Pillars of Eternity: Complete Edition - so gut schlägt sich die Umsetzung für Nintendo Switch

Test Karsten Scholz
Pillars of Eternity: Complete Edition - so gut schlägt sich die Umsetzung für Nintendo Switch
Quelle: Obsidian Entertainment/Microsoft

Mit Pillars of Eternity bringt Obsidian Entertainment ein isometrisches, gruppenbasiertes RPG auf die Switch, das aus jeder Pore den Geist von Baldur's Gate versprüht.

Sieben Jahre ist es her, dass den Verantwortlichen von Obsidian Entertainment auf Kickstarter ein regelrechter Coup gelang: 74.000 Unterstützer überwiesen knapp vier Millionen US-Dollar nach Kalifornien, damit das Studio, das sich bereits mit Star Wars: Knights of the Old Republic 2, Neverwinter Nights 2 sowie Fallout: New Vegas bewiesen hatte, ein isometrisches, gruppenbasiertes Rollenspiel im Geiste von Baldur's Gate oder Icewind Dale produzieren konnte.

Denn genau das war das Versprechen hinter Pillars of Eternity. Den Entwicklern gelang es auch, die hohe Erwartungshaltung zu erfüllen und eine RPG-Perle abzuliefern, die wir mit einer 9 von 10 honorierten. Doch das war auf dem PC. Vor Kurzem haben wir uns jedoch die frisch veröffentlichte Version für die Nintendo Switch installiert. Wie schlägt sich Pillars of Eternity also mehr als vier Jahre später sowie auf einer völlig neuen Plattform?

Das volle Paket

Pillars of Eternity erscheint auf der Switch in der Complete Edition, die neben der bereits sehr umfangreichen Hauptkampagne alle bisher veröffentlichten Updates sowie Im späteren Verlauf des Abenteuers trefft ihr beeindruckende Kreaturen wie diesen Drachen. Viele Situationen lassen sich übrigens auch gewaltfrei lösen. Quelle: PC Games Im späteren Verlauf des Abenteuers trefft ihr beeindruckende Kreaturen wie diesen Drachen. Viele Situationen lassen sich übrigens auch gewaltfrei lösen. die zweiteilige Erweiterung "The White March" beinhaltet. Packen wir alles zusammen, erwartet euch ein Abenteuer, das euch mindestens 70 Stunden in Atem halten wird. Wer seine eigene Festung Caed Nua komplett ausbauen und den dort beheimateten Mega-Dungeon vollständig erkunden möchte, kann nochmal eine ganze Latte an Stunden obendrauf rechnen. Falls ihr jetzt befürchtet, dass der Rollenspielbrocken viel Platz auf der Nintendo-Konsole einnimmt, dann können wir euch beruhigen. Mit knapp 16 GB fällt der Speicherbedarf vergleichsweise moderat aus. Das liegt sicherlich auch daran, dass Pillars of Eternity in technischer Hinsicht bereits zum Release im Jahr 2015 nicht auf der Höhe der Zeit war. Dennoch finden wir die vorgerenderten, zweidimensionalen Areale immer noch recht hübsch, die Effekte sind nett anzusehen und die aus Polygonen bestehenden Figuren fügen sich gut in die Fantasywelt ein. Dazu kommen die unsere Ohren umschmeichelnden Musikstücke und Soundelemente, die toll die atmosphärische Stimmung des Rollenspiels einfangen. Störend sind uns indes die regelmäßigen Nachladeruckler und kleineren Grafikfehler aufgefallen. Vor allem Texte im Eventlog oder von Ladebildschirmen werden immer wieder unleserlich dargestellt. Die ständigen Ladezeiten fressen zudem auf der Switch sehr viel Lebenszeit und die KI kämpft - wie schon vor vier Jahren - mit Wegfindungsproblemen. Die Akkulaufzeit im Handheldmodus beträgt knapp drei Stunden.

