Wasteland 2: Wasteland 2 im Test: Kickstarter-Millionen verwandeln sich in Old-School-RPG
Test
Für die auf Kickstarter eingesammelten drei Millionen Dollar verspricht uns Brian Fargo mit Wasteland 2 eine Rollenspielerfahrung wie aus der Blütezeit der Computerrollenspiele Ende der Neunziger Jahre. Plus Bedienkomfort aus dem Jahre 2014. In unserem Review erfahrt ihr, ob und wie dieses Ziel erreicht wurde.
Anno Domini 1988: Ich bin knapp sechzehn Jahre alt, die Berliner Mauer steht noch, Metallica sind eine extrem krasse Undergroundband und ich brauche eine Tube Haargel am Tag, um meine Falko-Frisur stabil zu halten. Ich sollte wohl dringend für die Schule lernen, aber meine Freizeit ist so arg beschränkt. Ich muss mit meinen Metal-Kumpels vor den fiesen Rappern an der U-Bahnhaltestelle herumlungern, Bier trinken und dabei eine coole Figur machen. Richtig gelesen, Rock- und Rapfans waren sich damals spinnefeind. Und ich muss vor allen Dingen Wasteland spielen - ein solch komplexes Rollenspiel hatte ich vorher mit Ausnahme von Ultima noch nicht gesehen. Eigentlich hatte ich ehrlich gesagt überhaupt nur sehr wenige Rollenspiele gesehen, die nicht nur aus purem Hack'n Slash bestanden.
Quelle: PC Games
Wasteland 2 im Test (2)
Fast-Forward auf 2014: Berliner Mauer schon lange weg, danke David Hasselhoff. Glaube ich. Metallica spielt "Nothing else Matters" auf Bayern 3, aber Bier trinken ist immer noch eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Die Schule dauerte Ende der Achtziger tatsächlich etwas länger, Wasteland habe ich aber damals selbstverständlich im Erscheinungsjahr noch durchgespielt. Und bin bis heute tief vom frühen Open-World Gameplay beeindruckt. Brian Fargo zauberte damals mit 64kb Hauptspeicher des Commodere C64, das es so manchem AAA-Rollenspiel heute immer noch im Vergleich an Komplexität die Schamesröte ins Gesicht treiben könnte.
Der Rest ist Geschichte: Ein Wasteland 2 kam erstmal wegen Problemen mit den Namensrechten nicht heraus, dafür entstand die Fallout-Serie in einem ähnlichen postapokalyptischen Setting. Fast 25 Jahre später aber Freude über Freude: Mit Kickstarter eröffnet eine Finanzierungsmöglichkeit für Nischenrollenspiele, wie sich solche im Gameplay vielschichtig angelegten Titel heute nennen lassen müssen.
Kaufen könnt ihr Wasteland 2 für Euren PC online auf Steam oder GoG in den Geschmackssorten Windows, Linux und Mac – aber auch beim Spielehändler Eures Vertrauens findet ihr eine dick gepackte Spielebox im Regal, die in der Sammleredition neben dickem Handbuch auch klassische Goodies wie eine Karte mitbringt.
Quelle: PC Games
Wasteland 2 im Test (3)
In die Handlung führt uns ein netter kleiner Realfilm der Marke "Sandro, Andy und Sven als Cosplayer auf dem LARP-Wochenende Wampodsreuthe" ein. Über ein Jahrzehnt nach den Ereignissen des originalen Wastelands versuchen noch immer die Rangers im postnuklearen Kalifornien für etwas Frieden und Ordnung zu sorgen, als eine Art Wüstenpolizei. Reviews, die behaupten, die Geschichte schließe direkt an Wasteland an, sind als nicht seriös zu werten und die entsprechenden Autoren in Kommentaren zu belehren. Das stand wohl falsch in der Pressemappe? Viele Quests in Wasteland 2 nehmen aber tatsächlich Bezug auf den Vorgänger von 1988, es lohnt sich durchaus, das auf gog.com neu aufgelegte und technisch aufgestrapste Original zumindest mal angespielt zu haben.
Für die zu Anfangs vierköpfige Spielerparty dürfen die Helden aus vorgefertigten Templates ausgewählt oder selbst erstellt werden. Die Unmenge an Charakterwerten und Fertigkeiten lassen kaum Wünsche offen, wie man seine Figuren gestalten möchte. Nette Funktionen wie ein dynamisches Charakterportrait und die Möglichkeit, eine eigene Hintergrundgeschichte zu hinterlegen, lassen den Hardcore-Rollenspieler strahlen.
