Nintendo in Zeiten von Corona: Steckt der Mario-Konzern doppelt in der Krise?
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Die Welt ist anders als noch vor wenigen Monaten. Die Corona-Pandemie hat die Welt nach wie vor im Griff und betrifft vor allem natürlich jeden einzelnen als Person, aber auch zahlreiche Unternehmen. Was das Coronavirus im Zusammenhang mit Nintendo bedeutet, ergründen wir in unserem Überblick.
Der Kampf gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 ist noch nicht gewonnen. Zwar liegen die täglichen Neuinfektionszahlen in Deutschland zum Zeitpunkt da wir diesen Artikel auf unserer Website einpflegen, bei "nur" noch etwa 300-400 pro Tag, doch ohne zugelassenen Impfstoff und angesichts des Mutationspotenzials des Erregers bleibt die Krankheit nach wie vor gefährlich. Schon in den ersten Tagen der Ausgangsbeschränkungen war klar: Dies ist eine Situation, mit der die moderne Welt in dieser Form noch nicht konfrontiert war.
In diesem Artikel
Die Auswirkungen waren und sind für jeden spürbar, in diesem Artikel aber wollen wir uns auf das Thema Videospielwelt und Corona konzentrieren. Was hat die Pandemie mit dem Markt und der Branche, insbesondere mit Nintendo angestellt? Einen Schlussstrich und ein endgültiges Fazit zu ziehen, ist natürlich noch unmöglich, aber schon jetzt lässt sich einiges aus den Geschehnissen ablesen. Fangen wir also an!
Die Branche profitiert?
Quelle: Nintendo
Heile Welt in Animal Crossing: New Horizons – die niedliche Lebenssimulation half anscheinend vielen über die Ausgangsbeschränkungen hinweg.
Ein erster Blick auf die Zahlen zeichnet zunächst ein positives Bild - zumindest bezogen auf den erwirtschafteten Gewinn. Das Marktforschungsinstitut NPD Group analysiert monatlich die Trends der Videospielbranche in den USA. Und der März 2020 generierte 35% mehr Umsatz als der gleiche Monat im Vorjahr, nämlich circa 1,6 Milliarden US-Dollar. Darunter fallen plattformübergreifend sowohl Hardware- und Software- als auch Retail- und Digitalkäufe. Ein Titel, der anscheinend wie kein anderer von den vielerorts Anfang März verordneten Ausgangssperren profitiert hat, ist Animal Crossing: New Horizons. Auch wir attestierten wir der Simulation im Test eine hervorragende Eignung, um der plötzlich so ungewissen Realität zu entfliehen. Das große Interesse der Spieler am Titel schlug sich dabei auch in der Switch-Nachfrage nieder: Schon Ende März war es an einigen Orten der Welt, darunter in den USA, in Deutschland und Japan, schwierig, eine Switch zu ergattern. Jedenfalls zum empfohlenen Verkaufspreis - private Anbieter nutzten die Chance, um mit zahlungswilligen Spielern Geld zu machen.
Quelle: Nintendo
Die Switch im Animal-Crossing-Design war vor allem in Japan rasend schnell ausverkauft, die Chance (!), eine Konsole zu erstehen, wurde zum Teil ausgelost.
Auch daran war die Pandemie schuld. Als hier noch niemand dachte, dass sich die Lungenkrankheit zu einem Problem dieses Ausmaßes mausern würde, waren Teile Chinas bereits unter Quarantäne. Von dort allerdings beziehen die Fabriken in Vietnam, die Switch-Konsolen für den amerikanischen und europäischen Markt fertigen, ihre Komponenten. Auch die Produktion in Japan hatte bereits im Februar mit der Knappheit zu kämpfen, als dort die Switch im Animal-Crossing-Design für das Bundle von den Fließbändern lief. Die massive Nachfrage von Spiel und Konsole führte in Fernost sogar dazu, dass Animal Crossing: New Leaf plötzlich ungemein an Wert gewann. Das Spiel für den 3DS wechselt gebraucht teilweise für umgerechnet circa 70 Euro den Besitzer, Tendenz steigend. Die Switch-Knappheit tut sogar dem eigentlich schon toten Handheld 3DS gut. Das Gerät war in Japan für umgerechnet etwa 70 Euro zu haben, bis Corona die Switch-Versorgung lahmlegte. Zwischendurch verdoppelte sich dort der Preis für einen 3DS.
Switch-Knappheit das ganze Jahr?
