Sébastien Loeb Rally Evo im Test: Gute Ideen treffen auf verschenktes Potenzial
Test
Wir haben uns Milestones neuestes Rennspiel zur Brust genommen um zu sehen, ob uns die Italiener inzwischen mehr bieten können als bisher.
Man traut es sich kaum sagen, aber nach den ersten Minuten mit Sebastién Loeb Rally wollte ich bereits die Flinte ins Korn werfen und das neue Rallyspiel aus dem Hause Milestone nie wieder anfassen. Da mir aber der Test noch bevorstand, konnte ich das natürlich nicht machen und kämpfte mich weiter vor, was schlussendlich auch belohnt wurde.
Quelle: Milestone
Was habe ich zu Beginn falsch gemacht? Ganz einfach: Wie bei den meisten Rennspielen schaltete ich zuerst auf die Verfolgerkamera um, einfach weil die in der Regel wegen ihrer erhöhten Position für die beste Übersicht sorgt. Das ist zwar bei Sebastién Loeb Rally auch so, allerdings muss man sie bei diesem Titel als total misslungen bezeichnen. Die Verfolgerkamera nämlich verfolgt das Fahrzeug nicht, sie wirkt viel mehr wie an einem Selfie-Stick direkt an den Wagen angeschraubt. Während sie in jedem anderen Rennspiel eine gewisse Eigendynamik aufweist, die einem auch hilft den Wagen besser zu "spüren", ist das hier überhaupt nicht der Fall. Man bekommt weder von den unterschiedlichen Untergründen noch vom Fahrzeug selbst irgendeine Rückmeldung.
Darum muss man bei SL Rally unbedingt die Cockpitperspektive oder die Motorhaubensicht wählen, will man auch nur bisschen Spaß damit haben. Dann aber lassen sich die Fahrzeuge plötzlich ganz vernünftig steuern und man erhält auch die nötigen Rückmeldungen. Durch das Zusammenspiel aus der Bewegung des Wagens und dem wirklich guten Einsatz der Rumble-Motoren im Gamepad bekommen wir deutlich vermittelt wann der Wagen ausbricht, wir Luft unterm Blech haben oder die Räder blockieren. Die allgemeine Physik bleibt zwar trotzdem hinter dem zurück was uns andere Rallyspiele bieten, aber das Gebotene taugt gut genug um uns die Unterschiede zwischen den verschiedenen Fahrzeugen und Untergründen erleben zu lassen.
Recht abwechslungsreiche Spielvarianten
Was uns Sebastién Loeb Rally bezüglich Umfang und Abwechslung bietet, kann sich wirklich sehen lassen. Im Grunde bietet uns der Titel drei verschiedene Modi: Den Schnellmodus, die Karriere und die Loeb Experience, wohinter sich jeweils ganz schon viel Inhalt versteckt.
Quelle: Milestone
Im Schnellmodus können wir nicht nur direkt jede beliebige Rally und jeden Rallycross-Event wählen, hier versteckt sich auch der herausfordernde Pikes Peak-Kurs und die Zeitrennen. Am wichtigsten allerdings ist, dass wir hier nicht nur einzelne Rennen, sondern auch ganze Rallye-Meisterschaften fahren können. Diese haben eine maximale Länge von vier Kalendertagen zu jeweils zwei Etappen pro Tag, inklusive Reparaturen am Ende jeden Tages. Dafür stehen uns jeweils 60 Minuten zur Verfügung, was in dieser Zeit nicht repariert werden kann, bleibt unerledigt. Insgesamt können wir dabei aus acht Austragungsorten wählen, die uns von reinen Asphaltstrecken in England, über Schotterstrecken, bis hin zu sandigen Wüstenkursen und Schneepisten alles bieten, was das Herz begehrt.
Komischerweise verdienen wir bei diesen Rallyes am allerwenigsten, obwohl sie durchaus lang und herausfordernd sind. Denn auf das Einkommen sind wir angewiesen, wir müssen uns jedes Fahrzeug mit barer Münze kaufen, und besonders die stärkeren und moderneren Boliden sind ganz schön teuer. Nur gut, dass es ab und zu auch Fahrzeuge zu gewinnen gibt.
