Fünf Jahre PlayStation VR: Erfolg oder Nischenliebling?
Special
Ein halbes Jahrzehnt und über fünf Millionen verkaufte Playstation VR später - Zeit für eine Bilanz! Wurde Sonys VR-Brille den Erwartungen gerecht oder ist sie nur ein Liebhaberstück?
Virtual Reality erlebte in den vergangenen zehn Jahren einen kometenhaften Aufstieg: Spätestens als Facebook 2014 Oculus VR für zwei Milliarden Dollar akquirierte, war klar, dass hier ein neuer Markt entsteht. Doch dieser sollte nicht allein VR-Brillen für leistungsstarke PCs vorbehalten bleiben, auch Sony wagte mit Playstation VR am 13. Oktober 2016 den Sprung ins kalte VR-Wasser.
Kurz vor Launch noch als das "Next Big Thing" im Gaming-Sektor gehypt und in den Mainstream-Medien gefeatured, dauerte es nur wenige Jahre, ehe die VR-Euphorie spürbar nachließ. Fünf Jahre ist der Launch von Playstation VR inzwischen her - und wir ziehen ein Fazit: War Sonys VR-Headset wirklich erfolgreich und der nächste Sprung für das Medium Videospiel? Oder entpuppte es sich doch eher als Technik-Eintagsfliege für Enthusiasten?
Zum Launch bereits technisch veraltet, aber ...
Playstation VR erblickte unter dem Arbeitstitel "Project Morpheus" das Licht der Welt und wurde erstmals auf der Game Developers Conference im März 2014 vorgestellt. Auf der Electronic Entertainment Expo des kommenden Jahres war die VR-Brille für Fachbesucher spielbar und sorgte unter anderem durch die gruselige Kitchen-Demo zu Resident Evil 7 für Aufsehen. Im September 2015 gab Sony den offiziellen Namen der VR-Brille bekannt: Playstation VR.
Quelle: Medienagentur plassma
Bereits auf der Electronic Entertainment Expo 2015 war das damalige „Project Morpheus“ für Fachbesucher spielbar. Auch unser Mitarbeiter Olaf Bleich durfte schon mal ran.
Die VR-Brille kam schließlich am 13. Oktober 2016 zum Preis von 399 Euro im Handel. Die PSVR war die bis dato einzige VR-Brille für Spielkonsolen. Im PC-Sektor dominierten zu diesem Zeitpunkt Geräte wie Oculus Rift oder HTC Vive. Diese kosteten aber mit 699 Euro beziehungsweise 899 Euro deutlich mehr und erforderten obendrein einen leistungsstarken Rechner für ein entsprechendes VR-Erlebnis. Playstation 4 und Playstation VR kosteten damals zusammen so viel wie Oculus Rift und weniger als HTC Vive. Der Preis spielte also eine gewaltige Rolle und machte Playstation VR von Beginn an zu einer attraktiven Alternative. Schließlich besaßen damals bereits 53 Millionen Nutzer eine Playstation 4 und konnten so für kleines Geld und ohne Hardware-Upgrade in VR-Welten eintauchen.
Der geringere Preis ging jedoch einher mit einer schwächeren Hardware: Die Auflösung des 5,7 Zoll großen OLED-Displays fiel mit 1920x1080 Pixel (960x1080 pro Auge) geringer aus als bei der PC-Konkurrenz und auch das Sichtfeld war mit lediglich 100 statt 110 Grad eingeschränkt. Das Tracking erfolgte über die Playstation-Kamera und die Steuerung mithilfe der in die Jahre gekommenen PS-Move-Controller oder dem traditionellen DualShock-Pad. Dem Lieferumfang lag neben Anschluss- und USB-Kabeln eine Prozessoreinheit bei, die zwischen Konsole und Fernseher geschaltet wurde. Die totale VR-Freiheit spürten Nutzen mit Playstation VR also nicht. Die Kabelstränge und auch der auf 1,9 x 3 Meter reduzierte Spielbereich der Playstation-Kamera schränkten die Bewegungsmöglichkeiten ein.
Quelle: Sony
Musik- und Rhythmusspiele gehörten zu den beliebtesten Genres auf Playstation VR. Titel wie Rez Infinite oder später Beat Saber funktionierten in der VR-Umgebung ausgezeichnet.
Positive Presse
Die Playstation VR war nicht perfekt, für die Kritiker jedoch überwogen die positiven Aspekte. Das US-Spielemagazin IGN etwa resümierte im Test : "Sony gelingt es, die kostengünstige Playstation VR dort wettbewerbsfähig zu halten, wo es zählt. Trotz der relativ niedrigen Auflösung sehen die Spiele sehr gut aus. Das Headset ist bequem und leicht zu bedienen, wenn man sich um die Verkabelung gekümmert hat." Auch PC Games zog im zweiwöchigen Dauertest ein positives Fazit. In unserem Testbericht kritisierten wir die eingeschränkte Bewegungsfreiheit und Kompromisse in der Grafik. Zugleich aber lobten wir auch den Tragekomfort trotz des niedrigen Preises, das gelungene Launch-Line-up und die neuartigen Spielerlebnisse.
