Die Irrungen und Wirrungen der Altersfreigaben bei Computer- und Videospielen

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Die Irrungen und Wirrungen der Altersfreigaben bei Computer- und Videospielen
Quelle: Computec Media GmbH

Gängelung, Bevormundung, Zensur: Viele Spieler stehen den Altersfreigaben der USK skeptisch gegenüber. Manche verstehen nicht den Sinn dahinter, andere stellen die Beurteilungskriterien infrage. Und als ob das Leben nicht schon kompliziert genug wäre, kochen viele Länder auch noch ihr eigenes Süppchen. Höchste Zeit, den Wirrwarr hinter den Altersfreigaben zu sortieren.

Die Idee zu diesem Report entstand bereits vor 26 Jahren. Damals eroberte Windows 95 den PC und verdrängte das bis dato dominierende Betriebssystem MS-DOS. Zudem waren die Rechner inzwischen leistungsfähig genug, um alte Spieleklassiker zu emulieren. Das wiederum machte sich Publisher Activision in seiner Sammlung Atari 2600 Action Pack (1995) zunutze, die 15 alte VCS-Spiele vereinte. Mit an Bord war River Raid von 1982: ein Shoot'em-Up-Urgestein, in dem der Spieler mit einem Flugzeug über einen Fluss flog und Schiffe sowie andere Flieger abschoss.

Die Sammlung erntete gute Kritiken, nur hatte Activision offenbar eines nicht bedacht: River Raid war seit 1984 eines der ersten in Deutschland indizierten Spiele überhaupt, weshalb das Action-Pack hierzulande eigentlich weder beworben noch öffentlich hätte verkauft werden dürfen.

Es dauerte sieben weitere Jahre, bis im November 2002 eine weitere Sammlung namens Activision Anthology erschien - diesmal für die Playstation 2. Im Zuge dessen stellte der Publisher einen Antrag, damit die Rechtslage in Deutschland geklärt ist. Dem wurde stattgegeben und River Raid am 31. Januar 2003 von der Liste der indizierten Spiele gestrichen.

Jugendschutz in Deutschland im Wandel der Zeit: Der Klassiker River Raid wurde 1984 indiziert und im Laufe der nächsten zwei Dekaden von der USK als vollkommen unbedenklich eingestuft.<br> &nbsp; Quelle: Activision / Medienagentur plassma Jugendschutz in Deutschland im Wandel der Zeit: Der Klassiker River Raid wurde 1984 indiziert und im Laufe der nächsten zwei Dekaden von der USK als vollkommen unbedenklich eingestuft.
 
Nun die Pointe: Beide Sammlungen bekamen eine Altersfreigabe der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, kurz USK. Und deren Urteil lautete: Freigegeben ohne Altersbeschränkung!

Der Richtigkeit halber sei gesagt: Im Netz geistern Coverbilder der deutschen PS2-Version herum, die einen "Ab 6 Jahre"-Sticker zieren. Allerdings spricht die USK auf ihrer offiziellen Webseite unmissverständlich v on einer Freigabe ohne Altersbeschränkung. Und letztlich ist es auch egal, ob die Sammlung nun ab 0 oder 6 Jahren freigegeben wurde. Fakt ist: Innerhalb von zwei Dekaden drehte sich der Jugendschutz komplett um 180 Grad. Aus einem Spiel, das laut offizieller Begründung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (kurz BPjS) "emotionssteuernde und aggressionssteigernde Eigenschaften" habe und den Spieler "in die Rolle eines kompromisslosen Kämpfers und Vernichters hineindenken" solle, wurde plötzlich eine harmlose Ballerei, die man guten Gewissens Grundschulkindern anvertrauen könne.

Natürlich handelt es sich hierbei um ein Extrembeispiel, das aber trotzdem zeigt: Die Vergabe von Altersfreigaben beruht auf keinen mathematischen Fakten.

