Wohin geht die Reise für Agent 47, Sam Fisher und Co.? - Kolumne
Kolumne 53,99 €
Battle-Royale, Open-World und Storys, die sich auch auf der Kinoleinwand sehen lassen könnten: Videospiele werden immer komplexer. Manche Genres trifft diese Veränderung härter als andere. Waren Stealth-Abenteuer à la Hitman, Splinter Cell oder Metal Gear Solid Mitte der 2000er noch äußerst populär, kämpfen sie mittlerweile um ihre Existenz. In seiner Kolumne versucht Redakteur Michael Grünwald herauszufinden, warum Schleichspiele heutzutage nicht mehr so gut funktionieren.
Es war einmal vor langer Zeit, da gab es ein Genre, das den Namen Stealth-Adventure trug. Auf der ganzen Welt kannten und mochten die Menschen diese Art der Unterhaltung. Reisen wir doch mal in der Zeit, zurück, in die Mitte der 2000er-Jahre. Metal Gear Solid 3: Snake Eater erscheint Ende 2004 auf dem Markt und wird von Spielern und Testern gefeiert - sogar Nominierungen zum Spiel des Jahres heimst das Adventure der Kojima Productions ein. Tom Clancy's Splinter Cell: Chaos Theory steht ebenfalls in den Startlöchern. Der direkte Nachfolger zum bereits erfolgreichen Splinter Cell: Pandora Tomorrow hebt das Franchise des Entwicklers Ubisoft Montréal nochmal auf eine ganz andere Ebene.
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Zu guter Letzt haben wir da noch das heißerwartete Hitman: Blood Money: Der Releasetermin des vierten Teils rund um den glatzköpfigen Auftragsmörder Agent 47 wird auf Mai 2006 gesetzt. Ein kurzer Blick in die Kristallkugel zeigt, mit Blood Money bringt IO Interactive eines der besten Spiele der damaligen Zeit auf den PC.
Die letzten ihrer Art
Quelle: Konami
Schon die ersten beiden Teile der Metal Gear-Reihe bekamen Traumbewertungen. Mit Snake Eater setzte sich die Erfolgstory auch im dritten Hauptspiel fort.
Kommen wir nun leider wieder zurück in die Gegenwart. Aber warum denn eigentlich leider? Ganz einfach: Mittlerweile sind wir im Jahr 2021 angelangt und Stealth-Spiele sind stark vom Aussterben bedroht. Das letzte Splinter Cell erschien mit Blacklist 2013. Seitdem warten Fans vergeblich auf die Ankündigung einer Fortsetzung oder eines Remakes/Remasters. Mit dem fünften Hauptspiel namens The Phantom Pain kam im Jahr 2015 wohl das letzte Metal Gear Solid auf den Markt, dass die Handschrift Hideo Kojimas trägt. Konami und der Schöpfer der Reihe gingen im Anschluss getrennte Wege und das im Jahr 2018 herausgebrachte Metal Gear Survive konnte den Erwartungen der Fans bei weitem nicht gerecht werden.
B
Quelle: Ubisoft
Bereits über sieben Jahre sind seit dem letzten Teil der Splinter-Cell-Reihe vergangen.
leibt einzig und alleine die Hitman-Reihe, die vor fünf Jahren ein Reboot startete und mit Hitman 3 im vergangenen Januar die "World of Assassination"-Trilogie zu einem grandiosen Abschluss brachte. "Ist doch alles gar nicht so wild", werden jetzt einige sagen. Das Interesse an diesen Stealth-Titeln hat jedoch in kürzester Zeit rapide abgenommen und nur noch Hardcore-Fans des Genres warten sehnlichst auf neue Infos und Spiele. Wenn, dann bedient neben Hitman heutzutage nur noch die Indie-Sparte das Genre, und das auch nicht im Übermaß. Doch woran könnte das liegen?
Größer, weiter, schneller, besser
Hitman 3 (jetzt kaufen / 53,99 € ) erwischte eigentlich einen perfekten Zeitraum zur Veröffentlichung: Die PlayStation 5 und die Xbox Series X/S kamen erst im November des letzten Jahres auf den Markt, kämpfen jedoch beide mit einem Mangel an Triple-A-Titeln. Das eigentliche Aushängeschild in diesem Zeitraum, Cyberpunk 2077, erwies sich zumindest auf Konsolen ähnlich unfertig wie der Flughafen BER im Verlauf der letzten zehn Jahren. Und selbst neue Indie-Spiele konnten wir im Januar an einer oder höchstens zwei Händen abzählen. Dennoch blieb ein Hype rund um Agent 47 aus. Erst nach durchweg starken Testergebnissen bekam Hitman 3 einen Hauch mehr Aufmerksamkeit, auch auf Social Media-Plattformen wie YouTube oder Twitch. Zwar ist's das bisher erfolgreichste Hitman-Spiel, den bisherigen Infos nach bezüglicher Verkaufszahlen aber trotzdem weit weg von Open-World- oder Action-Adventure-Blockbuster-Kollegen.
Die Spielebranche veränderte sich in den letzten Jahren immer schneller. Aus Spielen werden nicht selten beinahe sogar schon cineastische Meisterwerke.
Quelle: IO Interactive
Für viele bis heute das beste Hitman der Reihe: Blood Money machte aus Agent 47 eine Ikone der Spieleindustrie.