Quelle: Nintendo
Das Studio Rare teilte auf Twitter einen kurzen Clip, in dem Banjo und Kazooie die Botschaft stay home („bleibt daheim“) buchstabieren.
Nintendo selbst entschuldigte sich und versprach Mitte April prompt, dass fleißig Switch-Nachschub produziert würde, sodass die Durststrecke bald durchgestanden sei. Zwar tröpfelt seitdem immer wieder mal neue Ware ein, allerdings läuft die Fertigung nach wie vor nicht so reibungslos wie vor der Pandemie, trotz Lockerungen in China. Analysten prophezeien gar, dass Käufer die Knappheit später im Jahr noch deutlicher spüren werden, da die Lager durch die aktuell hohe Nachfrage nicht aufgefüllt werden können - und wenn dann die Weihnachts-Shopping-Saison beginnt, gibt es keine Vorräte. Bis klar ist, ob diese Einschätzung der Wahrheit entspricht, werden noch Monate vergehen. Nintendo selbst hat in seiner Prognose für das Geschäftsjahr 2020 die Nachschub-Problematik jedenfalls eingerechnet und erwartet, dass die Switch-Verkäufe im Vergleich zum Vorjahr um 9,6% sinken. Und das, obwohl gefühlt gerade jeder die Nintendo-Konsole kaufen möchte. Allerdings: Die Switch Lite ist von den Lieferproblemen weitaus weniger betroffen. Was jeder haben möchte, ist das Standardmodell von Nintendos Hybridkonsole.
Warten auf die Switch
Quelle: Nintendo
Alle wollen sie, wenige kriegen sie: Das Standard-Modell der Switch ist vielerorts durch Lieferengpässe nur schwer zu bekommen. Wie soll man dann Mario Kart 8 Deluxe spielen??!!
Dass vielerorts die Fließbänder stillstanden oder -stehen, schlägt sich aber nicht nur negativ auf die Verkaufszahlen der Switch nieder. In den USA schloss Nintendo of America die Reparaturzentren wegen der gesetzlichen Einschränkungen zur Verhinderung der Ausbreitung von Corona. Nachdem nun, Ende Mai, in einigen Bundesstaaten die Einschränkungen aufgehoben wurden, nahmen und nehmen die Angestellten dort wieder die Arbeit auf und priorisieren nun zunächst die Hardware, die vor dem Ausbruch der Krankheit eingeschickt wurde. Der berüchtigte Joy-Con-Drift gehört zu den Problemen, die in den Reparaturzentren korrigiert werden. Es gibt in Zeiten einer globalen Pandemie schlimmere Schicksale, als auf die geliebte Heimkonsole verzichten zu müssen, angesichts von Ausgangssperren, Quarantäne und Homeoffice erfuhr das Gaming-Hobby aber einen messbaren Zulauf.
Das bereits angeführte Animal Crossing: New Horizons ist das Nintendo-Spiel, das am häufigsten digital verkauft wurde und den größten digitalen Umsatz hat es auch erwirtschaftet. Weltweit 3,6 Millionen Mal entschieden sich Spieler für den Kauf der Simulation - und das nur im Online-Shop, die Retail-Fassungen kommen noch obendrauf. Wenn die Switch-Lieferungen nicht stocken würden, wären die Zahlen vermutlich noch eindrucksvoller ausgefallen. Die Belebung des Digitalgeschäfts ist aber auch auf anderen Plattformen und bei anderen Spielen sichtbar. Die Vertriebsplattform Steam auf dem PC etwa registrierte Ende März 2020 insgesamt 23,5 Millionen aktive Nutzer und 7,25 Millionen Spieler, die gleichzeitig online zockten - beides Rekordzahlen. Beim Online-Dienst Xbox Live sorgte die Menge an Zugriffen für kurzzeitige Ausfälle des Netzwerks, infolgedessen wurden die Kapazitäten der Server erhöht.
Quelle: Game – Verband der deutschen Games-Branche
Die gamescom findet dieses Jahr unter dem Motto „gamescom now“ rein digital statt. Welche Publisher dieses Angebot wahrnehmen, wird sich noch zeigen.
