Hey, Square Enix: Keiner mag deine Games-as-a-Service-Titel!

Kolumne David Benke
Hey, Square Enix: Keiner mag deine Games-as-a-Service-Titel!
Quelle: Quelle: Square Enix, Cash Money Records | Montage: PC Games

Ob nun Marvel's Avengers oder Babylon's Fall: Live-Service-Games aus dem Hause Square Enix sind einfach mies. Deshalb sollte der japanische Publisher vielleicht mal seine interne Strategie hinterfragen und sich doch eher auf die Stärken im Singleplayer-Storytelling fokussieren. Das meint zumindest unser Redakteur David Benke in seiner Kolumne.

Wer den Namen "Square Enix" hört, der denkt höchstwahrscheinlich erst mal an richtig gute Japano-Rollenspiele: an Final Fantasy, Dragon Quest, Kingdom Hearts, Star Ocean, oder die Mana-Reihe. Das Portfolio des in Tokio ansässigen Publishers ist ja beinahe endlos, wenn es um Singleplayer-Erfahrungen mit tiefgründiger Story und ausgefeiltem Gameplay geht. Woran man bei Square Enix dagegen eher weniger denkt, das sind lieblose und sinnbefreite Grindbuden mit Games-as-a-Service-Konzept, Season-Pässen, kostenpflichtigen Erweiterungen und aufdringlichen Mikrotransaktionen. Und dennoch scheint genau das die Richtung zu sein, in die sich der Konzern künftig weiter entwickeln will.

Das ist jetzt ehrlich gesagt keine komplett neue Erkenntnis. Schon 2017 machte CEO Yosuke Matsuda eine klare Ansage in diese Richtung. In einer firmeninternen Präsentation für Investoren ließ er verlauten: Die globalen Spiele-Hits der letzten Jahre wären immer öfter Live-Service-Games gewesen. Man müsse also davon ausgehen, dass das das Mainstream-Modell der Zukunft sei und entsprechend die Firmenpolitik anpassen.

In den kommenden Jahren will Square Enix daher vermehrt Titel veröffentlichen, deren Design wiederkehrende Einnahmen generiert. Die virtuellen Welten von Final Fantasy und Co. sollen Spieler also länger bei der Stange halten und sie immer wieder zurück in ihren Bann ziehen. Anstatt, dass man sich einmal alles anschaut und dann zum nächsten Titel weiterzieht. Oder einfach ausgedrückt: Es soll eben möglichst viel Kohle gemacht werden - und das über einen möglichst langen Zeitraum hinweg.

Vorbilder werden da wahrscheinlich Titel wie Destiny, GTA Online oder auch Fortnite gewesen sein, die ja immer wieder mit neuem Content versorgt werden und so auch Jahre nach Release noch Spielermassen begeistern. Jegliche Versuche von Square Enix, diese Erfolge auch nur ansatzweise nachzuahmen, waren bisher aber nicht wirklich von Erfolg gekrönt. Was meiner Meinung daran liegt, dass die Japaner mit Games-as-a-Service ganz einfach entgegen der eigenen Stärken arbeiten.

Der Reinfall von Babylon

Schauen wir uns zum Beispiel mal Marvel's Avengers an: Da nimmt man Crystal Dynamics, die Macher von Legacy of Kain: Soul Reaver oder Tomb Raider, und lässt sie ein Spiel mit Multiplayer-Fokus basteln - mit dem sich die Macher überhaupt nicht auskennen. Da ist ja schon abzusehen, dass das nichts wird! Und natürlich wurde Avengers, abgesehen von der Story, dem einzigen Highlight der Marvel-Versoftung, zum Schreien schlecht: Die Levels fallen schlauchförmig und unkreativ aus, dem Missions-Design fehlt es an Abwechslung, die Gegner sind vollkommen uninspiriert. Und das Endgame recycelt nicht nur den Content der Kampagne, überzogener Grind, langweiliger Loot und fehlende Langzeitmotivation machen das Ding recht flott zu einer eintönigen Angelegenheit.

So bombatisch, wie sich Babylon's Fall im ersten Trailer präsentierte, fällt das Hack'n'Slash leider nicht aus. Quelle: Square Enix / Platinum Games So bombatisch, wie sich Babylon's Fall im ersten Trailer präsentierte, fällt das Hack'n'Slash leider nicht aus. Oder der neueste Flop Babylon's Fall, der zum Launch absolut beeindrucke 1.200 gleichzeitige Spieler auf Steam versammeln konnte - also noch weniger als Battlefield 2042! Da hat man Platinum Games sinnbildlich vor den Bus geworfen, indem man das Studio hinter Einzelspieler-Hits wie Nier, Bayonetta oder Vanquish ein liebloses Hack'n'Slay mit aufgezwungener Online-Komponente machen ließ. Okay, das Kampfsystem bockt immer noch. Da haben die Macher nix verlernt. Die Story wirkt aber oberflächlich und die Charaktere sind unsympathisch und schlecht ausgearbeitet. Da ist man deutlich besseres gewohnt. Stichwort: formwandelnde Hexen im Latexanzug, die sich mit ihren Haaren durch Horden von Engeln aus einer anderen Dimension prügelt.

