Star Citizen und die CitizenCon 2017: Der Wendepunkt einer langen Reise durchs All

Special Michael Cherdchupan Benedikt Plass-Fleßenkämper Peter Bathge
Star Citizen und die CitizenCon 2017: Der Wendepunkt einer langen Reise durchs All
Quelle: Cloud Imperium Games

Seit über fünf Jahren reist das Weltraum-Epos Star Citizen durch die unendlichen Weiten der Spieleindustrie - und schien sich das eine oder andere Mal verirrt zu haben. Die Präsentationen auf der CitizenCon 2017 deuten aber einen einschneidenden Wendepunkt für das wahnsinnige Großprojekt an.

Der Star Citizen-Release war mal für 2017 geplant. Squadron 42, die Singleplayer-Kampagne, sollte ursprünglich mal im auslaufenden Jahr erscheinen. Selbst das fertige Online-Universum wurde vor gefühlten Äonen mal mit diesem Jahr in Verbindung gebracht. Geworden ist daraus nichts, das aktuell größte PC-Projekt hat weiterhin keinen Releasetermin. Immerhin soll es Ende 2017 Squadron 42-News geben - und auf der diesjährigen Star Citizen-Messe CitizenCon stimmten die Fortschritte von Designer Chris Roberts und seinem Team bei Cloud Imperium Games viele Skeptiker zuversichtlich. Wir haben Autor Michael Cherdchupan losgeschickt, um Impressionen von der Hausmesse zu sammeln.

Anmerkung: Dieser Artikel wurde in der Print-Ausgabe PC Games 12/16 veröffentlicht.

Ende Oktober 2017: Das Capitol-Theater in Frankfurt ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Auf den Sitzen warten langjährige Unterstützer von Star Citizen darauf, dass die Eröffnungsveranstaltung der diesjährigen CitizenCon endlich startet. Die Verzögerung beträgt bereits eine Stunde, als sich eine Dame durch den Vorhang schlängelt.

Es ist Sandi Gardiner, die Mitgründerin von US-Entwickler Cloud Imperium Games und Ehefrau von Spieledesignerlegende Chris Roberts. Das Publikum erkennt sie sofort und begrüßt sie mit tosendem Applaus. Gardiner entschuldigt sich für die Verspätung; es habe beim Einlass der Gäste logistische Schwierigkeiten gegeben. Man kann ihr ansehen, dass sie vor Freude fast platzt.

In letzter Minute habe sie sich noch dazu entschieden, an der CitizenCon teilzunehmen und den langen Flug aus den USA auf sich zu nehmen, weil sie es trotz des stressigen Zeitplans nicht erwarten kann, gemeinsam mit dem Team die neuen Entwicklungen von Star Citizen vorzustellen. Eine gute Entscheidung, denn der Ärger um die Verspätung des Programms ist schnell vergessen. Die CitizenCon 2017 sollte mit so vielen beeindruckenden Neuerungen aufwarten, dass sich selbst für Skeptiker das Warten gelohnt hat.

Star Citizen-Report: Neue Vorgehensweisen

Grafisch gehört die Star Citizen-Präsentation zum Anspruchsvollsten, was sündhaft teure High-End-PCs aktuell auf den Bildschirm bringen können. Quelle: Cloud Imperium Games Grafisch gehört die Star Citizen-Präsentation zum Anspruchsvollsten, was sündhaft teure High-End-PCs aktuell auf den Bildschirm bringen können. Im Fokus der Veranstaltung steht die kommende Alpha 3.0, die zu diesem Zeitpunkt in der Evocatiphase befand. Abgeleitet vom lateinischen Begriff "Evocatio" handelt es sich hierbei um etwa 800 ausgewählte Spieler, welche die Version ausführlich testen. Sie unterstehen einer Schweigepflicht und dürfen während der Testphase nichts an die Öffentlichkeit tragen. Konkrete Zeitangaben zum Release möchte Cloud Imperium Games zudem in Zukunft vermeiden, um bei eventuellen Verschiebungen die Spieler nicht erneut enttäuschen zu müssen. Nach dem Start von Alpha 3.0 soll sich der Veröffentlichungszyklus von Updates allerdings entscheidend ändern: Neuerungen werden pro Quartal veröffentlicht - und das zu festen Terminen. Was aus der Roadmap bis dahin fertig ist, wird ohne Umschweife im Patch landen. Damit möchte man Phasen langer Funkstille unterbinden.