Das Märchen vom strengen deutschen Jugendschutz

Wir haben in Deutschland eine sehr lebendige Diskussion über den Einfluss von Computer- und Videospielen auf Kinder und Jugendliche durchgemacht. Wenn man sich allein die englischsprachige Wikipedia-Seite über "verbotene Spiele" anschaut, scheint dieser Eindruck auch im Ausland zu bestehen. Dort werden insgesamt 38 Länder aufgelistet, wobei sich ein Viertel des gesamten Textes ausschließlich auf Deutschland bezieht. Deshalb möchten wir gleich zu Beginn eines klarstellen: "Unser" Jugendschutz ist entgegen allen Vorurteilen nicht der strengste - bei Weitem nicht.

Doch bevor wir ins Ausland blicken, bleiben wir in Deutschland und fassen kurz zusammen: Die USK wurde 1994 in einer Zusammenarbeit mit dem Förderverein für Jugend und Sozialarbeit e.V. sowie dem Verband der Unterhaltungssoftware Deutschland gegründet. Lange Zeit diente sie als Jugendschutzeinrichtung, die unverbindliche Altersempfehlungen vergab. Vor allem konnte sie nicht vorschreiben, welche Spiele an wen verkauft werden durften.
Die britische ELSPA war in den 90ern bekannt für ihre niedrigen Altersempfehlungen. Das Action-Adventure Ecstatica (im Bild) bekam allerdings eine Erwachsenen-Einstufung. Die USK vergab trotz Folterszenen hingegen einen „Ab 12“-Sticker. Quelle: Psygnosis / Medienagentur plassma Die britische ELSPA war in den 90ern bekannt für ihre niedrigen Altersempfehlungen. Das Action-Adventure Ecstatica (im Bild) bekam allerdings eine Erwachsenen-Einstufung. Die USK vergab trotz Folterszenen hingegen einen „Ab 12“-Sticker. Die einzige Institution, die so etwas ansatzweise machen konnte, war die BPjS: Als Bundesbehörde hatte sie die Handhabe, Spiele zu indizieren. Diese Maßnahme war zwar nicht mit einem landesweiten Verbot gleichzusetzen, aber mit massiven Einschränkungen versehen. So durften indizierte Spiele nicht mehr an Jugendliche unter 18 Jahren verkauft werden, ein Händler konnte sie nicht öffentlich zum Verkauf anbieten und auch wir Journalisten mussten achtgeben, ein indiziertes Spiel ja auch nicht nur beim Namen zu nennen. Denn eine Indizierung schloss ein Werbeverbot mit ein, worunter automatisch jeder Test und jede Kritik fiel - egal, ob positiv oder negativ!

Das Schlimmste war jedoch die Willkür: Da Indizierungen nur auf Antrag stattfanden, wurden manche Titel erst Jahre nach ihrer Veröffentlichung geprüft. So erschien 1981 das allererste Castle Wolfenstein für Apple-II-Computer, die inhaltsgleiche C64-Umsetzung wurde jedoch erst sechs Jahre später unter die Lupe genommen.

Von einer Tragödie zur Kehrtwende

All das änderte sich im April 2002, als ein 19-Jähriger an einem Gymnasium in Erfurt einen Amoklauf beging und an seiner ehemaligen Schule 17 Menschen inklusive sich selbst erschoss. Zwar wurde schnell ersichtlich, dass sein Hauptmotiv mutmaßlich der Rausschmiss aus der Schule war und er somit dank der Thüringer Landesgesetze keinen Abschluss besaß. Jedoch standen direkt nach der Tat die Computer- und Videospiele in der Kritik und wurden von lauten Stimmen der Presse sowie Politikern als Sündenbock auserkoren.