Das Marktpotenzial stellte Sony-Präsident Shuhei Yoshida im Interview mit The Verge anlässlich des Launches von Playstation VR klar: "Es ist wirklich schwer, auch nur drei Jahre in die Zukunft zu blicken. Aber wir haben uns zunächst auf die PS4-User konzentriert und erreichen hoffentlich auch ihr Umfeld - also Familien und Freunde. Die Playstation VR kann eines Tages für andere Dinge als Games und Entertainment genutzt werden, auch wenn unser Fokus eindeutig in diesen Bereichen liegt. Wir hoffen, dass diese Entwicklungen eintreffen und wir ein wichtiger Teil der VR-Erfahrung sein werden."
Quelle: Sony
Etablierte Marken wie etwa Until Dawn fanden auf Playstation VR Fortsetzungen beziehungsweise Neuadaptionen. Rush of Blood war eine unterhaltsame Geisterbahn mit Schießbudencharakter.
Die Playstation VR kam überall gut weg, und das schlug sich auch auf die Verkaufszahlen nieder: Bis zum 20. Februar 2017 setzte Sony 915.000 Einheiten ab. Gegenüber der New York Times erklärte der damalige Sony-Vorsitzende Andrew House sogar, dass man intern die Erwartungen heruntergeschraubt habe, da gerade die Sales-Abteilung allzu euphorisch an das neue Projekt heranging. Man erwartete eigentlich eine Million verkaufter Exemplare binnen der ersten sechs Monate. Diese Marke durchbrach man problemlos. Spannend: Bereits damals erklärte House, dass man bis zum Erscheinen der Playstation 5 mit fünf Millionen verkauften PSVR-Geräten rechne. Damit sollte er Recht behalten!
Die Verkaufszahlen zogen über die Monate weiter an: Bis Dezember 2017 setzte Sony über zwei Millionen Einheiten und 12,2 Millionen verkaufte Spiele ab. Im August 2018 knackte man die drei Millionen und im März 2019 bilanzierte man 4,2 Millionen verkaufte Einheiten. Die letzten offiziellen Verkaufszahlen veröffentlichte Sony am 31. Dezember 2019: Die prognostizierten fünf Millionen verkaufte Playstation VR waren erreicht.
Stetiger Strom neuer Spiele
Playstation VR war mit 399 Euro die erschwingliche Alternative zu Oculus Rift und anderen Systemen. Doch ebenso wichtig wie der Preis war in diesem Fall der Nachschub an neuen hochkarätigen Spielen. Bereits bis Ende 2016 erschienen über 50 Titel für Playstation VR. Zum Launch stachen besonders Titel wie Batman: Arkham VR, Until Dawn: Rush of Blood oder Rez Infinite hervor.
Quelle: Medienagentur plassma
Bereits auf der Electronic Entertainment Expo 2015 war das damalige „Project Morpheus“ für Fachbesucher spielbar. Auch unser Mitarbeiter Olaf Bleich durfte schon mal ran.
Das am 27. Januar 2017 - also rund drei Monate nach dem Hardware-Launch der PSVR - veröffentlichte Resident Evil 7 Biohazard unterstrich diesen Anspruch. Capcoms Survival-Horrorspiel bot volle Integration von Playstation VR. Wer wollte, konnte das Abenteuer also komplett in VR durchspielen. Resident Evil 7 Biohazard war für PSVR das, was Half-Life: Alyx ab 2020 für PC-VR-Brillen sein würde - ein waschechter Hardware-Seller. Auffällig: Über die Jahre erschienen immer mehr VR-Konvertierungen bekannter Marken wie Minecraft, Doom oder The Elder Scrolls 5: Skyrim für Playstation VR. Die Qualität der Anpassung schwankte stark, doch die großen Namen sorgten für Aufmerksamkeit und werteten die neue Plattform auf.
Sony pushte seine VR-Brille und brachte sie dank Exklusivspielen und optimierten Portierungen auch ohne große Marketing-Maßnahmen an den Nutzer. Zu den wichtigsten und spielenswertesten Titeln gehörten hier sicherlich Astro Bot: Rescue Mission, Moss und Beat Saber (alle 2018 erschienen) sowie Blood & Truth (2019). Der 2017 veröffentlichte Weltraum-Shooter Farpoint kam mit dem Aim-Controller daher, in den man den Move-Controller einbaute und so ein stilisiertes Gewehr simulierte. Der Aim-Controller wurde neben Farpoint auch von Titeln wie Doom VFR, Brookhaven Experiment oder Arizona Sunshine unterstützt. Das Steuerungsgerät brachte Spielhallenatmosphäre ins heimische Wohnzimmer und mehr Vielfalt auf die Plattform.
Genau diese Fülle an Marken, Genres und Ideen machte letztlich das Games-Portfolio aus. Über die fünf Jahre seit Erscheinen von Playstation VR entstand so eine breite Software-Bibliothek, die neben den bekannten Marken vor allem auch vielen Indie-Produktionen ein neues Zuhause schenkte und einen Teil des Erfolgs von Playstation VR begründet.
