Spiele: ​Gestern indiziert, heute spielbar - diese Games sind runter vom Index

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Spiele: ​Gestern indiziert, heute spielbar - diese Games sind runter vom Index
Quelle: PC Games

"Wir" waren Papst, "wir" sind (noch) Fußball-Weltmeister und wir haben die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Seit ihrer Existenz indizierte die Behörde zahlreiche Medien, darunter viele Computerspiele. Mit welchen Begründungen sie das tat, wie sich die Beurteilungen im Laufe der Jahre änderten und welche Games heute wieder aus der Schmuddelecke raus sind, lest ihr in unserem folgenden Artikel.

Der Schutz Jugendlicher vor schädlichen Medien hat in Deutschland Tradition. Schon im Kaiserreich gab es Diskussionen darüber, wie man in der entstehenden modernen Mediengesellschaft Kinder und Jugendliche vor "Schmutz und Schund" schützen könnte. In der Weimarer Republik existierte eine "Oberprüfstelle für Schund- und Schmutzschriften", die sich die CDU/CSU in den Anfangsjahren der Bundesrepublik Deutschland zum Vorbild nahm. Nach einem entsprechenden Gesetz wurde 1954 die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) ins Leben gerufen.

Wenige Monate später konnten die Jugendschützer loslegen. Ihr erstes Ziel: eine Ausgabe des Comichefts Der kleine Sheriff. Der Stein des Anstoßes: ein sich über mehrere Seiten erstreckender Mordversuch. Die Ausgabe 12 des kleinen Sheriffs landete auf der Liste der jugendgefährdenden Medien - umgangssprachlich als "Index" bekannt. Eine solche Indizierung bedeutet nicht, dass das Medium in Deutschland generell verboten ist. Vielmehr dürfen diese Medien nicht beworben und Jugendlichen nicht zugänglich gemacht werden. Anders sieht es aus, wenn das Medium nicht nur auf Liste A, sondern auf Liste B wandert. Damit geht ein absolutes Verbreitungsverbot einher - das allerdings nicht die BPjS beziehungsweise Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM), wie die Behörde seit einer Gesetzesreform 2003 heißt, verhängt, sondern ein Gericht.

In den folgenden Jahrzehnten hatten die Jugendschützer alle Hände voll zu tun. Die Versuchungen und Bedrohungen waren zahlreich und nahmen stetig zu: Kino, Comics, Rockmusik, Videokassetten und schließlich Computerspiele. Modernen Medien begegneten die Älteren stets mit Skepsis. Lange Zeit galt die Sorge vornehmlich sogenannter Schundliteratur, insbesondere Comics. Damit lagen die Jugendschützer ganz auf der Welle des gesellschaftlichen Zeitgeistes. In den fünfziger und sechziger Jahren fanden in Deutschland Umtauschaktionen von "schlechter" gegen "gute" Literatur statt - inklusive anschließender Bücherverbrennungen. Damit hatte man in Deutschland immerhin schon Erfahrung.
Anfang der achtziger Jahre rückten schließlich Computer- und Videospiele in den Fokus, ein neues, für die ältere Generation völlig unverständliches Medium. Wer sich aus heutiger Sicht die - vor allem frühen - Indizierungsbegründungen der BPjS durchliest, schwankt zwischen Kopfschütteln und Lachkrampf. Es ist erstaunlich, welche düsteren Auswirkungen die Sittenwächter für die Jugend und die Gesellschaft im Falle des ungehemmten Konsums dieser 8-Bit-Teufelswerke heraufbeschworen. Demnach grenzt es nahezu an ein Wunder, dass die deutsche Gesellschaft - welcher C64-Besitzer hat nicht Commando Libya, Sex Games, River Raid und Co. als Raubkopie besessen? - nicht implodiert ist.

