Streets of Rage 4 im Test: Die Wiederauferstehung eines totgeglaubten Genres - Update mit Testvideo

Test Christian Dörre
Streets of Rage 4 im Test: Die Wiederauferstehung eines totgeglaubten Genres - Update mit Testvideo
Quelle: PC Games

Streets of Rage gehört zweifellos zu den beliebtesten Mega-Drive-Marken, doch nach der Trilogie auf Segas 16-Bit-Konsole wurde die Serie nicht mehr fortgeführt. Nach 26 langen Jahren des Wartens bekommen Fans aber nun endlich einen neuen Teil der Kult-Brawler-Reihe. Wir haben uns durch die Straßen von Wood Oak City geprügelt und verraten euch in unserem Test, warum Streets of Rage 4 nicht nur eine würdige Fortsetzung, sondern ganz einfach ein verdammt gutes Spiel ist.

Egal, ob man die Spiele nun Sidescroll-Beat-em-Ups, Brawler oder Rumms-Bumms-Wusel-Dusel nennt, Games in denen man von links nach rechts läuft, um Fieslinge zu verhauen, sind heutzutage fast ausgestorben. Dabei war das Brawler-Genre Ende der 80er bis Mitte der 90er unglaublich beliebt. Klassiker wie Capcoms Final-Fight-Reihe, Turtles in Time von Konami oder Segas Streets-of-Rage-Trilogie sind interessierten Gamern auch heute noch ein Begriff.

Umso schöner ist es, dass zumindest letztgenannte Reihe, die auf dem Mega Drive Kultstatus erreichte, nun in Form eines neuen Teils ihr Comeback feiert. Und das ganze 26 Jahre nachdem die Protagonisten Axel Stone, Blaze Fielding, Skate Hunter und Dr. Gilbert Zan in Part 3 zuletzt das Verbrechersyndikat des fiesen Mr. X in Wood Oak City lahmlegten.

Streets of Rage 4 (jetzt kaufen 31,59 € ) steht also nun vor der Aufgabe, den Fans von damals das zu geben, was sie erwarten, die Reihe aber sowohl spielerisch als auch technisch in die heutige Zeit zu bringen. Kann das nach all den Jahren gelingen? Und dann auch noch, wenn das Spiel nicht von Sega, sondern von den Indie-Studios DotEmu, LizardCube und Guard Crush Games entwickelt wurde? Die Antwort ist ein klares Ja. DotEmu und Partner zeigen mit SoR 4, dass das Brawler-Genre auch heute noch funktionieren kann und mit genügend Kreativität bei den Machern sogar absolut zeitlos ist.

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Guter Trash

Die charmant trashige Story wird anhand von handgezeichneten Bildern erzählt. Quelle: PC Games Die charmant trashige Story wird anhand von handgezeichneten Bildern erzählt. Damit die Protagonisten in Streets of Rage 4 keine Greise sind, welche die Gegner mit Gehhilfen und Sauerstoffflaschen verhauen, entschieden sich die Entwickler dafür, die Story nur zehn Jahre nach Part 3 spielen zu lassen. Lange Zeit war es friedlich, doch nun erhebt sich ein neues, noch mächtigeres Syndikat, Gangster ziehen prügelnd durch die Straßen und korrupte Cops schlagen um sich. Dahinter steckt nicht etwa wieder der böse Mr. X, sondern seine Kinder, die Y-Zwillinge. Mr. Und Miss Y wollen das Werk ihres Vaters vollenden. Das können die Helden aus Wood Oak City natürlich nicht einfach so mitansehen und stellen sich zum Kampf.

Ja, die Story ist unfassbar trashig, aber auch so doof, dass sie irgendwie liebenswert ist. Zudem orientieren sich die Entwickler hier eben auch klar an den B-Movie-Geschichtchen der Vorgänger, die schon damals nicht ganz so bierernst gemeint waren. Dafür wird die Story in Teil 4 aber klar besser erzählt als in den vergangenen Teilen. Cool aussehende, handgezeichnete Bilder erklären einem, wie die Helden zur nächsten Stage gelangen und warum sie überhaupt dort sind. Mehr braucht man auch nicht, schließlich will man einfach nur schnell zurück auf die virtuellen Straßen, um noch mehr kriminelles Gesindel zu verhauen.
Im Verlaufe des Abenteuers treffen Fans auf einige alte Bekannte. Quelle: PC Games Im Verlaufe des Abenteuers treffen Fans auf einige alte Bekannte.

