Abo-Service-Wahn? Nein, danke! Kolumne zur Evolution im Videospielvertrieb
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Die Videospielindustrie verkommt zur digitalen Drückerkolonne: Abo-Services sprießen wie Unkraut aus dem Boden. Unser Autor fragt sich, wie lange es dauert, bis die Kunden die Sense schwingen.
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Ding-Dong. Es klingelt. Ich schlurfe zur Tür, öffne und vor mir steht ein junger Mann in Anzug und Krawatte. In der einen Hand trägt er ein Klemmbrett, in der anderen einen Xbox-Controller. "Guten Tag, spielen Sie gerne Videospiele?", ruft er mir euphorisch entgegen. Ich nicke. "Dann wollen Sie doch sicher immer alle Neuheiten - sofort und ohne lästige Wege zum Händler. Oder?" Ich zucke mit den Schultern. "Machen Sie Kreuze und unterschreiben Sie gleich hier, hier und hier", frohlockt er und hält mir das Klemmbrett entgegen. Darauf lese ich: PlayStation Now, Xbox Game Pass, Google Stadia, EA Access und noch viele weitere Namen. Kurz bevor ich zur Unterschrift ansetze, wache ich auf. Puh, alles nur ein böser Traum!
Oder vielleicht doch nicht? Ein Blick auf mein Konto offenbart die Problematik: Wer im Jahr 2019 Unterhaltungsmedien konsumiert, der bindet sich mehr Abo-Verträge ans Bein als das gutmütige Hausmütterchen von nebenan. Netflix, Amazon Video, DAZN, Sky Ticket, Spotify, Readly und Co. suggerieren unendliche Freiheiten bei geringen Kosten. Doch die vermeintlich niedrigen Preise schießen in der Summe gewaltige Löcher in mein Portemonnaie.
Quelle: Activision Blizzard
Der MMO-Shooter Destiny 2 ist der erste kostenlose Titel im Umfang des Google-Stadia-Pro-Pakets. In Zukunft sollen noch mehr Hochkaräter den geneigten Interessenten für den Abo-Dienst begeistern.
Die Spieleindustrie springt zusehends auf den Abo-Hypetrain auf - und das nicht erst seit Xbox Live und PlayStation Plus. So wundert es kaum, dass Apple im Herbst 2019 mit Apple Arcade einen eigenen Spiele-Service für iPhones, iPads und Apple TV herausbringt und Ubisoft es mit seinem Flaterate-Dienst Uplay Plus dem Konkurrenten Electronic Arts mit EA Access gleichtut. Nicht zu vergessen natürlich Googles Spiele-Streaming-Service Stadia, der im November 2019 startet und leistungsstarke Hardware scheinbar obsolet macht. So viele Abo-Dienste, so viele Spiele und so wenig Übersicht: Die Videospielindustrie verliert sich in einem Gewirr aus Exklusivtiteln, Bibliotheken und Abo-Modellen. Ich meine: Eine gefährliche Entwicklung!
Was brauche ich wirklich?
Und dabei bin ich noch nicht einmal grundsätzlich gegen derartige Angebote. Auch ich nutze Dienste wie Netflix oder Spotify. Aber genau diese bekannten Plattformen zeigen eine große Schwäche: das Überangebot. Wer hat nicht schon minuten- oder stundenlang durch eine Bibliothek geblättert und konnte sich dann doch nicht für ein Album, eine Serie oder einen Film entscheiden? Mit Flatrate-Diensten wie Xbox Game Pass, EA Access oder Ubisoft Uplay Plus ist es nicht anders. Die Anbieter überfluten mich mit Neuerungen - und nicht selten ist da auch vieles dabei, was ich gar nicht möchte oder mich schon gar nicht interessiert.
Wie viel Game brauche ich wirklich? War der Spielekauf früher ein geradezu heiliger und vor allem haptischer Prozess, klicke ich mich heute durch Menüs und lade mir Spiele runter. Auf der einen Seite probiere ich so vielleicht unbekanntere Titel aus. Andererseits aber ist die Hemmschwelle, ein Spiel nach kürzester Zeit wieder zu deinstallieren, umso größer. Es gehört mir ja nicht, sondern ist nur eines von vielen. Ich genieße diese Freiheit, befürchte aber, dass der Wert des Mediums Videospiel unter dieser "Wegwerfkultur" Schaden nehmen könnte.
Quelle: Sony
Der Streaming-Service PlayStation Now kostet rund 100 Euro pro Jahr und beinhaltet 600 Titel für PS2, PS3 und PS4. Der Dienst funktioniert auf Playstation 4 und Windows-PC
Im Dschungel der Spielekataloge
Für den Kunden entsteht mit der wachsenden Anzahl an Diensten ein Durcheinander aus Angeboten, Preisen und Exklusivitäten. Jeden Monat muss ich mich fragen: Lohnt es sich überhaupt, dass ich für die kommenden Wochen bezahle? Natürlich locken die Anbieter mit prall gefüllten Bibliotheken und Zusatzoptionen. Sie überschlagen sich förmlich mit Rabattoptionen, Trial-Versionen und anderen Inhalten. Ich fühle mich fast wie auf dem Hamburger Fischmarkt und warte eigentlich nur darauf, dass mir noch jemand einen schönen Aal oben drauf packt.
Quelle: Google
Mit dem Streaming-Service Google Stadia könnt ihr jederzeit und überall spielen – zumindest so lange eine stabile und ausreichend schnelle Internetverbindung zur Verfügung steht.