Schnell machte der Begriff der "Killerspiele" die Runde, den Laien heute bisweilen immer noch für allerlei Ego- oder Third-Person-Shooter verwenden. Die Rufe nach Verboten dieser Titel schien immer dominanter zu werden, bis regelrecht ein kleines Wunder geschah: Unter dem Druck der Öffentlichkeit erhielt die BPjS den Antrag, das bereits seit einigen Jahren gefeierte Counter-Strike - 1999 als Half-Life-Mod veröffentlicht - zu prüfen. Am Ende sah die Bundesprüfstelle jedoch von einer Indizierung ab, weil das Spielprinzip des Taktik-Shooters nicht nur auf stupides Töten ausgelegt sei.
Das alte Counter-Strike war das entscheidende Schlüsselspiel, weshalb das Jugendschutzgesetz anno 2003 in Deutschland geändert wurde. Quelle: Valve / Medienagentur plassma Das alte Counter-Strike war das entscheidende Schlüsselspiel, weshalb das Jugendschutzgesetz anno 2003 in Deutschland geändert wurde. Allerdings machte man gleichzeitig klar: Counter-Strike gehöre nicht in Kinderhände! Die BPjS war einfach nicht zuständig für eine feinstufige Altersfreigabe, so wie es die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (kurz FSK) für Filme vollzog. Es gab keinerlei rechtlichen Rahmen, weshalb einer geschaffen werden musste und plötzlich die USK ins Rampenlicht rückte. Schließlich leistete man dort seit der Gründung ordentliche Arbeit, die in ihrer Form an das Wirken der FSK erinnerte.

Die Konsequenz: Der USK wurde im Zuge einer Änderung des Jugendschutzgesetzes die Verantwortung erteilt, sich um rechtlich bindende Altersfreigaben zu kümmern. Seither spielen die Mitarbeiter der in Berlin beheimateten Einrichtung jedes zu prüfende Spiel durch und arbeiten mit einem Prüfgremium von unabhängigen Sachverständigen sowie einem ständigen Vertreter der obersten Landesjugendbehörde zusammen. Dieser Personenkreis entscheidet letztlich, welche Altersfreigabe auf dem Cover eines Spiels prangt.

Stetige Aufweichung

Was sich nun wie eine massive Verschärfung anhört, ist in Wahrheit ein Riesenglück gewesen - insbesondere für erwachsene Spieler. Denn im gleichen Atemzug wurde die oben erwähnte Willkür über Bord geworfen: Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften wurde in Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (kurz BPjM) umbenannt und darf seit April 2003 keine Spiele mehr auf den Index setzen, die von der USK eine Altersfreigabe erhalten haben. Wurde das erste Borderlands aufgrund seiner Gewaltdarstellung für manche Länder beschnitten (darunter auch Deutschland), drehte Entwickler Gearbox Software bei der Fortsetzung einfach weltweit den Gewaltgrad herunter.<br> &nbsp; Quelle: Gearbox / Medienagentur plassma Wurde das erste Borderlands aufgrund seiner Gewaltdarstellung für manche Länder beschnitten (darunter auch Deutschland), drehte Entwickler Gearbox Software bei der Fortsetzung einfach weltweit den Gewaltgrad herunter.
 

Dass die USK nicht perfekt ist, darf auch niemanden verwundern: Ihr Job ist im Vergleich zur FSK immens schwieriger, weil sie nicht nur passiv Filme konsumiert. Die Mitarbeiter müssen komplexe Spiele durchzocken, und dies in bestmöglicher Gründlichkeit. Und natürlich kann ein Hersteller schummeln, indem er etwa übertrieben blutige Gewaltszenen in einem Spongebob-Kinderspiel in Form eines Easter Eggs versteckt. Aber warum sollte er das tun? Es würde keine Woche dauern, bis der Vorfall ans Tageslicht geriete und der Backlash kaum auszuhalten wäre.

