Nintendo gegen Sega: Grabenkampf im Wohnzimmer - Konsolenkrieg in den 80er Jahren

Special Sebastian Zelada Maria Beyer-Fistrich
Nintendo gegen Sega: Grabenkampf im Wohnzimmer - Konsolenkrieg in den 80er Jahren
Quelle: Nintendo 

Wir schreiben das Jahr 1983. Der Videospielmarkt gleicht einer postapokalyptischen Fall­out-Landschaft. Die Industrie liegt vor allem in Amerika am Boden und etliche etablierte Gaming-Unternehmen melden Konkurs an. Es sieht so aus, als sei das Medium Videospiel gescheitert. Doch zwischen dem Elektroschrott dieses Ödlands erheben sich zwei Giganten, die sich mit dem Untergang ihrer Zunft nicht abfinden wollen: Sega und Nintendo.

Die Videospielwelt blickt nach Japan, wo ein spektakulärer Zweikampf um die Herzen der Gamer entfacht, der bald den ganzen Globus einnehmen sollte. Es ist die Schlacht zweier Riesen, deren Namen sich bis zum heutigen Tag in die Köpfe der Videospieler eingebrannt haben: Sega und Nintendo. Kunden kehren einer kompletten Industrie den Rücken - wie konnte es so weit kommen? Nun, neben etlichen anderen Faktoren führten vor allem zwei Gründe zum Pixel-Crash. Erstens: Der Markt wurde von zu vielen konkurrierenden Systemen überschwemmt, die untereinander nicht kompatibel waren. Über zehn Konsolen wetteiferten zeitgleich um die Gunst der Spieler. Stetig drängten weitere Herausforderer auf den bereits völlig übersättigten Markt.


Schlimmer noch: Die veröffentlichten Spiele waren qualitativ meist außerordentlich schlecht. Die Gaming-Unternehmen setzten Anfang der 80er jedes noch so banale Konzept als Videospiel um und schlachteten ebenso scham- wie lieblos sämtliche Filmlizenzen aus, die sie in die Finger bekamen. Das legendäre Wüstenbegräbnis von Millionen unverkaufter E.T.-Spiele (auf vielen Listen das schlechteste Videospiel aller Zeiten) war dabei nur die Spitze des Eisbergs und zeigte stellvertretend die Ignoranz und das Missmanagement der damals führenden Konzerne, wie Atari oder Coleco. Der große Crash war unausweichlich. Die Verbraucher hatten genug und die Presselandschaft, die sich lange Zeit überwiegend neutral bis wohlwollend über die neue Technik äußerte, war nun durchzogen von Analysen, die das Scheitern des Mediums Videospiel thematisierten. Es war Zeit für eine Wende.

Der Konsolenkrieg beginnt

Am 15. Juli 1983 veröffentlichen Sega und Nintendo in Japan zeitgleich ihre ersten Videospielkonsolen. Während es Segas SG-1000 jedoch nie aus dem Land der aufgehenden Sonne herausschafft, erobert Nintendo mit dem Nintendo Entertainment System (oder Famicom, wie es in Japan heißt) ab Oktober 1985 auch den US-amerikanischen Markt. Gekoppelt mit dem Flaggschiff-Titel Super Mario Bros. gehört das NES in zahlreichen Kein Kassenschlager, aber ein echter Geheimtipp: Penguin Land ist ein launiges Geschicklichkeitsspiel für Segas Heimkonsolen-Zweitling und wurde anschließend auch auf vielen anderen Plattformen umgesetzt.  Quelle: Nintendo  Kein Kassenschlager, aber ein echter Geheimtipp: Penguin Land ist ein launiges Geschicklichkeitsspiel für Segas Heimkonsolen-Zweitling und wurde anschließend auch auf vielen anderen Plattformen umgesetzt.  amerikanischen Wohnzimmern schnell zur Standardeinrichtung. Super Mario wird über Nacht zum Star und sollte in den kommenden Jahren zeitweise größeren Bekanntheitsgrad erreichen als Micky Maus. Doch der Klempner mit der roten Mütze ist nicht das einzige Ass in Nintendos Ärmel. Die Entenjagd Duck Hunt wird mit einem passenden Pistolen-Zubehör geliefert und sorgt im Waffen liebenden Amerika für reißenden Absatz, aber auch für einen kleinen Skandal. Ursprünglich war die Plastik-Wumme in Grautönen gehalten und ähnelte damit zu stark einer echten Pistole. Nintendo taucht die Peripherie deshalb fortan in ein schrilles Orange, das ebenso auffällig ist wie die rasch steigenden Gewinnkurven in Nintendos Jahresbilanzen.