Darüber hinaus markiert die CitizenCon 2017 auch über das Spiel hinweg einen wichtigen Wendepunkt. In der Vergangenheit stand Chris Roberts bei der öffentlichen Präsentation sehr im Vordergrund. Ein Großteil der Kommunikation lief über ihn. Das erweckte den Eindruck, er stellte sich zu sehr in den Mittelpunkt. Roberts will dies ändern und überlässt nun den Verantwortlichen verschiedenster Abteilungen des Spielestudios die Bühne. Er eröffnet und schließt die Veranstaltung zwar, doch dazwischen sprechen Experten verschiedenster Kategorien über ihre Arbeit. So wird deutlich, dass Star Citizen eine internationale Teamarbeit von Hunderten von Programmierern und Künstlern ist. Dieser neue Programmansatz ist längst überfällig gewesen und wird von den Fans mit offenen Armen begrüßt.

CitizenCon 2017: Der dringend nötige Wendepunkt

Star Citizen befindet sich seit 2013 in Entwicklung und die bisherige Reise von fast fünf Jahren hat extreme Reaktionen in der Welt der Computerspiele hervorgebracht. Zunächst sind da die Neider - allen voran US-Entwickler Derek Smart, der die Jahre zuvor mit seinen eigenen Weltraumspielen gescheitert ist. Den meisten wird er dank Titeln wie Battlecruiser 3000AD (1996) und Universal Combat (2004) ein Begriff sein. Die waren ähnlich ambitioniert wie Star Citizen, doch sie erreichten nie eine für Spieler zugängliche Form. Auch der letzte Versuch namens Line of Defense aus dem Jahr 2014 kam nicht in ein spielbares Stadium.

Sicherlich verflucht Smart im Stillen auch Kollegen wie David Braben und Sean Murray, die mit Elite Dangerous oder No Man's Sky in jüngerer Vergangenheit (mehr oder weniger) funktionierende Spiele auf die Beine gestellt haben. Doch Star Citizen war mit seiner Mammutkampagne ein leichtes Ziel und wurde zur Zielscheibe zahlreicher Kritiker, die einen wahren Glaubenskrieg heraufbeschworen. Das ging sogar bis zur Sabotage der Fundingwebsites von Star Citizen und persönlichen Angriffen auf die Familie von Chris Roberts. Dessen Ehefrau zog sich für eine Weile aus Social-Media-Kanälen zurück, nachdem man dem Paar angebliche rassistische Äußerungen gegenüber Mitarbeitern vorwarf. Sogar die Adressen der Kinder von Roberts und Gardiner wurden öffentlich gemacht. Man sollte meinen, dass Star Citizen bloß ein Spiel ist. Angesichts dessen ist die pure Zerstörungswut und der blanke Hass, den es bei manchen Menschen hervorruft, unbegreiflich.

Auf der CitizenCon war bereits ein winziger Ausschnitt von Alpha 3.0 spielbar. Chris Roberts und Ehefrau Sandi Gardiner beantworteten die Fragen der Spieler. Quelle: Medienagentur plassma / Michael Cherdchupan Auf der CitizenCon war bereits ein winziger Ausschnitt von Alpha 3.0 spielbar. Chris Roberts und Ehefrau Sandi Gardiner beantworteten die Fragen der Spieler. Dann sind da die ewigen Kritiker, die nicht müde werden, jedes noch so kleine Wort bei jeder Präsentation zum Spiel auf die Goldwaage zu legen. Man kann es ihnen nicht verübeln, denn bei einem Crowdfundingprojekt mit einem Budget von 160 Millionen US-Dollar und mittlerweile 470 Mitarbeitern sollte man Fragen stellen dürfen. Chris Roberts gerät bei Interviews oft ins Träumen und schüttet eine Wundertüte glitzernd-leuchtender Versprechungen aus, die einfach zu gut klingen, um wirklich wahr zu sein. Schließlich soll ein ganzes Universum im persistenten Multiplayer erfahrbar sein.

Ein ganzes verdammtes Universum! Mit einem Detailgrad, den noch niemand zuvor gesehen hat. Dazu gibt's noch mit Squadron 42 eine fett inszenierte Singleplayerkampagne voller bekannter Schauspieler obendrauf. Den Versprechungen stehen die Probleme zu Beginn der Produktion gegenüber, als viele Arbeitsfortschritte leider wieder verworfen werden mussten. Bekannte Designer haben dem Projekt nach kreativen Differenzen den Rücken gekehrt und es wurden Unkenrufe laut, Cloud Imperium Games verbrenne das Budget ohne Sinn und Verstand.

  1. Seite 1 Star Citizen-Preview: Die CitizenCon 2017
  2. Seite 2 Star Citizen-Preview: Wahnsinniger Stadtplanet
  3. Seite 3 Star Citizen-Preview: Quantum-Reisen und Housing
  4. Seite 4 Star Citizen Preview: Faceware und Alien-Sprachen
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