Problematischer sind da schon eher die schleichenden Änderungen der Bewertungskriterien, bei denen man nie so recht weiß: Hat sich die Gesellschaft geändert, müssen heute also andere Maßstäbe als vor 20 Jahren gelten? Waren die alten Kriterien einfach zu streng und man möchte nicht ewig die immer gleichen, falschen Argumente bringen? Oder - und dies ist eine bewusst provokative Frage - ist die Industrie inzwischen zu groß und wirtschaftlich rentabel, um Triple-A-Produktionen einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen?
Nachdem das ungeschnittene Original von GTA 4 in Deutschland auf wundersame Weise ab 18 Jahren freigegeben wurde, nahm die Menge an zensierten Titeln hierzulande spürbar ab. Quelle: Rockstar / Medienagentur plassma Nachdem das ungeschnittene Original von GTA 4 in Deutschland auf wundersame Weise ab 18 Jahren freigegeben wurde, nahm die Menge an zensierten Titeln hierzulande spürbar ab. Fakt ist, dass anno 2004 ein Grand Theft Auto: San Andreas keine Kennzeichnung erhielt und eigens für den deutschen Markt geschnitten wurde, damit es für einen USK-Sticker reichte. Doch keine vier Jahre erschien mit GTA 4 ein thematisch stark verwandter Nachfolger, der aufgrund seiner besseren Technik deutlich immersiver wirkte und den die USK zur Überraschung vieler in unzensierter Form durchwinkte.

Was man auch nie vergessen darf: Viele Hersteller nahmen präventiv Änderungen vor, um keinen Ärger mit dem deutschen Jugendschutz zu bekommen. Angeblich wurden manche Spiele wie Borderlands 2 (2012) in Sachen Gewaltgrad sogar weltweit entschärft, um länderspezifische Probleme zu vermeiden. Das klingt plausibel, denn drei Jahre zuvor musste Entwickler Gearbox Software eine speziell für den deutschen Markt angepasste Version zimmern, um für den ersten Teil der Loot-Shooter-Serie eine Freigabe zu erhalten.

Heute sind für Deutschland angepasste Versionen nahezu ausgestorben: Vertraut man der Webseite Schnittberichte.com ), die sehr akribisch zensierte mit unzensierten Veröffentlichungen vergleicht, dann gibt es seit 2014 kaum noch Spiele, die für den hiesigen Markt beschnitten wurden. Die letzte Hürde fiel 2018, woraufhin man nun sogar Hakenkreuz-Symbole im geschichtlichen Kontext zeigen darf . Und nicht zuletzt werden fleißig ehemals indizierte Versionen neu geprüft und bewertet, darunter die unzensierte Fassung des just erwähnten Borderlands.
Mortal Kombat X meldet sich zum Dienst: Nachdem die BPjM von einer Indizierung abgesehen hatte, konnte die Kultserie mit all ihren blutigen Fatalities endlich offiziell in Deutschland verkauft werden. Quelle: Warner Bros Interactive / Medienagentur plassma Mortal Kombat X meldet sich zum Dienst: Nachdem die BPjM von einer Indizierung abgesehen hatte, konnte die Kultserie mit all ihren blutigen Fatalities endlich offiziell in Deutschland verkauft werden. All das wird nur vom irrwitzigen Fall rund um Mortal Kombat X (2015) getoppt, bei dem selbst Publisher Warner Bros. Interactive niemals mit einer Altersfreigabe in Deutschland gerechnet hatte. Man wollte das Spiel gar nicht erst bei der USK einreichen, und wie erwartet landete der Titel drei Monate nach Release auf dem Tisch der BPjM. Dort entschied man sich zur Überraschung aller wieder gegen eine Indizierung: Das Spiel sei gerade durch die überzogen dargestellten Fatalities und das Fantasy-Setting realitätsfern genug, weshalb "die Grenze zur Jugendgefährdung nicht überschritten" werde. Die Konsequenz: Warner Bros. Interactive reichte Mortal Kombat X kurzerhand bei der USK ein und erhielt eine Altersfreigabe ab 18 Jahren.

Deshalb hat es unserer Meinung nach eher den Anschein, dass der strenge Ruf der USK vornehmlich durch ihre Gründlichkeit und den Umfang der Prüfung zustande kommt. All das fällt nämlich in anderen Ländern deutlich geringer aus.

Einheit Europa

Allen voran steht die Pan European Game Information (kurz PEGI), die Altersfreigaben für einen Großteil von Europa plus Israel festlegt und sich im Vergleich zur USK etwas mehr aus der Verantwortung zieht. So dient sie bis heute in vielen Ländern eher als Orientierung anstelle eines Gesetzes, das den Verkauf gewaltverherrlichender Spiele an Minderjährige verbieten könnte.

