Nintendos Spielspaßgarantie: Firmenkultur, Qualitätsanspruch, Marketing, Schattenseiten
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Jahrzehntelang ist Nintendo nun schon für farbenfrohe, einsteigerfreundliche, charmante, heitere und vor allem einfach richtig spaßige Spiele bekannt. Doch wie gelingt es den Schöpfern von Mario, Link, Pikachu und Co. ein ums andere Mal, derart zuverlässig Spiele mit einer Spaßgarantie zu entwickeln? Wir gehen der Sache auf den Grund!
Inhaltsverzeichnis
Gute Firmenkultur
Ebenfalls über Jahrzehnte hinweg bestehen geblieben sind viele von Nintendos Schlüsselfiguren in der Firma. Zentrale Kreativköpfe wie Shigeru Miyamoto (u. a. Mario-Reihe, Zelda-Reihe), Takashi Tezuka (u. a. Super Mario World, Super Mario 64), Koji Kondo (verantwortlich für Musik und Sound in unzähligen Nintendo-Spielen), Shinya Takahashi (u. a. Wave Race 64, Mario Kart: Double Dash!!), Yoshio Sakamoto (u. a. Metroid-Reihe) oder Eiji Aonuma (u. a. Zelda-Reihe) und viele weitere sind bereits seit über 30 Jahren ein Teil von Nintendo und haben bei über 100 Spielen mitgewirkt. Und diese Liste könnten wir noch lange mit zahlreichen weiteren Designern und Produzenten fortführen, die schon lange bei Nintendo tätig sind.
Quelle: Nintendo
Neben Shigeru Miyamoto sind auch viele weitere Schlüsselentwickler seit mehreren Dekaden bei Nintendo und geben ihr Wissen an jüngere Mitarbeiter weiter.
Diese Schlüsselpersonen haben in all der Zeit aber nicht nur gute Spiele entwickelt, sie gaben vor allem auch ihr Wissen und Nintendos Gameplay-first-Mantra an jüngere Entwickler weiter, die ihrerseits auch schon seit vielen Jahren an Spielen in Nintendos Kyoto- und Tokio-Offices werkeln. In einer Industrie, in der ein reger Mitarbeiterwechsel herrscht, legen Nintendos Führungspersönlichkeiten offenbar viel Wert darauf, die Mitarbeiter und somit deren Expertise möglichst lange in den eigenen Reihen zu halten. Am deutlichsten zeigte sich das, als Satoru Iwata und andere Mitglieder von Nintendos Führungsriege 2011 und 2014 als Reaktion auf schlechte Quartalszahlen zwei Mal ihre eigenen Gehälter und Bonuszahlungen um bis zu 50% reduziert haben statt kurzfristige Sparmaßnahmen zu ergreifen. In einem Investoren-Meeting 2013 erklärte Iwata, als Nintendos Finanzsituation aufgrund schlechter Wii-U-Verkaufszahlen problematisch war: "Wenn wir die Zahl der Mitarbeiter zugunsten eines besseren kurzfristigen finanziellen Ergebnisses reduzieren, wird die Mitarbeitermoral sinken und ich zweifle aufrichtig daran, dass Mitarbeiter, die eine Entlassung fürchten, in der Lange sind, Software zu entwickeln, die Menschen rund um den Globus beeindruckt." Das heißt natürlich nicht, dass es bei Nintendo niemals Entlassungen gäbe, doch diese kommen vergleichsweise selten vor.
