Ich habe das schwerste Spiel meiner Kindheit gespielt und würde mein neunjähriges Ich jetzt gerne in den Arm nehmen
Kolumne
Früher war nicht nur alles besser, sondern auch um einiges härter. Zumindest, wenn es um Arcade-Racer geht. Aus dem Hause Rockstar stammt das schwerste Spiel meiner Kindheit, und ich habe mich 20 Jahre später noch einmal rangetraut!
Es ist 2005. Im Kino laufen Star Wars: Episode 3 und der erste Narnia-Film, in den deutschen Charts dominiert ein Song von Tokio Hotel, übers Wetter oder so, und abends bei MTV schraubt Rapper Xzibit gerade irgendeinem armen Schlucker den vierten Flachbildschirm in die Karre. Nun, das ist zumindest, was ich damals mitbekommen habe - ich war erst neun Jahre alt und hatte eh gerade begonnen, mich für was ganz anderes zu interessieren: Mathe.
Spaß, dann würde ich jetzt bestimmt nicht hier sitzen. Nein, ich habe 2005 meine erste Konsole in die Finger bekommen: die PlayStation Portable. Vorher hatte ich hier und da mal am heimischen PC gespielt, aber das war meine erste eigene Videospielplattform, mit den ersten richtigen Videospielen.
Und was wünscht sich ein Neunjähriger zu seiner neuen Konsole? Richtig, ein Spiel mit Autos. Mit getunten, am besten, denn irgendwie hatte Pimp My Ride wohl doch einen Einfluss auf mich. Aber ich war nie ein Need-for-Speed-Kind.
Ich hab' in einem anderen Spiel das Unterboden-Neon in den Mitsubishi Lancer Evolution VIII gebaut: Midnight Club 3: DUB Edition. Rockstars altehrwürdige Streetracing-Reihe fristet heute ein völliges Schattendasein, und ich spiele so gut wie keine Rennspiele mehr, aber damals war das Ding mein Ein und Alles.
Beknackt schnelle Rennen durch drei offene US-Städte, ein Mix aus Hip-Hop, Rock und Drum & Bass im Radio und Tuning-Features, die einfach nur herrlich cheesy sind. Ein 1964er Chevrolet Impala ist in so einem Spiel erst komplett, wenn er Hydraulikpumpen und goldene Spinner-Felgen hat und eine riesen Lufthutze aus der Motorhaube ragt - also zumindest, wenn ihr mich fragt. Das gebietet einfach der gute Geschmack. Oder der schlechte.
Schwere Kindheit
Neben den voll krassen Autos ist mir mein erstes Konsolenspiel aber auch mit etwas anderem in Erinnerung geblieben: Ich habe in diesen Rennen mehr Staub gefressen als ein Dyson V8 in seiner durchschnittlichen Lebenszeit. Midnight Club 3 ist ein Arcade-Racer der alten Schule, da wird also nicht zurückgespult, die Ideallinie entlanggebrettert oder ein Rennen auf einer anderen Position als der Eins gewonnen.
Um so einen Schwierigkeitsgrad in einem modernen Arcade-Rennspiel ansatzweise zu reproduzieren, muss man jede Menge Features abschalten, und selbst das würde nicht reichen. Das war mir damals nicht bewusst, aber es lag nicht nur an meiner kaum vorhandenen Fahrkunst, dass ich es nie weit geschafft habe. Also - es lag schon vor allem daran, aber Midnight Club 3 ist auch einfach knüppelhart!
Ich weiß gar nicht mehr, was es war, aber irgendeine Eingebung hat mich neulich dazu bewogen, den mittlerweile frei im AppStore verfügbaren PSP-Emulator PPSSPP auf mein iPhone zu laden, den Backbone-Controller dranzuhängen und Midnight Club 3 zu installieren. Um endlich zu beenden, was ich vor knapp 20 Jahren begonnen habe.
Wieder musste ich mir Staub schmecken lassen. Und das nicht zu knapp.