Das offenbart ein anderes Problem: den Generationenkonflikt beziehungsweise das Missverständnis zwischen den Generationen. Die älteren Jugendschützer versuchen sich in die Kinder und Jugendlichen hineinzuversetzen und die Folgen des Konsums solcher Medien für sie abzuschätzen. Es ist bemerkenswert, wie unterschiedlich die Wahrnehmung eines Spiels, eines Mediums sein kann. Wer es wirklich darauf anlegt, der könnte fast jedem Spiel böse Absichten unterstellen - vom Kreaturen mordenden Klempner Mario bis zum Kriegsspiel Space Invaders, in dem es keine alternativen, friedlichen Lösungswege gibt. Alles eine Frage der individuellen Betrachtungsweise.

Was "Schund" und eine Bedrohung für die Jugend ist, unterliegt einem Wandel der gesellschaftlichen Wahrnehmung. So haben sich auch die Maßstäbe bei der BPjS beziehungsweise der BPjM im Laufe der Zeit geändert. Computerspiele hatten in Deutschland lange Zeit einen äußerst schlechten Ruf, waren Kinderkram oder etwas für Freaks und Außenseiter. Heute sind die Jugendschützer diesem Medium positiver gesonnen als noch in der Anfangszeit. Doch die Grundprobleme bestehen nach wie vor: die Bevormundung von Jugendlichen und Erwachsenen sowie der Eingriff in die Meinungs- und Pressefreiheit. Da indizierte Spiele Jugendlichen nicht zugänglich gemacht werden dürfen, ist der Zugang für Erwachsene zu solchen Titeln erschwert oder manchmal auch unmöglich. Ein Beispiel: In den deutschen Shops der populären Digital-Plattformen Steam und GOG fehlen etliche (indizierte) Spiele.

Zeitschriften und Online-Magazine stehen hingegen immer wieder vor dem Problem, ob ein Text über ein indiziertes Spiel als positive Werbung ausgelegt werden könnte. Das führt oftmals zum kompletten Verzicht einer Erwähnung oder Umschreibungen wie "Böser Wolf 3D", um nicht Ärger mit der Justiz zu riskieren. Eine solche Selbstzensur fand in der Vergangenheit auch bei Spieleherstellern statt, die ihre Spiele schon vor der Prüfung selbst beschnitten, um ein USK-Siegel zu erhalten. Dass dabei auch immer mal mehr als nötig der Schere zum Opfer fällt, ist eine weitere negative Folgeerscheinung. Wie sehr sich die Spruchpraxis geändert hat, seht ihr an unseren folgenden Beispielen. Die Gründe sind - verkürzt - meistens identisch: Blut, Hakenkreuze und Brüste. Doch die Sichtweise und Gewichtung hat im Laufe der Jahrzehnte einen Wandel vollzogen. Seht selbst.

River Raid (Activision/1982)

Was für ein Gemetzel! In River Raid (1982) steuern wir ein Flugzeug über eine pixelige Flusslandschaft. Das klingt gar nicht brutal? Weit gefehlt! Unsere Aufgabe ist es, mit unserem Kampfjet Panzer, Schiffe, Helikopter und andere feindliches Fahrzeuge zu Klump zu schießen. Dabei müssen wir Kollisionen vermeiden und zwischendurch tanken, da wir ansonsten eines unserer Flugzeugleben verlieren. Das Ziel ist wie so oft in der Arcade-Zeit ein neuer Punkterekord. Das Fachmagazin Tele-Action urteilte in seiner Ausgabe 5/83 positiv: "Mit River Raid bietet Activision wiederum eine in Spielablauf, Graphik und Sound hervorragend gemachte Cassette an." Allerdings ahnte man bereits, dass Ungemach drohen könnte: "Ein wenig problematisch ist dabei nur, daß es sich um ein reines Kriegsspiel handelt [...]." Im Shoot ‘em up River Raid übernimmt der Spieler „die Rolle eines kompromisslosen Kämpfers und Vernichters“. Quelle: Moby Games Im Shoot ‘em up River Raid übernimmt der Spieler „die Rolle eines kompromisslosen Kämpfers und Vernichters“.