Alte Schule trifft Moderne

Während unsere beiden Frontsoldaten die Wölfe im Nahkampf an sich binden, zaubert unser Magier gelassen aus der zweiten Reihe. Quelle: PC Games Während unsere beiden Frontsoldaten die Wölfe im Nahkampf an sich binden, zaubert unser Magier gelassen aus der zweiten Reihe. Bereits der Heldenbaukasten zu Beginn macht klar: Pillars of Eternity ist ein potenziell sehr komplexes Rollenspiel der alten Schule, das euch gleichzeitig aber auch jede Menge Funktionen an die Hand gibt, um das Spielerlebnis an eure Bedürfnisse anzupassen. Da sind etwa die fünf Schwierigkeitsgrade von "Märchenstunde" bis "Pfad der Verdammten", die sich noch mit weiteren Einstellungen wie Permadeath oder dem Expertenmodus, bei dem viele Hilfestellungen ausgeblendet werden, personalisieren lassen. Bereits auf Normal erwarten euch taktisch anspruchsvolle Echtzeitkämpfe, in denen ihr neben eurem anfangs erstellten Alter Ego auch mehrere Gefährten oder angeheuerte Söldner steuert. Gut, dass ihr jederzeit pausieren könnt, um euren Charakteren vorzugeben, welche Gegner sie kontrollieren, welche Mitspieler sie heilen, welche Schutzzauber sie wirken und welchen besonders gefährlichen Fiesling sie schnellstmöglich aus dem Leben prügeln sollen.

Die zahlreichen Zonen steuern wir über diese Weltkarte an. Im Laufe des Abenteuers entdecken wir immer neue Areale.  Quelle: PC Games Die zahlreichen Zonen steuern wir über diese Weltkarte an. Im Laufe des Abenteuers entdecken wir immer neue Areale.  Da eure Zauberkundigen nur wenige Schläge aushalten, binden eure Frontkämpfer am besten möglichst viele Feinde im Nahkampf an sich. Damit das klappt, legt ihr die Formation eurer Gruppe bereits im Vorfeld fest. Genauso lassen sich über KI-Skripte Kampfvorgaben für eure Mitstreiter definieren, sodass ihr auf den niedrigen Schwierigkeitsgraden oder in leichteren Gefechten dem Treiben einfach zuschauen könnt, während ihr nur ab und an kleinere Anpassungen vornehmt. Uns haben die Kämpfe viel Spaß gemacht, auch wenn sie nicht ganz die Klasse von Divinity: Original Sin 2 erreichen. Es fehlt beispielsweise die Möglichkeit, mit der Umwelt zu interagieren oder Zaubereffekte miteinander zu kombinieren. Dazu kommt, dass aufgrund der zwar zoom-, aber nicht drehbaren Kamera ab und an die Übersicht flöten geht. Auch das Balancing der Schwierigkeitsgrade ist nicht hundertprozentig geglückt. Vereinzelt könnt ihr auf Gegner(gruppen) treffen, die aus dem Nichts deutlich stärker sind als alle Feinde, die ihr vorher bekämpft habt. Häufiges Speichern ist daher Pflicht!

