Spiele: Ubisoft opfert Siedler, Ghost Recon & Co. und das muss aufhören!
Kolumne 53,99 €
Ubisoft ist auf der Suche nach dem nächsten großen "Ding". Ob NFT, Multiversum oder Live-Game - Der französische Publisher probiert alles aus. Doch dabei opfert er willentlich beliebte Spielemarken zum Zwecke des Experiments - zum Leidwesen der Fans. In seiner Kolumne erklärt Carlo Siebenhüner, warum das aufhören muss.
Die Welt ist im Wandel. Das ist nicht nur ein Zitat aus dem Herrn der Ringe, es ist auch die perfekte Beschreibung für den aktuellen Zustand der Spielebranche. Microsoft kauft Activision und macht einen auf Netflix, TakeTwo kauft Zynga und will mehr Mobile machen, Facebook will alle in die Virtual Reality verfrachten mit Oculus und jeder Heinz redet plötzlich vom "Metaverse".
Die Firmen wollen alle ihren Platz in der schönen neuen Welt finden. Ubisoft ist da ganz vorne mit dabei. Die Franzosen probieren viel aus, um vielleicht irgendwo auf das nächste große Ding zu stoßen, was sie in neue Höhen katapultieren könnte. Ich finde aber, das dieses Ausprobieren langsam ein Problem wird.
Spätestens nach dem Siedler-Debakel, von vor ein paar Wochen, wissen wir nämlich: Ubisoft stochert ziellos im Nebel rum und opfert dabei beliebte Spielemarken auf dem Experimentiertisch. Und das muss dringend aufhören!
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Ubisoft am Scheideweg
Dabei geht es den Franzosen eigentlich gar nicht so schlecht. Gerade das Geschäftsjahr 2020/2021 hat ihnen mit Assassins Creed Valhalla und Watch Dogs Legion Rekordumsätze beschert. Trotzdem zeigt es, dass sie noch recht stark vom Saisongeschäft abhängig sind. Sprich: Wenn keine großen Spiele kommen oder die sogar verschoben werden müssen, bricht der Umsatz ein - von Gewinn ist da noch keine Rede.
Quelle: Ubisoft
Uplay+ bzw. Ubisoft+ scheint für Ubisoft auch kein bahnbrechender Erfolg zu sein.
Ubisoft hat kein Call of Duty oder FIFA, das einen gigantischen Cashflow über das gesamte Jahr bringt. Ihr Abo-Service Ubisoft+ ist auch nicht dafür bekannt, mit seinen Abonnentenzahlen Rekorde zu brechen und Live-Games, wie Rainbow Six Siege sind zwar durchaus beliebt, aber eben auch keine Gelddruckmaschine.
Floppt also mal einer oder sogar mehrere ihrer Triple-A-Spiele, wie Assassins Creed oder Far Cry, dann wackeln die Finanzen. Allen Spielen mit der vielbesungenen "Ubisoftformel" hängt immer stärker der Ruf der Innovationslosigkeit an. Das hat noch keine Auswirkungen auf die Verkaufszahlen, aber die Gefahr steigt, dass Spieler irgendwann keine Lust mehr haben. Ubisoft weiß das ganz genau und deswegen versuchen sie mit aller Macht neue Märkte aufzuschließen.
Versuchskaninchen Nr. 1: Ghost Recon Breakpoint
Das hat bereits im letzten Jahr mit dem vollen Einstieg in den NFT-Markt begonnen. Da hatte man seinerzeit mit den Rabbids Token zwar den Zeh bereits im Wasser, doch lief das unter dem Deckmantel des guten Zwecks, da alle Einnahmen an Hilfsorganisationen gehen. Ubisoft Quartz soll jetzt die Plattform sein, auf der das Unternehmen in Zukunft seine digitalen Wertgüter für Geld anbieten möchte.
Quelle: Ubisoft
Mit Ubisoft Quartz will Ubisoft ins NFT-Geschäft einsteigen. Als Versuchskaninchen wird Ghost Recon Breakpoint ausgewählt.
Als erstes Spiel muss Ghost Recon Breakpoint herhalten. Der aktuellste Ableger der Ghost Recon-Serie kam zu Release nicht besonders gut weg. Die Welt leblos, die Gegner-KI dumm und die Mikrotransaktionen zu Beginn dreist. Trotzdem konnte sich das Spiel über Zeit eine stabile Spielergemeinde kultivieren.
Aus rein unternehmerischer Sicht ist es das perfekte Versuchskaninchen. Der Pool an Spielern ist groß genug und der potenzielle Schaden eher gering. Das Signal, was dabei aber auch gesendet wird, ist aus meiner Sicht katastrophal. Selbst wenn das NFT-Experiment scheitert, es alle hassen und der Ruf Spiels dadurch ebenfalls leidet, ist Ghost Recon für Ubisoft unwichtig genug, dass es verschmerzbar ist.