Und die "Service"-Elemente hätte man sich einfach ganz sparen können: Der Battle Pass ist vollgeladen mit kosmetischem Kleinscheiß, der einen nicht weniger interessieren könnte. Der Grind nach neuer Ausrüstung bietet mangels Variation keinen Wiederspielwert. Die Koop-Komponente lässt grundlegende Funktionen vermissen und klappt aufgrund der Spielerzahl ohnehin kaum. Und dann, ja dann ist da ja noch die absolut lächerliche Preispolitik. In einem Vollpreis-Titel für 70 Euro nochmal ein Digital Deluxe Upgrade für 50 und Ingame-Währungspakete für bis zu 90 Euro anbieten? Haben die denn alle Lack gesoffen?!

Nächster Flop: Forspoken?

Auch im neuen Square-Enix-RPG Forspoken wird es wohl Mikrotransaktionen geben. Das bestätigte das ESRB-Rating. Quelle: Square Enix Auch im neuen Square-Enix-RPG Forspoken wird es wohl Mikrotransaktionen geben. Das bestätigte das ESRB-Rating. Square Enix verheizt hier das Talent namhafter Studios, die eigentlich so viel mehr könnten. Und das eigene Image gleich mit. Den die tollen Live-Services haben am Ende genau den gegenteiligen Effekt, von dem, was die Macher ursprünglich mal geplant hatten: Spieler bleiben nicht länger oder kommen häufiger wieder. Sie hauen meistens früher ab und kommen gar nicht mehr wieder. Weil sie das, was sie gesehen haben, vollkommen abgeschreckt hat. Man vergrault die potenzielle Kundschaft, statt sie längerfristig an sich zu binden. Nach Avengers hatte ich zum Beispiel keine Lust mehr auf das nächste Marvel-Spiel. Und wer mit Babylon's Fall ordentlich ins Klo gegriffen hat, wird sich hüten, nochmal 80 Euro für den nächsten "Rollenspiel-Blockbuster" Forspoken rauszuhauen.

Wobei das ja ohnehin auf wackeligen Beinen steht. Erst kürzlich wurde der Release auf Oktober verschoben. Laut Entwicklern, um sich etwas mehr Zeit für den Feinschliff zu verschaffen. Es sei ja schließlich die eigene Vision, "eine neue Marke zu schaffen, deren Welt und Heldin Spieler auf der ganzen Welt über Jahre hinweg in ihren Bann ziehen." Das bedeutet jetzt natürlich nicht zwangsläufig, dass Forspoken auch Live-Service-Elemente bekommt. Es klingt aber schon mal verdächtig so. Und es passt auch ins Gesamtbild. Mikrotransaktionen wurden ja schließlich auch schon indirekt bestätigt. In der offiziellen Alterseinstufung des Action-RPGs ist neben Gewalt und Schimpfworten auch von In-Game-Käufen die Sprache. Deshalb gibt es nur ein "M" für Mature, also eine Freigabe ab 17 Jahren aufwärts.

Schuster, bleib bei deinen Leisten!

Das stimmt mich jetzt nicht besonders optimistisch. Und das ist furchtbar schade, denn Square Enix kann doch gute Spiele. Das hat man doch erst in der jüngeren Vergangenheit gesehen. Schaut euch doch nur mal Guardians of the Galaxy von Eidos Montreal an: kein Multiplayer, keine Mikrotransaktionen, keine DLCs. Dafür eine tolle Geschichte, die am Ende des Jahres sogar mit einem Game Award ausgezeichnet wurde. Das Ding hat sich laut Berichten diverser Branchen-Insider und Analysten auch eine bis anderthalb Millionen Mal verkauft. Und so den Grundstein für ein mögliches Sequel oder gleich eine ganze Franchise gelegt, mit dem sich dann ja auch langfristig Geld verdienen ließe.

Guardians of the Galaxy holte sich bei den Game Awards 2021 den Preis in der Kategorie 'Best Narrative'. Quelle: PC Games Hardware Guardians of the Galaxy holte sich bei den Game Awards 2021 den Preis in der Kategorie "Best Narrative". Oder man macht es eben wie bei Final Fantasy 14. Also, natürlich wie in der neuen Version von 2013 A Realm Reborn. Das hat als Online-Rollenspiel auch einen Live-Service-Charakter, aber eben in gut. Weil es sich eben an der bewährten Formel orientiert: Im Story-Department gehört A Realm Reborn zum Besten was der MMORPG-Sektor zu bieten hat, mit nachvollziehbaren Charaktere, unerwarteten Twists und schicker Inszenierung, die auch mal auf die Tränendrüse drückt. Und in Sachen Gameplay bedient man sich großzügig an der Feature-Vielfalt der Einzelspieler-Vorbilder und begräbt den Spieler unter einer regelrechten Lawine an Beschäftigungen: Raids, Dungeons, PvP-Kämpfe, Quests, Berufe, Haustiere, Angeln, Jagen, Housing, ein Deck-Builder-Sammelkartenspiel. Kein Wunder, dass die Welt von Eorzea mit 2,5 Millionen Spielern mittlerweile WoW überholt hat.

Zwischenzeitlich musste sogar der Verkauf der neuesten Erweiterung "Endwalker" vorübergehend gestoppt werden, weil die Server des Spiels total überlastet waren! So kann es gehen, wenn man sich mal wieder auf die eigenen Qualitäten besinnen würde, die einen über Jahre hinweg ausgezeichnet haben. Auf Dinge, die einem liegen. Und das ist bei Square Enix eben kein billiger Online-Shit, der uns möglichst viel Geld aus der Taschen ziehen soll, sondern toll erzählte Geschichten und immersive Welten mit packendem Gameplay. So wie in Deus Ex. Also macht da gefälligst mal nen neuen Teil. Da warte ich seit dem Ende von Mankind Divided auch schon wieder fast acht Jahre drauf!

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