Raus aus dem Shop: Wieso verschwinden Spiele von Online-Plattformen?
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Qualitätsmängel, Lizenzschwierigkeiten und Exklusivdeals: Das Geschäft mit Download-Spielen besitzt seine Tücken. Wir gehen den Ursachen für von Steam und anderen Online-Vertriebsplattformen verschwundenen Spielen auf den Grund.
"Drei, zwei, eins...meins!" Mit diesem Werbeslogan machte das Online-Auktionshaus Ebay vor einigen Jahren auf sich aufmerksam. Heute würde dieser Spruch auch hervorragend zum Online-Kauf neuer Video- und Computerspiele passen. Im Jahr 2019 muss niemand mehr das Haus verlassen, um sich das nächste FIFA, Call of Duty oder Grand Theft Auto zu gönnen. Vorbei die Zeiten der Warteschlangen an der Kasse oder lästiger Wege zum nächste Spieleladen - dank Pre-Order und automatischer Downloads landen Neuerscheinungen in der Regel pünktlich auf der eigenen Festplatte und warten nur darauf, endlich ausprobiert zu werden. Nie war der Spielekauf bequemer.
Doch die Digitalisierung hat auch ihre Schattenseiten: Nicht nur der Handel ächzt unter dem Konkurrenzdruck, auch das Unterhaltungsmedium Videospiel macht dadurch eine nicht immer problemfreie Entwicklung durch. Solange ein Spiel auf den Servern zum Download bereitsteht, ist alles in Ordnung. Doch was, wenn Titel urplötzlich einfach verschwinden? Wir versuchen, die Gründe für das plötzliche Abtauchen bekannter Spiele herauszufinden.
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Aufstieg des Digital-Markts
In den vergangenen Jahren liefen Download-Spiele den klassischen Retail-Versionen zunehmend den Rang ab. Wurde laut Branchenverband game in Deutschland noch 2013 lediglich zwei von zehn Vollpreisspielen über digitale Marktplätze erworben, so stieg die Anzahl der Online-Verkäufe von Jahr zu Jahr an. Erst 2017 stockte dieser Aufwärtstrend. Gemäß den aktuellen Statistiken gehen vier von zehn Vollpreisspielen über die digitale Ladentheke. Zugleich darf man an dieser Stelle aber auch den Boom von Free2Play-Spielen nicht außer Acht lassen: Dauerbrenner à la Fortnite, Apex Legends und World of Tanks erschienen kostenfrei; die Macher dieser Titel verdienen mit den zuletzt stetig wachsenden Umsätzen an Mikrotransaktionen.
Doch darum soll es hier natürlich nicht gehen. Fest steht nur: Der Markt hat sich in den vergangenen fünf bis zehn Jahren rasant verändert. Download-Spiele gewinnen rapide an Bedeutung hinzu und sind für viele Nutzer längst zur Normalität geworden. Egal, ob Steam, der Epic Store, der Xbox Live Marktplatz, das PSN oder der Nintendo eShop - das nächste Spiel ist nur einen Klick entfernt. Wer online Spiele kauft und diese (zumindest virtuell) besitzt, muss sich in der Regel keine Sorgen machen, wenn diese auf Steam und Co. aus dem Katalog gestrichen werden. Wer ein Online-Spiel ersteht, der hat zumeist auch weiterhin Zugriff auf seine Investition und muss nicht darauf verzichten. Lediglich potenzielle Neukäufer gucken in die Röhre.
Quelle: Codemasters
Viele Spiele verschwinden nicht zuletzt aufgrund auslaufender Lizenzverträge aus dem Handel. Zu diesen Fällen gehört beispielsweise auch die Rennsimulation F1 2013, die inzwischen nicht mehr auf Steam zu kaufen ist.
