Spiele: Kommentar: Wie mir The Witcher 3 Dragon Age kaputtgemacht hat
Kolumne
Gamezone RPG-Tester Alexander Schneider ist entsetzt: Nachdem er The Witcher 3 durchgespielt hat, kann er nur schwer zu Dragon Age: Inquisition zurückkehren.
29. Juli 2015. Die neuen Playstation Store Angebote sind da. Mit dabei: Hakkons Fänge. Der erste, große DLC zu Dragon Age: Inquisition. Dank 10 % PS-Plus-Rabatt zahle ich nur 7,19 Euro für die Erweiterung. Ein guter Deal, wie ich finde. Nach ca. 8 Stunden im neuen Gebiet habe ich die Handlung durch. Das neue Areal sieht beeindruckend aus, kein anderes Gebiet hat eine so dichte Vegetation und wirkt so lebendig. Man merkt richtig, wie Bioware Zeit und Liebe investiert hat. Vom ebenen Flussbett über den dunklen Sumpf geht es hoch auf den kleinen Berg zu den Ruinen einer vergangenen Zeit. Die Jungs und Mädchen verstehen ihr Handwerk einfach. Die Fauchende Ödnis aus dem Hauptspiel kehren wir an dieser Stelle - mehr oder weniger - kommentarlos unter den Tisch. So etwas passiert den Besten.
Quelle: CD Projekt Red
Die genial inszenierte Epik in The Witcher 3...
Und was kann man in der Frostgipfelsenke so tun? In Hakkons Fänge begebe ich mich auf die Pfade des ersten Inquisitors. Ein Archäologe will dessen Geschichte aufdecken und ich helfe ihm natürlich dabei. Darüber hinaus gibt es auch noch Ärger mit einem Stamm der Avvar, einem Volk, das in diesem Gebiet angesiedelt und mir und meiner Inquisition offensichtlich nicht so freundlich gesonnen ist. Also ein gutes Rezept für ein paar spannende Stunden Spielspaß. Blöd nur, dass ich mich der Erweiterung angenommen habe, nachdem ich The Witcher 3 von CD Projekt Red durchgespielt habe. Ich liebe The Witcher 3, es ist ein fesselndes, grandioses Meisterwerk. Klar, es gibt ein paar kleine Macken, aber wer oder was ist schon perfekt? Ich war fassungslos, als mir "mein" Ende präsentiert wurde. Der Weg dorthin war außer Konkurrenz. Viele Spieler und Journalisten sind sich einig, damit wurde ein neuer Qualitätsstandard gesetzt. Spannende Aufträge und unglaublich detailliert und liebevoll inszenierte Nebenaufträge, die, egal wie belanglos sie auch sein mögen, auf einem Niveau inszeniert wurden, das andere Rollenspiele nicht einmal mit ihren besten Hauptmissionen erreichen.
Bis Geralts vermeintlich letztes Abenteuer erschien, war die Welt in Thedas noch einigermaßen in Ordnung. Kleine Fehler habe ich verziehen oder naserümpfend darüber hinweggeblickt. Aber jetzt, nachdem ich Skellige und Velen den Rücken gekehrt habe, will ich mich in der Welt von Dragon Age nicht so richtig einfinden. Was ist passiert? Wäre ich ein Rennspielfan, könnte ich es mir wohl so erklären: Wer einmal Forza Motorsport 5 gespielt hat, der will eigentlich gar nicht mehr in Driveclub über die Strecken heizen. Klar, die beiden sind nicht ganz gleich, das eine mehr Simulation, das andere mehr Arcade, aber sie stammen doch aus der selben Gattung. Mit den beiden Rollenspielen geht es mir nicht anders.
Quelle: PC Games
... ist dem starren Missionskorsett von Dragon Age um Meilen voraus.
Bevor mich jetzt die Fans des jeweils anderen Spiels lynchen, ich finde sowohl Dragon Age als auch Witcher großartig - wer mich kennt weiß, dass ich Dragon Age vergöttere. Aber CD Projekt hat mit der Inszenierung ein Niveau vorgegeben, von dem ich ehrlich gesagt nicht glaube, dass es die Konkurrenz in den nächsten ein bis zwei Jahren einholen kann, geschweige denn toppen. Dabei zweifle ich gar nicht die Fähigkeiten der Entwickler an, sondern viel mehr den Zeitdruck, den viele bei der Produktion ihrer Spiele haben. Publisher zeigten sich zuletzt zwar wohlwollend, wenn es um die Verschiebung wichtiger Spiele geht, um die angestrebte Qualität zu erreichen (Battlefield: Hardline, Uncharted 4, Quantum Break, usw...). Aber Verschiebungen kosten Geld und die Kasse muss irgendwann klingeln.