Auch ist das Vertrauen in die Hersteller eine ganze Ecke größer: Diese füllen zuerst einen Fragebogen aus, worin sie selbst Angaben über den Gewaltgrad oder auch die Darstellung von nackter Haut in ihren Produkten machen. Hinzu kommen ein Video und das Spiel selbst, das erst im Nachhinein von weiteren Organisationen wie der NICAM oder dem VSC Rating Board überprüft beziehungsweise mit den Angaben der Hersteller verglichen wird.

Laut offizieller PEGI-Webseite zieht sich ein solcher Prozess über vier bis zehn Tage hin. Ob die Spiele dabei ähnlich wie bei der USK einmal komplett durchgespielt werden, ist nicht ersichtlich und vermutlich nicht der Fall.
Die Rache der BPjM: Nur wenige Wochen bevor die USK-Altersempfehlungen zu gesetzlich verbindlichen Freigaben aufgestuft wurden, vollzog die Bundesprüfstelle einen kleinen Kahlschlag und indizierte unter anderem das hier zu sehende Strategiespiel Command &amp; Conquer: Generals sowie Capcoms Horror-Adventure Resident Evil: Code Veronica.<br> &nbsp; Quelle: EA Pacific / Medienagentur plassma Die Rache der BPjM: Nur wenige Wochen bevor die USK-Altersempfehlungen zu gesetzlich verbindlichen Freigaben aufgestuft wurden, vollzog die Bundesprüfstelle einen kleinen Kahlschlag und indizierte unter anderem das hier zu sehende Strategiespiel Command & Conquer: Generals sowie Capcoms Horror-Adventure Resident Evil: Code Veronica.
 

Des Weiteren nutzt die PEGI eine im Prinzip gute Idee, bei deren Umsetzung man aber schnell merkt: Zu detailliert ist auch nicht gut. So klebt die PEGI weitere Sticker auf die Packung, die explizit vor Schimpfwörtern, Horror oder Sex warnen. Mit weitem Abstand am häufigsten taucht das "Gewalt"-Label auf, das auf mehr als der Hälfte der nahezu 32.000 geprüften Spiele zu sehen ist.

Der Diskriminierung-Sticker hingegen scheint sich überhaupt nicht durchgesetzt zu haben, denn laut offizieller Datenbank bekamen ihn nur drei Titel aufgedrückt: das Strategiespiel Original War (2001), das Taktikspiel SWAT: Target Liberty (2007) sowie der Ego-Shooter Patriots: A Nation Under Fire (2007). Hinzu kommen zwei Add-ons, die wir aufgrund des nach wie vor indizierten Hauptprogramms namentlich nicht nennen möchten.

Alle fünf Titel stammen von 2004 bis 2007 - und um ehrlich zu sein, können wir es uns schwer vorstellen, dass ein Hersteller freiwillig sein eigenes Spiel als "diskriminierend" bezeichnet. Nicht zuletzt deshalb, weil der zugehörige Sticker automatisch mit einer Freigabe ab 18 Jahren gekoppelt ist.

Nicht ganz so hart ist das Urteil bei einem anderen Thema: Sollten laut PEGI im wahrsten Sinne des Wortes Drogen im Spiel sein, dann ist eine Altersempfehlung unter 16 Jahren nicht mehr möglich.

Down Under

Verlassen wir den europäischen Kontinent, dann stoßen wir schnell auf eine weitere Institution, die mit Drogen offenbar ein noch viel größeres Problem hat. Der Jugendschutz in Australien wird vom Australian Classification Board (kurz ACB) geregelt und ist auf den ersten Blick eine Mischung aus USK und PEGI. Will heißen: Alle Spiele unter einer Altersfreigabe ab 15 Jahren sind frei verkäuflich, während alle darüber nur an Personen mit entsprechendem Mindestalter verkauft werden dürfen.