RPG für Leseratten

Für die Konsolen angepasst: Mit den hinteren Schultertasten öffnet ihr für einen schnellen Zugriff Kreismenüs für eure Fähigkeiten und die Charakterverwaltung. Quelle: PC Games Für die Konsolen angepasst: Mit den hinteren Schultertasten öffnet ihr für einen schnellen Zugriff Kreismenüs für eure Fähigkeiten und die Charakterverwaltung. Die Gruppenkämpfe sind eine wichtige Säule von Pillars of Eternity, das Lesen von Texten und Dialogen eine weitere. Erzählt wird die anfangs ziemlich konstruiert wirkende, aber später zunehmend spannender werdende Geschichte dabei auf eine Art, die wir vor allem aus Romanen kennen: Wir erfahren in den beschreibenden Texten ständig etwas über das Verhalten oder die Reaktion naher Figuren oder die direkte Umgebung. Teilweise werden die Texte sogar wie bei einem Hörspiel mit zur Situation passenden Geräuschen untermalt. Gut gefällt uns auch, dass wir in den Dialogen immer wieder die Möglichkeit haben, besondere Antwortoptionen auszuwählen, die wir nur dank den Charakterwerten unseres Helden freigeschaltet haben. Genauso klicken wir uns immer wieder durch Multiple-Choice-Texte, in denen wir zum Beispiel entscheiden, wie wir den vor uns liegenden Berghang erklimmen wollen. Probieren wir, uns am Efeu hochzuziehen, oder besorgen wir uns einen Enterhaken? Im erstgenannten Fall entscheidet unser Athletik-Wert darüber, ob wir gesund und munter oben ankommen. Die gut geschriebenen Texte wurden übrigens komplett ins Deutsche übersetzt. Streckenweise finden wir die Übersetzung richtig gelungen. Immer wieder stießen wir aber auch auf ungewöhnliche oder falsche Ausdrücke. Das Schmökern lohnt sich dennoch in jedem Fall, da euch das Rollenspiel in eine düstere Welt voller moralischer Grauzonen entführt, dabei philosophische Fragen streift, nur um euch nach dem Endkampf in alter Interplay-Manier das Ergebnis sämtlicher Entscheidungen noch einmal aufs Brot zu schmieren, inklusive der einen oder anderen Überraschung.

Die Gefährten

Ob Hardcore-Erlebnis für Profis oder Märchenstunde für RPG-Einsteiger: Pillars of Eternity lässt sich an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Quelle: PC Games Ob Hardcore-Erlebnis für Profis oder Märchenstunde für RPG-Einsteiger: Pillars of Eternity lässt sich an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Bevor es soweit ist, habt ihr jedoch einen langen Weg vor euch, und ihr müsst ihn nicht alleine beschreiten. Im Laufe eures Abenteuers trefft ihr eine ganze Reihe von Begleitern, die sich euch aus den unterschiedlichsten Gründen anschließen wollen. Bereits recht früh lernt ihr etwa den Waldelfen Aloth kennen, der mit seiner offenbar schizophrenen Art die Wut einiger Bewohner von Goldtal auf sich gezogen hat. Ein Tapetenwechsel klingt in seinen spitzen Ohren sehr verführerisch. Der Kämpfer Edér möchte wiederum herausfinden, unter welchen Umständen sein Bruder Woden starb. Der Kriegsveteran schließt sich euch an, als er hört, dass euch euer Weg nach Caed Nua führt. In der Festung soll ein alter Waffenbruder von Woden Wache halten. Über den Mönch Zahua stolpern wir dagegen aus Versehen, als wir einen Wassereimer voller Fische untersuchen.

Die Teufelin von Caroc schließlich, deren hasserfüllte, psychopathische Seele in ein Bronzekonstrukt befördert wurde, erinnert uns stark an den Droiden HK47 aus Star Wars: Knights of the Old Republic. All diese und weitere Gefährten besitzen dabei eine eigene Hintergrundgeschichte samt Questreihe. Diese Geschichten weisen teils überraschende Wendungen auf und unterhalten prima. Teilweise verschenken sie aber auch einiges an Potenzial, weil den eigentlich toll gezeichneten Figuren zu wenig Raum zur Entfaltung gegeben wird. Ein paar neckische Sprüche haben sie allerdings alle auf Lager. Schade ist außerdem, dass eure Begleiter kaum auf die Entscheidungen reagieren, die ihr während der Quests trefft. Ihr könnt Kinder opfern und Experimente an Kranken befürworten und fangt euch dennoch im schlimmsten Fall lediglich eine verbale Ohrfeige ein. Die Bewohner der Welt reagieren da schon konsequenter: Wenn ihr euch mit einer Fraktion überwerft, beendet sie die Zusammenarbeit und hetzt euch im schlimmsten Fall sogar Attentäter auf den Hals.