Midnight Club 3 ist per se ein ziemlich simples Spiel. Es gilt, alle rivalisierenden Racer in San Diego, Atlanta und Detroit auszumachen und sie nach und nach zu schlagen. Dazwischen werden neue Autoklassen und etliche Tuning-Optionen in der Werkstatt freigeschaltet, die es überhaupt erst ermöglichen, mit den Gegnern mitzuhalten, denn die schlängeln sich durch die Kurse, als wären sie der Baby Driver.
Schon in San Diego, der ersten und einfachsten Stadt, schleudert mein Dodge Charger oft nur wenige Zehntelsekunden vor dem Zweitplatzierten über die Ziellinie. Es liegt nicht einmal dran, dass Midnight Club 3 spürbar auf eine Gummiband-KI setzen würde, nein: Die anderen kleben mir hier deswegen permanent am Heck, weil sie einfach so verboten gut fahren.
Das Streckendesign tut sein übriges: Von San Diego bis Detroit werden die Straßen schmaler, die Kurven enger, die Streckenführung wilder. Bis auf sehr wenige Ausnahmen finden alle Rennen in den offenen Städten statt, und nur die Punkte auf der Mini-Map und ein Pfeil am oberen Bildschirmrand zeigen an, wo's langgeht. Die optimale Strecke zum nächsten Checkpoint muss ich selbst kennen, und auf der Mini-Map sind nicht einmal alle Routen eingezeichnet.
Dann gibt's da natürlich noch den Zivilverkehr, der auch mal in gescripteten Momenten plötzlich aus einer Seitengasse reingefahren kommt, und zwar exakt dann, wenn ich ihn am allerwenigsten gebrauchen kann.
Einmal falsch abgebogen? Willkommen auf dem letzten Platz. An einer Straßenecke zu früh die Handbremse gezogen? Zeit für einen Neustart. Mein McLaren F1 LM hat mal wieder eine Straßenlaterne touchiert und ist in die nächste Hauswand geschlittert? Ach, ist doch eigentlich recht nett hier, so ganz hinten, da kann ich entspannt die Strecke kennenlernen ...
Mit 400 in der City
Was das alles überhaupt erst so schwer macht, ist die Geschwindigkeit, mit der die Rennen gefahren werden (müssen). Je weiter ich komme, desto schlimmer wird es, logischerweise.
Besagter McLaren, eines der Spitzenklasse-Autos im Spiel, schafft mit einem Nitro-Boost problemlos 400 km/h, und allerspätestens dann sind die Stadt und der Verkehr nur noch ein verschwommener Strom aus Lichtern, Farben und Dunkelheit, durch den ich meine Monsterkarre eher mit Instinkt als mit Verstand lenken muss.
Wenn ich es da nicht hinbekomme, mich in einen perfekten Flow-Zustand zu versetzen, dann habe ich keine Chance. Ich habe mich wieder gefühlt wie damals, als ich mit komplett verschwitzten Händen meine PSP zerdrückt und mit der Vorsicht eines Uhrmachers den Analog-Nubsi bedient habe, weil hier schon der kleinste Lenkfehler zwischen erstem und letztem Platz entscheidet.
Um die irre Erfahrung mal mit den Worten meines Lieblingssongs aus dem Soundtrack zusammenzufassen: I think my head, my head is gonna explode, I think my head is gonna explode, yeah, I think my brain is gonna overload, I think my head is gonna explode, yeah.
Nachdem ich Midnight Club 3 nun endlich mit viel Schweiß und Gefluche beendet habe, würde ich wirklich gerne in der Zeit zurückreisen und meinem neunjährigen Ich erzählen, dass er in knapp 20 Jahren wieder genau dieses Spiel spielen wird, und dass es ihm größere Schwierigkeiten bereiten wird, als die meisten Spiele, die in der Zukunft als schwer gelten. Und dann würde ich ihn in den Arm nehmen. Also, wenn er mir nicht vorher frustriert die PSP ins Gesicht wirft.