Quelle: PC Games
Wasteland 2 im Test (4)
Die isometrische Grafik der ersten Spielszenen zeigt, auf was für einen Augenschmaus wir uns die folgenden 70 Stunden Spielzeit vorbereiten dürfen: Äh, auf einen recht begrenzten, direkt gesagt. Die alte Rollenspielerweisheit, das Grafik bei guten CRPGs neben der Geschichte eher zweitrangig ist, wird wieder mal auf die Probe gestellt. Stimmig ist sie auf jeden Fall und läuft auch mittelpotenten PCs flüssig, aber "fein texturiert und mit Unmengen Assets versehen" sieht anders aus. Macht aber nichts: Die große Menge toll geschriebener Text, die das Spiel für Beschreibungen und Dialoge bereithält, lassen vor unserem geistigen Auge eine liebevoll detaillierte Spielwelt entstehen – lesen muss man allerdings wollen, die Sprachausgabe ist nur sehr spärlich und nur auf Englisch vorhanden. Apropos Lokalisierung: Die deutsche Übersetzung ist extrem holprig bis streckenweise falsch, was wohl auch dem Umstand geschuldet ist, das sie aus einem Fanprojekt entstammt, das wenig Zeit für die Arbeit hatte. Nach Möglichkeit sollte man den Titel in Englisch genießen. Die Soundkulisse ist fantastisch gelungen – ich meine weniger die dezent eingesetzte Soundtracks, dafür aber die Umgebungsgeräusche, und vor allen Dingen den für das Spielgeschehen extrem wichtige Funkverkehr, der genutzt wird, die Geschichte zusammenzuhalten und voranzutreiben.
Unsere Abenteuer in der Wüste verlaufen in Echtzeit, bis wir in einen Kampf verwickelt werden – dann stellt sich Wasteland 2 als Rundenstrategietitel dar - mit eher rudimentären strategischen Möglichkeiten.
Quelle: PC Games
Wasteland 2 im Test (5)
Die vielen Fähigkeiten, von drei Arten Diplomatie, über Safe knacken, Chirurgie bis hin zum Reparieren von Toastern (echt jetzt!), erlauben den Entwicklern für Ihre Quests eine extreme Vielzahl von Lösungsmöglichkeiten einzubauen. Der Wiederspielwert von Wasteland 2 ist dadurch enorm hoch – keine zwei Durchgänge dürften sich gleichen, außer man zieht von Anfang an ein Walkthrough zu Hilfe, um ja nichts zu verpassen. Und selbst dann sind bestimmte Handlungsstränge parallel angelegt und erlauben pro Spielstand nur das Beschreiten eines bestimmten Pfades. Fallout, Vampire Bloodlines, Arcanum - das sind die großen Vorbilder, an die man sich anlehnt. Mit Erfolg. Ein Shadowrun Returns steckt Wasteland 2 ein paar dutzend Mal locker in den Sack.
Wer gerade beim Blick auf die Screenshots ein inoffizielles "Fallout 3" vermutet, wie es ohne Bethesda ausgesehen hätte, ist nahe an der Wahrheit dran. Allerdings ist das Setting von Wasteland viel selbstironischer und mit einem anderen, oft slapstickhaften Humor gezeichnet als das Fallout-Universum. Die verwüstete Welt ist nicht ganz so dystopisch angelegt – unrühmliche Einzelschicksale bedauernswerter NPCs bestätigen die Regel. Damit wir uns nicht falsch verstehen, das Universum von Wasteland 2 ist hammerhart und lange kein Ponyhof, aber es gibt Riesenkarnickel als Zufallsgegner. RIESENKARNICKEL!
Quelle: PC Games
Wasteland 2 im Test (6)
Im Bereich Geschichte und Spielwelt gibt es also keine Kompromisse, und das ist gut so. Köpfchen ist gefragt, Vorstellungskraft, kreative Fantasie. Vorgekaut wird einem gar nichts und den Questmarker kann man sich mit Edding auf den Bildschirm zeichnen. Wasteland 2 will erfahren und ausprobiert werden. Sehr wohl Kompromisse hat Brian Fargo aber erfreulicherweise bei der Bedienbarkeit gemacht und hier nicht auf eine UI aus 1998 gesetzt. Komfortfunktionen sind nicht von Haus aus böse. Gegenstände werden auf Mausklick automatisch aufgesammelt und dazu auf die Helden verteilt, die sie am besten brauchen können – Scharfschützenmunition bekommt der Sniper, Verbandskästen unser Sanitäter. Im Gegensatz zur manchmal dann doch nicht nur goldenen Retro-Zeit bedarf es für solche Aufgaben keiner Klickorgien –Dank an Brian Fargo, da könnten andere Kickstarter-Unternehmen noch was abschauen. Vielleicht hätte das Tutorial noch ein wenig ausführlicher sein dürfen – dafür dürfen wir uns mit den vier angebotenen Schwierigkeitsgraden das Spielerlebnis zwischen Hofsparziergang und Mojave-Ironman einstellen.