Tatsächlich rief das Spiel der Entwicklerin Carol Shaw den deutschen Jugendschutz auf den Plan. Die BPjS kam im Dezember 1984 zu einem Urteil, das aus heutiger Sicht mindestens befremdlich wirkt: "Jugendliche sollen sich in die Rolle eines kompromisslosen Kämpfers und Vernichters hineindenken." Doch nicht nur das: laut der Jugendschützer führte die Joystick-Akrobatik die Spieler an körperliche sowie geistige Grenzen und sogar darüber hinaus! In der damaligen Urteilsbegründung zur Indizierung hieß es: "Bei älteren Jugendlichen führt das Bespielen [...] zu physischer Verkrampfung, Ärger, Aggressivität, Fahrigkeit im Denken [...] und Kopfschmerzen." Alles Symptome also, die heute jeder Fernsehzuschauer kennt. Oder hat dort etwa einer der Jugendschützer aus eigener Erfahrung gesprochen?

Bis 2002 blieb River Raid auf dem Index. Dann beantragte Atari eine Löschung, um River Raid im Rahmen einer Atari Anthology auch in Deutschland veröffentlichen zu können. Nach einer erneuten Prüfung wurde River Raid vom Index gestrichen und von der USK neu eingestuft. Das Urteil: "freigegeben ohne Altersbeschränkung", USK0!

Raid over Moscow (1984/Access Software)

In den achtziger Jahren waren Spiele mit Kalter-Krieg-Thematik sehr beliebt. Eines von ihnen: Raid over Moscow (1984). In dem Spiel von Access Software (Tex Murphy- und Links-Serie) müssen wir russische Atomraketenangriffe abwehren, zum Gegenangriff auf russische Raketensilos Angriff auf den Kreml in Raid over Moscow (1984). Quelle: Moby Games Angriff auf den Kreml in Raid over Moscow (1984). übergehen und schließlich in Moskau in den Kreml eindringen und einen Hauptreaktor zerstören.

In einer Zeit, in der sich Ost und West bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstanden, der Deutsche Bundestag die weitere Stationierung US-amerikanischer Raketen auf deutschem Boden beschlossen hatte und US-Präsident Ronald Reagan die Sowjetunion als "Reich des Bösen" bezeichnete, wäre doch eigentlich das ideale gesellschaftliche Klima für ein Spiel wie Raid over Moscow gewesen. Dem war aber nicht so. Im Februar 1985 urteilte die BPjS: "Es geht in dem Spiel 'Raid over Moscow' um Zerstören und Vernichten, egal ob ausgewichen oder angegriffen wird. Die Schrecken und Leiden des Krieges werden nicht einmal angedeutet, und dies obwohl ganze Städte untergehen." Natürlich führte auch die Pixel-Schlacht um Moskau wieder zu physischen und psychischen Beschwerden. Kein Konjunktiv.

Als mildernder Umstand galt auch nicht, dass der Spieler für die "Guten" kämpft: "Die kriegsverherrlichende bzw. verharmlosende Tendenz dieses Computerspiels wird nicht dadurch gemildert, daß der Spieler den Kampfauftrag verfolgt, um die westliche Hemisphäre zu retten und dabei sogar den eigenen Tod in Kauf nehmen muß." Raid Over Moscow blieb volle 25 Jahre auf dem Index. Nach dem automatischen Fristablauf im Jahr 2010 wurde die Indizierung aufgehoben.

Sex Games (Landisoft/1985)

Wie sehr die Jugendschützer mit ihren Indizierungen vor allem in der C64-Ära ins Leere liefen, zeigt eines der bekanntesten Spiele. Sex Games (1985) wurde bis zu seiner Indizierung nur in kleiner Menge kommerziell vertrieben, war dafür aber als Raubkopie in nahezu jeder C64-Sammlung zu finden. Die Idee zu Sex Games kam den Brüdern Thomas und Markus Landgraf durch die sogenannten Rüttelspiele wie beispielsweise Decathlon (1983) und Summer Games (1984). Darin musste der Spieler den Joystick rhythmisch-schnell bewegen, um Höchstleistungen in den jeweiligen Sportdisziplinen zu erbringen. Die Spielmechanik übernahmen die Brüder für ihr Spiel, die Grafik im Stil der damals populären Comicfigur Werner kam von Mario Scherp. Sex Games Landisoft 1985 Quelle: Moby Games  Sex Games Landisoft 1985

In Sex Games gibt es allerdings keine Goldmedaillen zu gewinnen. Stattdessen geht es - der Titel lässt es erahnen - um Matratzensport. Durch rhythmisch-schnelles Joystickrütteln gilt es, die Lustanzeige zu steigern und fünf verschiedene Sex-Stellungen zu meistern. Oder mit den Worten der BPjS in der Urteilsbegründung zur Indizierung: "Je schneller das männliche Glied über den Joystick bewegt wird, umso schneller erscheint die Glocke auf dem jeweiligen Bild zum Zeichen dafür, daß das Ziel erreicht ist."