Hinzu kommt ein generelles Verkaufsverbot für alle Filme und Spiele, denen eine Freigabe verweigert wird. Und wenn man sich die Liste dieser verbotenen Spiele anschaut, dann fällt einem häufig völlige Begründung auf: "Banned because of drug use related to incentives and rewards." Frei übersetzt: Verboten aufgrund von Drogengebrauch als Anreiz und Belohnung.
Man möchte meinen, dass ein Zombiespiel wie State of Decay aufgrund der blutigen Kämpfe hohe Altersfreigaben bekommt. Doch auch hier störte sich der australische Jugendschutz mehr am Konsum von Drogen anstatt dem zu Brei schlagen von hirnlosen Menschen.<br> &nbsp; Quelle: Undead Labs / Medienagentur plassma Man möchte meinen, dass ein Zombiespiel wie State of Decay aufgrund der blutigen Kämpfe hohe Altersfreigaben bekommt. Doch auch hier störte sich der australische Jugendschutz mehr am Konsum von Drogen anstatt dem zu Brei schlagen von hirnlosen Menschen.
 
Ein herrliches Beispiel hierfür ist das Zombie-Survivalspiel State of Decay (2013), das in Australien beinahe keine Altersfreigabe bekommen hätte. Der Grund: Der Spieler könne seinen Charakter durch die Zunahme von illegalen Substanzen verbessern. Nun kann man bereits über die strenge Richtlinie an sich streiten, doch es wird noch idiotischer: US-Entwickler Undead Labs musste schlussendlich nur ein paar Wörter austauschen oder genauer gesagt "Stimulants" gegen "Supplements" ersetzen - und alles war gut! Frei nach dem Motto: Vitamine anstatt Drogen.

Ansonsten scheint das Thema Drogen in Australien ein absolutes No-Go zu sein, weshalb es in Down Under sogar das deutsche Rollenspiel Risen (2009) erwischt hat. Dort sorgte allerdings neben dem Rauchen von Krautstängeln ein weiteres Feature für Ärger - nämlich die Tatsache, dass man im Spiel Sex mit Prostituierten haben kann. Nebenbei bemerkt bekam Risen von der PEGI eine Altersfreigabe ab 16 bescheinigt, während sich die USK auf ein vergleichsweise generöses "Ab 12 Jahren" beschränkte. Wie kann das denn sein?

Ganz einfach: Risen ist rein inhaltlich gesehen kein Kind von Traurigkeit, hält sich aber in der Darstellung sehr zurück. So gibt es in den Kämpfen nur wenig Blut zu sehen, der Sex mit der Prostituierten wird nur verbal geäußert anstatt grafisch gezeigt und die Raucherei sieht man hierzulande ebenso wenig als Verrohung der Jugend. Allgemein erscheint der deutsche Jugendschutz im Vergleich zum internationalen eher strenger zu sein, wenn etwas gezeigt und nicht nur darüber gesprochen wird - und umgekehrt.

Zyniker könnten allerdings auch frech mutmaßen: Das Spiel hat bei uns eine eher milde Freigabe erhalten, weil Entwickler Piranha Bytes ebenfalls aus Deutschland stammt. Und in der Tat gibt es ein Land, das seine höchstmögliche Altersklassifizierung fast nur für Spiele aus dem Ausland vergibt und einen Großteil seiner Inlandsprodukte verschont: Japan.

Open-World-Spiele im Nachteil

In Fernost gibt es die Computer Entertainment Rating Organization (kurz CERO) , die seit 2002 tätig ist und ähnlich wie die PEGI arbeitet. Dabei fällt sofort auf, dass für die Jahre 0 bis 11 nur ein Rating existiert: CERO A. Andersherum liegen CERO D (gleichbedeutend mit ab 17) und CERO Z (gleichbedeutend mit ab 18) nur ein Jahr auseinander. Allerdings sind die rechtlichen Unterschiede immens, weil Z-Spiele nur unter Vorlage eines Altersnachweises verkauft werden dürfen. Die Open-World-Serie Assassin’s Creed ist größtenteils ab 16 Jahren freigegeben – mit Ausnahme von Japan, wo Spiele dieser Art beinahe automatisch den gnadenlosen CERO-Z-Stempel erhalten. Quelle: Ubisoft / Medienagentur plassma Die Open-World-Serie Assassin’s Creed ist größtenteils ab 16 Jahren freigegeben – mit Ausnahme von Japan, wo Spiele dieser Art beinahe automatisch den gnadenlosen CERO-Z-Stempel erhalten.