Produktionen sind aufwendiger und teurer denn je. Der betriebene Aufwand wird mit jedem Jahr gewaltiger und viele Titel möchten am liebsten alles sein und alles zu bieten haben: Ein Story-Prachtstück in einer riesigen Open-World mit Blockbuster-Grafik, einem innovativen Multiplayer und am besten noch einem Battle-Royale-Modus als Kirsche auf der Torte. Im Übrigen könnte das ein Grund dafür sein, warum viele Spiele derzeit sehr unausgereift auf den Markt kommen. Aber das ist wieder ein Thema für einen anderen Tag.
Mit den immer größer und umfangreicher werdenden Spielen steigert sich auch die Erwartungshaltung der Spieler. Ein Shooter darf beispielsweise nicht einfach mehr nur ein Shooter sein, er muss auch eine gute Geschichte aufweisen. Sogar Doom will mit Doom Eternal auf einmal eine (vergleichsweise) tiefgründige Handlung erzählen!
Vor diesen Veränderungen sind selbst Sportspiele nicht geschützt: Plötzlich bekommen Titel wie FIFA oder das offizielle Formel-1-Spiel von Codemasters Storys spendiert. In nur wenigen Fällen werden diese Pläne sogar gut umgesetzt, in den meisten Spielen, wie auch den beiden zuletzt genannten, floppte das Vorhaben jedoch komplett. Diese Veränderung in der kompletten Branche trifft das Stealth-Genre am härtesten. Denn es wurde in den vergangenen Jahren schlichtweg überflüssig.
Quelle: Ubisoft
Wie schon Chaos Theory ließ uns auch Splinter Cell: Double Agent manche Missionen im chilligen Couch-Koop-Modus mit einem Freund bewältigen.
Immer mehr Triple-A-Titel setzten auf optionale Schleich-Mechaniken und verfeinerten diese mit jedem neuen Spiel. Egal ob Multiplattformer wie Assassin's Creed und Tomb Raider oder Exklusivspiele wie Uncharted und The Last of Us, jeder dieser Blockbuster kann nahezu komplett im Schleichmodus bewältigt werden. Sogar Ego-Shooter wie Call of Duty bekommen etliche Missionen spendiert, die lautloses Vorgehen belohnen. Im Gegenzug blieben Stealth-Spiele allerdings auch weiterhin Stealth-Spiele. Selbst im grandiosen Hitman 3 bemängeln wir in unserem Test die schwammige Steuerung, sobald Agent 47 in Schießereien oder Faustkämpfe gerät. Eigentlich ist das nicht ganz fair, möchte das Franchise seinen Grundsätzen doch treu bleiben. Dennoch stellt sich für viele die berechtigte Frage: Warum ein reines Stealth-Adventure spielen, wenn wir doch zu einem ähnlichen Preis ein Gesamtpaket aus mehreren Gameplay-Mechaniken bekommen können?
Überpopulation
Quelle: Ubisoft
Tarnung ist das A und O unserer Helden. Agent 47 schafft das mit Hilfe von Verkleidungen, Sam Fisher in der Dunkelheit und Solid Snake verschmilzt mit der Umgebung.
Vielleicht gibt es aber auch ganz andere Gründe, warum das Interesse an Stealth-Abenteuern immer mehr sank und sinkt. Denn - wie bereits am Anfang des Textes beschrieben - Schleichen war mal verdammt cool und überaus beliebt. Auch über die Hitmans und Splinter Cells dieser Welt hinaus gab es früher etliche Spiele, die lautloses Vorgehen in den Vordergrund stellten. Aus dem Alltag wissen wir aber: Selbst die schönsten Dinge des Lebens nutzen sich irgendwann einmal ab. Dieses Phänomen könnte auch dem Stealth-Genre geschadet haben. Doch genau an diesem Punkt bietet sich für Spiele dieser Art auch wieder eine Chance, zurück ins Rampenlicht zu kommen. Battle-Royale- und Open-World-Wahnsinn wird in absehbarer Zeit eventuell dasselbe Schicksal ereilen. Schon jetzt schrumpfen Spielewelten in Titeln wie Assassin's Creed Valhalla im Vergleich zu den Vorgängern und Entwicklerstudios setzen ganz bewusst nicht auf die Karte "Battle-Royale", wie 343 Industries bei dem noch in diesem Jahr erscheinenden Shooter Halo Infinite. Der Höhepunkt ist längst erreicht und die aktuellen Platzhirsche machen den Weg entweder für neue, unverbrauchte oder zurückkehrende Genres frei.
Warum genau Schleichspiele so enorm an Popularität verloren haben, lässt sich abschließend nicht an dem einen, bestimmenden Faktor festmachen. Es ist es eine Mischung aus allen oben genannten Punkten. Es bleibt nur zu hoffen, dass das Genre weiter durchhält und nicht komplett von der Bildfläche verschwindet. Um diesen Text nicht mit einem pessimistischen "und wenn sie nicht gestorben sind, dann dauert's nicht mehr lange" enden zu lassen, vielleicht noch ein kleiner Appell an alle Zocker: Lasst dieses brillante Genre nicht aussterben und genießt wieder mehr die Videospiele, die zwischendurch ein wenig Tempo aus dem eh schon so hektischen Leben nehmen!
Habt ihr denn noch Bock auf pures Stealth-Gameplay oder zockt ihr lieber das Komplett-Paket, bei dem ihr die eigene Wahl der Spielweise habt? Verratet es uns in den Kommentaren.