Zwischen Epic und Steam
Die Veränderung des Marktes erreichte Ende 2018 eine neue Dimension. Am 6. Dezember 2018 launchte Epic Games nämlich den sogenannten Epic Games Store und legte sich so mit Valves Steam an, dem bis dato wichtigsten digitalen Vertriebskanal für Computerspiele. Epic Games verspricht Entwicklern höhere Einnahmen und zwackt sich im Vergleich zu Valve deutlich weniger vom Verkaufserlös ab. Das machte die Plattform natürlich von Beginn an für kleine und große Entwickler interessant. So interessant, dass sich daraus schnell Exklusivdeals ergaben. Der Endzeit-Shooter Metro: Exodus beispielsweise erscheint erst am 15. Februar 2020 auf Steam, auch Remedys Actionspiel Control kommt dort erst mit erheblicher zeitlicher Verzögerung.
Andere Spiele tauchten zunächst bei Steam auf, wurden dann aber aufgrund neuer Verträge wieder entfernt. So kündigte beispielsweise Ubisoft an, bestimmte Titel nur noch im Epic Games Store zu veröffentlichen. Den Anfang machte zu Beginn des Jahres Tom Clancy's The Division 2. Der MMO-Shooter war zunächst sogar bei Steam gelistet, verschwand im Anschluss aber aus den Ankündigungen. Das Aufbaustrategiespiel Anno 1800 zog wenig später ebenfalls um. Devolver Digitals Science-Fiction-Adventure Observation stand schon kurz vor der Veröffentlichung auf Steam, als der Entwickler doch noch den Wechsel zum Konkurrenten Epic bekannt gab.
Quelle: Moby Games
Der Endzeit-Shooter Metro: Exodus ist zunächst zeitexklusiv im Epic Store erhältlich, allerdings aktuell sogar noch mit einem Warnhinweis auf Steam gelistet. Noch mehr Verwirrung für potenzielle Käufer.
Derartige Spielchen klingen zwar in der Theorie lustig, sind aber natürlich Gift für die Kundenbindung - und sorgten bei Bekanntgabe nicht selten für einen Shitstorm. Damit es zu keinerlei Verwirrung seitens der zahlenden Klientel kommt, versprach Epic Games später, auf spontane Exklusivdeals zu verzichten. Trotzdem: Diese Konkurrenzsituation sorgte ebenfalls dafür, dass Titel auf der einen Verkaufsplattform verschwanden, nur um dann wenig später wieder an anderer Stelle aufzutauchen.
Ausgelaufene Lizenzverträge
Doch Probleme mit der Vertriebsplattform sind nicht der einzige Grund für das plötzliche Verschwinden von Spielen. Oftmals hängt es nämlich auch mit Musiklizenzen oder anderen rechtlichen Schwierigkeiten zusammen, dass Titel kurzzeitig oder dauerhaft aus dem Verkehr gezogen werden. Aktuell zoffen sich beispielsweise Sherlock-Holmes-Entwickler Frogwares und Publisher Focus Home Entertainment um die Rechte an besagten Detektiv-Abenteuern. Diese wurden unlängst aus verschiedenen Stores entfernt. Frogwares wirft Focus Home vor, dass diese nach dem Ende der Zusammenarbeit nicht die notwendigen Content- und Titel-IDs übertragen und die Titel stattdessen kurzerhand aus den Online-Läden entfernt haben. Frogwares befürchtet nun schwere Einnahmeverluste und sucht nach einer Kompromisslösung. Zum Zeitpunkt dieses Artikels steht noch ein Statement seitens Focus Home aus.
Remedys Mystery-Abenteuer Alan Wake dagegen wurde im Sommer 2015 von Steam und den Xbox Marktplatz entfernt. Das Spiel beinhaltete nämlich unter anderem Songs wie Young Men Dead von The Black Angels oder Up Jumped The Devil von Nick Cave and the Bad Seeds. Die Lizenzverträge und damit auch die Nutzungszeit für diese und andere im Spiel enthaltenen Songs liefen aus, sodass Remedy das Spiel vorübergehend aus dem Verkehr zog. Kurz davor aber senkte man den Preis des Spiels um 90 Prozent, damit auch jeder Interessierte noch einen Blick in das Spiel ergattern konnte. Remedy gelang offenbar ein neues Abkommen mit den Lizenzinhabern, sodass Alan Wake kurze Zeit später wieder mit vollem Umfang auf den jeweiligen Plattformen erschien.