Laut offizieller Datenbank erhielten bei über 17.500 Prüfverfahren etwas mehr als 450 Spiele ein solches CERO-Z-Rating. Weil es vor allem Open-World-Titel wie Assassin's Creed 2 (2009) oder GTA 5 (2015) erwischt, stammen fast alle Fälle aus Amerika oder Europa. Nur wenige Ausnahmen wie das Visual Novel Chaos; Child (2014) oder das brutal inszenierte Actionspiel Killer7 (2005) sind im eigenen Heimatland entstanden.

Auf der anderen Seite können japanische Kinder theoretisch solch freizügige Titel wie Dead or Alive Xtreme 3 (2016) kaufen, eben weil auf der Packung "nur" ein D-Rating zu sehen ist. Das würde wiederum besonders in den USA zu großem Aufschrei führen - dort sind knappe Bikinis, aufreizende Posen und wippende Busen bekanntermaßen ein großes Streitthema.

No Sex in the USA

US-Amerikaner müssen sich seit 1994 mit dem Entertainment Software Rating Board (kurz ESRB) ) auseinandersetzen, nachdem das umstrittene Multimedia-Adventure Night Trap (1992) sowie das erste Mortal Kombat (1992) für Schlagzeilen sorgten und in einer Kongressanhörung resultierten.

Obendrein dürfte niemand überrascht sein, dass in den USA die Darstellung von Sex ein größeres Problem ist als jene von Gewalt. Deswegen zeigen nahezu alle Spiele mit einem Adults-Only-Rating nackte Haut und explizite Sexszenen. Die einzigen Ausnahmen sind das offiziell nie veröffentlichte Prügelspiel Thrill Kill, die Ur-Version eines hierzulande indizierten Spiels von Rockstar Games aus dem Jahr 2007 (die weltweit zensiert werden musste) und ein abgrundtief böses PC-Spiel von 2015 von Entwickler Destructive Creations, das in Deutschland ebenfalls auf dem Index steht.

Und dann wäre da noch das Drama rund um GTA: San Andreas (2004): Ursprünglich erhielt der Open-World-Hit ein zu erwartendes Mature-Ranking, gleichbedeutend mit einer Empfehlung für alle ab 17 Jahren. Doch dann machte die berühmt-berüchtigte Hot-Coffee-Mod ihre Runden, mit der man die Sexszenen in Form eines simplen Minispiels austragen konnte.
Disco Elysium Quelle: ZA/UM / Medienagentur plassma Keine Macht den Drogen! Das Rollenspiel Disco Elysium hatte schwer zu kämpfen, bis es in Australien zumindest eine „Ab 18“-Altersfreigabe erhielt. Die Mod sorgte deshalb für großen Wirbel, weil sie ungenutzten Code der Original-DVD verwendete. Dieser wurde wohl eher spaßeshalber von den Entwicklern programmiert und vor Veröffentlichung deaktiviert anstatt gelöscht. Deshalb kamen auch Besitzer der PlayStation-2- sowie Xbox-Version in den Genuss von Hot Coffee - und das wiederum reichte für einen Aufschrei, der durch das komplette Land ging und dem Spiel nachträglich ein Adults-Only-Rating einbrachte. Der Schaden und die miese PR waren so gewaltig, dass Rockstar GTA: San Andreas in den USA aus dem Verkauf nahm, patchte und eine komplett neue Auflage in den Handel brachte - fast ein Jahr nach dem ursprünglichen Release!

Richtig schlimm wird es, wenn auch noch eine gesunde Portion an Inkompetenz hinzukommt. So wurde The Elder Scrolls 4: Oblivion (2006) in den USA nachträglich zu einem M-Rating-Titel aufgestuft, weil die ESRB nach ihrer Prüfung zum einen auf diverse Gewaltszenen hingewiesen wurde und zum anderen auf nackte Brüste stieß, die ein Modder nachträglich ins Spiel integrierte!

