Vom Nerd-Buchtipp zum Massenphänomen: Wie The Witcher zu einer der wichtigsten Marken der Welt wurde
Special
Pleiten, Pech und große Erfolge: Die Geschichte von CD Projekt Red und The Witcher hätte selbst Autor Andrzej Sapkowski kaum besser schreiben können. In unserem Report beleuchten wir, wie The Witcher vom Fantasy-Roman zur Kultmarke erwuchs.
Am 20. Dezember 2019 startete die Fantasy-Serie The Witcher beim Streamingdienst Netflix. Fans von CD Projekt Reds Rollenspielreihe kannten die Geschichten des Hexers Geralt von Riva bereits. Für das breite Fernsehpublikum aber war The Witcher etwas Neues - und offenbar genau das Richtige für den nahenden Weihnachtsurlaub.
The Witcher (jetzt kaufen ) avancierte für Netflix zu einem Riesenerfolg: Die erste Staffel war laut offiziellen Angaben die beliebteste TV-Show des Jahres 2019 und erreichte allein im ersten Monat 76 Millionen Views - also Zuschauer, die wenigstens zwei oder mehr Minuten zuschauten. Was viele bis dato nicht wussten: The Witcher basiert auf den Büchern des polnischen Fantasy-Autors Andrzej Sapkowski, genauer gesagt auf den Kurzgeschichtenbänden "Der letzte Wunsch" und "Das Schwert der Vorsehung".
Aus den kreativen "Fingerübungen" eines einstigen Handelsvertreters erwuchs eine der bekanntesten Marken im Unterhaltungsgeschäft. Das Interessanteste daran: Der Erfolg verbindet Film- beziehungsweise Serien- und Videospielgeschäft miteinander. Die erste Staffel der Netflix-Serie katapultierte nämlich auch das bereits 2015 veröffentlichte The Witcher 3: Wild Hunt zurück in die Charts. Geralt von Riva ist im Entertainment-Olymp angekommen. Dabei will der Hexer doch eigentlich so gar nicht in den Mainstream passen.
Quelle: CD Projekt
Hättet ihr ihn erkannt? Monsterjäger Geralt von Riva sah im ersten Ableger der The-Witcher-Serie längst noch nicht so cool und heldenhaft aus wie in späteren Teilen.
Die etwas andere Fantasy
Um dem Erfolgsrezept von The Witcher auf die Spur zu kommen, müssen wir natürlich bei der Vorlage beginnen. Andrzej Sapkowski, geboren am 21. Juni 1948, ist kein gelernter Schriftsteller, sondern eigentlich studierter Wirtschaftswissenschaftler, der später unter anderem als Handelsvertreter arbeitete. In seiner Freizeit allerdings las er viel und hatte ein besonderes Faible für Fantasy-Romane.
Sein Stil jedoch ist - im Gegensatz zu klassischen Fantasy-Werken - geprägt durch die teils satirische Neuinterpretation von Sagen und Mythen, von Gesellschaftskritik und gelegentlich sogar bitterbösem Humor. Aus seiner Feder stammen die besagten zwei Kurzgeschichtenbände sowie die aus fünf Büchern bestehende Geralt-Saga, die den Hexer Geralt von Riva in den Mittelpunkt rücken. Sapkowskis ungewöhnlicher Fantasy-Ansatz passte Anfang der 1990er perfekt in den Zeitgeist Polens und verschaffte ihm später auch internationale Anerkennung.
Geschäft mit Lokalisierungen
Nachdem wir jetzt den Autor hinter dem 1990 als "Wiedźmin" gestarteten The-Witcher-Universum kennen, widmen wir uns CD Projekt Red. Die Schulfreunde Marcin Iwinski und Michal Kicinski gründeten 1994 das Unternehmen CD Projekt (kurz: CDP.pl). Beide interessierten sich seit Kindestagen für Videospiele: Iwinski verkaufte gecrackte Spiele auf Warschauer Märkten, Kicinski arbeitete später in einem Videospielladen.
Doch CD Projekt Red startete nicht als Zwei-Mann-Entwicklerstudio. Anfangs spezialisierten sich Iwinski und das Team auf das Lokalisieren von westlichen Spielen. Das Geschäft mit Eigenentwicklungen war aufgrund der noch stark verbreiteten Software-Piraterie-Szene zu heikel. Eine richtige Entscheidung! Der erste Achtungserfolg kam mit der Lokalisierung des Grafik-Adventures Ace Ventura. Der Durchbruch glückte schließlich mit dem Rollenspiel Baldur's Gate von Interplay: Für das 1998 erschienene Spiel heuerte das Team professionelle polnische Sprecher an und packte obendrein Extras wie eine Karte in die Packung. Das hob die lokalisierte Version hervor und bescherte dem Unternehmen einen gewaltigen Erfolg. Am ersten Tag verkaufte sich die polnische Variante 18.000 Mal.
Quelle: Moby Games
Bei der Namensgebung seiner Pferde ist Geralt von Riva denkbar unkreativ. Er nennt nämlich jedes seiner Reittiere Plötze (im Englischen „Roach“).
