfertigen. In den selben Spielen werden sämtliche coolen Looks und Assets dann aber häufig trotzdem hinter einer Paywall versteckt.

Natürlich müssen sich vor allem Free-to-Play-Spiele irgendwie finanzieren. Wenn das Basisspiel aber fade und farblos aussieht und man nur mithilfe der realen Kreditkarte Abwechslung in das öde Design bringen kann, ist das absolut der falsche Ansatz. Dann entwickelt doch lieber einen Vollpreistitel, der von vornherein mit stylisher und stimmiger Optik aufwartet und den Freiraum erlaubt, ohne versteckte Kosten beispielsweise individuelle Waffen- oder Characterskins zu wählen.

FOMO: Denn sie wissen genau, was sie tun

In Multiplayerspielen generieren solche teuren Premium-Looks heftig FOMO (Fear Of Missing Out, also die Angst, etwas zu verpassen/ nicht so viel Spaß zu haben wie alle anderen), weil sie genau aus diesem Grund im Spiel sind. Je mehr Spielende mit individuellen Skins herumlaufen, desto neidischer wird der Rest. Siegestänze, eigene Musik, Reittiere, Mützen und sonstige Möglichkeiten, sich individuell ausdrücken zu können, sind aus dem Grund so ein Kassenschlager, weil sie ein absolut fundamentales menschliches Verlangen befriedigen.

Der Drang zum persönlichen Ausdruck steckt in irgendeiner Form in uns allen. Kinder haben Spaß daran, Barbie-Puppen an- und auszuziehen und ihnen verschiedene, selbstkreierte Looks zu verpassen. Bei Tabletop-Spielen wie Warhammer ist die Gestaltung der einzelnen Figürchen elementarer Bestandteil des Hobbies und auch Fans von Modelleisenbahnen investieren viel Zeit und Mühe, die Landschaften neben der Strecke individuell zu verzieren.
Bei jedem dieser Beispiele ist es allgemein akzeptiert, dass der Kauf von einzelnen Teilen teures Geld kostet. Und die Videospielindustrie versucht diese Selbstverständlichkeit nun auch bei virtuellen Gegenständen zu etablieren.
Overwatch Quelle: buffed Overwatch

Mikro macht auch Mist

Ich habe generell kein Problem mit Addons oder DLC-Paketen, in denen neue Items oder Designs enthalten sind. Mich stört es nur, wenn für jedes Einzelteil ein separater Preis bezahlt werden muss, der auf den ersten Blick moderat erscheint, in Summe mit allen anderen verfügbaren Zusatzinhalten jedoch schnell die Grenzen des guten Geschmacks überschreitet.
Statt Nutzer*Innen mit der Entscheidung zu konfrontieren, ob ihnen das Erweiterungspack wirklich 30 Euro wert ist, wird diesen nach und nach mit Mikrotransaktionen viel mehr Geld für weniger Inhalt aus der Tasche gezogen. Ein Publisher, der diese Methode wenig überraschend meisterlich beherrscht, ist Electronic Arts.

Dass EA in Sachen Mikrotransaktionen gerne mal über die Stränge schlägt, ist kein Geheimnis, was sich die US-Firma bei den Zusatzinhalten für Die Sims 4 erlaubt, schießt allerdings vollkommen den Vogel ab. Will man alle verfügbaren DLC-Pakete und Accessoire-Packs für die Lebenssimulation erwerben, muss man dafür inklusive Hauptspiel einen Betrag von rund 800 Euro hinstrecken (Quelle: Steam).

Apropos Strecken: Der unangefochtene König der Mikrotransaktionen ist übrigens der Train-Simulator von Dovetail Games, dessen gesammelte Zusatzinhalte mit rund 10.000 Euro zu Buche schlagen.

Insert Coin To Create Character

Doch auch außerhalb von Simulationen finden sich heutzutage Mikrotransaktionen, Lootboxen und Premium-Accessoires. Für die EA-Rollenspielserien Mass Effect und Dragon Age waren häufig bereits kurz nach Release DLC-Pakete mit zusätzlichen Rüstungen oder Quests erhältlich, The Elder Scrolls: Oblivion erregte seinerzeit Aufsehen mit der Möglichkeit, eine virtuelle Pferderüstung für echtes Geld zu kaufen und bei den Spielen der NBA 2K-Reihe konnten bzw. können Frisuren, Tattoos, Klamotten, spezielle Bewegungen und eigentlich auch sonst alles was Spaß macht, komfortabel mit dem Griff zur Geldbörse freigeschaltet werden. Zusätzlich zum Kaufpreis von meist über 50 Euro wohlgemerkt.

Für mich ist das als würde ich für eine Runde Dungeons & Dragons mit Freunden einen professionellen Spielleiter engagieren, der uns für 60 Euro durch den Abend leitet. Will ich meiner kampferprobten Spielfigur bei der Charaktererstellung dann allerdings eine Narbe im Gesicht verpassen, bittet mich der Spielleiter für dieses optische Detail um zusätzliche fünf Euro. Weil ich dann noch schicke Rastas, eine Armtätowierung, heterochrome Augen und ein besonderes Haustier möchte, muss ich noch vor Start des Abenteuers zur Bank.
Blizzard Shopseite mit kosmetischen Items Quelle: buffed Blizzard Shopseite mit kosmetischen Items

Spiel sieht gut aus und Schönheit wird bezahlt

Dass dieser Vergleich an manchen Stellen etwas hinkt, weiß ich auch. Aber er verdeutlicht gut meine Frustrationen mit diesem Modell. Kosmetische oder "nicht gameplay-relevante" Inhalte und der allgemeine Look sind absolut essentiell für ein gutes Spiel. Das Gegenteil zu behaupten würde bedeuten, die Arbeit des Design-Teams sei nicht essentiell und könne daher gerne weggelassen oder per optionalem DLC aufgepatcht werden. Dabei geht der Trend bei Videospielen schon seit Jahrzehnten hin zu starker Ästhetik und einer kinoreifen Präsentation, mit der AAA-Spiele ja auch beworben und verkauft werden.

Dazu kommt, dass eine gesunde Modding-Szene, deren Mitglieder Skins und Anpassungen ja meist kostenlos zur Verfügung stellen, erheblich zur Langlebigkeit eines Spieles beiträgt und somit im Sinne der Entwickler handelt. Skyrim wäre auf dem PC sicherlich nicht immer noch so beliebt, gäbe es nicht etliche Videos auf Youtube, in denen Leute beispielsweise als Samurai, Cowboy, Roboter oder Alf durch die Gegend laufen.

Wir müssen also davon wegkommen, eine so starke Unterscheidung zwischen kosmetischen und anderen Zusatzinhalten vorzunehmen. Es mag sein, dass für Manche bei einem Videospiel nur die nackten Mechaniken und bei einem Item nur die Stats zählen. Alle, die in Diablo, Gothic, Skyrim oder einem vergleichbaren RPG schon einmal eine bessere Waffe oder Rüstung links liegen haben lassen, weil die schwächere Ausrüstung einfach cooler aussieht, wissen jedoch, dass diese Einstellung keinesfalls allgemeingültig ist.

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