Alte Bekannte, neue Gesichter

Wie schon in der Mega-Drive-Trilogie dürft ihr wieder zwischen verschiedenen Kämpfern wählen. Zur Auswahl stehen diesmal fünf Heroen. Neben den Serien-Urgesteinen Axel Stone und Blaze Fielding stehen euch auch die Neulinge Cherry Hunter sowie Floyd Iraia zur Verfügung. Nach einigen Stages schaltet ihr zudem Adam Hunter frei, der sich in Teil 1 bereits gegen Mr. X stellte und dafür im zweiten Part von diesem entführt wurde.

Alle Charaktere haben verschiedene Stärken und Schwächen, die sich teils deutlich auf die Spielweise auswirken. Muskelberg Floyd ist beispielsweise super stark und kann sogar zwei Gegner auf einmal packen und sie dann gegeneinanderschlagen. Allerdings ist er auch viel langsamer als seine Kollegen und kann somit schlechter ausweichen. Cherry Hunter hingegen ist super schnell und kann mehr Angriffe miteinander verketten als der Rest der Truppe, dafür steckt aber auch nicht sonderlich viel Power hinter ihren Schlägen und Tritten. Axel, Blaze und Adam sind da etwas ausgeglichener mit kleineren jeweiligen Unterschieden bei Kraft, Schnelligkeit und Kombos.

Sämtliche Charaktere unterscheiden sich in ihrer Spielweise. Cherry ist super schnell, aber dafür teilt Grobian Floyd mächtig aus. Quelle: PC Games Sämtliche Charaktere unterscheiden sich in ihrer Spielweise. Cherry ist super schnell, aber dafür teilt Grobian Floyd mächtig aus. Moment mal, Kombos? Ja, richtig gehört, das Kampfsystem wurde ein wenig überarbeitet, damit es nicht mehr ganz so simpel daherkommt wie noch in den Neunzigern. In den alten Teilen drückte man einfach nur auf die Angriffstaste, bis die jeweilige Schlagsalve des Kämpfers abgefeuert war. Der Gegner fiel dann hin und die Kombo war somit beendet. Bei den meisten Widersachern reichten die Schläge jedoch nicht, um sie zu besiegen, sodass sie eben wieder aufstanden.

Nun kann man jedoch diese Standard-Schlag-Kombo der Kämpfer mit weiteren Angriffen verknüpfen, indem man beispielsweise noch Sprungkicks folgen lässt oder die wegfliegenden Gegner noch kurzzeitig in der Luft mit Schlägen malträtiert. Doch keine Sorge, das in klassischen Beat em Ups verhasste Juggeln klappt nur, wenn man Attacken gut verkettet und dann auch nur für ein paar Schläge. Es ist also nicht übermächtig.

Besonders spaßig ist auch der Einsatz von verschiedenen Waffen. Es gibt nun auch viel mehr Items, mit denen man die Gegner verprügeln kann. Neben Klassikern wie Baseballschlägern, Metallrohren oder Messern dürft ihr auch beispielsweise Straßenschilder, Säurefläschchen oder Bumerangs aufsammeln und einsetzen. Toll ist es auch, dass man nun gezielter als in den alten Teilen die Waffen werfen kann, da die Aktion nun auf einer eigenen Taste liegt. Das Spaßigste daran ist aber, dass die Waffen zurückprallen und man sie aus der Luft wieder auffangen kann, um sie direkt wieder einem Gegner ins Gesicht zu schleudern. Auch so kann man Attacken verketten und obendrein ist es extrem lustig, einem Gangster einen Wischmopp an den Kopf zu werfen.

Sammelt ihr Sterne, dürft ihr damit mächtige Spezialattacken ausführen. Quelle: PC Games Sammelt ihr Sterne, dürft ihr damit mächtige Spezialattacken ausführen. Zudem kann man nun auch Gegner von Hindernissen zurückprallen lassen oder sie mit den Koop-Partnern hin und her kicken. Als wäre das nicht genug, hat natürlich jeder der Charaktere individuelle Spezialattacken. Drückt man nur auf die Special-Taste nutzt man eine wuchtige Defensiv-Attacke, die einem im Gegnergewühl Platz verschafft. Drückt man dabei noch nach rechts, führt man hingegen einen gezielten offensiven Angriff aus, der sich besonders bei Bosskämpfen anbietet. Diese Aktionen verbrauchen jedoch Lebensenergie. Man sollte sie also mit Bedacht einsetzen.

Mit in den Levels gesammelten Sternen darf man jedoch weitere Spezial-Attacken einsetzen, die noch mehr Schaden verursachen. Die Aktionen sind natürlich je nach Charakter vollkommen unterschiedlich. Während ein Axel wie schon damals feurige Punches und Kicks austeilt, nutzt eine Cherry Hunter ihre mitgeführte E-Gitarre, um die Schurken zu verhauen. Das sieht cool aus und macht richtig Laune. Überhaupt ist das Kampfsystem so motivierend, so eingängig und so spaßig, dass man sich den Handlangern der Y-Zwillinge immer wieder gerne entgegenstellt.
Wie schon die Vorgänger macht auch Streets of Rage 4 im Koop-MModus am meisten Spaß. Quelle: PC Games Wie schon die Vorgänger macht auch Streets of Rage 4 im Koop-MModus am meisten Spaß.