Das liegt nicht zuletzt an der hohen Qualität der Spiele. Den NES-Erfindern war bewusst, dass die Konsumenten genug vom Software­-Ramsch der frühen Achtziger hatten und werben offensiv mit dem hauseigenen Gütesiegel "Nintendo Seal of Quality" (siehe Kasten auf S. 24). Das NES wird ein Erfolg auf ganzer Linie und Nintendo überrennt nach Japan sowohl den amerikanischen, als auch den europäischen Markt. Am Ende seines Lebenszyklus sollte das Heimkonsolendebüt fast 62 Millionen Einheiten verbuchen. Eine phänomenale Zahl, die Sega mit seinem, lediglich in Japan vertriebenen, SG-1000 niemals erreichen konnte. Die Konsole verkaufte sich lediglich 1,6 Millionen Mal. Doch Sega war weit davon entfernt aufzugeben. Zwei Jahre nach dem SG-1000-Fehlschlag erscheint in Japan im Oktober 1985 das SG-1000 Mark III. 1986 und 1987 folgen die Markteinführung in den USA und Europa, unter neuem Namen: Master System. Die CPU ist mit 3,6 MHz doppelt so schnell wie die des NES (heutzutage sind die meisten Taschenrechner schneller) und auch die Spielebibliothek ist deutlich stärker als die der Vorgängerkonsole.

Geheimwaffe Sonic

Alex Kidd in Miracle World oder die Spielhallenumsetzungen Hang-On und After Burner stehen qualitativ weit über dem Pixelschrott der Ära vor Flott unterwegs: Lange vor Donkey Kong bewegte sich Sonic in Loren voran. In Sonic the Hedgehog 2 verfeinerte man die flotte Spielmechanik des Debüts und arbeitete weiter fleißig an Sonics Maskottchenstatus.  Quelle: Nintendo  Flott unterwegs: Lange vor Donkey Kong bewegte sich Sonic in Loren voran. In Sonic the Hedgehog 2 verfeinerte man die flotte Spielmechanik des Debüts und arbeitete weiter fleißig an Sonics Maskottchenstatus.  dem Videospielcrash 1983. Nicht zuletzt das Debüt von Segas neuem Maskottchen Sonic, der es mit Mario aufnehmen sollte, ist ein echter Kaufgrund für die schwarze Box. Doch der Armada von Nintendo-Hits und der Verlockung der Mario-Brüder hat man im Hause Sega noch wenig entgegenzusetzen. Nintendo hat zudem tonnenweise Dritthersteller auf seiner Seite, die Monat für Monat mit Wagenladungen neuer Spiele aufwarten. Sega ist wieder geschlagen. Das Master System verkauft sich insgesamt 13 Mio. Mal und kann abermals nicht an die Erfolge Nintendos heranreichen. Während der Mario-Konzern Japan und Nordamerika fest im Griff hat, gelingt es Sega jedoch in einigen Teilen Europas, Märkte zu erobern, in denen Nintendo noch nicht vertreten war. Nun sieht man die Zeit gekommen, um zum Großangriff zu blasen. In den Tokioter Entwicklungshallen von Service Games (kurz: Sega) herrscht seit Monaten regste Betriebsamkeit, denn Sega mobilisiert nun alles für den ganz großen Angriff auf Nintendos Vorherrschaft. Und der ist nötig, denn Marios Mutterkonzern beherrscht in den USA und Japan jeweils über 90 % des Videospielmarktes. Man ist fest entschlossen, diese Dominanz zu brechen. Und dieses Mal sieht es so aus, als sollte die Attacke gelingen.