Lizenzkauf und Rechtsstreit mit dem Hexervater
Eigentlich hätte die Firma im Nachgang auch die PC-Portierung zum Konsolen-Hit Baldur's Gate: Dark Alliance für Interplay übernehmen sollen. Dummerweise geriet Interplay in finanzielle Schwierigkeiten, und so wurde das Projekt abgebrochen. Zu diesem Zeitpunkt mussten Iwinski und Kicinski eine wichtige Entscheidung treffen: Fremde Spiele lokalisieren und vertreiben oder eigene entwickeln? Ihr kennt die Antwort.
Schon 2002 gründete man ein erstes Entwicklerstudio - CD Projekt Red in Lodz unter der Führung von Sebastian Zielinski. Das Team hatte bereits damals ein Auge auf die Werke von Andrzej Sapkowski geworfen. Zwar lagen die Rechte für ein The-Witcher-Spiel bei einem anderen Studio, jedoch wurden sie nicht genutzt. CD Projekt Red sicherte sich diese Lizenz für einen aus heutiger Sicht geringen Preis. Wie Zielinski später erklärte, bezahlte man lediglich 35.000 Zloty (umgerechnet etwa 8.500 US-Dollar) - und das auch noch in zwei Raten.
Zielinski erklärte sogar, dass sich Sapkowski zunächst weigerte, den ersten Vertragsentwurf zu unterschreiben, da dort nicht "Geralt" sondern "Gerald" als Hauptcharakter aufgeführt wurde. Überhaupt ist der 71-jährige Autor kein großer Freund von Videospielen. Er äußerte in Interviews immer wieder, dass ihn dieses Medium nicht interessiere. Dass er damals die Lizenz einfach aus den Händen gab, erachtet er inzwischen als Fehler.
Quelle: Moby Games
Die wohl größte Stärke des Action-Rollenspiels liegt zweifellos im Storytelling. Ganz egal, ob Haupt- oder Nebenquests – CD Projekt Red versieht jede noch so kleine Aufgabe mit eigenen Handlungssträngen und interessanten Persönlichkeiten.
Gegenüber Eurogamer erklärte Sapkowski, dass ihm CD Projekt Red eine Gewinnbeteiligung angeboten habe. Doch er glaubte nicht an den Erfolg der Spiele und bestand stattdessen auf einen Fixbetrag. Über die Jahre entbrannte sogar ein Rechtsstreit zwischen CD Projekt Red und Andrzej Sapkowski, der erst im Dezember 2019 nach gleich mehreren Zahlungen seitens CD Projekt Red an den Autor beigelegt wurde.
Scheitern und wieder aufstehen
Kommen wir aber zurück zu den Videospielursprüngen der The-Witcher-Reihe. Der erste Prototyp des Action-Rollenspiels floppte gnadenlos: CD Projekt Red entwickelte innerhalb eines Jahres eine Demoversion und führte diese mehreren europäischen Publishern vor. Doch es hagelte Absagen. Infolgedessen schloss das Studio in Lodz seine Pforten, Zielinski verließ das Unternehmen und die Entwicklung begann von vorne.
Als Grundlage lizenzierte CD Projekt die Aurora Engine des kanadischen Studios Bioware, die beispielsweise bei Neverwinter Nights (2002) zum Einsatz kam. Die Entwicklung dauerte insgesamt fünf Jahre und kostete mit 20 Millionen Zloty (rund 4,6 Millionen Euro) weitaus mehr als zunächst geplant. Kein Wunder, wuchs das eigentlich aus 15 Mitarbeitern bestehende Kernteam zwischenzeitlich auf 80 bis 100 Kollegen an. Für den Vertrieb knüpfte man Bande mit Publisher Atari - und wurde letztlich für die Risiken belohnt: The Witcher war bei seiner Veröffentlichung im Jahr 2007 ein Riesenerfolg. Doch der nächste Rückschlag ließ nicht lange auf sich warten. Die überarbeitete Konsolenfassung scheiterte bereits in der Entwicklung, The Witcher: Rise of the White Wolf wurde eingestampft.
Quelle: Moby Games
In The Witcher 3: Wild Hunt ist die Spielwelt weitaus dynamischer als noch in den Vorgängerspielen. Ihr entscheidet selbst, ob ihr derartige Scharmützel aufbrecht oder sie einfach geschehen lasst.
Diese Entwicklung und die Finanzkrise 2008/2009 brachten das Unternehmen ins Straucheln. Das Team konzentrierte sich daher auf die Entwicklung des zweiten Teils und legte andere Projekte auf Eis. Zeitgleich ging man 2009 in Folge eines "Reverse Takeovers" durch den IT-Dienstleister Optimus S.A. an die Börse, was ebenfalls zusätzliche finanzielle Mittel freisetzte.
Auch in diesem Fall die richtige Entscheidung: Das Spiel auf Basis der zeitgleich neu entwickelten REDengine überzeugte, und diesmal lieferte CD Project Red im Nachgang neben der PC- auch die Konsolenversion für Xbox 360 und Playstation 3. Das Spiel toppte den Erfolg des Vorgängers - The Witcher mauserte sich zunehmend zu einer Macht im Rollenspiel-Genre. Die endgültige Krönung erfolgte aber schließlich 2015 mit dem Release des großartigen The Witcher 3: Wild Hunt.