Quelle: Capcom
Capcom kündigte Resident Evil 7 Biohazard auf der Electronic Entertainment Expo 2016 offiziell an. Ein Jahr zuvor präsentierte man bereits die VR-Kitchen-Demo. In dieser schlüpft man in die Haut von Clancy Jarvis, der gefesselt von einer unbekannten Frau mit einem Messer malträtiert wird.
Das verflixtes fünfte Jahr?
Doch mit der Ankündigung und dem Erscheinen der Playstation 5 am 12. November 2020 sank der Stern von Playstation VR. Sonys Fokus veränderte sich und lag seitdem nahezu exklusiv auf der Vermarktung der neuen Konsole. Im Interview mit der Washington Post , beteuerte Sony-Chef Jim Ryan, dass man weiterhin Virtual Reality auf dem Schirm habe: "Ich denke, wir sind mehr als nur einige Minuten von der Zukunft der VR entfernt. Playstation glaubt an VR. Sony glaubt an VR. Und wir glauben definitiv daran, dass an einem Punkt in der Zukunft Virtual Reality zu einem bedeutsamen Teil der interaktiven Unterhaltung wird." Das Interview fand vor der Ankündigung der Playstation VR 2 statt, zeigt aber, dass das fünfte Jahr für PSVR einen deutlichen Abstieg bedeutete. De facto erschienen keine Triple-A-Produktionen mehr für das Gerät. Dabei zeigte etwa Hitman 3, dass eine VR-Option auch großen Produktionen im Jahr 2021 noch gut zu Gesicht steht.
Quelle: Sony
Für den Science-Fiction-Shooter Farpoint veröffentlichte Sony den sogenannten Aim-Controller. In den „Plastik-Bogen“ setzte man einen Move-Controller ein. So hatte man ein stilisiertes Gewehr in den Händen, das im Spiel zu einer echten Kanone wurde.
Immerhin nahm Sony den Kunden-Support beim Wechsel der Konsolengenerationen ernst und lieferte Besitzern der Playstation VR kostenlos einen Kamera-Adapter für die Playstation 5 aus. Dank der Abwärtskompatibilität der neuen Plattform konnten "Aufsteiger" so zumindest ihre Playstation VR weiterhin verwenden. Große Spiele und vor allem Marketing-Anstrengungen blieben aber aus. Entsprechend nähert sich PSVR dem Ende seiner Hardware-Lebenszeit. Kein Wunder, dass Sony bereits im Februar 2021 Playstation VR 2 für die PS5 ankündigte.
Einen Kritikpunkt merzt das Unternehmen dabei aber nicht aus: Auch Playstation VR 2 wird weiterhin an ein Kabel gebunden sein. Im Gegenzug aber stellte man bereits die neuen und eigens für die VR-Umgebung entwickelten Controller vor. Diese erinnern optisch an die Touch-Controller der Oculus Quest 2 und bringen unter anderem Funktionen des DualSense-Gamepads wie adaptive Trigger und haptisches Feedback mit. Die Zeiten der Move-Controller sind also endgültig vorbei.
Quelle: Sony
Astro Bot: Rescue Mission mauserte sich zum PlayStation-VR-Publikumsfavoriten. Der kleine Roboter tauchte im vergangenen Jahr in Astro's Playroom für die PlayStation 5 wieder auf.
Top oder Flop?
Binnen fünf Jahren verkaufte Sony fünf Millionen Playstation VR bei etwa 115 Millionen Playstation-4-Modellen in den weltweiten Wohn- und Spielzimmern. Das bedeutet: Etwa 4,5 Prozent aller PS4-Besitzer legten sich auch eine Playstation VR zu. Das liest sich ernüchternd, ist aber als Erfolg zu werten. Zum Vergleich: Laut der Steam Survey im September 2020 spielten lediglich 1,88 Prozent der Steam-Nutzer mit einem VR-Headset. In Folge der Pandemie stiegen diese Zahlen, erreichten aber längst nicht das Niveau von Playstation VR - trotz Ausnahmewerken wie Half-Life: Alyx.
Sony gelang es also, einen signifikanten Teil seiner Community für Virtual Reality zu begeistern. Den ganz großen Durchbruch in den Mainstream in Sachen VR hat aber auch Sony nicht geschafft. Diese Darstellungs- und Spielform blieb eine gern gesehene Nische und eine Alternative zum klassischen Gaming-Erlebnis. Kein Wunder, schließlich gehen mit VR zusätzliche Kosten, aber auch räumliche und spielerische Einschränkungen einher.
Trotzdem zeigt PSVR das große Potenzial, das in diesem Markt steckt. Gerade, wenn eine breite Hardware-Basis vorhanden ist, kann Virtual Reality zu einem echten Geschäft werden. Nun bleibt abzuwarten, wann und ob Playstation VR 2 mit besseren Displays, neuen Controllern und mehr Leistung einen ähnlichen oder gar besseren Weg gehen wird. Man darf auf jeden Fall auf die VR-Zukunft von Sony gespannt sein.