Bei der zweiten Spielvariante handelt es sich um die Karriere. Diese bietet uns mehrere auf bestimmte Fahrzeugklassen beschränkte Event-Sammlungen. Dabei fährt man nie eine ganze Rallye-Meisterschaft, sondern immer einen bunten Mix aus allen möglichen Events. Da folgt zum Beispiel auf eine Etappe in der Wüste ein Rallycross-Event, ein Hill Climb etc. Das sorgt für permanente Abwechslung und bringt von allen Spielvarianten auch das meiste Geld ein. Besonders zu erwähnen sind die Joker-Rennen, die mir persönlich besonders viel Spaß gemacht haben. Die werden nämlich auf Rundkursen mit mehreren Mitstreitern ausgetragen, wobei der Kurs sich an einer bestimmten Stelle verzweigt, so dass es eine lange und eine kurze Variante gibt. Aufgabe dabei ist, wenigstens einmal im Rennen den langen Kurs zu fahren, was natürlich ein taktisches Element darstellt. Fährt man die Jokerrunde gleich zu Beginn und startet dann eine Aufholjagd, oder versucht man erst sich vorne abzusetzen und fährt sie ganz am Schluss?
Quelle: Milestone
Der Fortschritt auf der Karriereleiter wird Anhand einer Liste aus 500 Fahrern dokumentiert. Die Position auf dieser Liste bestimmt zudem, auf welche der Loeb-Events man Zugriff hat. Dabei handelt es sich um besonders knackige Herausforderungen, welche man auf vorbestimmten Strecken mit vorbestimmtem Fahrzeug absolvieren muss.
Bei der dritten Spielvariante handelt es sich um die Loeb Experience. Hier spielen wir die Schlüsselmomente in der Karriere von Sebastién Loeb nach. Vom Beginn seiner Karriere 1998 bis hin zu seinem Pikes Peak Weltrekord. Dabei gibt es zu jedem der insgesamt sieben Kapitel ein ausführliches Video zu sehen, in dem uns der Rallyfahrer persönlich erzählt, was es mit den auf uns zukommenden Events auf sich hat und warum sie in seiner Karriere so wichtig waren. Das ist wirklich schön gemacht und verleiht den Fahrten richtig Gewicht.In der Praxis mit Ecken und Kanten
So gelungen die einzelnen Spielvarianten auch sind, und das sind sie wirklich, und so umfangreich das Gebotene auch ist, in der Praxis schafft es Sebastién Loeb Rally trotzdem nicht zu den Platzhirschen des Genres aufzuschließen. So möchte ich zum Beispiel die Ansagen des Beifahrers bemängeln, die nicht mal im Ansatz an das heranreichen, was uns schon ein Colin McRae vor einem Jahrzehnt geboten hat. Im Grunde werden uns nur die Kurven und bevorstehende Kuppen und Haarnadelkurven angesagt. Ab und zu gibt es auch noch eine Warnung sich rechts oder links zu halten, viel mehr Infos rückt der Beifahrer aus seinem Gebetsbuch aber nicht raus. Keine Ansage wann wir Kurven schneiden können, über bevorstehende Pfützen oder in die Strecke ragende Hindernisse.
Quelle: Bandai Namco
Was mich in der Praxis ebenfalls nervt, ist der permanente Zwang vor jedem Rennen den Bremsdruck neu einstellen zu müssen. Aus mir unerklärlichen Gründen ist der nämlich fast immer viel zu schwach eingestellt, so dass man die Räder gar nicht zum Blockieren bringt. Derweil verfügen die Fahrzeuge über hervorragende Bremsen, wenn man den Druck erst einmal erhöht. Es ist zwar möglich die Einstellungen zu speichern, die gelten dann aber nur für das jeweilige Fahrzeuge auf genau der bevorstehenden Etappe. Kaum beginnt man die nächste, muss man wieder korrigierend eingreifen.
