Achievements, Trophäen und Co.: Hört auf mit doofen Aufgaben!
Kolumne 53,99 €
Seitdem Microsoft sie auf der Xbox 360 eingeführt hat, sind sie nicht mehr aus der Videospielewelt wegzudenken: Erfolge, Achievements, Trophäen, oder wie sie je nach Plattform auch immer heißen mögen. Prinzipiell empfindet sie Redakteur Lukas Schmid auch als eine gute Sache - wenn es die Entwickler nicht zu weit treiben. Wie er das meint, erklärt er in seiner Kolumne. Mit Video!
Seit einiger Zeit bin ich unter die Trophäensammler gegangen.
Ja, ich habe mich jahrelang dagegen gewehrt, und das, obwohl ich ein furchtbarer Komplettist bin. Ich bin also erst glücklich, wenn in einem Open-World-Spiel alle Icons auf der Map abgegrast habe und die magischen 100 Prozent im Menü aufblitzen sehe, in Uncharted 4 jedes Collectable gefunden und auch sonst alles erledigt wurde, was im Spiel selbst an Aufgaben angegeben wird.
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Aber Trophäen, ja, gegen die habe ich mich lange Zeit gewehrt (ich rede jetzt mal dezidiert von Trophäen, da ich primär auf der PS4 und der PS5 unterwegs bin). Erstens, weil ich sie als etwas Unpassendes empfunden habe, einen Fremdkörper, der sich da in mein Spielerlebnis reinfrisst. Zweitens, weil Trophäen, machen wir uns nichts vor, lange Zeit auch wirklich einfach extrem schlecht umgesetzt wurden.
Bei Aufgaben wie "Spiele das Spiel auf allen fünf Schwierigkeitsgraden durch", "Besiege jeweils 500 Feinde mit allen verfügbaren Waffen" oder "Siege in 1.000 Online-Matches" musste ich nur einen Blick drauf werfen, um zu wissen, dass ich das aus Zeit- und Lustgründen niemals machen würde. Und Aufgaben dieser Art waren in den ersten Jahren nach der Erfindung von Erfolgen in Form der Archievements auf der Xbox 360 halt gang und gäbe.
Aber jetzt, ja, jetzt bin ich der Sammelei auch verfallen.
Ich sammle, also bin ich
Quelle: Moby Games
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Ich kann nicht einmal genau sagen, wann es begonnen hat, wohl vor ein, zwei Jahren, und welches Spiel ich damals als erstes auch auf Trophäen-Ebene komplettiert habe. Davor fanden sich auch schon ein paar Platin-Trophys in meinem Besitz, aber wirklich nur eine winzige Handvoll bei Titeln, die ich exzessiv gespielt hatte.
Nun aber war es so, dass ich mit diversen Spielen durch war und nach dem Abspann bemerkte, dass da meistens eine ganz schön hohe Prozentzahl neben den erlangten Trophäen stand. Also gab es fortan doch die Momente, wo ich mal in meine Trophäen-Sammlung lugte und bemerkte, dass ich die 100 Prozent mit geringem Aufwand vollbringen konnte. Und vor allem bemerkte ich, dass die ganz besonders dummen Trophäen von anno dazumal, nämlich jene, die man verpassen kann, nun viel seltener zu finden waren, ebenso jene, die exzessives Online-Spielen voraussetzen - sobald hier mal die Server abgedreht wurden, war es ohnehin vorüber mit dem fröhlichen Komplettieren.
Und hier bin ich nun, mit knapp 25 Platin-Schmuckstücken in meinem Besitz; eine Leistung, die mir nichts bringt, aber doch genügend motiviert, dass der Trophäen-Check inzwischen fester Bestandteil meines Gaming-Alltags ist.
Umso mehr stechen die selten gewordenen, aber nichtsdestoweniger oder sogar genau deswegen noch nervigeren richtig bescheuerten Erfolge wie unangenehme Splitter hervor.
Vorprogrammierte Grausamkeit
Quelle: Ubisoft
Achievements, Trophäen und Co.: Hört auf mit doofen Aufgaben! (3)
Die harmlose Variante: solche Exemplare wie "Überdimensioniert II" in Assassin's Creed Valhalla. Ja, dort leuchtet bei mir inzwischen eine Platin-Trophäe in der Sammlung, und über weite Strecken sind auch die Aufgaben zum Erlangen der kleinen Kostbarkeiten in Bronze, Silber und Gold allesamt sehr gnädig gestaltet. Da müssen eben Story-Missionen absolviert werden, das eigene Dorf will voll ausgebaut sein oder man soll eine (gnädige!) Anzahl an Feinden in Folge mittels Stealth-Kill erledigen. All das passiert quasi nebenbei, so man Komplettist ist.
Und was verlangt "Überdimensioniert II"?
"Töte 3 schwere Soldaten, ohne ihre Schilde zu zerbrechen, während du brennst."
