PCG-Geheimtipp der Woche: Dieses Horror-Spiel werdet ihr nie mehr vergessen

Special Daniel Link
Love Eternal Review - Celeste von David Lynch (1)
Quelle: Ysbryd Games

Ein Präzisionsplattformer ohne Plattformen, eine Welt ohne Sinn - Love Eternal sollte jeder Spieler einmal erlebt haben.

Aus der Sicht eines Kindes ergibt die Welt nicht sonderlich viel Sinn. Alles ist zu groß, es gibt haufenweise undurchsichtige Regeln, und an allen Ecken und Enden lauern Gefahren, die man selbst nicht wirklich wahrnehmen kann.

Und obwohl man als Kind instinktiv spürt, dass die Welt nicht für einen selbst geschaffen wurde, erwarten alle anderen einfach, dass man in sie hineinwächst, indem man fleißig zur Schule geht, immer seinen Teller aufisst und natürlich auf die eigenen Eltern hört - auch wenn deren Wünsche den eigenen diametral gegenüberstehen.

Als ehemaliges Kind würde ich dieses allgegenwärtige Gefühl während der formenden Jahre wohl als eine Art Schweben bezeichnen. Man hat noch keine Anker geformt, die einen am Boden halten, und muss dennoch eine Welt navigieren, die einen für jeden Fehltritt bestraft. Umarm deine Tante, auch wenn sie seltsam riecht, gib keine Widerworte, auch wenn deine Eltern offensichtlich falsch liegen, und vergiss nicht, jeden Tag deine Hausaufgaben zu machen.

In etwa dieses Gefühl möchte Entwicklerstudio brlka mit ihrem neuen Spiel Love Eternal (PC / PS / Xbox / Switch) wohl evozieren und schafft das mit einer Brillanz, die man von einem 2D-Plattformer gar nicht erwarten würde.

Genauer gesagt ist Love Eternal ein Precision Platformer; das stimmt aber auch nicht ganz, denn allzu viele Plattformen gibt es in dem Spiel nicht, und als sonderlich präzise würde ich das Ding auch nicht bezeichnen.

Protagonistin Maya ist jedoch auf jeden Fall in einem Schloss voller Stacheln gefangen und muss die verschiedenen Räume durch wohlüberlegte Sprünge durchqueren. Und wie man es bei einem Plattformer erwarten würde, ist der Sprung der Protagonistin auch ein recht guter.

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Frei justierbare Höhe mit einem konsistenten, intuitiven Winkel, ein wenig zusätzliche Kontrolle in der Luft, und das alles gepaart mit einem Hauch von Luigi. So wie man als Kind nun mal durch die Welt schwebt, ist auch Mayas Sprung eher floaty, auch wenn der Vtuber-Avatar im letzten Akt des Spiels, welcher den Spieler, die Entwickler und die Göttin aus dem Manga der Protagonistin darstellt, das Gegenteil behauptet.

Neben dem Sprung darf Maya noch die Schwerkraft umkehren. Das geht aber nur einmal pro Landung oder, wenn es einem nach Einsammeln eines ominösen roten Orbs erlaubt wird. Man muss sich immerhin wie ein gutes Kind stets an die absurden Regeln halten, die von den Schöpfern der Welt aufgestellt wurden.

Hat man zu viel Schwung geholt und die Naturgesetze nicht im richtigen Moment durch die fantastischen Kräfte eines Kindes einfach umgekehrt, rast man schnurstracks in die Stacheln und landet wieder am Anfang des Raumes.

Der Schwierigkeitsgrad reicht hier von ganzen Strecken an Räumen, in denen es kein einziges Hindernis zu überqueren gibt, bis hin zu Abschnitten, die direkt aus einem Super Meat Boy stammen können.

Ohne Halt, ohne Anker, ohne fest geformte Persönlichkeit treibt es Maya durch die weite Welt. Quelle: buffed Ohne Halt, ohne Anker, ohne fest geformte Persönlichkeit treibt es Maya durch die weite Welt. Das ist aber noch lange nicht alles, was Love Eternal so zu bieten hat. Im zweiten Akt des Spiels wechselt der Titel nämlich einfach das Genre und lässt den Spieler den mundanen, repetitiven und teils verstörenden Alltag einer Schülerin bestreiten - ähnlich wie die Welt eines Kindes auf den Kopf gestellt wird, wenn es zum ersten Mal in die Schule muss und ihm dadurch ein Haufen starre, einschränkende Regeln auferlegt werden.