Qualität erfordert Zeit
Diese langfristige Denkweise spiegelt sich auch in der Qualitätssicherung wider. Dass Nintendo-Spiele bis auf wenige Ausnahmen einen sehr hohen Grad an Qualität bieten und kaum Fehler aufweisen, hat einen ganz einfachen Grund: Nintendo nimmt sich schlicht die nötige Zeit für die Entwicklung und Überprüfung der Spiele. In einem berühmten Zitat bezüglich der Verschiebung des N64 sowie von Super Mario 64 sagte Shigeru Miyamoto: "Ein verschobenes Spiel wird letztendlich gut, ein gehetztes Spiel hingegen bleibt für immer schlecht." Im heutigen digitalen Zeitalter trifft der zweite Teil zwar dank der Möglichkeit für nachträgliche Patches und Inhalts-Updates nicht mehr ganz zu. Doch kann eine voreilige Veröffentlichung trotzdem großen Schaden anrichten. Das jüngste Beispiel dafür ist Fallout 76, das trotz klarer negativer Vorzeichen in der Beta zum ursprünglichen Release-Termin im November 2018 rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft veröffentlicht wurde. Bethesdas Endzeit-Rollenspiel mit Online-Fokus erschien jedoch in einem dermaßen katastrophalen Zustand, dass es zu einem riesigen Aufschrei in der Fangemeinde kam - das warf gar kein gutes Licht auf die sonst so beliebte Rollenspiel-Reihe und deren Entwickler Bethesda Softworks.
Aufschreie der Fans riskiert der Mario-Konzern auch, jedoch genau am anderen Ende des Spektrums, nämlich durch teilweise extreme Verschiebungen zugunsten der Qualität. The Legend of Zelda: Breath of the Wild sollte zum Beispiel ursprünglich mal 2015 für Wii U erscheinen. Um die ambitionierte Vision hinter dem Spiel umsetzen zu können, brauchten die Entwickler jedoch mehr Zeit, sodass sich Fans letztlich bis zum März 2017 gedulden mussten. Immerhin wurde das lange Warten mit einem herausragenden Abenteuer belohnt. Noch mehr Geduld müssen aktuell Fans von Samus Aran beweisen, denn im Januar 2019 teilte Shinya Takahashi (General Manager der Spiele-Entwicklung bei Nintendo EPD) in einer Videobotschaft mit, dass man die Entwicklung von Metroid Prime 4 komplett von Grund auf neu begonnen hat. Die bisherigen Entwicklungsbemühungen des auf der E3 2017 nur mit einem Logo angekündigten Action-Adventures konnten nicht den gewünschten Qualitätsstandard erreichen. Nun sollen es die Entwickler der ersten drei Prime-Spiele, die Retro Studios, richten. Dass das Switch-Spiel dadurch Jahre später erscheint, nehmen die Entscheider bei Nintendo in Kauf, Hauptsache, es wird kein enttäuschendes Metroid veröffentlicht.
Quelle: Nintendo
Statt Trends nachzujagen, wartet Nintendo immer wieder mal mit kreativen, unerwarteten Ideen wie Nintendo Labo auf.
Möglichst wenig Ablenkung
Mit diesem stark verankerten Qualitätsgedanken geht auch Nintendos Öffentlichkeitsarbeit vor der Veröffentlichung von Spielen einher. Mit der Einführung von Nintendo Directs 2011 transformierte Nintendo seine Marketing-Strategie zunehmend in den letzten Jahren.
Quelle: Nintendo
Bis auf Ausnahmen enthüllt Nintendo seine neuen Spiele mit echten Spielszenen statt ständig auf CGI-Trailer zu setzen.
Man verzichtet so weit wie möglich darauf, Spiele weit vor ihrem Release zu präsentieren. Zudem enthüllt Nintendo im Gegensatz zu vielen anderen Publishern seine Titel nur noch in sehr seltenen Ausnahmesituationen mit hochwertigen CGI-Trailern und setzt stattdessen beinahe ausschließlich auf tatsächliche Spielszenen. Ein weiterer Unterschied besteht in der starken Reduzierung von klassischen Presseevents mit Vorab-Anspielgelegenheiten. Während Entwicklerbesuche zu kommenden Blockbustern bei großen Entwicklerstudios und Herstellern wie EA, Ubisoft, Bethesda oder Sony die Regel sind, bleiben die Pforten von Nintendos Studios seit vielen Jahren konsequent verschlossen. Anspielmöglichkeiten zu Nintendos kommenden Hits werden lediglich auf großen Messen wie E3 oder Gamescom geboten oder nur wenige Monate vor Veröffentlichung anhand von quasi finalen Vorab-Fassungen durch die jeweiligen PR-Abteilungen von Nintendos regionalen Abteilungen.