8 Bit >>> 16 Bit

Heutzutage entbrennen Glaubenskriege wegen lächerlichen zusätzlichen 180 Bildzeilen und Xbox-One- wie PS4-Jünger schlagen sich die Köpfe ein, über den, mit bloßem Auge kaum erkennbaren, 1080p-Unterschied. Zum Erscheinen von Segas Mega Drive ist hingegen glasklar, dass die Segas Wunderjunge: Stark an die ersten Zelda-Spiele angelehnt zeigte sich Wonder Boy. Die Sidescroll-Abenteuer gehörten damals zu den besten ihrer Zunft und waren farbenfroher als die Nintendo-Konkurrenz.  Quelle: Nintendo  Segas Wunderjunge: Stark an die ersten Zelda-Spiele angelehnt zeigte sich Wonder Boy. Die Sidescroll-Abenteuer gehörten damals zu den besten ihrer Zunft und waren farbenfroher als die Nintendo-Konkurrenz.  Hardware der neuen Spielmaschine deutlich sichtbare Leistungsunterschiede ermöglicht: Der Prozessor ist fast viermal schneller als der des NES und die Tatsache, dass es sich beim Genesis (so der US-Name des Mega Drive) um eine 16-Bit-Konsole handelt, machte jede weitere Diskussion überflüssig. Das NES mit seinen 8 Bit ist klar unterlegen. Während Sega eine schillernde neue Konsole in die Läden stellt, die problemlos aktuelle Spielhallen-Hits in voller Pracht auf den heimischen TV-Bildschirm zaubern kann, macht Nintendo noch keinerlei Anstalten, einen Nachfolger zum NES auch nur anzukündigen. Und so profitiert Sega von der Trägheit des Marktführers, der sich noch für unangreifbar hält. Begleitet von aggressiven Marketing­kampagnen positioniert man das Mega Drive als hippe Videospiel-­Powerstation, die deutlich erwachsenere Unterhaltung bietet als das Nintendo-Lager. Mehr Blut, mehr Action, schnellere Spiele. Bald scharen sich Drittanbieter um Sega und sorgen für eine bisher nicht dagewesene Software-Flut für den Nintendo-Konkurrenten.

Vor allem in Europa, im Kampf gegen Nintendo ohnehin Segas stärkster Markt, nimmt das Mega Drive rasch Fahrt auf und avanciert zwischenzeitlich zum Marktführer. Je näher die 90er-Jahre rücken, desto mehr Marktanteile verleibt sich der Sonic-­Konzern ein. Plötzlich steht Duck Tales, uhuhu! Erst kürzlich wurde dieses legendäre Spiel u.a. für PS3 und Xbox 360 neu aufgelegt. Duck Tales genießt einen außerordentlich guten Ruf unter Hüpfspielfans und ist damit ein echter Klassiker.  Quelle: Nintendo  Duck Tales, uhuhu! Erst kürzlich wurde dieses legendäre Spiel u.a. für PS3 und Xbox 360 neu aufgelegt. Duck Tales genießt einen außerordentlich guten Ruf unter Hüpfspielfans und ist damit ein echter Klassiker.  Nintendo selbst in den USA unter Druck. Das Mega Drive ist, mit Ausnahme von Japan, plötzlich das nächste große Ding und die coolste Konsole auf dem Markt. Dritthersteller, die aufgrund des riesigen Erfolges des NES bisher lediglich für Nintendo entwickelt hatten, wollen sich nun plötzlich nicht mehr in Exklusiv-­Verträge zwängen lassen und lieber an Segas neuem Ruhm partizipieren. Nintendos Seal of Quality wird hier sogar zum Bumerang: Statt sich dem Qualitäts-Diktat des Marktführers unterwerfen zu müssen, entwickeln manche Software-Firmen sogar lieber exklusiv für Sega, das ihnen größere Freiheiten einräumt (aber dadurch auch den ein oder anderen Müll-Titel durchgehen lässt). Der bisher leidlich erfolgreiche Herausforderer des Mario-Konzerns war mit einem Schlag der Hecht im Karpfenteich und zog dicke Deals, unter anderem mit McDonald's, an Land (siehe Kasten). Doch der alleinige Höhenflug an der Spitze währt nicht lange. Nintendo reagiert Ende 1990 spät aber heftig und entert mit dem Super Nintendo den Markt. Nunmehr in die Defensive gedrängt, kämpft Sega mit harten Bandagen.