Dieses Thema führt uns jedenfalls zum letzten Kapitel unseres Reports und dem größten Problem hinter sämtlichen Jugendschutzdebatten: Wie soll man die Flut der Online-Spiele bewältigen?

Der unüberschaubare Online-Markt

Wir haben bereits in unserem Artikel "Spiele und die Sucht-Falle" einige Baustellen sehr ausführlich behandelt, allen voran die Debatte rund um Lootboxen sowie Glücksspielmechaniken und dass diese in der Beurteilung von USK, PEGI und Co. bislang kaum eine Rolle spielen. Doch darüber hinaus ist schon die schiere Masse an Apps und Download-only-Titeln kaum zu stemmen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass sich immer mehr Spiele im Laufe der Zeit verändern. Welcher Jugendschützer kann darüber schon Herr werden?

Die USK selbst hat sich lange Zeit aus dem Thema herausgehalten und prüft intern nach wie vor nur Spiele, die auf physischen Medien erscheinen. Allerdings war sie maßgeblich an der Gründung einer weiteren Institution beteiligt, die seit 2013 besteht, sich ausschließlich Online-Spielen widmet und weltweit agiert: die International Age Rating Coalition (kurz IARC) Das Konzept dahinter gleicht auf den ersten Blick dem von PEGI oder der ESRB: Die Hersteller geben selbst an, was in ihren Spielen steckt. Daraufhin werden automatisch mehrere Altersfreigaben erteilt, die sich an den individuellen Richtlinien der einzelnen Länder orientieren.
Die BPjS war Mitte der 90er gnadenlos, was Ego-Shooter und menschliche Gegner anbelangte. Deshalb indizierte die Behörde sogar Star Wars: Dark Forces (1995), obwohl der Shooter komplett ohne Blut auskam. Quelle: Lucasarts / Medienagentur plassma Die BPjS war Mitte der 90er gnadenlos, was Ego-Shooter und menschliche Gegner anbelangte. Deshalb indizierte die Behörde sogar Star Wars: Dark Forces (1995), obwohl der Shooter komplett ohne Blut auskam. Immerhin ist kein nennenswerter Skandal bekannt, der das System ernsthaft infrage stellt. Dabei prüft die IARC so gut es geht nach, ob die von den Herstellern angegebenen Inhalte auch korrekt sind und reagiert natürlich auch auf Beschwerden, falls eine Unstimmigkeit gemeldet wird.

Es gibt allerdings einen großen Haken: Während Online-Plattformen wie Nintendos eShop, der PlayStation Store von Sony oder der Microsoft Store mit der IARC kooperieren, weigern sich ausgerechnet Apple und Steam. Deshalb fallen dort Tausende von Spielen komplett durch das Raster, und es droht wieder eine Art Willkür, so wie damals in den 1980er-Jahren.

Beispielsweise konnte man hierzulande Star Wars: Dark Forces (1995) auf Steam kaufen, obwohl der Ego-Shooter bis Ende 2020 indiziert war. Zwischenzeitlich wurde der Vertrieb auf diesen Umstand aufmerksam gemacht, weshalb man den Titel per Geoblocking sperrte. Inzwischen ist die Indizierung verjährt und das Spiel beispielsweise beim Konkurrenten GOG.com erhältlich. Steam hingegen weiß nichts davon und sperrt den Titel einfach weiter für alle deutschen Kunden.

Somit ist am Ende festzuhalten, dass es immer noch einiges zu tun gibt. Klar, der ausführliche Weg der USK ist unmöglich für alle Spiele dieser Welt umsetzbar. Allerdings zeigen PEGI und IARC, wie ein halbwegs vernünftiger Jugendschutz möglich ist: Wenn alle Beteiligten fair und transparent bleiben. Und solange man als Erwachsener praktisch jede unzensierte Version eines Spiels erstehen kann, sollten auch wir nicht allzu sehr über das Thema Jugendschutz meckern.

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