Ein Spiel, das bereits vor der Pandemie immer wieder ausverkauft war, ist Ring Fit Adventure, eine Mischung aus Rollenspiel und Fitness-Software. Zum Zeitpunkt der Drucklegung war der Titel auf Amazon beispielsweise immer noch nicht zu haben, lediglich zu einem überhöhten Preis (bis zu dreimal so viel wie empfohlen) bei Drittanbietern. Andere Händler haben Ring Fit Adventure zwar zum regulären Preis von etwa 90 Euro im Angebot, weisen aber darauf hin, dass die Lieferung erst Ende Juni erfolgen wird. Die erhöhte Nachfrage ist nicht verwunderlich, denn die Fitnessstudios waren lange geschlossen und auch andere sportliche Betätigungen im Freien waren Einschränkungen unterworfen. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO empfahl auf Social-Media-Kanälen verschiedene Wege, um in den eigenen vier Wänden fit zu bleiben. Ein Punkt dabei war der Vorschlag, Fitness-Videospiele zu nutzen. Ein Nebeneffekt: Das schon recht betagte Wii Sports stieg plötzlich im Preis! Die Webseite Pricecharting, die Preisentwicklungen auf Plattformen wie Ebay, Amazon und andere Händler verfolgt, verzeichnete einen Anstieg vom Verkaufswert von etwa zehn US-Dollar Anfang des Jahres bis hin zu beinahe 30 US-Dollar Ende April. Ob dies mit der Krise zusammenhängt, ist nicht nachgewiesen, aber sehr wahrscheinlich.
Keine Messen dieses Jahr
Die drei großen Messen der Videospielbranche, die E3, die Gamescom und die Tokyo Game Show, fallen dieses Jahr in ihrer regulären Form aus. Auf Nintendo und die Fans hat das weniger Auswirkungen als auf andere Publisher, setzte das japanische Unternehmen doch ohnehin seit einiger Zeit auf die Ankündigungen in Livestreams, statt große Bühnenshows im Rahmen einer Messe zu schmeißen. Jedoch fällt damit für Liebhaber und Redakteure die Möglichkeit weg, an den Ständen und bei Hands-on-Terminen Titel selbst auszuprobieren. Die Treehouse-Livestreams, bei denen Nintendo Titel aus dem eigenen Portfolio vorspielt, werden aber höchstwahrscheinlich dennoch stattfinden, nur in welchem Rahmen und wann, das ist noch ungewiss. Während die E3 komplett pausiert und erst 2021 wieder steigt, bemüht sich das Team hinter der Gamescom, ein digitales Alternativprogramm mit Live-Berichterstattung und -Streams auf die Beine zu stellen. Die Tokyo Game Show im September verfährt ähnlich und arbeitet an einem Online-Konzept.
Unterbrochene Arbeit
Quelle: Ubisoft
Ein weiterer Titel, der für Bewegung im Heimbüro-Alltag sorgt, ist Just Dance 2020. Viele Fitness- und Tanzspiele sind nur auf Nintendo-Plattformen erhältlich.
Aber nicht nur auf die Hardware, die Verkäufe und die Präsentation der neuen Spiele hat Corona Auswirkungen, sondern natürlich auch auf die Entwicklung von neuer Software. Man könnte meinen, dass es der modernen Videospielbranche ein Leichtes sei, Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken. Allerdings sind dabei mehrere Faktoren zu berücksichtigen. Zum einen muss bei einigen Firmen zunächst die Infrastruktur geschaffen werden, also Möglichkeiten zum Fernzugriff auf den Rechner am Arbeitsplatz oder die Versorgung mit der nötigen Software und Hardware am PC im eigenen Heim. Hier spielt hinein, dass große Projekte sensibles Gut sind - bei schlecht geschützten Privatrechnern oder Kommunikationswegen über das Netz besteht die Gefahr, dass Informationen abgeschöpft und veröffentlicht werden. Masahiro Sakurai, der Kopf hinter Super Smash Bros. Ultimate, erläuterte auf Twitter, dass auch er und sein Team von zu Hause aus arbeiten, obschon dies wegen der erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen zur Geheimhaltung ein komplexes Unterfangen sei.
Ebenfalls zu bedenken: Mitarbeiter mit Kindern, die wegen geschlossener Betreuungsstätten und Schulen ihren Nachwuchs tagsüber beschäftigen müssen, können de facto nicht so produktiv sein wie üblich. Zu guter Letzt belastet die Corona-Pandemie Studios natürlich auch durch konkrete Infektionen. Gerade bei kleineren Teams ist es schmerzhaft, auf ein Mitglied oder mehr mindestens zwei Wochen verzichten zu müssen, und das ist noch das beste Szenario, bei dem keine weiteren gesundheitlichen Komplikationen bei den Betroffenen auftreten. Wenn die Abläufe in einem Studio nicht mehr reibungslos funktionieren, kann das schnell zu finanziellen Engpässen, versäumten Deadlines und weiteren Problemen führen.