Spiele-Streaming-Services wie etwa Google Stadia, PlayStation Now oder GeForce Now stehen unter einem anderen Vorzeichen. Bei PlayStation Now greife ich direkt auf eine Auswahl an Titeln zu und streame diese. Bei PC-Services wie Google Stadia ist im Stadia-Pro-Paket aktuell mit Destiny 2 lediglich ein Spiel enthalten, alle anderen Titel muss ich zum Vollpreis einkaufen. Ich bezahle also vor allem für die im Hintergrund laufende Hardware und weniger für die Spiele selbst.
Die versteckte Kostenfalle
Aktuell fühle ich mich wie ein Paragraphenreiter, der stärker als jemals zuvor darauf achten muss, welche Vor- und Nachteile ein Dienst anbietet. Zum Glück erlauben nahezu alle Anbieter die monatliche Kündigung. Doch mal ehrlich: Wer macht sich denn tatsächlich die Mühe, setzt sich jeden Monat hin und wägt ab, wann und wie viel er oder sie die Abo-Dienste in den kommenden Wochen nutzt?
Wer nicht aufpasst, gerät hier schnell in eine Kostenfalle. Zehn Euro hier, 15 Euro dort - in der Summe entwickeln sich stattliche Beträge. Da kann man nur allzu leicht die Übersicht verlieren. Ende vergangenen Jahres bestätigten Statistiken des US-Marktforschungsunternehmens SuperData, dass Abonnenten grundsätzlich 45 Prozent mehr Geld für Spiele ausgeben als traditionelle Käufer von Spielen. Darüber hinaus sind sie bereit, doppelt so viel Geld für Ingame-Inhalte zu bezahlen, also beispielsweise DLCs und andere Extras.
Quelle: Ubisoft
Ubisofts Uplay Plus bietet Abonnenten nicht nur Zugriff auf die hauseigene Bibliothek, sondern auch auf Early-Access- und Premiuminhalte wie etwa die Beta von Ghost Recon: Breakpoint.
Der Markt wird sich verändern
Zum jetzigen Zeitpunkt stehen alle Zeichen pro Abo-Modelle. Xbox-Chef Phil Spencer erklärte ebenfalls Ende 2018, dass Abo-Services einen
Quelle: Electronic Arts/Website
EA Access diente Ubisofts Uplay Plus als Vorbild: Das Portal bietet Zugriff auf mehr als 100 Spiele. Im Juli 2019 startet das einstmals exklusiv für Xbox One erhältliche Abo auch auf der Playstation 4.
positiven Effekt auf die Verkaufszahlen hätten. Nicht, weil die Abonnenten zwangsläufig jedes Spiel kaufen würden, sondern weil ihre Freunde - egal, ob on- oder offline - von deren Spielerlebnissen erfahren und dadurch zum Kauf motiviert würden.
Die positiven Prognosen und Geschäftszahlen motivieren wiederum die Anbieter - und heraus kommt ein Dickicht aus Streaming-Angeboten und Spiele-Abo-Diensten. Wir erleben eine Gezeitenwende im Videospielvertrieb. Nachdem der digitale Handel zunehmend dem klassischen Retail den Rang ablief, geht nun alles in Richtung Flatrate-Dienst. Doch wie bei jeder wilden Party folgt auf die Euphorie schon bald der Kater.
Es muss und wird nämlich ein Ausleseprozess stattfinden. Die Nutzerschaft ist begrenzt, und ebenso sind es ihre finanziellen Möglichkeiten. Es ist nur eine Frage der Zeit, ehe die ersten Dienste die Segel streichen und sich Favoriten herauskristallisieren. Ich jedenfalls werde in Zukunft ganz genau hinschauen, welche Dienste ich wirklich benötige. Dann gibt es auch garantiert kein böses Erwachen!
Kommende Abo-Dienste im Überblick
Apple Arcade
- Typ: Spiele-Bibliothek
- Erscheint: Herbst 2019
- Preis: Noch nicht bekannt
- Wissenswertes: Apple Arcade soll zum Start mehr als 100 Spiele umfassen und wird für iPhones, iPads, Apple TV und MacOS verfügbar sein. Apple baut damit sein Entertainment-Programm aus und will vor allem die Wohnzimmer seiner Kunden erobern. Dank Apple-TV- sowie PS4- und Xbox-One-Controller-Unterstützung avanciert der Dienst so zum Netflix der Mobile-Games.
Uplay Plus
- Typ: Spiele-Bibliothek
- Erscheint: 03. September 2019
- Preis: 14,99 US-Dollar (ca. 15 Euro)
- Wissenswertes: Uplay Plus von Ubisoft erscheint zunächst ausschließlich für den PC und bietet Zugriff auf den mehr als 100 Spiele umfassenden Ubisoft-Katalog. Darüber hinaus erhalten Abonnenten Eintritt zum Early-Access-Programm und nehmen somit etwa an Betaphasen teil. Im Umfang enthalten sind zudem auch Premiuminhalte wie DLCs von Sammlereditionen oder andere Erweiterungen. Spannend: Ubisoft kooperiert mit Google Uplay Play Plus wird 2020 auch für Google Stadia verfügbar sein.
Google Stadia
- Typ: Spiele-Streaming
- Erscheint: November 2019
- Preis: Kostenlos (Stadia Base), 10 Euro pro Monat
- Wissenswertes: Seit kurzem steht die Google Stadia Founder's Edition als Pre-Order für 129 Euro bereit. Googles Streaming-Service bietet im Pro-Paket eine Auflösung von bis zu 4K, 60 Bildern die Sekunde und 5.1 Surround-Sound. Dazu erhalten Abonnenten regelmäßig kostenlose Spiele (zum Start aber lediglich Destiny 2) und Zugriff auf zusätzliche Angebote.