Love Eternal scheint durch die Fragmentierung des Gameplays und der Handlung eine Geschichte rund um Kindheit und Kontrolle erzählen zu wollen. Protagonistin Maya versucht, in den Plattformer-Segmenten auszubrechen, und wird zur Strafe in ein wesentlich einschränkenderes Point-and-Click-Adventure verfrachtet. Ihr konntet es euch bestimmt bereits denken, aber die Handlung strotzt nur so vor Surrealität und absurder Komik, weswegen der Titel auch stark an die Werke von David Lynch erinnert.

Eine Mitschülerin, welche möglicherweise irgendeine Jahrtausende alte Gottheit ist, straft Maya etwa mit einer Powerpoint-Präsentation ab, in der sie die Protagonistin als verschiedene Figuren aus den Rage-Comics porträtiert - besonders verletzend fand ich hier das Troll-Face.

Wurdet ihr schon mal von eurer Mutter gezwungen, euch von einer geliebten Sache zu trennen, um sie einer Person zu schenken, die ihr gar nicht mögt? Quelle: buffed Wurdet ihr schon mal von eurer Mutter gezwungen, euch von einer geliebten Sache zu trennen, um sie einer Person zu schenken, die ihr gar nicht mögt? Der Titel verfolgt ähnlich wie Lynches Werke keine lineare Handlung, streut aber zumindest einige gleichbleibende Symbole ein. Etwa die Hundeschüssel, aus der die Protagonistin ihr Müsli und ihren abendlichen Fisch zu sich nimmt.

In Love Eternal scheinen mehrere Plots verschiedener Zeitachsen gleichzeitig abzulaufen und die einzelnen Szenen fließen mehrmals ineinander über - oder sie laufen einfach nicht chronologisch ab, oder es handelt sich schlicht um den Albtraum eines Kindes in der Nacht vor dem ersten Schultag.

Love Eternal lässt dem Spieler dabei keine Sekunde zum Verschnaufen und arbeitet aktiv darauf hin, dass man die verschiedenen Realitäten innerhalb des Spiels nicht mehr unterscheiden kann. Die einzelnen Charaktere fangen plötzlich an zu flackern, brechen aus den Grenzen ihrer eigenen Spielwelt aus, um die Geschehnisse anderer Welten zu beeinflussen.

Hier schwingen an den meisten Stellen auch ein paar Horror-Elemente mit. Wenn sich Mayas Vater etwa in eine Spinne verwandelt, die durch die überraschend unheimliche Pixel-Art und den grandiosen Soundtrack perfekt ausgereizt wird.

Als ein psychologisches Horrorspiel versprüht Love Eternal einen ganz eigenen, sehr unangenehmen Charme. Quelle: buffed Als ein psychologisches Horrorspiel versprüht Love Eternal einen ganz eigenen, sehr unangenehmen Charme. All das sorgt dafür, dass Love Eternal eher ein Erlebnis als ein kohärentes, nachverfolgbares Werk ist. Die zahlreichen, wunderschön gestalteten Vignetten mit ihren mesopotamischen und religiösen Motiven lassen sich auf dutzende Arten und Weisen interpretieren, da die Geschichte absichtlich vage und irreführend gehalten ist. Je weiter man im Spiel voranschreitet, desto schwieriger wird es, den Sinn in all dem zu sehen.

Was das Spiel genau aussagen will, muss man sich während des Spieldurchlaufs daher selbst zusammenreimen, und ähnlich wie etwa ein Inscryption ist Love Eternal am besten, wenn man im Endeffekt gar nichts über das Spiel weiß. Allzu viel über die Handlung rund um Liebe, Verlust und einem Kontrollwahn möchte ich also nicht vorwegnehmen, auch wenn das durch die Ambiguität, die ständigen Meta-Kommentare und die allgemeine Absurdität der Szenen zugegebenermaßen ohnehin nur schwer möglich wäre - und spätestens das fast schon aggressive Meta-Ende hat zumindest meine Gedanken zum Spiel in Rührei verwandelt.

Love Eternal wird definitiv nicht jedem gefallen, den meisten Leuten aber zumindest auf irgendeine Art und Weise im Gedächtnis bleiben - und bei der Spieldauer von etwa drei Stunden ist Love Eternal auch definitiv ein Spiel, das ich jedem wärmstens empfehlen kann. Auch wenn sich euer Erlebnis aufgrund der ambigen Natur des Spiels stark von meinem unterscheiden wird.

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