Weniger glücklich ging die Sache für Grand Theft Auto: Vice City aus. Rockstar Games musste das Spiel ebenfalls vorübergehend aus dem digitalen Handel nehmen und später sogar um ganze zehn Songs kürzen. Beim Relaunch waren plötzlich Titel wie Michael Jacksons Billie Jean und Wanna Be Startin' Somethin' oder auch Bark At The Moon von Ozzy Osbourne nicht mehr dabei. Andere Spiele wie Tony Hawk's Pro Skater HD, Alpha Protocol oder auch die Rennsimulation Grid sind aufgrund ähnlicher Probleme komplett von Steam verschwunden.
Auch Film- und Markenrechte werden für Spieleentwickler immer wieder zu Stolpersteinen. Anfang 2014 zog beispielsweise Activision alle Titel, die bis dahin mit Hilfe der Marvel-Lizenz veröffentlicht wurden, aus dem digitalen Handel. Diese Problematik wiederholte sich übrigens wenig später noch einmal. Noch in diesem Jahr zog Activision aufgrund abgelaufener Lizenzen etwa Deadpool, Marvel: Ultimate Alliance, Tony Hawk's Pro Skater 5 oder auch die Transformers-Actionspiele Devastation, Fall of Cybertron und Rise of the Dark Spark ab. Wieso beispielsweise im August 2019 DuckTales: Remastered aus dem Online-Handel verschwand, wurde leider nie offiziell bestätigt. Doch auch hier liegt die Vermutung nahe, dass die Vertriebslizenz zwischen Capcom und Disney auslief und nicht verlängert wurde. Immerhin veröffentlichte der japanische Entwickler das Original im Jahr 1989, und der Zeitraum von rund 30 Jahren hört sich doch verdächtig nach einer möglichen Vertragsklausel an. Jedoch wurden diese Gerüchte nie von offizieller Seite bestätigt. Fest steht nur: DuckTales: Remastered ist nicht mehr erhältlich.
Quelle: Moby Games
Dagegen kann selbst der mächtige Optimus Prime nichts machen: 2018 endete ein Kontrakt zwischen Activision und Hasbro. Der Spiele-Publisher musste infolgedessen gleich mehrere Transformers-Titel aus den digitalen Händlerregalen nehmen.
Schmutzige Machenschaften
In anderen Fällen treiben die Wirren des Videospielgeschäfts merkwürdige und vor allem skurrile Blüten. Nach der endgültigen Pleite von Telltale Games im September 2018 war lange Zeit unklar, was mit deren Spielen auf Plattformen wie Steam oder GOG.com passieren würde. Die ersten Titel wie etwa Zurück in die Zukunft oder Tales of Monkey Island verschwanden bereits im November 2018 von Steam. Wenige Monate später folgten etwa The Wolf Among Us, Sam & Max, Tales from the Borderlands oder auch die Batman-Reihe. Diesmal wurden die Spiele nicht nur von Steam, sondern auch von anderen Plattformen wie GOG.com gelöscht. Als Begründung gaben die Plattform-Betreiber stets die Schließung des Unternehmens Telltale Games an.
Allerdings gibt es für einige dieser Spiele noch Hoffnung: Investoren - darunter LCG Entertainment - kauften das Unternehmen und wollen es künftig neu aufstellen. Ein Teil der Lizenzen soll zum aktuellen Zeitpunkt verkauft, ein anderer bewahrt und sogar fortgesetzt werden. So bleibt wenigstens noch eine Chance, dass zumindest ein Teil der Spiele künftig wieder in den Katalogen erscheinen könnte. Doch nicht nur finanzielle Probleme sorgen immer wieder für das Verschwinden von Spielen aus den Online-Bibliotheken. Auch mangelhafte Qualitätskontrollen und Produktionsfehler können Gründe für spontane Rückzieher sein: Beispielsweise entfernte Warner Bros. Interactive im Sommer 2015 Batman: Arkham Knight vorübergehend aus dem Steam-Store. Der Grund: Das Spiel plagten damals Performance-Probleme, die für einen wahren Sturm der Entrüstung bei der Käuferschaft sorgten. Rocksteady, Iron Galaxy und Warner Bros. Interactive betrieben also Schadensbegrenzung und nahmen das Programm wenige Tage nach dem Verkaufsstart offline, um nachzubessern. Erst vier Monate später kehrte der dunkle Ritter schließlich zurück - und hatte einen zehn Gigabyte schweren Patch im Marschgepäck. Diese beinhaltete neben Bugfixes auch alle bis dato veröffentlichten Download-Inhalte für Season-Pass-Käufer. Als Entschädigung erhielten alle Käufer, die das Spiel frühzeitig erstanden hatten, die ersten Teile der Batman-Serie in der Game-of-the-Year-Edition sowie den Sidescroller Batman: Arkham Origins Blackgate dazu.
