Mit Pillars of Eternity trat uns das beste Story-Rollenspiel der letzten Jahre per Kickstarter das Spielerherz ein. Andreas Peter ist dem Phänomen nach mehreren Spielmonaten auf den Grund gegangen.
In einer düster-bedrohlichen Welt kommt es vermehrt zu Hohlgeburten, bemitleidenswerten Geschöpfen, denen ab Geburt jegliche Seele fehlt. Nein, wir sprechen nicht von der Mobile-Games Abteilung von Electronic Arts, aus der schaurig röchelnd so grausame Schöpfungen wie das letzte Dungeon Keeper hervorgekrochen kommen.
Quelle: PC Games
Nicht modern oder besonders hübsch: Auf die inneren Werte kommt es an.
Die Softwareschmiede Obsidian, leidlich bekannt durch meist eher halbgare Auftragsarbeiten an Fortsetzungen von RPG-Verkaufshits, wagte äußerst erfolgreich den "Kickstart" und präsentiert der Spielerschaft ein klassisches Rollenspiel nach dem Vorbild der Baldur's Gate Trilogie: Das erforschen eines riesigen 2D-Spielareals entlang spannender Geschichten und Figuren, ergänzt um eine Unzahl Taktikkämpfe ist also die Vorlage. Und überraschende Erkenntnis: Sie können, wenn sie denn dürfen. Voll vorfinanziert, ohne äußere Vorgaben, kommt ein richtiges RPG-Kleinod heraus, weit weg von Dungeon Siege 3 und Alpha Protocol, den gruseligen Publisherarbeiten aus gleichem Hause.
Pillars of Eternity kann man per Download in den einschlägigen Portalen kaufen, in Deutschland auch im Einzelhandel. In einer wunderschön gestalteten, altmodischen Kartonverpackung, inklusive dickem Handbuch, Poster und Soundtrack. Ein Traum für jeden Sammler. Ich habe gestandene vierzigjährige Männer mit Tränen der Rührung in den Augen das Manual vor mir herumwedeln sehen. Aber egal, für welche Version sich der ambitionierte Rollenspieler entscheidet, vor der Charaktererschaffung sollte zunächst der Patchlevel des Spiels auf den aktuellen Stand gebracht werden. Die mittlerweile fünf nach Veröffentlichung eingeschobenen Byte-Pflaster sollten dringend auf der Festplatte installiert werden. Mal unter uns Betschwestern: Die erste Lokalisierung ohne Patch war am Rande einer groben Frechheit, Kickstarter-Indie-Charme hin- oder her.
Düstere Spielwelt
Quelle: PC Games
Jedes Mitglied unserer Partie bereichert die Welt von Pillars of Eternity.
Pillars of Eternity versetzt uns nach Eora – einer wunderschön anzusehenden, dabei aber auch sehr düster wirkenden Spielwelt. Die anfangs angesprochenen seelenlosen Geburten wachsen sich zu einem Problem aus, das auch dem aktuellen Machthaber Raedric VII keine Ruhe mehr lässt. Selbstverständlich nimmt sich der Spieler in seiner Rolle als "Wächter" der Problematik mehr oder weniger freiwillig an. Es gibt etliche Ansätze die Geschichte anzugehen, das Spiel lässt uns tatsächlich eine Menge rollenspielerischer Freiheiten, lässt uns Entscheidungen fällen, deren Konsequenzen sich in der Welt auswirken und die wir vertreten müssen. Auch wenn wir mit dem einen oder anderen ungeplantem Ausgang hadern.
Schade: Nur die wichtigsten Abschnitte der Hauptstory sind vertont. Ansonsten gilt: Die Geschichte wird mit Unmengen an Bildschirmtexten erzählt. Leute mit akuter Leseallergie werden damit wohl nicht glücklich. Wer sich den umfangreichen und (nach Patches) wunderbar gelungenen Beschreibungen in Ruhe hingeben kann, wird dafür so tief wie selten in die Spielwelt hineingezogen – die eigene Fantasie malt viele Details aus, die sich der leider eher mittelmäßig gelungenen Spielgrafik nicht direkt entnehmen lassen.
Pillars of Eternity ist beileibe nicht hässlich, die Gestaltung ist fantasievoll klassisch-mittelalterlich, aber man merkt schon deutlich, dass das Budget für die Anzahl der Modelle eher beschränkt war und sich viele Pinselelemente des Leveleditors etwas zu häufig wiederholen.
Im Herz eine Geschichte
Quelle: PC Games
Wer nicht lesen will, kann abschalten: Ein Großteil der spannenden Geschichte steckt in trockenen Texttaafeln.
Aber die Technik ist nicht das Herzstück dieses Spiels, sein Herzstück sind eine unglaublich umfangreiche und gekonnt erzählte Geschichte um Seelen, Wiedergeburt, Erweckung, Heilige und Scharlatane. Die Partymitglieder, die wir unterwegs aufsammeln, unterhalten uns mit ihren toll ausgearbeiteten Figuren. Jeder NPC, den wir auf unserer Reise treffen, scheint einen eigenen Plot zu verfolgen. Man glaubt der Welt sehr schnell – extreme Immersion ganz ohne Occulus Rift. Tatsächlich ist nicht nur das Hauptplotelement die Seele, sondern dem ganzen Werk Pillars of Eternity darf man getrost in Bezug auf Erzählung und Stimmung eine ganz eigene Seele zuschreiben – moderne, gemainstreamte Blockbuster wie Dragon Age (die natürlich auf ihre Hollywood-Weise auch jede Menge Spielspaß bieten), dürfen sich an dieser Stelle ruhig mal kurz zum leise zum Heulen in die Wutecke stellen.
Hack'n Slash kommt aber auch nicht zu kurz, bevor die Charakterbogen-Statistiker unter uns die Augenbraue kritisch heben: Einen der größten Dungeons der Spielegeschichte bietet beispielsweise der weitläufige Keller unter dem Hauptquartier unserer Heldentruppe, gefüllt mit ca. einer Milliarde Kämpfen und Rätseln. So gibt es auch abseits philosophischer Debatten für die sogenannten Powergamer unter den Rollenspielern mehr als genug zu tun, um an Charakterwerten zu feilen und die Ausrüstung zu optimieren.
Quelle: PC Games
Old-School trifft moderne Bequemlichkeit: Ein paar Komfortfunktionen wie ein sortiertes Inventar bietet Pillars of Eternity schon.
Gameplay und Bedienung adaptieren direkt die guten alten Infinity-Engine-Spiele. Das eigentliche Spielgeschehen läuft immer in Echtzeit ab, allerdings kann das Spielgeschehen jederzeit (natürlich vor allen in Kampfsituationen wichtig) verlangsamt bis pausiert werden, damit man seine Schlachtzüge in Ruhe planen kann. Diese Denkpausen sind auch dringend notwendig, denn als einfach kann man Pillars of Eternity nicht bezeichnen. Der Schlachten gibt es viele, und nicht wenige orientieren sich am klassischen Schwierigkeitsgrad der RPGs der Neunziger Jahre. Neben Gesundheit und Zauberkraft müssen wir neuerdings auch die Ausdauer unserer Party in Auge behalten, damit es auch den Veteranen unter uns nicht langweilig wird. Die Komfortfunktionen, die man heute erwarten darf, sind alle mit an Bord. Gruppenformationen, einfach zugängliches Inventar, Schnellspeichern- und Laden, Minimap, alles dabei.