Das ist ... spezifisch. Der Versuch, diese Voraussetzungen ohne Hilfe umzusetzen, ist ohne einen besonderen Batzen Kreativität zum Scheitern verurteilt. Nein, ohne einen Blick in die Weiten des Internets ist es sehr schwer, hier herauszufinden, wie man diese Aufgabe effektiv lösen kann. In meinem Fall war es so, dass ich meinen Erfahrungslevel bewusst senken und dann in einem bestimmten Dorf Feinde an eine spezielle Stelle lockten musste, mich auf ein Strohdach stellte, das Dach samt mir in Flammen setzte und dann per freigeschaltetem Skill die Lanzen der Feinde auf sie zurückschleuderte, während ich hoffte, dass ich nicht kaputtgehen, aus Versehen aus dem Sichtfeld der Widersacher verschwinden oder zu brennen aufhören würde.
Ganz simpel, oder?
In Valhalla gibt es neben dieser besonders schrägen Aufgabe noch weitere seltsame Trophäen, aber wie gesagt: Im Grunde ist's nicht schwer, wenn man weiß, was zu tun ist. Da man das aber kaum selber herausfinden kann, sehe ich den Sinn hinter solchen Ideen nicht.
Danke, aber nein danke
Quelle: Devolver Digital
Achievements, Trophäen und Co.: Hört auf mit doofen Aufgaben! (2)
Ein zweites, viel schlimmeres Beispiel: "Unschlagbar" aus Fall Guys: Ultimate Knockout, ein Spiel, dass ich wegen dieser und auch noch einiger anderer Aufgaben definitiv niemals werde vollständig erledigen können.
Was muss ich dafür tun? Nun, ich muss fünfmal die Krone in den Turnieren ergattern, also als Erster aus ihnen hervorgehen - und zwar hintereinander. Ich war nie gut in Wahrscheinlichkeitsrechnung, aber da man stets gegen 59 weitere Teilnehmer in mehreren Spielen antritt, viele der Matches, vor allem die Teamspiele, zum Teil auf Glück basieren - und gerne auch mal die Server rumspacken -, und weil man dafür auch einfach unfassbar gut sein muss, ist die Chance, dass einem das gelingt ... übersichtlich.
Nur eine Handvoll Menschen auf der ganzen Welt wird diese Trophäe jemals ihr Eigen nennen. Schön für diese Glücklichen, ich weiß aber nicht, ob dieser Umstand es wert ist, dafür Millionen Spieler auf der ganzen Welt vor den Kopf zu stoßen.
672 Stunden Freude
Mein letztes Beispiel habe ich zum Glück nicht selbst erleben müssen, aber dafür ein guter Freund, der ähnlich tickt wie ich und dort an die Grenzen seiner nervlichen Belastbarkeit gelangt ist: "Mein Kung Fu ist stärker" aus einem indizierten Teil von Mortal Kombat aus dem Jahre 2011. Gut, ein etwas älterer Titel, aber auch damals hätte man es schon besser wissen müssen, und vor allem ist der Irrsinn dieser Trophäe einfach so groß, dass sie einfach nicht unerwähnt bleiben kann: Für diesen Erfolg muss man mit JEDEM Kämpfer 100 Matches gewinnen, 100 Fatalities vollführen, 100 X-Ray-Moves ausführen, 10.000 Liter Blut verspritzen und satte 24 Stunden Spielzeit investieren. Zur Einordnung: In dem Kampfspiel gibt es 28 Fighter, und auch, wenn ich mit diesen Aufgaben als Laie nichts anfangen kann, läuft mir bei 28 mal 24, also 672 notwendigen Spielstunden, ein kalter Schauer den Rücken runter.
Für eine (!) Trophäe!
Die Frage nach dem Warum
Ich bin froh, dass Beispiele wie die von mir genannten selten geworden sind. Aber trotzdem kommt es eben noch in zu regelmäßigen, unregelmäßigen Abständen vor, dass ich mir die Trophäen-Liste eines Titels angucke und bei einem besonders nervigen Exemplar gleich die Lust verliere. Nur die wenigsten Spiele werden so exzessiv betrieben, dass man als Entwickler darauf vertrauen kann, dass die Fans bereit sind, hunderte Stunden zu investieren.
Ja, das ist ein Erste-Welt-Problem aus dem Bilderbuch, ja, in Wahrheit sollte es mir völlig egal sein, ob ich 100 Prozent der Trophäen erhalten habe oder nicht. Ist es aber nicht (mehr), und da es dieses Erfolge-System gibt, finde ich auch, dass es nicht durch dumme Gestaltung die Leute in Rage versetzen soll.
Git gud
Ich habe überhaupt nichts gegen schwere Trophäen. Wenn sie dynamisch ins Spielgeschehen eingebunden sind, man sie etwa erhält, sobald man einen ganz besonders kniffligen optionalen Boss besiegt hat, kann das Aufpoppen dieser kleinen Beweise für den Erfolg für einen zusätzlichen Endorphinschub sorgen. Wenn stattdessen aber Fleißarbeit am Programm steht, die Anforderungen doof oder astronomisch hoch sind, oder ich schlimmstenfalls bemerke, dass ich ein Exemplar verpasst habe oder es wegen abgeschalteten Servern gar nicht mehr erhalten kann, dann habe ich tatsächlich auch gleich weniger Lust auf das Spiel an sich.
Und das kann ja wohl nicht Sinn der Sache sein.