Was macht The Witcher besonders?
Wie auch Andrzej Sapkowski später betonte, handelte es sich bei den Videospielen lediglich um Adaptionen seiner Werke. Die Autoren von CD Projekt Red setzten nämlich die Geschichte nach den Geschehnissen der Bücher an. Allerdings hielt man sich weiterhin an Motive, Ideen und Ton der Vorlage.
Das Besondere: Obwohl The Witcher in einem Fantasy-Szenario spielt und auch heutzutage noch gerne mit John R. R. Tolkiens Fantasy-Trilogie Der Herr der Ringe verglichen wird, so gibt sich die Reihe doch erwachsen und modern. Es geht also nicht um den Kampf Gut gegen Böse, sondern stärker um gesellschaftliche Probleme wie Rassismus, Ungerechtigkeit, Sexismus und andere kraftvolle Motive. Die Sprache der The-Witcher-Spiele greift ebenfalls nicht auf Mittelalter-klischees zurück, sie ist rau und mitunter schroff. Eine besondere Position nehmen Frauen ein, sowohl in den Spielen als auch in den Büchern. Denn obwohl Sex im Leben eines Hexers nicht zu kurz kommt, so spielen Frauen immer wieder wichtige Rollen und halten letztlich die Fäden in der Hand.
Einher mit diesen modernen Ideen geht natürlich das in The Witcher ausgeprägte Storytelling. Das Spiel kombiniert eine gewaltige offene Spielwelt mit Entscheidungsfreiheiten, einem schnittigen Kampfsystem und dem Mix aus Charakterentwicklung und Crafting von Tränken. Im Vergleich zu den Büchern betonen die Spiele stärker die Kämpfe, den Einsatz der magischen Zeichen und die Monsterjagd.
Der Hexer macht Politik
Mit The Witcher 3: Wild Hunt war CD Projekt Red endgültig an der Spitze der internationalen Entwicklerszene angelangt. Vorbei die Zeiten, in denen man "nur" gute Spiele entwarf. Dank The Witcher 3 stand das polnische Unternehmen plötzlich auf einer Stufe mit großen US-Studios wie Naughty Dog oder Rockstar Games. CD Projekt Red erwies sich zudem als echter Exportschlager, den auch die polnische Regierung immer wieder als Vorzeigeunternehmen präsentierte.
2011 überreichte der damalige polnische Ministerpräsident Donald Tusk dem US-Präsidenten Barack Obama als Gastgeschenk unter anderem eine handsignierte Collector's Edition von The Witcher 2. Obama lobte das Spiel im Anschluss als "ein gutes Beispiel für Polens Stellung in der Weltwirtschaft". Zum Release von The Witcher 3: Wild Hunt besuchte die 2014 ins Amt gekommene polnische Ministerpräsidentin Ewa Kopacz das Hauptquartier und betonte, dass CD Projekt "das Land stolz mache". Und auch wenn wir als Spieler über die Auftritte von Staatsoberhäuptern bei Videospielentwicklern schmunzeln, so zeigt es doch den Stellenwert, den CD Projekt Red innerhalb des eigenen Heimatlandes genießt.
Quelle: Moby Games
Thronebreaker: The Witcher Tales war ursprünglich als Bonuskampagne für Gwent: The Witcher Card Game angekündigt. Später aber entschied CD Projekt Red, daraus doch ein eigenständiges und gleichermaßen komplexes Rollenspiel aus der Iso-Perspektive zu entwickeln.
Noch mehr vom Hexer
CD Projekt Red erkannte den Wert der Marke und weitete diese immer stärker aus. Damit meinen wir nicht nur Story-Erweiterungen wie Blood and Wine oder Hearts of Stone für The Wild 3: Wild Hunt, sondern Ableger wie Thronebreaker: The Witcher Tales oder Gwent: The Witcher Card Game, das inzwischen auf nahezu allen aktuellen Spieleplattformen erschienen ist. Man richtet sich mit diesem Portfolio also nicht mehr nur an Core-Videospieler, sondern greift zunehmend nach dem Mainstream.
Allerspätestens mit der überaus erfolgreichen Netflix-Serie mit "Superman" Henry Cavill in der Hauptrolle ist The Witcher an der Spitze der Entertainmentbranche angekommen und gesellt sich dort zu Größen wie World of Warcraft oder Tomb Raider. CD Projekt Red und deren Produkte profitieren ebenfalls davon: Ob das kommende Sci-Fi-Rollenspiel Cyberpunk 2077 auch ohne die "Rückendeckung" von Geralt von Riva so viel Aufmerksamkeit erhalten hätte?
Für den Moment jedenfalls sind The Witcher und CD Projekt Red aus dem Unterhaltungsgeschäft nicht mehr wegzudenken und beweisen, wie gut sich Film- und Videospielbranche miteinander verbinden lassen.