Quelle: Nintendo
Ankündigungen und neue Infos werden fast ausschließlich per Nintendo Directs präsentiert. Dadurch können sich die Entwickler besser auf ihre Arbeit konzentrieren.
Besonders der letzte Punkt bietet einen großen Vorteil für die Entwickler in Japan: Die Erstellung und der Feinschliff von extra angefertigten Demo-Versionen sowie Studiobesuche kosten viel Zeit und Aufwand. Und je früher das im Entwicklungsprozess geschieht, desto größer ist der Mehraufwand nur. Zudem können sich frühe Demos stärker vom endgültigen Spiel unterscheiden, was den Spielern womöglich einen falschen Eindruck vermittelt. Indem Nintendo das auf ein Minimum reduziert, können sich die Männer und Frauen in der Entwicklungsabteilung besser auf ihre Arbeit konzentrieren, um weiterhin das zu gewährleisten, was Nintendo auszeichnet: richtig gute Spiele. Die Vorfreude sowie der Wissendurst der Spieler wird in der Zwischenzeit durch die regelmäßigen Nintendo-Direct-Ausstrahlungen gestillt.
Die Kehrseite der Medaille
Allerdings bringt Nintendos Gameplay-first-Strategie manchmal auch Nachteile mit sich, wie man bei The Legend of Zelda: Breath of the Wild zum Beispiel merkt. Keine Frage, Links Switch-Abenteuer zählt dank der enormen spielerischen Freiheit, der genial umgesetzten Open World und den motivierenden Rätsel-Schreinen zu den besten Spielen der letzten Jahre. Doch der Umstand, dass der Spieler komplette Freiheit genießt, sobald er das Startareal auf dem Vergessenen Plateau verlässt, machte es schwer, eine spannende und vor allem gut zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Zumindest, ohne dem Spieler doch wieder künstliche Einschränkungen vor die Nase zu setzen. Entsprechend zählt die Handlung zu den wenigen Schwachpunkten von Breath of the Wild und hat viele Fans enttäuscht zurückgelassen.
Quelle: Nintendo
Trotz einiger starker Momente bleibt die Handlung in Zelda: Breath of the Wild deutlich hinter den Erwartungen der Fans zurück.
Auch Nintendos Trendscheue hat seine Schattenseiten. Dass der Mario-Konzern viele Jahre lang den Auf- und Ausbau einer ordentlichen Online-Infrastruktur mit seinen Konsolen und Spielen ignorierte, führte etwa dazu, dass nun das Know-how in diesem Bereich fehlt und man der Konkurrenz von Sony und Microsoft meilenweit hinterherhinkt. Obwohl man den Start von Nintendo Switch Online satte 18 Monate später durchführte als zunächst angedacht (zum Launch der Switch nämlich), wirkt der Dienst trotzdem unausgegoren. Seit September 2018 müssen Switch-Besitzer fürs Onlinespielen zwar zahlen, im Gegenzug müssen sie sich jedoch immer wieder mit Verbindungsproblemen bei Nintendos großen Mehrspieler-Titeln wie Mario Kart 8 Deluxe, Super Smash Bros. Ultimate oder Mario Tennis Aces herumschlagen. Außerdem fehlen grundlegende Online-Funktionen wie ein Freundes-Chat, die Begleit-App für Smartgeräte lässt weiterhin viel zu wünschen übrig und wirft die Frage auf, ob das Ganze Sinn ergibt. Doch spätestens, wenn Nintendo wieder den nächsten Spielspaß-Hammer auspackt und damit weltweit für strahlende Gesichter sorgt, rücken diese Enttäuschungen in den Hintergrund.