Wenn das mal keine "tolle" Ansage an die Fans ist.
Kaninchen Nr. 2: Die Siedler
Quelle: Ubisoft
2019 sah der Reboot der Siedler-Serie noch sehr vielversprechend aus mit viel Gewusel und komplexen Warenketten.
Genau das passiert auch mit den Siedlern. Da probiert man sogar noch viel länger rum, die Reihe irgendwie in die Neuzeit zu holen. Mit mäßigem Erfolg. Der traurige Höhepunkt war bisher das Spin-Off Champions von Anteria. Das sollte eigentlich mal Siedler 8 werden, aber das erste Konzept ist bei Spielern durchgefallen. Weil es zu formelhaft war.
Anschließend hat man eine Art Heldenstrategie-Hybriden daraus gebastelt, mit dem man aber krachend gescheitert ist. 2019 dann der Paukenschlag, denn man hat den Siedler-Erfinder an Bord - Jetzt wird alles gut. Das erste Bild zur Ankündigung sieht sogar wirklich richtig gut aus mit komplexen Aufbauketten und schönem Gewusel. Doch daraus wird nichts. Das Siedler Reboot wird auf unbestimmte Zeit verschoben und massiv umgebaut und vereinfacht. Das, was jetzt im kommenden März zum Vollpreis erscheinen soll, ist ein Schatten seiner Selbst. Schon wieder.
Und warum? Weil Ubisoft natürlich Geld aus dem Spiel holen will und meiner Vermutung nach, dabei jetzt aber Angst um Anno hat. Anno 1800 hatte das Glück zu einem riesigen Hit zu werden. Ich denke nicht, dass irgendjemand bei Ubisoft damit gerechnet hat, jahrelang Season Passes für das Spiel zu verkaufen, doch das ist jetzt so und das ist ja auch gut so.
Quelle: PC Games
Nach dem Umbau sind die Siedler nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Nur stand dann ein Siedler im Raum, dass ebenfalls mit komplexer Aufbaustrategie punkten wollte. Potenziell ein Angriff auf die überraschende Cashcow Anno aus den eigenen Reihen. Also verkommt die Siedler erneut zum Versuchskaninchen und Blue Byte macht ein halbgares Echtzeitstrategiespiel daraus. Vermutlich im Wunsch, man könne vielleicht auf dem Hype von Age of Empires 4 reiten oder sogar auf der Welle der MOBAs, die ja nach wie vor unfassbar viel Geld machen. Das Praktische aus Sicht des Gelgebers ist außerdem, dass man in der Entwicklung nicht von vorne anfangen muss. Es werden einfach die Bauteile der Grundlage umgeschichtet. Weg vom Aufbau - hin zum Krieg. Ob es zur Serie passt oder nicht, ist egal.
In diesem Falle wiegt das sogar noch schwerer, denn Ubisoft hat ja schon gezeigt, was aus Siedler hätte werden können. Doch auch hier gilt: Die Reihe ist klein oder auch egal genug, dass es für Ubisoft verschmerzbar ist, sie auf dem Experimentiertisch der möglichen Monetarisierung zu opfern. Erfolg werden sie nach dem Shitstorm der Fans aller Voraussicht damit wohl nicht haben. Die Leidtragenden sind am Ende wieder nur die Fans.
Bitte nicht noch mehr Spielereihen, Ubisoft...
Das ist natürlich viel Spekulation meinerseits. Was die wirklichen Beweggründe für das Siedler-Reboot am Ende waren, weiß nur Ubisoft. Wir werden sehen, wie weit sie bereit sind zu gehen, in ihrem Streben nach der nächsten Cashcow. Mit dem Projekt Assassin's Creed Infinity wagt man sich ja sogar an die fetteste Sau des Unternehmens. Ein Online-Hub, der mehrere Spiele der Serie vereint ist da im Gespräch, eine Plattform für Assassins Creed Fans und vielleicht ja mit automatischer Anbindung zur NFT-Wallet oder ähnlichen Spielereien.
Ubisoft wird wohl auch in Zukunft weiter herumzuexperimentieren. Sie scheinen außerdem zunehmend mutiger zu werden. Oder verzweifelter. Die Linie dazwischen ist dünn. Doch sollten sie sich bei allem Herumstochern im Nebel dringend überlegen, wie viele Fan-Communitys ihrer Spiele sie noch vergraulen wollen. Irgendwann sind vielleicht keine mehr übrig.