Wohingegen Milestone beim Rückspul-Feature wirklich ganze Arbeit geleistet hat. Ich bin zwar eigentlich ein Gegner dieses Features, weil es mir zu viel Spannung aus den Rennen nimmt, wenn man jeden Fehler einfach so rückgängig machen kann, doch bei diesem Titel war ich echt froh darauf zurückgreifen zu können. Was Milestone dabei anders machte als andere Rennspiele, ist der Umstand, dass man an jeder Stelle nur einmal zurückspulen kann. Versauen wir es also in einer Kurve das zweite Mal in Folge, dürfen wir an der Stelle nicht noch einmal zurückspulen und müssen mit den Konsequenzen unseres Fehlers leben.
Der Fuhrpark
Ganze 70 verschiedene Fahrzeuge gibt es in Sebastién Loeb Rally. Dabei können wir etwa die Hälfte davon kaufen, sobald wir die entsprechende Summe verdient haben, wohingegen die andere Hälfte erst durch das Erreichen bestimmter Ziele freigeschaltet werden. Dabei erlaubt uns Milestone auch sie in geringem Maße zu individualisieren. Neben der Originallackierung können wir sie in Wunschfarbe umlackieren und mit vorgegebenen Beschriftungen versehen. Darüber hinaus existieren eine Reihe vorgegebener Muster, ganz ähnlich dem System in Drive Club. Auch davon schalten wir immer weitere im Verlauf der Karriere frei.
Quelle: Bandai Namco
Obwohl ich die Physik bereits bemängelte, muss man dem Titel doch zugute halten, dass man deutliche Unterschiede zwischen den Fahrzeugen bemerkt. Ohne es zu wissen, kann man am Verhalten genau feststellen, ob man in einem front-, heck- oder vierrad-getriebenen Fahrzeug sitzt. Doch auch die Power der Fahrzeuge ist deutlich spürbar und es macht einen gewaltigen Unterschied ob man in einem Mini Cooper S oder einem Pikes Peak SX4 sitzt. Besonders bei den Hill Climb-Events zeigt SL Rally dann, zu was es eigentlich in der Lage wäre und wo das Potenzial des Titels schlummert.
Der Online-Modus
So umfangreich der Singleplayer aufgebaut ist, umso einfacher fällt der Online-Modus aus. Immerhin können wir uns mit bis zu 16 Fahrern zusammentun um dann gegen ihre Ghosts anzutreten, oder entsprechend weniger im Rallycross, wo man sich gleichzeitig auf der Strecke befindet. Im Grunde aber mietet uns der Online-Modus lediglich die Möglichkeit an einem "schnellen Spiel" teilzunehmen, wobei es sich um gepunktete Rennen handelt für die wir auch Geld bekommen, um uns neue Fahrzeuge leisten zu können. Dabei liegt es an den Spielern welche Etappe bzw. Rally sie spielen wollen, die per Wahl ermittelt werden. Das gleiche gilt für die Tages- oder Nachtzeit. Lediglich die Fahrzeugklasse wird vom jeweiligen Host vorgegeben. Davon ab gibt es noch die private Session, womit das Angebot auch schon erschöpft wäre.
Grafik & Sound
Quelle: Bandai Namco
Grafik und Sound bewegen sich auch durchschnittlichem Niveau, ohne sich Ausreißer nach oben oder unten zu erlauben. Die Strecken sind eigentlich ganz schön gestaltet, kommen aber nicht über das hinaus, was wir auch auf der vorherigen Konsolengeneration geboten bekamen. Während die Nachtrennen durchaus ein Highlight darstellen, müssen wir auf jedwedes Wetter komplett verzichten. Es gibt keinen Regen, keinen Schneefall oder Ähnliches. Das schönste am Spiel dürften die Fahrzeuge sein, die wirklich hoch detailliert daherkommen, auch wenn die Cockpitsicht dagegen etwas abfällt.
Auch den Sound muss man als durchschnittlich bezeichnen. Zwar hört man deutlich die unterschiedlichen Motoren und auch den Kies in den Kotflügeln, allzu besonders aber klingt das alles nicht. Besonders Schäden am Fahrzeug gibt es überhaupt nicht zu hören. Nicht zuletzt beginnt die immergleiche Menümusik schon bald zu nerven.