So läuft's auf der Switch

Bereits 2017 hatten die Verantwortlichen von Obsidian Pillars of Eternity auf der Playstation 4 sowie Xbox One veröffentlicht und bewiesen, dass das Oldschool-Rollenspiel auch auf Konsole funktioniert. Natürlich profitiert auch die frisch veröffentlichte Switch-Version von den angepassten Interface-Elementen sowie der für den Controller optimierten Steuerung. Mit dem linken Stick bewegt ihr wahlweise einen Helden oder die ausgewählten Gruppenmitglieder, mit den vorderen Schultertasten ruft ihr Ringmenüs für die Zauberauswahl oder die Charakterverwaltung auf und mit dem Steuerkreuz zoomt ihr die Kamera oder passt die Geschwindigkeit des Spiels an. Außerdem könnt ihr mit den hinteren Schultertasten zwischen den Kämpfern wechseln oder sie mit Druck beider Tasten alle auf einmal auswählen. All das funktionierte im Test ohne große Eingewöhnungszeit. Sogar in den ersten Kämpfen lief alles glatt, weil das Spiel eben jede Menge Einstellungsmöglichkeiten anbietet, beispielsweise, wann das Geschehen automatisch pausieren soll. So werden auch Gelegenheitsrollenspieler nicht überfordert.

Auf diesem Bild geht es ebenfalls gegen die arachnide Herrscherin, nur seht ihr hier das Interface der PC-Version. Man sieht: Hier wurde von den Entwicklern sinnvoll und überlegt angepasst. Quelle: PC Games Hier erblickt ihr den Kampf gegen die Spinnenkönigin unter der Festung Caed Nua, so, wie er auf der Nintendo Switch zu sehen ist. Quelle: PC Games

Fummelig wird es nur in den teils kleinteiligen Menüs, im Inventar oder wenn es darum geht, mit Objekten in der Spielwelt zu interagieren. Wenn diese Objekte einzeln auftreten, springt der Cursor sofort zu ihnen, sodass die Interaktion schnell von der Hand geht. Super! Bei mehreren nebeneinanderliegenden Elementen fällt das gezielte Auswählen jedoch schwerer. In diesen wenigen Momenten sehnen wir uns nach der Maussteuerung vom PC. Ähnlich gut, aber nicht perfekt beurteilen wir die angepassten Elemente der Benutzeroberfläche.

Die Textfenster fallen derart groß aus, dass ihr sie am Fernseher sowie im Handheld-Modus in den meisten Fällen gut lesen könnt. Nur vereinzelte Textelemente einiger Menüs sind sehr klein geraten. Zudem passen in die Standardgröße des Eventlogs nur wenige Zeilen, sodass euch das Fenster in der Praxis so gut wie nichts bringt und damit unnötig Platz wegnimmt. Wer Dialoge oder Kampfereignisse sichten möchte, vergrößert das Log auf die maximale Einstellung (was noch mehr Platz wegnimmt) oder geht den umständlichen Umweg über das Kampfprotokoll im Menü (und kann dafür das Log komplett ausblenden). Keine der beiden Lösungen ist wirklich perfekt. Den Spielspaß trüben diese Kleinigkeiten aber nur selten.

Meinung

Meinung

Wertung zu Pillars of Eternity: Complete Edition (NSW)

Wertung:

8.0 /10
Pro & Contra
Zig Schwierigkeitsgrade und OptionenUmfangreiches Angebot an Klassen und RassenTaktisch herausfordernde Echtzeitkämpfe mit PausefunktionSehr großer UmfangSpannende Story, klasse TexteViele Quests auf mehrere Arten lösbarGute Switch-SteuerungSinnvolle Hud-AnpassungenHübsche Isografik, stimmige Welt
Viele LadezeitenRegelmäßige RucklerWegfindungsprobleme der KIDurchwachsenes Balancing der GegnerstärkeKeine Touchscreen-Funktion
Fazit

Gutes Oldschool-RPG mit kleinen Schwächen, das auch auf der Switch Laune macht

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