Quelle: Moby Games
Tom Clancy's The Division 2 erschien lediglich im Epic Games Store, nicht aber auf Steam. Das wiederum sorgte für Unmut in der Community, da Nutzer nun Spiele in gleich mehrere Bibliotheken managen mussten.
Derartige Rückzieher sind übrigens keine Seltenheit: 2016 verkündete Indie-Entwickler Scott Cawthon, dass er mit den Reviews und Ratings zum Rollenspielableger Five Night's At Freddy's World nicht zufrieden sei und er es deshalb wieder aus dem Verkauf nehmen würde. Kurze Zeit später tauchte es kostenlos zunächst auf GameJolt und später auch auf Steam wieder auf. Doch neue Features und Updates brachten keine Besserung. Anfang 2017 nahm Cawthon seine Kreation komplett offline, da er das Spiel - laut eigener Aussage - komplett neu entwickeln müsste, um es wirklich besser zu machen.
Ganz ähnlich erging es 2015 auch Afro Samurai 2: Revenge of Kuma. Steve Escalante, der General Manager von Entwickler Versus Evil, bezeichnete die Entwicklung sogar als einen Fehler. Das Spiel sei nicht einmal verbuggt gewesen, "die Leute mögen es einfach nicht", fügte er später noch hinzu. Käufer erhielten ihr Geld zurück und alle weiteren Zusatzinhalte wurden gestrichen. Bei anderen Kreationen ziehen die Betreiber der Online-Vertriebsplattformen selbst den Stecker. Sei es nun, weil diese Titel einfach Scam sind oder bestimmte Richtlinien der Anbieter nicht einhalten - wie beispielsweise die Darstellung sexueller Handlungen. Dass nicht immer alle schwarzen Schafe sofort gebannt werden, sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Gerade auf Steam rutschen immer wieder Titel mit zweifelhaften Inhalten durch und sorgen dadurch für entsprechende Entrüstung innerhalb der Community.
Gefahr für das Kulturgut Videospiel?
Die Digitalisierung der Spieleindustrie ist also Segen und Fluch. Auf der einen Seite trägt sie massiv zum Nutzungskomfort bei und ermöglicht neue Vertriebswege, auf der anderen Seite aber erschwert gerade das "Verschwinden" von Spielen das Archivieren und Bewahren dieser Spiele. Das prominenteste Beispiel für den Verlust eines wirklich herausragenden Spiels stellt sicher die Demo zum Horrorspiel P.T. dar, die den Streitigkeiten zwischen Hideo Kojima und Konami zum Opfer fiel (siehe Kasten). Auch wenn Käufer in den meisten Fällen ihre erstandenen Spiele weiter nutzen können, so bringt die Digitalisierung eine starke Veränderung der Besitz- und Nutzungsansprüche mit sich. Wie in diesem Artikel skizziert, sind die Gründe für das Verschwinden von Spielen aus Bibliotheken und Katalogen sind vielfältig - von rechtlichen Problemen bis hin zu Verstößen gegen die Richtlinien. Fest steht: Derartige Streichungen wird es in Zukunft noch häufiger geben. Der Markt für Download-Spiele wird nämlich in den nächsten Monaten und Jahren noch weiter wachsen. Behaltet also besser eure Spielesammlung im Auge!