Auf den Punkt gebracht

Das Kampfsystem sieht aber nicht nur gut aus und macht Laune. Wer gut kämpft, bekommt auch Punkte dafür. Eure Punkte steigen sowohl durch Kombos als auch durch einsammelbare Gegenstände wie Geldbündel oder auch Heil-Items wie Äpfel oder Hühnchen. Ab einer gewissen Punktzahl bekommt man dann ein Extraleben. Das ist ganz klassisch, aber in Streets of Rage 4 tatsächlich noch mehr wert als in den Vorgängern.

Je nach Schwierigkeitsgrad (insgesamt fünf an der Zahl) startet ihr nämlich die Stage mit einer bestimmten Anzahl Leben. Auf Normal sind dies drei Stück, was gerade für Solo-Spieler schon mal knapp sein kann. Im Gegensatz zu den Mega-Drive-Originalen könnt ihr keine erhaltenen Bonus-Leben mit in die nächste Stage nehmen. Die Anzahl der Lebensbalken hat nach Abschluss der Stage nur Auswirkungen auf euren Highscore. Im normalen Story-Modus dürft ihr die Level bei einem Game Over aber natürlich noch mal starten, allerdings von Beginn an und nicht wie damals an der gleichen Stelle, an der man scheiterte.

Dafür darf man sich aber auch zusätzliche Leben und Spezialattacken geben, bekommt dafür aber am Ende weniger Punkte. Im Arcade-Modus hat man hingegen keine Credits, darf aber Bonusleben mitnehmen. Das neue Leben- und Credit-System ist erstmal gewöhnungsbedürftig, trägt aber zum insgesamt guten Balancing des Spiels bei. So hat man zwar nun viel mehr Möglichkeiten, Verbrechervisagen zu zertrümmern, doch die Fieslinge haben auch mehr drauf als die Gegner in den alten Teilen.

Im Verlaufe der Kampagne trefft ihr auf viele neue Gegnerarten wie beispielsweise diese Kameraden mit Energieschild. Quelle: PC Games Im Verlaufe der Kampagne trefft ihr auf viele neue Gegnerarten wie beispielsweise diese Kameraden mit Energieschild. Die altbekannten Punks sind nun ein wenig schneller und stürmen öfter auf euch zu, um euch wegzuwerfen. Die Donovan-Glatzköpfe hingegen sind oft bewaffnet und kontern Sprungattacken, während die Feuer speienden Big-Ben-Fettsäcke nun agiler sind, sodass man ihnen nicht mehr ganz so einfach ausweichen kann. Hinzu kommen noch einige neue Gegnerarten. So bekommt ihr es beispielsweise Luftsprünge machenden Millennials, dicken Judoka, Cops mit Elektroschocker oder Sondereinheiten mit Energieschildern und Knüppeln zu tun.

Genau wie die Vorgänger ist auch Streets of Rage 4 kein sonderlich komplexes Spiel, aber bei jeder Gegnerart gibt es einen bestimmten Kniff, wie man sie besiegen kann. Dadurch spielt sich der Titel schön abwechslungsreich. Da die Fieslinge nicht nur mehr auf dem Kasten haben als früher, sondern auch noch zahlreicher sind als in den Originalen gleicht sich das gut aus mit den erweiterten Fähigkeiten der Helden.

So gut das Balancing aber auch ist, man muss klar sagen, dass der Titel auf den Koop-Modus ausgelegt ist. Solospieler werden ab dem dritten Schwierigkeitsgrad in der zweiten Spielhälfte fast schon überrannt. Hier unterscheidet sich Teil 4 also nicht von den Vorgängern, die auch schon mit einem weiteren Mitspieler am meisten Spaß machten. In SoR 4 darf man sich im lokalen Couch-Koop nun sogar zu viert durch die insgesamt zwölf Stages prügeln, bis man nach etwa eineinhalb bis zwei Stunden den letzten Boss besiegt hat. Im Online-Koop darf man allerdings nur zu zweit gegen die Gangster der Y-Twins antreten.
In manchen der zwölf Stages darf man Objekte in der Umgebung zum Vorteil nutzen. Quelle: PC Games In manchen der zwölf Stages darf man Objekte in der Umgebung zum Vorteil nutzen.