Mega-Drive vs. Super Nintendo

Die Leistung des Super Nintendo übertrifft die des Mega Drive in zahlreichen Punkten und Nintendos Name ist immer noch bekannter und größer als der von Sega, wenn auch nicht mehr in dem Ausmaß, wie noch knapp zehn Jahre zuvor. Sega fährt nun eine zweigleisige Werbestrategie und setzt dabei einerseits auf aggressive Seitenhiebe in Richtung Nintendo, andererseits auf reißerische Selbstbeweihräucherung. Mit dem Slogan "Sega does what Nintendon't" (Sega tut das, was Nintendo nicht tut) hat man ein flottes Wortspiel geschaffen, mit man den Mario-Konzern beständig torpediert.

Man wird nicht müde, zu betonen, wie viel cooler Segas Spiele im Vergleich zu Nintendos familiengerechten Mario- und Zelda-Games sind. Zeitgleich platziert man Genesis als technisch überlegene Konsole auf dem Markt, was völlig an der Realität vorbeigeht und sich schnell als geschickte Marketingschwindelei entpuppt. Dennoch ist in der amerikanischen Mega-Drive-Werbung stets von "Blast Processing" die Rede. Hinter der Worthülse verbirgt sich jedoch nicht mehr als ein obskurer Programmiertrick, der einige Hardwarelimitationen des Mega Drive abmildert. Glorreiche Zeit für RPG-Fans: Das Super Nintendo hatte unwahrscheinlich viele tolle Spiele, doch kaum ein Genre war so stark vertreten wie das der Rollenspiele. Dass es Final Fantasy 6 dennoch schaffte, herauszustechen, spricht für dessen Qualität Quelle: Nintendo  Glorreiche Zeit für RPG-Fans: Das Super Nintendo hatte unwahrscheinlich viele tolle Spiele, doch kaum ein Genre war so stark vertreten wie das der Rollenspiele. Dass es Final Fantasy 6 dennoch schaffte, herauszustechen, spricht für dessen Qualität

Das SNES bleibt die Konsole mit der mächtigeren Hardware. Dennoch gelingt es Sega zwischenzeitlich, über 50 % Marktanteil in den USA zu erreichen. Doch während Nintendo sich hauptsächlich auf seine Software verlässt und mit F-Zero, The Legend of Zelda: A Link to the Past, Super Mario World, Super Mario Kart oder auch dem grafisch revolutionären Donkey Kong Country, einen Hit nach dem anderen landet, verliert sich Sega in der Fragmentierung seiner Hardware. Statt ebenfalls hauptsächlich auf seine starken Marken zu setzen und in Ruhe den Mega-Drive-Nachfolger zu entwickeln, wirft man mit dem 32X und dem Sega Mega CD zwei Hardware-Erweiterungen für das Mega Drive auf den Markt, die Sega helfen sollen, Nintendo und die neue Konkurrenz aus dem Hause Sony im Zaum zu halten. Letztere protzt mit 32-Bit-Power und CD-Roms als Speichermedien. Genau hier setzen Sega Mega CD und 32X an. Doch beide zeugen von wenig Weitsicht. Sie werden zwar mit viel Trommelwirbel angekündigt, sind aber teuer und bieten lausige Spiel-Erfahrungen. Das 32X hievt die Grafikleistung des Mega Drive leidlich höher, kommt aber sogar erst nach dem Mega-Drive-Nachfolger Saturn auf den Markt und wird kurz danach gänzlich fallen gelassen.

Der Anfang vom Ende

Sega hat die erkämpften Marktanteile aufs Spiel gesetzt und die Kunden verärgert. In der folgenden Konsolengeneration sollte man den bitteren Preis dafür zahlen müssen. Das 1994 erscheinende Saturn wird zum Flop, während sich das Super Nintendo bis 1995 noch solide verkauft. Nachdem Konkurrent Sega sich selbst zugrunde richtet, kann sich Weltmarktführer Nintendo wieder entspannt zurücklehnen und sich mit der Einführung seiner neuen Hardware Zeit lassen. Das Projekt mit dem Codenamen Ultra 64 sollte über schier unglaubliche Leistungsreserven verfügen. Dieses Mal verzockt sich Nintendo, denn man hat die Rechnung ohne einen neuen Herausforderer gemacht. Doch das ist eine andere Geschichte...

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