Dragon Age fehlt im Vergleich einfach diese Inszenierung der Nebenaufträge. Das fängt schon bei der Darstellung der Gespräche an - etwas, das ich bis heute nicht verstehe, schließlich haben sie das bei den Vorgängern und der Mass Effect-Reihe schon besser gemacht. Nachdem ich nun so lange darum herum geredet habe, nenne ich es einfach beim Namen, denn es ist so simpel wie dumm: die Kamera. Gefühlt geht es mir hier einfach um die stimmige Positionierung der Kamera.
Für mich macht die Präsentation dieser Unterhaltungen schon einen gewaltigen Unterschied. Und Dragon Age zeigte ja bereits mit dem zweiten Teil, bzw. in den Hauptmissionen von Inquisition, dass sie es besser können. Natürlich darf man auch die Qualität der Aufträge nicht vergessen. Bei The Witcher gibt es einige Hexer-Aufträge, ein paar davon belanglos und einfach konstruiert, wieder andere werden zu einer ausgewachsenen Nebenmission. Es ist die Vielfalt, die die RPG-Suppe würzig macht. Bioware ging bei Inquisition eher den Skyrim-Weg, das tat der Serie nicht gut. Und das Konzept wurde auch bei Hakkons Fänge fortgeführt. Ich kann wieder ein paar blöde Scherben aufsammeln, um mir dann in einer Höhle etwas Loot zu holen, der sowieso schlechter als meine aktuelle Ausrüstung ist. Ich bekomme eine Handvoll interessanter Nebenmissionen, nur um daran kaum Spaß zu haben, weil sie mies inszeniert sind.
Zum Beispiel durchforste ich mit einer Archäologin eine alte Ruine, decke ein paar wichtige Details zum ersten Inquisitor auf und die Erzählung der Kollegin ist so spannend aufgebaut wie die Bestellung von ein paar Brötchen beim Bäcker meines Vertrauens. Ein anderes Mal soll ich den Truppen der Inquisition im Kampf gegen die Avvar unterstützen. Klingt an sich ja ganz cool, endlich ein bisschen Zaubersprüche spammen und mit Cassandra das Schwert sprechen lassen. Blöd nur, dass die Kämpfe nicht besonders spannend sind. Sowieso ist bei der Platzierung der Gegner der Wurm drin. Einmal bin ich mit meinem Team einen Berg hoch gewandert und habe eine Gruppe Avvar-Krieger auf die nächste Bewusstseinsebene geschickt; ich drehe mich am Eingang um, nur um zu sehen, dass an eben jener Stelle auf einmal ein neues Lager voll mit Avvar-Truppen steht. Wo kommen die denn her? Ich habe gar nicht gehört, wie die zwei Karren voll Kisten den Berg hochgezogen wurden und das Lager errichtet wurde. Klar, diese technische Macke ist an sich kein Weltuntergang, aber es stört schon mehr als eine Meditation von Geralt in Novigrad, bei der danach die Charaktere an der exakt selben Stelle durch anders aussehende ersetzt wurden.
The Witcher und Dragon Age. Ich liebe beide. Trotzdem: liebe Leser, habt Ihr die Gelegenheit beides zu spielen, setzt euch unbedingt zu aller erst mit der Dragon Age-Reihe auseinander. Sie ist es wirklich wert gespielt zu werden. Es warten vielseitige Charaktere, spannende Geschichten und eine tolle Inszenierung auf euch. Auch die Herangehensweise an teilweise noch prekäre Themen wie gleichgeschlechtliche Partnerschaften verdient Lob und Anerkennung. Charaktere wie Dorian oder der Iron Bull (der vor allem im englischen Original - grandioser Synchronisation durch Freddie Prince Jr. sei Dank - der beste Charakter der ganzen Reihe ist) verdienen besondere Erwähnung. Seid ihr damit durch, wendet euch The Witcher zu. Gerade Teil drei setzt bei der Inszenierung von Geschichten und der Qualität von Quests neue Maßstäbe. Maßstäbe, an denen sich die Entwickler in Zukunft werden messen müssen. Maßstäbe, die ein Dragon Age nicht mehr erreicht, wenn ihr The Witcher gespielt habt...