Fan-Service par excellence

Als Streets of Rage 4 vor etwa drei Jahren angekündigt wurde, störten sich einige Fans am neuen Grafikstil. Statt wie die Vorgänger (damals natürlich technisch bedingt) auf 16-Bit-Sprites zu setzen, entschied sich DotEmu - wie schon bei Wonder Boy: The Dragon's Trap - für eine handgezeichnete Comic-Optik. Nach wenigen Minuten mit Streets of Rage 4 wird aber auch der größte Nörgler zugeben müssen, dass die neue Grafik zum Spiel passt wie Axels Faust auf Barbons Auge.

Die Stages sind allesamt wunderbar detailliert und bieten abwechslunsgreiche Settings. Quelle: PC Games Die Stages sind allesamt wunderbar detailliert und bieten abwechslunsgreiche Settings. Sowohl die Protagonisten als auch die Gegner sehen absolut super aus. Die Hintergründe sind wunderschön detailliert und die Animationen sind unglaublich geschmeidig. Fans, die die Augen offen halten, erkennen immer wieder kreativ versteckte Anspielungen auf die Vorgänger und überhaupt sprühen die Stages nur so vor Liebe zum Detail. Alles wirkt wie aus einem Guss. So schön die Entwickler das Spiel aber auch gestaltet haben, ein bisschen Kritik müssen wir anbringen: Einige Stages sind etwas zu kurz und die Bosse sind - gerade im Vergleich zu den Vorgängern - ein wenig lahm. So gut es DotEmu, LizardCube und Guard Crush Games auch gelingt, die Essenz der Original-Trilogie in die Gegenwart zu bringen und mit modernen Elementen aufzuwerten, hier bleibt etwas Potenzial auf der Strecke.

Dafür müssen wir den sonstigen Fan-Service aber auch klar hervorheben. So gelang es DotEmu nicht nur Yuzo Koshiro und Motohiro Kawashima, die Komponisten der alten Teile, auch für den Soundtrack zu Streets of Rage 4 zu gewinnen, es lässt sich in den Optionen sogar die Original-Musik von SoR 1 und 2 aktivieren. Man sollte dem neuen Soundtrack jedoch eine Chance geben, denn Koshiro, Kawashima und viele weitere Musiker haben richtig coole Beats komponiert, die einen antreiben und es so gleich noch schöner machen, ein paar Fieslingen in die Kauleiste zu schlagen.

Wer fleißig Punkte einsackt, schaltet nach und nach klassische Charaktere aus den ersten drei Teilen frei. Quelle: PC Games Wer fleißig Punkte einsackt, schaltet nach und nach klassische Charaktere aus den ersten drei Teilen frei. Zudem kann man sogar sämtliche in den Vorgängern spielbare Charaktere (selbst Shiva) in ihrer ganzen glamourösen Pixel-Optik inklusive alter Spezialattacken freischalten und auch der Battle Mode ist wieder mit an Bord. In diesem Modus treten die Helden entweder im 1-gegen-1 oder im Zweier-Team gegeneinander an. An die spielerische Tiefe klassischer Fighting Games kommt der Modus natürlich nicht ran, aber zwischendurch macht er durchaus mal Laune. Der Battle Mode ist allerdings ein reiner Multiplayer-Modus. Solo gegen KI-Helden darf man leider nicht antreten.

Das ist aber nur ein minimaler Kritikpunkt. Streets of Rage 4 gelingt der Spagat zwischen Oldschool-Flair und frischen Gameplay-Elementen unfassbar gut. Fans der Mega-Drive-Trilogie bekommen endlich eine mehr als würdige Fortsetzung der Kult-Reihe, doch auch jüngere Zocker werden aufgrund der coolen Optik und des simplen, aber großartigen Gameplays ihre Freude an dem Brawler haben.

Meinung und Wertung

Meinung

Wertung zu Streets of Rage 4 (PC)

Wertung:

9.0 /10

Wertung zu Streets of Rage 4 (PS4)

Wertung:

9.0 /10

Wertung zu Streets of Rage 4 (NSW)

Wertung:

9.0 /10

Wertung zu Streets of Rage 4 (XBO)

Wertung:

9.0 /10
Pro & Contra
Super spaßiges, motivierendes KampfsystemWunderschöne OptikHerrlich geschmeidige AnimationenFantastischer Fan-ServiceToller, antreibender SoundtrackFür einen Brawler recht umfangreichHoher WiederspielwertLokaler Vier-Spieler-Modus
Einige Stages sind ziemlich kurzBosse sind recht lahmOnline nur Zweier-Koop möglich
Fazit

Ein super spaßiger Brawler und eine mehr als würdige Fortsetzung der Kult-Reihe.

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