Weiter hieß es: "Die Kopplung von Sexualität und Leistungsdruck müsse sozialethisch desorientierend wirken. Kinder und Jugendliche erhielten durch dieses Spiel Orientierungen, die dem Aufbau einer eigenen Sexualität abträglich seien." Zudem fehlten den Jugendschützern Liebe und Gefühle: "Der Spieler steuert mit dem Joystick eine Sex-Maschinerie. Inhuman und ohne jeden persönlichen Bezug wird Geschlechtsverkehr gesteuert." Hätte man die Jugendschützer einen Blick durch die Glaskugel auf unsere Gegenwart mit all den Versuchungen des Internets werfen lassen, so wären ihnen wahrscheinlich vor Schreck die Glieder vom Joystick gerutscht. Sex Games wurde 2012 nach Ablauf der 25-Jahresfrist vom Index gestrichen.

Doom (id Software/1993)

Doom (1993) ist ein Meilenstein im Ego-Shooter-Genre. Mit seiner gelungenen Mischung aus temporeichem Spielablauf, reichhaltigem Waffenarsenal und der für damalige Verhältnisse großartigen Pseudo-3D-Grafik setzte Doom neue Maßstäbe. Für die BPjS war der Kampf gegen Zombies und Monster in den Mars-Labyrinthen zu realistisch. In der Urteilsbegründung der Indizierung klang es furchteinflößend: "Das zu beschreitende Terrain wird von bewaffneten Männern und Feuerbälle schleudernden, affenähnlichen Monstern besetzt. Die sofortige Betätigung der eigenen Waffe ist unumgänglich, da sonst der eigene Erschießungstod bzw. ein Zerfleischen droht."

Zu realistisch für die Jugendschützer: der Ego-Shooter-Meilenstein Doom (1993). Quelle: PC Games Zu realistisch für die Jugendschützer: der Ego-Shooter-Meilenstein Doom (1993). Besonders der vermeintliche Realismusgrad fiel den Jugendschützern negativ auf: "Die Tötungsakte und ihre Folgen werden weitgehend realistisch in Szene gesetzt. Der Tod des Gegners wird auf extrem blutige Art und Weise dargestellt und durch eine entsprechende akustische Untermalung (Geräusche der einwirkenden Waffe/Todesschreie) zusätzlich verdeutlicht." Ganz schlimm: "Möglichkeiten des Ausweichens oder ähnlicher non-aggressiver Konfliktlösungen existieren nicht." Ob man im Brettspiel Risiko wohl auch ohne das Schlagen gegnerischer Armeen gewinnen kann? Aber hey, der Strategiespiel-Klassiker hatte ja ebenfalls schon das zweifelhafte Vergnügen, auf dem Index zu stehen. Letztendlich attestierten die Jugendschützer Doom, Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren und setzten den Shooter 1994 auf den Index.

17 Jahre später strich die BPjM auf Antrag von Rechteinhaber Zenimax Doom von der Liste. In der Begründung vom März 2011 attestieren die Jugendschützer Doom immer noch einen hohen Gewaltgrad, bemerken aber auch, dass der einstige Vorzeige-Shooter mittlerweile grafisch veraltet sei: "Jedoch sind die in 'Doom' präsentierten Gewaltszenen nach heutigen Maßstäben weder als detailliert noch als realistisch/realitätsnah einzustufen." Der Spieler werde aufgrund der distanzierend wirkenden Grafik in das Kampfgeschehen nicht mehr emotional involviert. Wir sehen: das Geschehen liegt auch im Auge des individuellen Betrachters. Nach der Listenstreichung erhielt Doom eine USK16-Einstufung.

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